50 Jahre danach

In der Sache Adolf Eichmann

Von Patrick Bahners
 - 12:21
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Mai 1961. Am Ende der vierten Woche des Prozesses gegen Adolf Eichmann rief die Anklage den Arzt Josef Buschminski in den Zeugenstand. Er berichtete über das Ende der Juden in der polnischen Stadt Przemysl und erläuterte zunächst, wie es dazu gekommen war, dass er vor dem Gericht in Jerusalem seine Aussage machen konnte. Als die Juden von Przemysl im Herbst 1941 im Getto festgesetzt wurden, konnte er sich durch einen glücklichen Umstand entziehen. Eine Polin versteckte ihn, die später seine Frau werden sollte.

Buschminski schilderte mehrere Szenen. Als das Getto abgeriegelt wurde, versuchte eine Frau, ihr kleines Kind über den Zaun nach draußen zu reichen. Dort standen Polinnen, die ihr die Arme entgegenstreckten. Ein SS-Mann sah das, griff sich das Kind, erschoss die Mutter und riss das Kind in Stücke, „wie man ein Blatt Papier zerreißt“. Der Mörder lachte auf und reichte einem Hund, der gerade vorbeistrich, ein Stück Zucker. An dieser Stelle der Aussage, berichtete Adolf Wolfmann, der Korrespondent der „Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland“, erwachte der Angeklagte „aus seiner scheinbaren Gleichgültigkeit, schaute wütend drein und schnappte mit geöffnetem Mund sichtlich nach Luft“.

Als die Bewohner des Gettos zum Bahnhof gebracht wurden, so berichtete der Zeuge weiter, hetzte ein SS-Mann seinen Hund auf eine Frau. Das Tier riss ihr ein Stück Fleisch aus dem Leib und apportierte es seinem Herrn. Schreiend sprang die Frau auf den Zug, und die SS-Leute riefen den Deportierten nach: „Ihr seid fette Juden, aus euch kann man gute Seife machen!“ Bei der Schilderung einer dritten Untat konnte Buschminski den Täter mit Namen nennen. Er hatte gesehen, wie Josef Schwammberger, der Kommandant des Gettos, einen Jungen fast zu Tode prügelte. Achtzig Stockhiebe hatten die Augenzeugen gezählt.

Das Singuläre des Prozesses

Schwammberger leitete später das KZ Mielec und war zum Zeitpunkt des Prozesses gegen Eichmann flüchtig. 1990 wurde er von Argentinien nach Deutschland ausgeliefert, 1992 wegen Mordes und Beihilfe zum Mord an 650 Personen zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Dem Neunzigjährigen schlug das Landgericht Mannheim 2002 die vorzeitige Entlassung ab, wegen der besonderen Schwere seiner Schuld. Schwammberger starb 2004 im Gefängniskrankenhaus auf dem Hohenasperg. Spätestens nach dem fünfzigsten Hieb, so die Einschätzung des Arztes Buschminski, hätte Schwammbergers jugendliches Opfer „normalerweise“ sterben müssen. An dieser Stelle der Aussage unterbrach der Anklagevertreter, Generalstaatsanwalt Gideon Hausner, den Zeugen und fragte ihn, ob er den Jungen im Gerichtssaal sehe. „Ja“, sagte Buschminski, „dort sitzt er.“ Und er zeigte auf den Polizeibeamten, der neben dem Staatsanwalt saß. Durch das Publikum, notierte Wolfmann, ging ein Raunen.

Kommissar Michael Goldmann hatte die Ermittlungen gegen Eichmann geleitet und saß während des gesamten Prozesses an der Seite Hausners. Goldmann hatte erlebt, dass man ihm in Israel nicht glauben wollte, als er von den achtzig Schlägen erzählte, die er überlebt hatte. Das Mitleid, das er erweckte, weil man meinte, er phantasiere, empfand er als den einundachtzigsten Schlag. Es macht das Singuläre des Prozesses gegen Adolf Eichmann in der Geschichte der Strafgerichtsbarkeit aus, dass Richter, Staatsanwälte, Polizisten, Zeugen und der größte Teil des Publikums dem Angeklagten nicht hätten gegenübersitzen können, wenn es nach seinem mörderischen Willen gegangen wäre und er die ihm zur Last gelegte Tat hätte vollenden können. In makabrer Zuspitzung könnte man sagen: Die bloße Tatsache, dass der Prozess stattfinden konnte, bewies, dass die Tat Versuch geblieben war - insofern Eichmann die Juden als solche ums Leben hatte bringen wollen, und das hieß: alle Juden.

In jedem anderen Verfahren wäre es ein bizarrer Zufall gewesen, hätte ein Zeuge ein Opfer unter den nicht als Zeugen geladenen Anwesenden im Gerichtssaal wiedererkannt. Und dem Polizisten, der gegen den Komplizen eines Mannes ermittelte, der ihn fast totgeschlagen hätte, wäre in jedem anderen Fall wohl nahegelegt worden, sich aus der Sache herauszuziehen. Przemysl lag auf einem anderen Erdteil, und seit dem versuchten Mord an dem Jungen waren fast zwanzig Jahre vergangen. Aber Adolf Eichmann war als Judenreferent des Reichssicherheitshauptamts für den Gesamtkomplex der Ermordung der Juden zuständig gewesen, und so hatte er es bei seinem Prozess in Jerusalem mit den Hinterbliebenen seiner Opfer zu tun und mit der Minderheit seiner Opfer, die zufällig überlebt hatte.

War dieser Aufwand nötig?

Hausner wusste, dass der Junge, dessen Folterung Buschminski gesehen hatte, sein Mitarbeiter Goldmann war. Man mag versucht sein zu meinen, dass er auf den überraschenden Effekt der Identifizierung im Gerichtssaal hätte verzichten sollen, ja, dass er das Publikum instrumentalisiert habe, indem er die Zuhörer zum Raunen brachte. Aber es war eben keine Laune des Schicksals, die Hausner ausnutzte, um ein fernes Tatgeschehen mit den spontanen Regungen der Anwesenden kurzzuschließen. Dass Michael Goldmann die Folterung überlebt hatte, war ein unerklärlicher Glücksfall, die unendlich seltene Ausnahme. Aber dass der Zeuge Buschminski im Gerichtssaal auf jemanden zeigen konnte, dessen Leiden dem Angeklagten zum Vorwurf gemacht wurden, das war das Gegenteil eines Zufalls.

Die Episode zeigt, dass das theatralische Moment des Prozesses gegen Eichmann sich mit Notwendigkeit aus der zur Verhandlung stehenden Sache ergab. Der Ausgang des Prozesses war für keinen Beobachter zweifelhaft. Dem intuitiven Verständnis von einem fairen Verfahren widerstrebte diese Einsicht. Wenn nach menschlichem Ermessen ein Schuldspruch unvermeidlich war, warum war dann der Aufwand des Prozesses nötig? Genauer gesagt: Hätte der Aufwand nicht begrenzt werden müssen, um dem Vorwurf zuvorzukommen, der Prozess sei eine große Schau?

In diesem Sinne wurde die Meinung vertreten, der Generalstaatsanwalt hätte nur einen Ausschnitt des Tatgeschehens zur Anklage bringen sollen, eine bestimmte Tat. Jede einzelne von Eichmann organisierte Deportation hätte für den Zweck genügt, ihn als Massenmörder zu verurteilen. Hausner aber bot hundertneun Zeugen auf, um das Gesamtgeschehen der Judenverfolgung enzyklopädisch zu dokumentieren, Land für Land. Er nahm die Schwierigkeit in Kauf, dass manche Tatorte und große Komplexe wie die Massenerschießungen durch die SS-Einsatzgruppen hinter der Ostfront aktenmäßig nicht ganz einfach mit Eichmanns Dienststelle in Verbindung zu bringen waren. Und er legte das Missverständnis nahe, die Anklage wolle Eichmann als das Superhirn hinter jedem einzelnen Gewaltakt des verzweigten Verfolgungsgeschehens überführen.

Im Vortrag und im Zeugenverhör pflegte Hausner einen pathetischen Stil. Seine Rolle war ihm allerdings durch die Prozessordnung vorgegeben. Der israelische Strafprozess hat das englische Modell übernommen. Das Setting war daher sowieso theatralisch. Ankläger und Verteidiger stehen sich als Kämpfer gegenüber. Nicht die Richter, sondern die Vertreter der beiden Parteien vernehmen die Zeugen. Hausners Neigung zur großen Geste war Gegenstand vielfältiger Kommentare der Gerichtsberichterstatter. Die deutschen Zeitungen berichteten täglich, durch eigens entsandte Korrespondenten.

Rhetorik der Erschütterung

Das fortwirkende Bild des Eichmann-Prozesses ist von Hannah Arendt geprägt worden, die ihre Gerichtsreportage nach dem Ende des Prozesses erscheinen ließ, zunächst als Serie im „New Yorker“ und dann als Buch: „Eichmann in Jerusalem - Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Golo Mann bemerkt in seinem ungeheuer scharfen Verriss des Arendt-Buches, François Bondy, der Berichterstatter der „Weltwoche“, sei „klug genug“ gewesen, „aus seinen Jerusalemer Berichten kein Buch zu machen“.

Ein halbes Jahrhundert später mag man das mit Befremden lesen. Soll man sich wünschen, Hannah Arendts Klassiker der Reflexion über den Funktionsträger im Zeitalter der totalen Herrschaft wäre ungeschrieben geblieben? Wer möchte sich über den welthistorischen Prozess gegen Eichmann aus vergilbten Nummern der „Weltwoche“ unterrichten? Es ist aber zu bedauern, dass kein Verlag im Jahr der Erinnerung an den vor fünfzig Jahren eröffneten Prozess erkannt hat, welchen Reichtum an Perspektiven eine Anthologie der Gerichtsberichte böte: Eichmann in Jerusalem von Tag zu Tag. Immerhin liegt in der Schriftenreihe des Fritz-Bauer-Instituts die Dissertation von Peter Krause aus dem Jahr 2002 über den Eichmann-Prozess in der deutschen Presse vor.

Die kritischen Bemerkungen der Berichterstatter über Verhandlungstaktik und Rhetorik des Generalstaatsanwalts hatten ihren Zweck im Zusammenhang der Berichterstattung. Sie wurden zu jeweils bestimmten Zeitpunkten formuliert vor dem Hintergrund eines Verfahrens, dessen Ausgang eben doch offen war, was seine politisch-moralischen Wirkungen betraf: die Aufklärung der Weltöffentlichkeit über die Judenverfolgung und das Bild des Staates Israel. Das Verständnis der Berichterstatter für die Schwierigkeit der Aufgabe insbesondere der Anklage ist bemerkenswert. Hannah Arendts nachträgliche Bewertung fixiert Bilder der Prozessbeteiligten, die plastisch wirken, aber im Vergleich mit den Skizzenbüchern ihrer weniger berühmten Kollegen einseitig und abstrakt sind.

Golo Mann fragte sarkastisch, ob Hausner wirklich der erste Gerichtsredner seit Cicero gewesen sei, der sich „histrionisch-ehrgeizigen Neigungen“ hingegeben habe. Hannah Arendts Geschmacksurteil über Hausners Stil soll ihre politische Kritik am Staat Israel beglaubigen. Hinter Hausners Prozessstrategie sucht sie das Kalkül der Staatsräson, einen Plan des Ministerpräsidenten David Ben Gurion. Die lange Reihe der Leidenszeugen, von denen die allermeisten über Eichmann keine Auskunft geben konnten, habe den Sinn gehabt, den Juden der Welt mit den Mitteln einer Rhetorik der Erschütterung vor Augen zu führen, dass Juden nur auf dem Boden eines jüdischen Staates sicher seien.

Das Risiko einer optischen Täuschung

Vor den Überlebenden hatte Hausner als Zeugen wissenschaftliche Sachverständige für die Geschichte des Antisemitismus aufgeboten. Das wichtigste Instrument im angelsächsischen Strafverfahren ist das Kreuzverhör: wenn eine Seite versucht, die Glaubwürdigkeit der von der anderen Seite berufenen und befragten Zeugen zu erschüttern oder umgekehrt den gegnerischen Zeugen Aussagen zu entlocken, die für das eigene Beweisziel günstig sind.

Eichmanns Verteidiger, Dr. Robert Servatius aus Köln, verzichtete bei den meisten Opfern im Zeugenstand auf Nachfragen, aus Takt wie in der Absicht, bloß keine Verbindung zwischen seinem Mandanten und den KZ-Überlebenden zuzugeben. Servatius ließ es sich aber nicht nehmen, die gelehrten Zeugen in einen philosophischen Disput zu verwickeln. So legte er dem Historiker Salo Baron von der Columbia-Universität die Frage vor, ob er eine Erklärung dafür habe, dass die Juden überall auf der Welt die Abneigung der Völker auf sich zögen. Und sein Plädoyer, das auf die Machtlosigkeit des weisungsgebundenen Bürokraten abstellte, bereitete Servatius vor, indem er Baron zu Reflexionen über die Freiheit des Individuums in der Geschichte einlud. Werde die Machtlosigkeit selbst des Mächtigsten nicht durch das Beispiel Hitlers augenfällig? Er habe die Juden vernichten wollen - und das Ergebnis dieser Bemühungen sei nun die Existenz des Staates Israel. Hätte der Staatsanwaltschaft solchen geschmacklosen geschichtsphilosophischen Gedankenspielen nicht durch Konzentration auf das Tatgeschehen vorbeugen müssen?

Joachim Schwelien, der Berichterstatter dieser Zeitung, und Robert Pendorf von der „Zeit“ haben beide von Hausners Absicht gesprochen, ein „Kolossalgemälde“ entstehen zu lassen. Sie fürchteten das Risiko einer optischen Täuschung: Eichmanns Verantwortung hätte am Ende kleiner aussehen können, als sie war. Was auf Hannah Arendts Vorhaltung, die meisten von Hausners Zeugen hätten zur Sache nichts beitragen können, zu entgegnen war, findet sich schon in dem Leitartikel, den Benno Reifenberg, einer der Herausgeber dieser Zeitung, am 22. Juni 1960 veröffentlicht hat. Einen Monat zuvor war Eichmann nach Israel verbracht worden. Der Leitartikel trug die Überschrift „Unmenschen-Raub“. Die Entführung Eichmanns wurde in der Weltöffentlichkeit weithin als Bruch des Völkerrechts bewertet und auf Antrag Argentiniens tatsächlich vom Weltsicherheitsrat verurteilt. Gestritten wurde darüber, ob die Umstände der Ergreifung Eichmanns einen israelischen Prozess gegen ihn illegal machen mussten.

Die Gerechtigkeit der israelischen Sache

Reifenberg bestritt den Völkerrechtsbruch nicht und forderte Israel auf, „den Raub“ nicht zu „leugnen“. Aber er warnte davor, über der Formfrage die Sache aus dem Auge zu verlieren: Zu „einer Völkerrechtsfrage verpuppt“, werde der Fall Eichmann „kaum noch sichtbar“ bleiben. Da die nach Völkerrecht zuständigen Instanzen ihre Strafverfolgungspflicht nicht hätten erfüllen wollen, hätten die Israelis kaum eine andere Wahl gehabt, als sich ihres „Todfeindes“ illegal zu bemächtigen.

Hannah Arendt warf Ben Gurion und Hausner später vor, sie hätten den Prozess, in dem es nur um die Wahrheit im Einzelfall hätte gehen dürfen, zu einem welthistorischen Lehrstück umfunktioniert. Reifenberg sah genau umgekehrt in der Eigenart des Verfahrens gegen den Todfeind, das ein Schauspiel werden musste, die Gerechtigkeit der israelischen Sache erwiesen. Die Israelis „dürfen sagen: nur mit diesem Mann sei ihnen der Prozess in aller Öffentlichkeit möglich gemacht, der ihnen eben durch seine Öffentlichkeit, ja durch seinen Charakter als Schauprozess auf das erfahrene, ungeheuerliche und in Millionen für immer begrabene Schicksal die immer noch ausstehende, die späte Antwort bringt“.

Der Gebrauch des Begriffs „Schauprozess“ an dieser Stelle frappiert. Zu den Bedingungen der Wahrnehmung des Eichmann-Prozesses, die uns ferngerückt sind, gehört die Überzeugung vieler Zeitgenossen, in einer Epoche des „Totalitarismus“ zu leben. Wenn Eichmanns Selbstdarstellung im Zeugenstand in dem einen oder anderen Leitartikel als Stoff für die psychologische Fortschreibung der Totalitarismustheorie diente, ohne dass von Deutschland oder vom Antisemitismus die Rede war, wittern wir eine apologetische Absicht. Der Schauprozess gehörte zum Totalitarismus: Jedermann dachte und denkt bei diesem Wort an Stalins Prozesse mit frei erfundenen Anklagen und erzwungenen Geständnissen.

Übermenschliche Leistung der Sachlichkeit

Reifenberg wollte nun nicht andeuten, solche Rechtsbeugung sei in Israel zu befürchten. Aber mit der kühnen Umwidmung eines eigentlich festgelegten Begriffs verwies er auf das Risiko der Strapazierung der rechtsstaatlichen Formen, das mit einem Prozess gegeben war, in dem nicht nur, wie im klassischen liberalen Denken, die Öffentlichkeit der Verhandlung Garantie des gerechten Ablaufs sein sollte, sondern auch umgekehrt die gerechte Aburteilung eines Verbrechers Mittel zur Herstellung von Öffentlichkeit für das Verbrechen.

Golo Mann wandte gegen Hannah Arendt ein: „War der Prozess beispiellos, so war es das in Rede stehende Verbrechen; das Gesamte sowohl wie der Teil, den der Angeklagte an ihm hatte. Wer hier den Maßstab herkömmlicher Justiz anlegt, trifft die Sache nicht.“ Und dennoch musste das aus drei Berufsrichtern gebildete Gericht die Maßstäbe herkömmlicher Justiz penibel beachten. Mit welcher Geduld die Richter, die alle drei in Deutschland geboren waren und gelegentlich einen deutschen Satz an den Angeklagten richteten, für die Korrektheit des Verfahrens Sorge trugen, das löste bei den Prozessbeobachtern Bewunderung, ja Erschütterung aus als eine scheinbar fast übermenschliche Leistung der Sachlichkeit.

Gelegentlich musste der Vorsitzende Richter Mosche Landau den Staatsanwalt ermahnen, dem Angeklagten nicht das Wort abzuschneiden. Im Kreuzverhör setzte Hausner darauf, Eichmann als Lügner bloßzustellen, indem er ihn einen Lügner nannte. Als Taktik der Provokation deutete Bondy dieses Vorgehen. Hausner habe durch Kränkung ein Geständnis erzwingen wollen und den jämmerlichen Ausflüchten Eichmanns zum Trotz ein Gewissen bei ihm unterstellt. Er habe Eichmanns Bosheit enthüllen wollen, und zum Bösen gehöre das Schuldbewusstsein. Wie der Berichterstatter der „Neuen Zürcher Zeitung“ bemerkte, waren es die Richter, die dem Ergebnis eines Geständnisses näher kamen, als sie sich ins Kreuzverhör einschalteten und Eichmann zu Selbstauskünften vor dem Horizont seiner Weltanschauung bewogen.

Der Wille Ben Gurions

Der Verteidiger hatte zu Beginn des Verfahrens die Zuständigkeit des Gerichts bestritten. Servatius brachte nicht nur die völkerrechtlichen Einwände vor, sondern lehnte auch die Richter als befangen ab - weil sie Juden seien. Das Gericht dankte Servatius für seine Beiträge zur Klärung der Rechtsfragen. Auch das gehörte zur Singularität des Verfahrens, dass die Einrede, die Überlebenden seien durch die Tatsache des Überlebens daran gehindert, Recht zu sprechen, vorgetragen, zurückgewiesen und widerlegt werden musste.

Das Protokoll des Eichmann-Prozesses stellt sich den Heutigen als Monument mündlicher, durch Fragen gewonnener Geschichtsschreibung dar. Die gesamte Erinnerung an den Judenmord steht heute im Zeichen der Zeugenschaft - sogar auf wissenschaftliche Bemühungen von Nachgeborenen wird dieser Begriff übertragen. Reifenberg hielt 1960 fest, die Auskunft der Völkerrechtler über die Unrechtmäßigkeit der Verhaftung könne für das israelische Volk nicht das letzte Wort sein „angesichts des Verlangens, durch den Prozess das Geschehen, was ja ein Stummachen war, noch einmal laut werden zu lassen“.

Golo Mann wandte gegen Hannah Arendt ein, dass Hausners Zeugenauswahl nicht nur diesen moralischen Sinn hatte, sondern sehr wohl auf das Beweisziel der Anklage zugeschnitten war. Beide Zwecke des Prozesses seien nicht zu trennen: Es war „der Wille Ben Gurions, die Ausrottung des europäischen Judentums vor ein jüdisches Gericht zu bringen und sie noch einmal, zum erstenmal, Gestalt werden zu lassen, gelegentlich des Strafprozesses gegen diesen einen“. Eichmann, der Logistiker, sei „für diesen Zweck geeigneter“ gewesen „als irgendein anderer, mit Ausnahme Hitlers; denn er hatte die Juden nicht ermordet, kein einzelner hat es getan, aber die größere Zahl der Opfer eingesammelt und an den Ort geführt, wo sie, wie er wusste, ermordet werden würden“. Die Erörterung aller Schauplätze und Methoden des Mordes war laut Golo Mann „auch rechtstechnisch unvermeidlich, weil, gerade um die Schuld des Angeklagten abzugrenzen, die Untersuchung sehr weit über sie hinausgehen musste“.

Freude an der Herabsetzung

Die Banalität des Bösen, die groteske Diskrepanz zwischen Tat und Täter, ist nicht die Entdeckung von Hannah Arendt. Im Gegenteil handelt es sich um einen Topos, einen Eindruck, der sich den Berichterstattern beim Anblick des Angeklagten aufdrängte und durch jeden seiner Sätze bestätigte. „Sie erlebten“, wie Joachim Schwelien in seinem Schlusswort am 29. Juli 1961 schrieb, „einen Mann, der nicht aus hartem, sondern aus verdorrtem Holz geschnitzt war, eine Art Fossil, das in seinem Glasschrank unvermittelt lebendig wurde und über die Landschaft kroch, das hervorkam aus der trostlosen Einöde seelenloser Tötung und darin wieder verschwand, nachdem es sich, die Umwelt anklagend, glaubte gerechtfertigt zu haben.“ Diese Beschreibung reflektiert, dass sie ein Produkt der Situation des Gerichtssaals ist. Bei Hannah Arendt wurde eine charakterologische Erkenntnis mit kulturkritischem Anspruch daraus.

Ihr Buch schob sich seltsamerweise vor das Urteil. In einem Radiogespräch mit Joachim Fest behauptete Hannah Arendt 1964, Eichmann habe „verbrecherische Motive eigentlich überhaupt nicht“ gehabt. Und Fest gab ihr recht, indem er feststellte, Eichmann sei „nicht grausam gewesen“, das gehe „ganz eindeutig aus allen Unterlagen hervor“. Dabei hatte die Verteidigung kein Beispiel dafür glaubhaft machen können, dass Eichmann einmal das Bittgesuch eines Juden befürwortet hatte. Man hat ihm nicht nachgewiesen, dass er eigenhändig ein Kind entzweigerissen hat. Aber die Zeugen, die mit ihm verhandeln mussten, haben seine Freude an der Herabsetzung der Juden geschildert. Sollte der Mann, der 1944 die ungarischen Juden nach Auschwitz schickte, als sein Chef Heinrich Himmler sie als Faustpfand in Verhandlungen mit den Alliierten benutzen wollte, nicht grausam gewesen sein? Diese Verwirrung der Begriffe darf man als Effekt jenes Diabolischen betrachten, das Hannah Arendt bei Eichmann nicht sehen wollte.

Der Prozess gegen Adolf Eichmann begann am 11. April 1961. Am 11. Dezember wurde Eichmann schuldig gesprochen, am 15. Dezember zum Tod durch den Strang verurteilt. Das Todesurteil wurde am 29. Mai 1962 durch das Oberste Gericht bestätigt und am 31. Mai 1962 vollstreckt. Polizeikommissar Michael Goldmann streute Eichmanns Asche ins Meer.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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