Anders reisen

Ferien auf der Raststätte

Von Jochen Schimmang
 - 09:30
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Allen Theorien und Beschwörungen der Entschleunigung zum Trotz sind wir ungebrochen mobil und „fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn“, wie die Gruppe Kraftwerk schon 1974 sang, 22 Minuten und 42 Sekunden lang. Wobei das noch immer eine viel zu kurze Zeit ist, denn einmal in Bewegung, macht sich oft eine gewisse Unlust breit, irgendwo anzukommen. Da wir bei langen Distanzen jedoch aus physischer Notwendigkeit ab und zu eine Pause einlegen müssen, suchen wir an der Strecke den transitorischen Ort par excellence auf: die Autobahnraststätte.

Ein standardisiertes Piktogramm, das selbst der Landesfremde und Sprachunkundige entschlüsseln kann, zeigt ihn erstmals fünf Kilometer vorher an und nennt seinen oft klingenden Namen, der den Automobilisten daran erinnert, dass ganz nah an der Autobahn Ortschaften liegen, Höhenzüge, Ebenen, Äcker und Weiden. Die Rasthöfe heißen bis auf wenige Ausnahmen nach den umliegenden Regionen, von denen mancher Fahrer vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre lang immer nur den Namen registriert, ohne jemals die so bezeichnete Landschaft selbst zu erkunden.

Dazu müsste er die Autobahn verlassen; dazu hat er keine Zeit. Also fahren wir nicht ins Holmmoor, sondern machen Rast in Holmmoor West, folgen nicht der Pfälzer Weinstraße, sondern trinken einen Espresso im Rasthof Pfälzer Weinstraße Ost, und wir streifen nicht durch die Dammer Berge, sondern blicken vom Brückenrestaurant direkt nach unten auf die Autobahn, von der wir uns selbst hier oben nicht ganz abnabeln müssen. Dann ziehen wir weiter.

Wir fahren vorbei, doch andere verbringen dort ihr Berufsleben

Nun gibt es aber Menschen, für die dieses exterritoriale Gelände, dieses Inbild des Transitorischen gerade ihr alltäglicher Ort und ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage ist, nämlich alle die, die dort arbeiten. Wo wir Durchreisende sind, sind sie fest verankert. Früher, als Rasthöfe noch mit einem größeren Prozentsatz vorübergehend Beschäftigter arbeiteten, war das vielleicht etwas anders. Heute funktionieren diese Betriebe nur noch mit Festangestellten, ergänzt um Saisonarbeiter in den Spitzenzeiten, wie es in der Gastronomie und im Tourismus gang und gäbe ist.

Der Rasthof Dammer Berge etwa beschäftigt rund sechzig reguläre Mitarbeiter. Sie haben einen der exponiertesten Arbeitsplätze, die es an deutschen Autobahnen gibt. Er liegt an der A 1, der sogenannten Hansalinie, zwischen den Ausfahrten Holdorf und Neuenkirchen/Vörden, und spannt sich als 103 Meter langes und achtzehn Meter breites Brückenrestaurant über die vierspurige Fahrbahn. Es handelt sich also um eine doppelseitige Anlage, wie wir sie aus Italien oder Belgien durchaus öfter kennen, wie es sie sonst bei uns aber nur noch in Gestalt des Rasthofs Frankenwald bei Hof gibt, hart an der früheren Grenze zur DDR.

Vor allem in der Dunkelheit ist die erleuchtete Brücke der Dammer Berge mit den wie Spielzeugfiguren wirkenden Menschen hinter der deckenhohen Fensterfront schon weithin sichtbar. Dieser Anblick ruft bei mir seit mehr als dreißig Jahren jedes Mal jenes Gefühl der Vertrautheit und Verlässlichkeit hervor, das uns zuweilen über die zerbrechliche Einrichtung der Welt trösten kann. Früher, auf meinen zahlreichen Fahrten von Köln in den Norden und zurück, war der Rasthof ein fest eingeplanter Haltepunkt.

Der Name Dammer Berge selbst übrigens würde schon jedem Mittelgebirgsbewohner ein amüsiertes Lächeln auf die Lippen treiben, von Alpenländlern ganz zu schweigen. Es handelt sich um ein sanftes, hügeliges Land im Süden des Landkreises Vechta, der vor allem für seine Agrarfabriken und Hühnerkäfige berühmt ist, aber auch für seine sehr niedrige Arbeitslosenquote und einen relativ gleichmäßig verteilten Wohlstand. Verlässt man das Städtchen Damme in Richtung Steinfeld, durchquert man die Dammer Schweiz, wie ein grünes Schild mit gelber Schrift anzeigt. Der höchste Berg der Region erreicht 146 Meter.

Das war Liebe auf den ersten Blick

Da fühle ich mich oben auf der Brücke des Rasthofs dem Himmel deutlich näher. Heute, wo er keine ganze Autostunde von meinem Wohnort entfernt liegt, laufe ich ihn auf Rückfahrten aus südlicher Richtung noch immer an, unter anderem wegen der Bratkartoffeln mit Spiegelei und wunschweise Speck im Gusticus.

Gusticus ist unter den in deutschen Rasthöfen ansässigen Restaurants die Eigenmarke, während Nordsee, Burger King oder die Barilla-Bar natürlich Franchiser sind, ebenso wie Lavazza und Segafredo, die um die Lufthoheit beim Kaffee kämpfen. Ismet Saljejvic, der seit 1996 hier auf dem Rasthof arbeitet, weiß ohnehin schon, was der Gast gleich bestellen wird, wenn er auf ihn zukommt. „Ich kann nicht unbedingt sagen, ob er Banker oder Vertreter ist, aber ich weiß oft vorher, ob er ein Schnitzel oder die Currywurst will.“ Zwar schränkt er ein, dass er schon mal danebenliegt, aber man kann ihm wohl glauben, denn Saljejvic ist jemand, der seine Arbeit und seinen Arbeitsplatz heiß und innig liebt. Noch bevor man ihn fragen kann, sagt er: „Ich bin stolz darauf, hier zu arbeiten“, und ganz erstaunlicher Weise klingt das nicht auswendig gelernt.

Anfang der neunziger Jahre wie so viele vor den jugoslawischen Erbfolgekriegen geflohen, hat es ihn in diese Region verschlagen. Schon in Jugoslawien in der Gastronomie tätig, hat er hier zunächst auf dem Bau gearbeitet. „Und dann“, erzählt Ismet Saljejvic, „bin ich über die Autobahn gefahren und habe diese Raststätte gesehen. Das war Liebe auf den ersten Blick. Ich habe angehalten, bin nach oben gegangen und habe gefragt, ob ich hier arbeiten könnte.“

Eine beinahe amerikanische Story, und Jan Werner, der Betriebsleiter der Raststätte, merkt auch gleich an, dass das heute so nicht mehr möglich sei. Aber Herr Werner, der vorher im Hotelbereich bei „Four Seasons“ gearbeitet hat, ist auch noch nicht so lange hier wie sein Mitarbeiter. Saljejvic ist ein Musterbeispiel für das, was man corporate identity nennt.

Hier agieren die Jünger der sieben Disziplinen

Diese corporate identity wird auch von Serways, der Dienstleistungsmarke der Gesellschaft Tank & Rast, vermittelt. Die Mitarbeiter durchlaufen regelmäßige Schulungen, und sowohl als Plakat wie auch als Faltblatt mit detaillierteren Erläuterungen gibt es einen Überblick über „die sieben Disziplinen“. Das klingt irgendwie chinesisch oder überhaupt fernöstlich, nach den sieben Weisheiten, die es bestimmt irgendwo gibt. „Durch direkte und persönliche Wahrnehmung/Begrüßung des Gastes stellen wir einen ersten Kontakt her und signalisieren ihm, dass er willkommen ist“, heißt es etwa in der näheren Erörterung einer der sieben Disziplinen. Wer schon in den siebziger und auch noch in den achtziger Jahren Raststättenerfahrung gesammelt hat, wird - mit Ausnahmen - die Differenz bestätigen können. Traf man früher beim Betreten der Räume oft auf eine gewisse Verdrießlichkeit, wird man heute in der Regel nicht bloß sofort registriert, sondern auch begrüßt, und sei es in Spitzenzeiten nur erst einmal durch einen freundlichen Blickkontakt.

Nun ist es eine Binsenwahrheit, dass man eine Arbeit wirklich gut und erfolgreich nur machen kann, zu der man eine innere Beziehung hat und die man im glücklichsten Fall liebt. Bei einem größeren Organismus wie diesem, der im Jahr durchschnittlich eine Million Gäste zu versorgen hat, kommt es jedoch darauf an, dass die Liebe keine Privatsache bleibt. Alle institutionellen Formen der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens im größeren Rahmen leben von diesem Eros, ob das die Armee, das Kloster oder die Firma ist. Seit Arnold Gehlen wissen wir, dass die Institution dem Einzelnen dafür auch etwas zurückgibt, nämlich Halt und Orientierung. Diese Wechselwirkung ist es, die sich hinter dem schicken Ausdruck corporate identity verbirgt.

Als ihr Zuhause möchte Anka Methner, Serways-Managerin und Assistentin der Betriebsleitung, den Rasthof trotz allem nicht bezeichnen. Zuhause ist immer noch die Familie und das Haus im nicht weit entfernten Dinklage, wo sie vor der Stellung hier in einem erstklassigen Hotel gearbeitet hat. Ursprünglich kommt sie aus Mecklenburg-Vorpommern und hat in Kühlungsborn begonnen. Aber Fernweh hat sie nicht. Nur selten beneidet sie einen der Gäste, die hier Rast machen und dann weiterfahren: „Vielleicht, wenn man mit einem mal ein paar Sätze sprechen konnte und weiß, dass der jetzt in Richtung Spanien oder Italien weiterfährt.“ Aber der Neid hält sich in Grenzen und der Fluchtimpuls ist kaum ausgeprägt. Und auf eine gewisse Weise ist der Rasthof auch ein Zuhause, gibt Frau Methner dann doch zu.

Die Respektfrage war schnell geklärt

Im Übrigen scheint das für manche der Transitreisenden, die hier ihren Zwischenstopp machen, ähnlich zu sein. Die durchschnittliche Verweildauer auf dem Rasthof Dammer Berge, so hat man herausgefunden, ist deutlich höher als auf den meisten anderen Anlagen. Wer es sich erst einmal an der Fensterfront gemütlich gemacht hat und seine Bockwurst oder seinen Espresso von Segafredo oder Lavazza schlürft (auf Dammer Berge sind beide vertreten), hat es plötzlich gar nicht mehr so eilig. Das Gefühl des Tempoverlusts will sich nicht so recht einstellen, wenn man dabei unausgesetzt auf die unter der Brücke durchjagenden Autos schauen kann, von denen man dank einer speziellen Isolierung nichts hört. Vor allem für Familien mit Kindern ist der Rasthof gefährlich. Die Kinder wollen oft gar nicht mehr weiterfahren, was nicht nur an dem bestens ausgestatteten Spielbereich, sondern gewiss auch an dem prachtvollen Ausblick auf dieses Stück Hansalinie liegt.

Dieser Rasthof ließe sich vielleicht wegen seiner Architektur am ehesten mit einem Schiff vergleichen. Jan Werners Vorgänger hat in der Tat einmal den Kapitän gespielt, sich entsprechend kostümiert und den verdutzten Gästen angekündigt: „Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit, wir drehen jetzt die Brücke.“ Auf diesem Schiff läuft die Arbeit am besten, wenn viel los und der Druck groß ist, da sind sie sich alle einig. In den Hauptreisemonaten etwa, wenn auch die Busladungen mehr sind als sonst. Am Freitag und am Sonntag, den beiden Hauptreisetagen der Woche. Morgens zum Frühstück, mittags und abends zur Essenszeit. Letztere ist laut Jan Werner ziemlich früh, zwischen siebzehn und neunzehn Uhr, dann vielleicht noch einmal gegen zweiundzwanzig Uhr, wenn Nightlinerbusse unterwegs sind. Aber darauf kann man sich einstellen. Nachts dagegen dehnt sich die Zeit, und der Rasthof kommt mit drei Mitarbeitern im Service aus, die zugleich die Reinigungsarbeiten vornehmen.

Die Logistik ist inzwischen relativ problemlos. Man muss nicht mehr große Mengen bevorraten, sondern kann just in time liefern lassen, im Normalfall dreimal wöchentlich. Es lässt sich überhaupt vieles vorausplanen, allerdings nicht alles. Dass sich eines schönen Tages die Hell's Angels und eine Kompanie der holländischen Armee zur gleichen Zeit hier aufhalten würden, ließ sich kaum vorhersehen. Die einen kamen von einem Prozess, die anderen wurden gerade verlegt. Die Respektfrage war übrigens schnell geklärt: Die Jungs von der Nato waren eindrucksvoll bewaffnet.

Man vergisst die Zeit und manches mehr: Mobiltelefone und Geldkoffer

Die Polizei ist dennoch ein häufiger Gast auf der Brücke. Es handelt sich um das Übliche: Diebstahl, versuchte Zechprellerei, Schlägereien, betrunkene Fußballfans. Die Fußballfans sind unberechenbar; manche sind brav, andere von vornherein auf Randale aus.

Außerdem ist ein Ort wie dieser natürlich ein gigantisches Fundbüro. Unter den Hunderten vergessener Handys war auch eins, das den Finder informierte: „Eigentum der Europäischen Union. Bitte zurückschicken an . . .“ Auch der berühmte Koffer mit viel Geld ist schon einmal auf einem Heizkörper stehengeblieben. Dabei handelte es sich nicht um den Versuch einer verdeckten Übergabe. Wegen seiner Zugänglichkeit von beiden Seiten der Autobahn wird der Rasthof zwar gern für geschäftliche Meetings aller Art genutzt, vielleicht auch für solche, die eher der Schattenwirtschaft angehören. Der vergessliche Besitzer des Koffers aber wollte mit dem Geld nur mal eben ein Haus bezahlen.

„Wissen Sie“, sagt Herr Werner, als wir in der Küche des Burger Kings stehen, deren Mitarbeiter mit dem Rücken zur Fensterfront arbeiten, Blick ins Innere des Betriebs, „das mit dem Fernweh hört übrigens ziemlich schnell auf. Manchmal, wenn Hochbetrieb ist, schaut man nach langer Zeit zum ersten Mal wieder nach draußen und stellt plötzlich erstaunt fest: Da unten, da ist ja die Autobahn.“

Die ist eher für uns, die wir immer weiter müssen: „Die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand . . .“ Roadmovies gibt es schon jede Menge. Seit dem vergangenen Jahr haben wir endlich den Flughafenfilm: Angela Schanelecs schönes Kammerspiel „Orly“. Die Raststätte hat es bisher kaum einmal als Nebenschauplatz in einen „Tatort“ geschafft. Der ultimative Film, der auf einem Rasthof spielt, steht noch ganz und gar aus. Dammer Berge wäre dafür eine super Location. Ein Fall für Frau Schanelec? Oder ein Alterswerk für Wim Wenders?

Quelle: F.A.Z.
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