Der Politiker als Darsteller

Hört das Spiel denn nie mehr auf?

Von Uwe Ebbinghaus
 - 16:26
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Im Jahr 2011 ist der Politiker endgültig zum rätselhaften Wesen geworden. Zwar gab es schon im vergangenen Jahr eine Reihe überraschender Rücktritte (Horst Köhler, Roland Koch) und politischer Kehrtwenden (Kundus-Affäre, Stuttgart 21). Neuerdings aber treffen wir fast täglich auf Standesvertreter, die sich öffentlich entschuldigen, ihre Meinung komplett revidieren oder zurücktreten.

Zugegeben, die politische Lage ist durch die arabischen Aufstände und die Katastrophe in Japan so krisenhaft wie selten. Aber gerade solche Situationen sind ja häufig schon zur Geburtsstunde entschiedener Politik geworden. Das Gegenteil ist jedoch momentan der Fall, unsere Politiker stehen auf der Szene wie Schauspieler, denen ständig neue Anweisungen zugeworfen werden. Sie wissen nicht mehr, welchen Grad der Distanz sie zu Wählern und Medien einzunehmen, wie sie sich selbst und ihre Angelegenheiten darzustellen haben. Sollen sie twittern oder lieber Bürgersprechstunden abhalten, Volksbegehren befürworten, Talkshows in Krisengebieten veranstalten?

Es gibt seit Platon eine Reihe philosophischer Bestimmungen des Politikers, aber keine verbindlichen Bühnenanweisungen für ihn, nicht bei Cicero, nicht bei Machiavelli, nicht bei Carl Schmitt. Aber man kann Konzepte zur Philosophie des Schauspielers versuchsweise auf die deutsche Politik übertragen.

Der Fluch des Repräsentanten

Zu den größten Fehlurteilen über Angela Merkel gehört die Behauptung, sie sei keine oder keine gute Schauspielerin - was je nach Blickwinkel als Lob oder Tadel gemeint ist. Dabei ist die Behauptung, dass sie nicht spiele, leicht zu entkräften. Helmut Plessner weist in seinen anthropologischen Schriften nach, dass jeder Mensch ein Darsteller ist, weil er den Naturzusammenhang verloren hat und seine Position in der Welt immer neu erfinden muss. Er kann gar nicht anders als spielen. Ausgerechnet in der Politik wird diese Tatsache aber gern vergessen. So nannte Helmut Kohl seinen Kontrahenten Helmut Schmidt pejorativ einen Burgschauspieler, und Schmidt selbst wiederum bekannte in Interviews, als sei das ein Geständnis, er habe manchmal „ganz schön die Show abgezogen“. Was natürlich auch auf Helmut Kohl zutrifft, zum Beispiel auf dem Bremer Parteitag von 1989.

Angela Merkel zeigte so etwas wie einen persönlichen Darstellungsstil erstmals als Ministerin unter Kohl. Vor der damaligen ersten Kabinettssitzung meinte ihr Kollege Norbert Blüm, er könnte das „Mädchen“ zu diesem Anlass vor den Kameras mal eben onkelhaft auf den Schoß nehmen. Doch Merkel entwandt sich geschickt, darstellerisch ohne großen Aufwand und mit einem kess-schüchternen Lächeln, das sie noch heute aufsetzt, wenn sie eine Diskussion beenden will.

Es reicht für den Politiker nicht, einfach nur Menschendarsteller zu sein. Wie ein Mime spielt er eine Doppelrolle, was ihn in die erste Paradoxie seines Berufsstands verwickelt, denn er muss „eine natürliche und künstliche“ Existenz verbinden, wie Plessner in seiner „Anthropologie des Schauspielers“ (1948) im Rückgriff auf Diderot zuspitzt. Gleich dem Mimen ist der Politiker der multiple Darsteller schlechthin. Während der Schauspieler aber schon glaubwürdig ist, wenn sein Körper in einer Rolle aufgeht, ist es der Politiker erst dann, wenn die private zur öffentlichen Darbietung passt. Er ist Repräsentant und Vorbild. Das ist sein Fluch.

Käthchen von Heilbronn auf dem Weg zur Macht

Nach der Bundestagswahl 2005 ergab sich für Merkel eine neue Situation, in der Berliner Runde vom 18. September musste sie sich erstmals als künftige Kanzlerin behaupten. Da saß rechts von den Moderatoren kerzengerade Gerhard Schröder und wollte seine Abwahl nicht wahrhaben. Er machte die Medien für sein schlechtes Abschneiden verantwortlich und ließ trotz scharfer, gegen ihn gerichteter Kritik immer wieder sein Gewinnerlächeln aufblitzen. Wie ein Kämpfer aus einem Elia-Kazan-Film. Ihm schräg gegenüber saß die künftige Kanzlerin, leicht eingesunken, still, irritiert schauend und ohne Gestik. Sie ließ die übertriebene Virilität Schröders einfach über sich ergehen. Guido Westerwelle musste damals zur Richtigstellung der Machtverhältnisse einspringen und konterte: „So gekünstelt wie Sie Ihren Triumph feiern, das ist ja nicht mehr ernst zu nehmen.“

Der Selbstdarsteller und die pikierte Spielverweigerin - wieder drängte sich eine Fehlinterpretation Angela Merkels auf. Doch auch hier steckte sie in einer zweiten, der Metarolle eines sich selbst beobachtenden Mimen, die Diderot in seinem „Paradox über den Schauspieler“ beschrieben hat. Im Kontrast zu Schröder wirkte sie zwar zaghaft, dafür lieferte sie keinerlei Angriffsfläche und verprellte den Zuschauer nicht durch Egoismen. Während Schröder in diesem Moment die Machtcharge gab, den distanzlosen Auftrumpfer, wirkte Merkel in ihrer reduzierten Selbstdarstellung wie ein somnambules Käthchen von Heilbronn auf dem Weg zur Macht.

Überraschend tief dringt eine Beobachtung aus Plessners Schauspielerschrift in Merkels Spielweise ein. Plessner unterscheidet verschiedene Typen von Schauspielern und vergleicht den „anonymen Maskentänzer“ aus dem frühen kultischen Theater mit dem „Filmstar“ neuerer Zeit. Wobei sich als Hauptunterschied herausstellt, dass die Bewegungen des kultischen Darstellers „nicht expressiv sein, sondern . . . Expressivität durch Mitteilung erreichen“ wollen, während der Filmstar „sich selbst, auf dem Hintergrund einer Rolle“ spielt. Wer dächte bei diesem Gegensatzpaar nicht an die vor dem Körper zum Dreieck geformten Finger der Kanzlerin und die rauschenden Auftritte Karl-Theodor zu Guttenbergs? Allerdings fragt sich, worin das Äquivalent zum kultischen Rahmen bei Merkel besteht, denn nur ein verbindlicher Hintergrund würde ja ihre gestische und mimische Zurückgenommenheit sinnvoll motivieren. Ist es ein stramm-demokratisches Bewusstsein, fußend auf dem schmucklosen „bedeutenden Wort“ (Plessner), dargeboten in einer Art epischem Polittheater? Oder ist es die pure Ermächtigung, welche die sparsame Geste inhaltlich allerdings zum Erstarren brächte?

Repräsentationslücke des Ensembles

Angela Merkels Darstellung jedenfalls setzt sich in ihrem jüngsten Kabinett fort. Hatte Schröder im Parlament gern gelangweilt den vorgereckten Kiefer gezeigt, Fischer die Zockermiene aufgesetzt, malte sich auf den Gesichtern gerade der männlichen Minister unter Merkel in Zuhörermomenten von Talkshows oder im Parlament ein neuer gleichförmiger Zug ab. Er imitierte die verschlossene Mundhaltung der Kanzlerin, konnte aber eine gewisse Aufgesetztheit nicht verleugnen. Vor allem auf den Gesichtern von Guido Westerwelle und Norbert Röttgen malte sich ein Ausdruck von Demut, von Ich-kann-zuhören-und-mich-zurücknehmen ab, der aber leicht ins Unpersönliche und übertrieben Disziplinierte abglitt. Ihre Stillhaltetaktik erwies sich dann auch als kontraproduktiv. Während Westerwelle sein (wirtschafts-)liberales Profil verlor, musste Röttgen klein beigeben, als es im Herbst 2010 um das Thema Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken ging.

Eine Sonderstellung im neuen Kabinett Merkel besetzte von Beginn an Karl-Theodor zu Guttenberg. Er erkannte das körperliche Darstellungsvakuum, die Repräsentationslücke des Ensembles, und füllte beide souverän. Innerhalb kürzester Zeit etablierte er sich mit seinem lipizzanerhaften Gang, seiner einnehmenden Stimme und dem variantenreichen Mienenspiel als darstellerisches Gegengewicht zur Kanzlerin. Guttenberg setzte ein Lächeln auf den geschlossenen Mund - mimisch eine Mischung aus Merkel und Schröder. Nicht, dass er im Parlament eine schlechte Figur gemacht hätte, seine großen Auftritte aber legte er in Talkshows oder der Samstagabendunterhaltung hin. Wilhelm Meisters Lehrjahre schien er dank ererbtem „Adelsdiplom“ (Novalis) und sein Hineingeborensein in musische Kreise im Schnelldurchlauf absolviert zu haben.

Als Vertreter des Filmstar-Typus verließ er die distanzstiftende Bühne, wo er nur konnte, politisch gesprochen die Breite des Parlaments. „Er lebt nicht vom Wort“, so Plessner über den Filmstar, „sondern vom Bild, vom Klangbild, er will unvermittelte, nicht szenisch vermittelte Wirklichkeit geben. Der Spieler soll nicht merken lassen, dass er den Blick des Zuschauers auf sich gerichtet weiß, und der Zuschauer soll sich als Zuschauer . . . vergessen.“ Der Politstar verlagert den öffentlichen Diskurs daher in die Fernseh-Talkshows.

Der Gentleman auf Probe

In der Plagiatsaffäre versuchte Guttenberg zäh, der Bundespressekonferenz und dem Parlament zu entkommen und wich auf sein eigenes Set aus, den Bendler-Block, wo er nur vor ausgesuchten Kameras sprach. Die ganze Brüchigkeit seiner Rolle konnte man ermessen, als er in seiner Erklärung am 18. Februar nach einem verpatzten Einstieg wie bei Dreharbeiten die Crew fragte: „Können wir noch mal? Ist das live gewesen jetzt grade?“

Zu diesem Zeitpunkt spaltete sich das Publikum endgültig in zwei charakteristische Gruppen. Die eine traf sich im Internet, wo sich einen Tag zuvor bereits das Wiki „Guttenplag“ formiert hatte und bekam nach dieser durchschaubaren Inszenierung, die in Zeiten von Facebook-Offenheit und Youtube-Spontaneität schon rein stilistisch polarisieren musste, erst recht Zulauf. Für die andere Gruppe, die Guttenberg-Schwärmer, blieb der Baron dagegen ein Ausnahmepolitiker, wobei sie zu seiner Verteidigung auffällig viele Zuschreibungen vornahmen, die Max Weber in seiner Rede „Politik als Beruf“ auf den frühdemokratischen Politiker bezieht: Guttenberg als „Gentleman“ mit „Charisma“, als einer, der „für die Politik lebt“ und nicht „von ihr“, ein Anti-Beamter, getragen vom „Glauben“ seiner Anhängerschaft.

Dieser Glaube überlebte auch die Fragestunde im Bundestag vom 23. Februar, in der sich Guttenberg im Geist der antiken Tragödie des Hochmuts bezichtigte und in einem radikalen Rollenwechsel plötzlich zum Helden der menschlichen Suchbewegung im Sinne Plessners wurde. Als Minister aber war er schon seit Bekanntwerden seiner wissenschaftlichen Arbeitsweise nicht mehr tragbar, und es erstaunt, wie wenig Rollenkompetenz und Verantwortungsgefühl er und die Kanzlerin verrieten, als sie mit einer Zwei-Körper-Theorie zu argumentieren versuchten - ausgerechnet Merkel, die promovierte Naturwissenschaftlerin und Professorengattin. Das konnte nur als Verrat an der von ihr glaubhaft verkörperten sachlichen Intellektualität verstanden werden.

Wie ein weiblicher Jago

Guttenberg fehlte im entscheidenden Moment der geeignete Regisseur. So blieb der blinde Tragöde einem Schicksal ausgeliefert, das Max Weber schon in der Berufs-Rede von 1919 vorweggenommen hatte. Stets stehe der Politiker „in Gefahr, sowohl zum Schauspieler zu werden wie die Verantwortung seines Tuns leicht zu nehmen und nur nach dem ,Eindruck' zu fragen, den er macht“, heißt es da. Wobei der „typische Träger dieser Gesinnung“, so Weber, allzeit von einem „plötzlichen inneren Zusammenbruche“ bedroht ist. Auch bei Weber ist der Politiker ein Darsteller, allerdings unterscheidet ihn vom Schauspieler die gewollte Sachgerichtetheit seines Textes.

Erst überließ Merkel die Heldenrolle Guttenberg, der die Unbefangenheit gepachtet zu haben schien und sich daher für die überrumpelungsartige Durchsetzung der Bundeswehrreform eignete, dann schaute sie trotz gegenteiliger Beteuerungen wie ein weiblicher Jago kühl beim Vollzug seiner inneren Tragik zu - bis er zu beschädigt war, um das Amt weiter auszufüllen. Nach diesem dramaturgischen Muster zumindest müsste man die Plagiatsaffäre deuten, wenn man Merkels Machtinstinkt verteidigen wollte.

Andererseits war die Affäre für Angela Merkel kaum vorteilhaft zu meistern. Da eine Kanzlerin nicht nur erster Spieler, sondern auch textgebender Dramatiker und Regisseur in einem ist, geriet Merkels Politikstil nach dem Verlust ihres Vorzeigehelden endgültig in die Krise. Das CDU-Ensemble steht ohne überzeugende Solisten da und ist weitgehend aufgebraucht, die Glaubwürdigkeit nach dem Kernkraft-Moratorium und den Libyen-Beschlüssen ist zusätzlich erschüttert. Hierbei schlug die zweite, die ethische Paradoxie des Politikers zu, die Weber auf seinen Zugang zu legitimierter Gewaltanwendung zurückführt.

Götterdämmerung des Machtpolitikers?

Die Zuschauer jedenfalls wandern nach langer Spielzeit, so scheint es, ab. Das Publikum fühlt sich nicht mehr mit- und ernst genommen. Das durchdachte Maskentheater wirkt willkürlich und erweckt, um einen weiteren Begriff Max Webers ins Spiel zu bringen, den Eindruck von Gesinnungslosigkeit.

Hatte Angela Merkels Rollenprofil 2005 in der Berliner Runde und unmittelbar danach noch positiv hervorgestochen, tritt immer stärker seine Dialektik hervor. Und wieder zeigt sich eine Analogie zum Theater, in dem der Darsteller, so Helmut Plessner, zusammen mit dem richtigen Gefühl für die Distanz auch die Zuschauer verliert: „Der Abstand zum Zuschauer verpflichtet. Ihm wird etwas gezeigt, das seine Anwesenheit fordert, weil es seine Sache ist, um die es geht.“ Eine schöne Beschreibung auch der parlamentarischen Demokratie.

Die Politiker der Stunde, das haben die Wahlen in Hamburg und Baden-Württemberg gezeigt, sind glaubwürdige, zähe Pragmatiker. Der eine, Olaf Scholz, gilt als distanzierter Verantwortungsethiker - selbst Angela Merkel wirkt neben ihm gefühlvoll -, der andere, Winfried Kretschmann, ist ein stark gezügelter Gesinnungsethiker. Vor allem Scholz gehört zur Fraktion der Reduktionsdarsteller, wird auch als „Scholzomat“ bezeichnet und zog als solcher nach der souverän gewonnenen Hamburg-Wahl den ungebührlichen Spott der Nachrichtenmoderatorin Caren Miosga auf sich, weil er so euphorisch wirke „wie ein Butler in der Tea Time“ - eine Rolle, die man ihm in Hamburg aber offenbar gern abnimmt. Der Grünen-Politiker aus Baden-Württemberg hingegen verbindet darstellerisch das Schützenfest mit dem Ethikunterricht. Er gilt als versöhnender Oberrealo, als Anti-Mappus, und will sich für eine neue Balance zwischen Regierung und Bürger einsetzen.

Stehen wir vor einer neuen politischen Zeitrechnung? Verschwindet der Machtpolitiker alten Schlags nunmehr so unerwartet wie die arabischen Tyrannen?

Über Angela Merkels private Existenz ist wenig bekannt außer ihrer Vorliebe für die Opern von Richard Wagner. Und was bekommt sie da in Bayreuth am Schluss des „Rings“ zu sehen? Siegfried, der strahlende Held, wird durch einen Erinnerungstrunk des Meineids überführt und muss abtreten. Gunther auch. Übrig bleiben Hagen und Brünnhilde, die bis zur Rheinüberflutung und dem Untergang Walhalls vergeblich miteinander um den machterhaltenden Ring kämpfen. Dann müssen auch diese beiden abtreten, eine neue Zeit beginnt.

Nicht einmal als Zuschauer hat der Politiker eine rein private Existenz, auch im Theater muss er über seine Rolle nachdenken. Was lernt er daraus?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe (uweb.)
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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