Die New Yorker Jahre

Der nackte Bürger Ai Weiwei

Von Bei Ling
 - 16:44
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Wenn man das Werk von Ai Weiwei diskutiert, muss man mit seinem rebellischen Geist beginnen, mit seiner Wildheit. Der Künstler wurde im August 1957 in Peking geboren. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein Vater, der Dichter Ai Qing, mit der Familie in ein Dorf in der Region Xinjiang im äußersten Westen von China verbannt. Fünf Jahre lang musste der kleine Weiwei mit seinem Vater jeden Tag vierzig Toiletten und Latrinen saubermachen. Später erzählte er, vielleicht etwas übertreibend, er habe sich erst mit siebzehn zum ersten Mal die Zähne geputzt.

Ai Weiwei wurde 1978 in die Pekinger Filmakademie aufgenommen. 1981 gab er dieses Studium auf und ging nach New York. In Amerika belegte er zuerst in Philadelphia und dann in Kalifornien Sprachkurse. 1983 bekam er ein Stipendium für die Parsons School of Design in New York. Ein Jahr später fiel er bei einer Kunstgeschichtsprüfung durch, angeblich weil er die Lehrveranstaltungen zu oft geschwänzt hatte. Sein Stipendium wurde nicht mehr verlängert. Ai Weiwei verzichtete darauf, sich noch einmal einzuschreiben. Fortan lebte er illegal in New York. Zehn Jahre lang trieb er sich auf den Straßen des East Village herum, zusammen mit Schriftstellern, Sängern, Hippies, Fixern, Dieben, Hehlern, Buddhisten, Sikhs, Punks und Glatzen, „am Rand eines rauchenden Vulkans“, wie er es selbst ausdrückte.

Ich selbst kam zum ersten Mal im Oktober 1988 nach Amerika. Der Dichter und Maler Yan Li, ein Mitglied der Pekinger Künstlergruppe „Sterne“, brachte mich damals mit Ai Weiwei zusammen. Bevor ich in seine New Yorker Wohnung kam, war ich ihm so bereits mehrere Male auf der Straße begegnet. Wenn Weiwei jemanden zum ersten Mal traf, war da immer ein boshaftes und gleichzeitig schüchternes Lächeln auf seinem Gesicht. Er wurde sogar rot, während er daran dachte, wie er den Neuankömmling necken könnte. Schließlich sagte er zu jedem neu angekommenen Freund oder Bekannten oder Bekannten von Bekannten völlig unbewegt immer dasselbe: „Machen wir ein Nacktfoto! Wir sind in New York.“

Schwarzhandel mit gebrauchten Kameras

Damals war ich jung, frisch aus China angekommen und völlig verwirrt vom Durcheinander dieser Stadt. Innerlich war auch ich ein Rebell, aber sofort ein Nacktfoto in Frontalansicht, dazu war ich dann doch nicht bereit. Ai Weiwei erkannte natürlich sofort, dass ich noch ganz fremd und mir alles recht unheimlich war und sagte wieder mit seinem boshaft-gutmütigen Lächeln: „Wie wär’s mit einem Nacktfoto? Ziehen wir uns miteinander aus.“

Als ich dann eine Weile mit ihm zusammen durch die Straßen geschlendert war, wollte ich mich bald wirklich ausziehen und von ihm fotografieren lassen. Aber dann wurde ich gerade noch rechtzeitig wieder nüchtern und konnte mich bremsen. Hätte ich ein paar Tage bei ihm gewohnt wie viele Freunde von mir, wäre ich seiner Kamera zweifellos nicht entgangen.

In seiner Kellerwohnung (siebzig Quadratmeter für 700 Dollar Miete) betrieb Ai Weiwei einen Schwarzhandel mit gebrauchten Kameras. Er hatte diese Apparate von fliegenden Händlern erstanden, die ihre gestohlene Ware möglichst schnell wieder loswerden wollten. Mit der Zeit wurde Weiwei ein sehr geschickter Mechaniker und Kameraexperte. In seiner Wohnung lagen zahllose davon herum, die er reparierte und nachher an Freunde verkaufte.

In der Lotterie gewonnen

Großmütig, sorgenfrei und unverhohlen – so war Ai Weiwei damals. Später sagte er selbst über seine zehn Jahre in New York: „In diesen Tagen wachte ich morgens auf und wusste überhaupt nicht, was ich den ganzen Tag machen sollte.“ Wenn es ihm zu langweilig wurde, fotografierte er sich selbst im Spiegel. Manchmal stand er dabei nackt vor der Kamera, manchmal bekleidet. Die fertigen Fotos sah er sich selbst nicht gern an, wie er mir sagte. Am liebsten machte er solche Bilder auf der Straße, wo es nicht erlaubt war. Er sah sich um, und wenn kein Polizist herschaute, ließ er die Hosen herunter und machte einen Schnappschuss von sich selbst, bevor er sich schnell wieder anzog und verschwand.

In Ai Weiweis Wohnung sah ich Dutzende Nacktfotos von Künstlern und Freunden, viele darauf mit Ai Weiwei zusammen. Das beste Bild war eines von ihm mit Yan Li, auf dem Platz vor den Zwillingstürmen des World Trade Centers. Zwei schlanke junge Kerle lachen da nackt und frech in die Kamera, mit winzigen Schwänzchen und einem strahlenden Lachen. Ai Weiwei erzählte: „Yan Li wollte dort mit mir ein Erinnerungsfoto machen lassen, aber das war mir zu langweilig: Ich sagte: ,Machen wir hier zusammen ein Nacktfoto.‘ Yan Li zögerte, aber dann meinte er, dass er eine bessere Figur habe als ich, und zog sich deshalb doch noch aus. Das war super, nur wir beide in der Sonne, sonst war niemand dort. Das war eine Zeit ohne Kaiser.“

Nach dem Massaker vom 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking blieb ich vorerst als „literarischer Flüchtling“ in Amerika. Ich besaß eine Einladung von Vartan Gregorian, dem Rektor der Brown University. Dort wurde ich Gastschriftsteller und gehörte zum Creative Writing Program der Anglistik, ausgestattet mit einem monatlichen Stipendium von 1500 Dollar. Ich hatte praktisch in der Lotterie gewonnen.

Die nackte Wahrheit

Ai Weiwei erfuhr von meinem neuen Status und lud mich jedes Mal zu sich ein, wenn ich nach Manhattan kam. Immer noch lagen unzählige Kameras auf seinem Bett herum, und er erklärte mir lang und breit die Vorzüge jedes einzelnen Apparats. Eines Tages ließ ich mich in dem düsteren Kellerloch von seinem verrückten Verkaufsgespräch tatsächlich so sehr beeindrucken, dass ich ihm für mehr als vierhundert Dollar eine Kamera abkaufte. Nachdem Ai Weiwei das Geld eingesteckt hatte, war er darüber so glücklich, dass er mich gleich nach Chinatown schleppte und zum Essen einlud. Ich hatte allerdings keine Objektive dazugekauft, weshalb ich diese Kamera schließlich nie verwendet habe. Später ist sie in meinem unsteten Leben irgendwo verschwunden.

Ich glaube, für Ai Weiwei gab es zu viele aufgesetzt ernsthafte Menschen auf der Welt. Das war ihm einfach zu langweilig, also musste er sich irgendetwas ausdenken, um sich zu amüsieren und dieser Welt die nackte Wahrheit entgegenzuhalten. Weiwei kann es nicht leiden, wenn man sich aufspielt und betont ernsthaft miteinander kommuniziert; wenn eine solche ernsthafte Aussprache entsteht, ist ihm am ganzen Körper unwohl, und dann muss er seinem Gegenüber unbedingt irgendeinen Streich spielen, um die Konversation zu einem interessanten Gespräch zu machen.

Ein Geist, der stets verneint

Ai Weiwei kam in New York jeden Tag aus seiner Kellerwohnung hervor, um in dieser aufgesetzt ernsthaften Welt an der Oberfläche Abenteuer und neue Erfahrungen zu suchen. Auch in den frühen neunziger Jahren traf ich ihn noch jedes Mal im East Village und in der Lower East Side, sobald ich wieder in New York war und ein bisschen durch die Straßen schlenderte. Immer noch trug er seinen alten Militärmantel aus den Beständen der chinesischen Volksbefreiungsarmee über der damals schon etwas beleibten Figur. Ich bezweifele sogar, dass er unter diesem grünen Armeemantel überhaupt irgendetwas trug. Diese Gewohnheit hatte wahrscheinlich mit seiner Jugend auf dem Land in Xinjiang zu tun: Er ist ein Kind der weiten Erde; dort hat er sich zuerst seinen Mut und seine Furchtlosigkeit angeeignet.

Der rebellische Charakter von Ai Weiwei kam in New York bereits sehr deutlich zum Ausdruck: Er ist ein Geist, der stets verneint. Der Künstler selbst hat seine New Yorker Periode später einem Reporter gegenüber so beschrieben: „Niemand kümmert sich um dich, und du brauchst dich auch um niemanden zu kümmern. Aber dann denkst du: ,Was muss ich denn machen?‘ Denn du bist doch gerade noch in deiner Jugendzeit, da will man irgendetwas tun.“ In New York nahm Weiwei an vielen Demonstrationen teil. Abgesehen von den Protesten gegen das Tienanmen-Massaker in Peking von 1989 ging er zum Beispiel auch 1990/91 bei den New Yorker Demonstrationen gegen den Golfkrieg mit. Vor allem aber nahm er an Kundgebungen gegen Polizeigewalt teil und demonstrierte für die Rechte von Homosexuellen, Vagabunden und Obdachlosen. Er war auch dabei, als Demonstranten den Müll von der Straße auftürmten, anzündeten und darüber die amerikanische Fahne verbrannten.

„Die Gewalt ist überall dieselbe“

Ai Weiwei bemerkte aber relativ schnell, dass solche Demonstrationen keine große Bedeutung hatten. Er sagte: „Gerechtigkeit – dieses Wort kümmert die Macht in Wirklichkeit nicht im Geringsten.“ Einmal war er dabei, als ein Demonstrationszug das East Village verließ und ins Greenwich Village geriet, wo sich viele der Demonstranten nicht so gut auskannten. Weiwei wurde von Polizisten in eine Ecke gedrängt, seine Kamera wurde zerschlagen. So hat er in New York Erfahrung darin sammeln können, von Polizisten verfolgt und bedroht zu werden. Manchmal kamen sie mit ihren Filmkameras so nahe an ihn heran, dass ihr Objektiv fast sein Gesicht berührte. Auch Polizisten in Zivil kamen manchmal zu ihm, lächelten und stießen ihn dabei an, mehr oder weniger stark. Diese Erlebnisse kamen ihm in den letzten Jahren in China zugute: bei seinen direkten Konfrontationen mit Polizisten und Staatssicherheitsorganen. Seine Furchtlosigkeit verdankt sich der Zeit in New York.

Mitte 2009, in einem Interview mit der überregionalen und damals relativ wagemutigen chinesischen Wochenzeitung „Nanfang Zhoumo“ (Südliches Wochenende), sagte Ai Weiwei halb im Scherz über seine Jahre als Illegaler in New York: „Bedroht zu werden kann einen süchtig machen. Wenn sich die Staatsgewalt in dich verknallt, dann fühlst du dich sehr geschätzt.“ Das sei ein sehr vorteilhaftes Training gewesen, meinte er: „Ich habe damals den Aufbau der Macht begriffen, die Beziehung zwischen der Regierung, der Macht und den einfachen Menschen. Es war zwar eine Gesellschaft, die Freiheit und Demokratie propagierte, aber die Macht, die Gewalt ist überall dieselbe, an jedem Ort.“

Ein durchdringendes Erlebnis für das East Village

Damals wohnte auch der Dichter Allen Ginsberg, der schon über sechzig war, im East Village. Ginsberg war an jungen Männern aus Asien sehr interessiert und mochte Ai Weiwei besonders gern. Er trug nämlich auch immer eine Kamera mit sich – einen ganz kleinen, aber ziemlich teuren Apparat. Damit trieb sich Ginsberg auf der Straße und in der U-Bahn wild fotografierend herum. Ich traf ihn oft im East Village auf der Straße, er redete abwesend auf mich ein und fotografierte dabei alles und jeden. Weiwei und er pflegten sehr engen Umgang miteinander. Beide waren süchtig nach dem Fotografieren und lichteten die ganze Stadt ab (ich habe auch Nacktfotos von Ginsberg gesehen, aber sie wurden leider nicht von Weiwei aufgenommen).

Ai Weiwei unterhielt auch sehr herzliche Beziehungen zu den Straßenkünstlern und zu den Schwarzen im East Village. Er war immer zu spontanen Streichen aufgelegt. Der chinesische Regisseur Feng Xiaogang war in den frühen neunziger Jahren in der Stadt, um seine Fernsehserie „Pekinger in New York“ zu drehen. Er sagte über seinen damaligen Regieassistenten: „Ai Weiwei verkuppelt nach Belieben zwei verschiedene Dinge und lässt sie dann eine völlig neue Bedeutung hervorbringen.“ Zum Beispiel steckte Weiwei einen Basketball in eine Stricktasche und warf sie dann von einem Gebäude, um zu beobachten, wie Passanten innehielten und diese hüpfende Stricktasche bestaunten. Ein anderes Mal hatte er einem Schwarzen auf der Straße eine Schallplatte mit Aufnahmen aus der Zeit der chinesischen Kulturrevolution abgekauft. Ein Sprecher des Fernsehsenders CCTV intonierte darauf mit präziser Diktion und wohltönender Stimme die drei berühmtesten Essays von Mao Tse-tung: über den alten Mann, der einen Berg versetzt, über den Dienst am Volke und über den kanadischen Arzt Norman Bethune, der in China zum Helden wurde. Weiwei fand einen alten Plattenspieler, schloss Verstärker und Lautsprecher an und drehte das Gerät auf volle Lautstärke. Die Worte des Großen Vorsitzenden wurden ein durchdringendes Erlebnis für das East Village.

Immer eine Kamera in der Hand

Im Herbst 2000 wurde ich aufgrund einer Übereinkunft zwischen der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten aus dem Qinghe-Gefängnis in Peking nach Amerika deportiert. Danach kam ich noch öfter als zuvor nach Manhattan, aber Ai Weiwei war 1993 nach China zurückgekehrt. Bis dahin aber war er ein fester Bestandteil des East Village. Und noch zehn Jahre später erwartete ich, sobald ich wieder nach New York kam, dass ich ihm dort an irgendeiner Straßenecke begegnen würde. Ich suchte Weiweis Kellerwohnung in der East 7th Street, zwischen der First Avenue und der Second Avenue in Manhattan. Als ich die Tür gefunden hatte, ging ich auf der Straße hin und her und wartete, ob er nicht doch durch ein Wunder wieder herauskommen würde. Denn ohne diesen Chinesen in seinem Armeemantel, der sich den ganzen Tag auf der Straße herumtrieb, war das East Village für mich nicht mehr dasselbe.

Einige Tage vor der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2009 erfuhr ich in Deutschland, dass Ai Weiwei in München einer Notoperation am Kopf unterzogen werden musste, nachdem er zwei Monate davor in Chengdu von Polizisten geschlagen worden war. Ich fuhr kurzentschlossen nach München und traf ihn bei der Eröffnung seiner Ausstellung „So Sorry“ im Haus der Kunst. Wir hatten einander fast zehn Jahre nicht mehr gesehen. Ich sagte Weiwei, wie froh ich sei, dass er überlebt habe und dass es ihm wieder bessergehe. Mehr fiel mir im Augenblick nicht ein. Sein Kopf war noch verbunden, man sah auch die Schwellung, aber im Verhalten war Weiwei ganz der Alte: Während der Ausstellungseröffnung hielt er auf der Bühne eine Kamera in der Hand und machte ununterbrochen Fotos von sich selbst und den Zuschauern, während er seine Rede hielt. Diese Aktion erinnerte mich an Ginsberg, wie ich ihn in New York erlebt hatte. Vielleicht hat der alte Allen meinen Freund Ai Weiwei damit angesteckt.

Aus dem Chinesischen von Martin Winter.

Der chinesische Schriftsteller Bei Ling, geboren 1959, wurde 2000 in Peking festgenommen, aber auf Druck westlicher Intellektueller nach Amerika abgeschoben. Seitdem lebt er im Exil.

Quelle: F.A.Z.
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