Francis Ford Coppola im Gespräch

Sind Sie selbst der Pate, Mister Coppola?

Von Marco Schmidt
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Mister Coppola, was treibt Sie immer noch dazu an, Filme zu drehen?

Sie meinen, wo ich doch schon längst reich und berühmt bin? (Lacht.) Ich will es Ihnen verraten: Durch das Filmemachen lerne ich auch im Alter ständig etwas Neues dazu – über die Welt, über die Menschen und über mich selbst. Ich finde es wundervoll, dass ich mit meinen zweiundsiebzig Jahren von der Arbeit nach Hause kommen und zu meiner Frau sagen kann: „Liebling, heute habe ich wieder so viel gelernt.“

Fühlen Sie sich als Regisseur jetzt freier als früher? Risikofreudiger?

Ach, ich war schon immer ein kleiner Abenteurer. Ich hatte noch nie Angst davor, etwas zu wagen – im Gegensatz zu den meisten Hollywood-Bossen: Sie hassen nichts mehr, als Risiken einzugehen. Doch ich finde, Filmemachen ohne Risiko funktioniert ebenso wenig wie Kinderkriegen ohne Sex. Es gibt nur eine Sache, die man nicht riskieren sollte: sein Leben zu verschwenden. Viele Leute jammern auf ihrem Sterbebett: „O je, hätte ich bloß dieses oder jenes gemacht!“ Das wird mir bestimmt nicht passieren – ich habe alles getan, was ich tun wollte. Schon als junger Filmemacher war ich mit Werken wie „Der Dialog“ oder „Liebe niemals einen Fremden“ auf dem richtigen Weg. Aber dann ist mir leider das Schlimmste passiert, was einem Künstler widerfahren kann.

Nämlich?

Ich hatte Erfolg. „Der Pate“ schlug dermaßen ein, dass ich berühmt wurde und in Hollywood plötzlich als wichtig galt. Fortan wurde ich von allen Seiten zugeschüttet mit Angeboten, auf die ich gar nicht scharf war. Der Erfolg hat mich eine Zeitlang vom Pfad des experimentellen Autorenfilmers abgebracht. Als junger Idiot habe ich dummerweise nicht erkannt, dass die Studiobosse einem natürlich nur das anbieten, womit sie selbst Geld verdienen können. Das Wort „experimentell“ gilt ja in Hollywood schon als Schimpfwort. Die Typen in der Traumfabrik wollen am liebsten, dass man seinen Erfolgsfilm immer und immer wieder dreht. Mir ist es ähnlich ergangen wie Martin Scorsese: Bis heute erwartet man von uns beiden, dass wir einen Gangsterfilm nach dem anderen ausspucken.

„Der Pate“ zeichnet ein eher romantisches Mafia-Bild. Würden Sie heutzutage einen Gangsterfilm anders inszenieren? Realitätsnäher?

Ich würde heute überhaupt keine Gangsterfilme mehr drehen. Im Gegensatz zu Martin Scorsese bin ich nämlich nicht in der Nachbarschaft von Kriminellen aufgewachsen, sondern im Musikermilieu. Vor einigen Jahren habe ich mir geschworen, nur noch eigene Drehbücher zu verfilmen und meine Filme ausschließlich selbst zu finanzieren. Denn die Vorstellung, jemanden um Geld anzubetteln oder mir irgendeinen Star aufdrängen zu lassen, um einen Film realisieren zu können, ist mir unerträglich geworden. Ich habe gelernt, das Budget meiner Werke so niedrig zu halten, dass ich es selbst aufbringen kann. Ich muss keine Kompromisse mehr eingehen und niemandem mehr Rechenschaft ablegen. Insofern fühle ich mich, um auf Ihre zweite Frage zurückzukommen, heute tatsächlich freier als früher.

Werfen Ihre Filme denn genug Gewinn ab, den Sie immer wieder in neue Projekte stecken können?

Nein. Ich denke, man muss sich von der Illusion verabschieden, dass man von der Arbeit als Regisseur leben könnte: Die Zeiten, in denen sich mit Kunst Geld verdienen ließ, sind vorbei. Auch meine Filme bringen längst nichts mehr ein – ich finanziere sie mit den Einkünften aus meinen Weingütern. Die meisten Menschen sind geradezu besessen von der Angst, ihr Geld zu verlieren, doch ich habe nie eine Sekunde gezögert, mein gesamtes Vermögen in meine Filmprojekte zu stecken. „Apocalypse Now“ habe ich selbst finanziert, obwohl ich die Verantwortung für drei Kinder hatte und kurz davor war, mein Haus zu verlieren. Zehn Jahre lang verbrachte ich damit, den Banken meine Schulden zurückzuzahlen. Auch wenn ich gar kein Geld mehr hätte, würde ich trotzdem weiter Filme drehen. Irgendwie geht es immer.

Allerdings finden Ihre neuen Filme kaum mehr einen Verleiher. Und wenn sie doch noch irgendwo ins Kino kommen, will sie fast niemand sehen. Wurmt Sie das nicht?

Nein, überhaupt nicht. Ich genieße das Schreiben, die Dreharbeiten, den Lernprozess. Ob die Leute danach den fertigen Film sehen oder erst in zehn Jahren oder gar nicht – das ist mir egal. Sie dürfen eines nicht vergessen: Viele Filme, für die ich heute gefeiert werde, waren damals totale Flops, die kaum jemand anschauen wollte. Mit dem Geschmack der Kinozuschauer verhält es sich ähnlich wie mit dem Essen: Fütterst du die Menschen mit Spaghetti und Tomatensauce, dann sind sie zufrieden. Servierst du ihnen aber etwas Neues, Fremdes, dann bleiben sie reserviert. Erst Jahre später denken sie vielleicht: Das war eigentlich nicht so übel.

Sind Sie selbst stets sicher, was die Qualität Ihrer eigenen Arbeit betrifft?

Nein, im Gegenteil: Ich ringe ständig mit dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Das geht aber fast allen Künstlern so. Auch Barbra Streisand hat noch vor jedem Auftritt Panikattacken. Ich weiß inzwischen, wie ich mich austricksen kann: Wenn ich etwas geschrieben habe, drehe ich die Seite gleich um und sehe sie vorerst nicht mehr an, denn sonst würde ich sie vermutlich sofort vernichten. Erst am nächsten Morgen lese ich, was ich zu Papier gebracht habe – und dann finde ich es oft gar nicht schlecht.

Was ist die wichtigste Lektion, die Sie bei Ihrer Regiearbeit gelernt haben?

Dass man Geduld haben muss. Dass man den Dingen Zeit zum Reifen geben sollte. Wenn Sie zum Beispiel eine Filmszene einrichten, dürfen Sie nicht so dumm sein zu glauben, sie würde auf Anhieb so funktionieren wie die berühmtesten Momente der Filmgeschichte. Man zieht ja auch einen Kuchen nicht schon nach einer Minute Backzeit aus dem Ofen und flucht: „Mist, misslungen!“ Ruhig Blut! Gib der Szene eine Chance. Und vor allem: Hab ein offenes Ohr für die Vorschläge deiner Darsteller und Crew-Mitglieder. Als junger Regisseur war ich geradezu taub gegenüber Anregungen von außen und glaubte, alles besser zu wissen. Ein großer Fehler! Jeder gute Film lebt von der Teamarbeit. Kollaboration ist die Kopulation der Künstler.

Was ist für Sie das Entscheidende bei der Schauspielerführung?

Dazu habe ich eine ganz einfache Theorie entwickelt. Jedes denkbare Problem mit einem Schauspieler – sei es, dass er penetrant zu spät kommt oder permanent zugedröhnt ist, ständig seinen Text vergisst oder andauernd herumbrüllt – geht auf ein und dieselbe Ursache zurück: Er hat Angst. Das betrifft ausnahmslos alle Akteure. Sogar Marlon Brando hat mal zu mir gesagt: „Glaubst du etwa, ich hätte keinen Schiss?“ Sobald man einem Darsteller diese Furcht nimmt, sein Selbstbewusstsein stärkt und ihn spüren lässt, dass man wirklich an ihn glaubt, wird man keine Probleme mit ihm haben.

Wie arbeiten Sie mit Ihren Darstellern? Geben Sie ihnen detaillierte Anweisungen?

In der Regel lasse ich sie einfach ihren Job machen. Aber das hängt vom Einzelfall ab. Jeder Schauspieler ist anders. Robert Duvall mag zum Beispiel eine Szene höchstens ein bis zwei Mal wiederholen – danach verliert er die Lust und die Konzentration. Warren Beatty hingegen würde jede Szene am liebsten fünfzig Mal spielen: Er wird von Mal zu Mal besser. Einer meiner größten Albträume ist es, dass ich irgendwann mit den beiden eine gemeinsame Szene drehen muss. Ich bin immer wieder fasziniert von der Spezies der Schauspieler: Sie können stundenlang von ihren Lieblingsszenen schwärmen, doch sobald die Kamera läuft, finden sie plötzlich tausend Ausreden – weil sie Angst haben. Man muss tricksen, um sie zum Spielen zu bringen.

Wie machen Sie das?

Mit Improvisationsübungen. Ich bestehe immer auf mindestens einwöchigen Proben vor dem Dreh. Da probe ich aber nicht den Drehbuchtext, denn der sollte ja vor der Kamera möglichst frisch und spontan wirken. Stattdessen sorge ich dafür, dass sich die Darsteller langsam in ihre Filmfiguren verwandeln. Bei „Tetro“ habe ich beispielsweise eine Kostümparty veranstaltet, bei der jeder in einer Verkleidung erscheinen musste, die seine Filmfigur ausgesucht hätte.

Und bei „Der Pate“?

Da waren wir alle nervös wegen Marlon Brando. Jeder bewunderte ihn – und das konnte ich für meinen Film nutzen. Napoleon hat mal gesagt: „Verwende alle Waffen, die dir zur Verfügung stehen.“ Genau das sollte auch ein Regisseur tun. Also lud ich die Darsteller beim ersten Treffen zum Essen ein – in den Nebenraum eines Restaurants, den ich gemietet und wie für eine Familienfeier hergerichtet hatte. Ich ließ Marlon Brando am Kopfende des Tisches Platz nehmen, Al Pacino zu seiner Rechten, James Caan zu seiner Linken und so weiter. Meine Schwester servierte das Essen, und nach kürzester Zeit benahmen sich alle wie ihre Filmfiguren: James Caan versuchte, Brando mit Witzen zu beeindrucken. Und Al Pacino versuchte, Brando mit Coolness zu beeindrucken.

Sitzen Sie bei Familienfeiern auch immer am Kopfende wie Marlon Brando in Ihrem Film? Sind Sie der Pate der Familie Coppola?

Nein. Ich bin eher wie ein Kind. Natürlich freue ich mich über den Respekt, den mir meine Familienmitglieder entgegenbringen. Aber niemand behandelt mich wie den großen Zampano. Das würde ich auch gar nicht wollen. Mir ist es lieber, wenn man mich als guten Freund betrachtet.

Ihre Kinder sind ebenfalls ins Filmbusiness geraten: Gian-Carlo als Produzent, Roman und Sofia als Autoren und Regisseure. War das in Ihrem Sinne?

Ja, absolut. Ich bin sehr stolz auf sie. Sie sind ja quasi an Filmsets aufgewachsen: Ich habe sie überallhin mitgenommen. Sogar in den zwei Jahren, in denen ich auf den Philippinen „Apocalypse Now“ drehte, durften sie mich begleiten. Wir waren wie eine Zirkusfamilie, die umherzieht und ihrem Nachwuchs beibringt, wie man am Trapez überlebt.

Stimmt es, dass Sie die Geburt Ihrer Tochter gefilmt haben?

Ja. Man hatte mir erlaubt, dabei zu sein und eine Kamera mitzubringen. Ich war felsenfest davon überzeugt, einen Sohn zu bekommen, denn in unserer Familie gab es eigentlich immer nur Jungs. Doch plötzlich sagte der Arzt: „Es ist ein Mädchen.“ Daraufhin ließ ich vor lauter Freude und Aufregung beinahe die Kamera fallen. Rund zehn Wochen später hatte Sofia schon ihren ersten richtigen Filmauftritt: Sie ist das Baby, das gegen Ende von „Der Pate“ getauft wird.

Sie sagten am Beginn unseres Gesprächs, Sie würden auf Ihrem Sterbebett nicht jammern. Was haben Sie stattdessen vor?

Ich glaube, wenn es für mich Zeit zum Sterben ist, dann sage ich: „Was für ein interessantes Leben ich doch hatte! Ich durfte als Filmemacher arbeiten, hatte eine wunderbare Frau und wunderbare Kinder, ich habe viel Geld verloren und wieder gewonnen, ich bin erfolgreich ins Winzergeschäft eingestiegen...“ All diese schönen Erinnerungen werde ich an mir vorbeiziehen lassen. Und wenn ich dann sterbe, werde ich es gar nicht bemerken.

Zur Person

Francis Ford Coppola wird am 7. April 1939 als Sohn eines Musikers und Komponisten in Detroit geboren.

Nach einem Theater- und Filmstudium arbeitet er zunächst für den Produzenten Roger Corman, der ihm unter anderem seinen Debütfilm „Dementia 13“ ermöglicht. 1972 gelingt Coppola mit der Verfilmung des Mario-Puzo-Romans „Der Pate“ ein Welterfolg; 1974 und 1990 erweitert er sein Mafia-Epos zu einer Trilogie. Mit Filmen wie dem Abhördrama „Der Dialog“ (1974) oder der Vietnam-Vision „Apocalypse Now“ (1979) festigt er seinen Ruf als einer der bedeutendsten Regisseure der Gegenwart.

Fünf Mal wird Coppola mit dem Oscar ausgezeichnet, zwei Mal mit der Goldenen Palme von Cannes. Nach einer längeren Pause dreht er von 2007 an kleine persönliche Filme wie „Youth Without Youth“ (2007) und „Tetro“ (2009).

Seit 1963 ist er mit Eleanor Coppola verheiratet. Das Paar hat drei Kinder.

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

Quelle: F.A.Z.
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