Gleichberechtigung

Frühjahrsoffensive der Teilzeitamazonen

Von Melanie Mühl
 - 09:06
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Die Spielplatzsaison hat begonnen. Das bedeutet, dass man nun wieder ganz entspannt beobachten kann, wie Mütter einander zwischen Rutschen, Klettergerüsten und Schaukeln bekriegen, während ihr Nachwuchs glucksend im Sandkasten buddelt. Inmitten der vermeintlichen Idylle hört man Sätze wie: „Was, deine Kleine kann noch nicht sprechen? Mach dir keine Sorgen, das kommt schon noch.“ Oder: „Nette Latzhose, H & M? Ich finde ja die Kinderboutique um die Ecke großartig.“ Vollzeitmütter treten gegen Karrieremütter an, Öko-Mamis gegen Fertignahrung-Mamis, gestylte Mütter gegen ungestylte Mütter, Frühgebärende gegen Spätgebärende.

Kinder sind bekanntlich Statussymbole. Je wohlgeratener, talentierter, niedlicher sie sind, desto besser kann man sie der Öffentlichkeit vorführen. Manche tun das, als handele es sich um den kürzlich erworbenen Sportwagen. Die Botschaft: Schaut her, ich bin eine perfekte Mutter! Für dieses Phänomen gibt es eine Bezeichnung, sie lautet „Mommy Wars“. Die Autorin Ayelet Waldman hat am eigenen Leib erfahren, wie man sich als Zielscheibe übler Beschimpfungen fühlt, nachdem sie in einem Artikel der „New York Times“ gestand, dass sie die erotische Transformation einer Mutter nicht durchlaufen habe und ihren Mann mehr liebe als ihre Kinder. In ihrem Buch „Böse Mütter“ schreibt Waldman: „Die Mütterpolizei war sofort zur Stelle. In den tiefsten Niederungen der Blog-Kommentarstränge verkündete sie, dass ich verrückt sei, bösartig und gefährlich, und dass man mir die Kinder wegnehmen solle . . . Die New-York-City-Spezialeinheit der Mütterpolizei, die Kampfzicken von UrbanBaby.com, schlugen ihre spitzen, kleinen Schneidezähne in meine Waden.“

„Was für eine Generation wird da herangezogen?“

Der Lieblingsfeind von Frauen sind Frauen. Das ist bekannt, doch es trat einem lange nicht so klar vor Augen wie im Moment. Frauen vernichten publizistisch die Lebensmodelle ihrer Geschlechtsgenossinnen, weil sie nicht ihrem eigenen Karrieredenken und Lebensstil entsprechen, sie stempeln sie als Liebesbesessene ab, unterstellen ihnen Mädchengetue, Naivität, Feigheit. Sie beschimpfen sie als dumm und unfähig, sobald sie es wagen, andere Werte als sie selbst zu vertreten, und nicht vor ihnen, den Kämpferinnen der Frauenbewegung, auf die Knie fallen. Sie lassen im Internet Hasstiraden los und beschimpfen auf Mama-Blogs Mütter, dass einem schwindlig wird.

Beim Thema Einsamkeit liest sich das zum Beispiel so: „Lieber einsam als mich mit oberflächlichen lifestyle Müttern rumplagen, denen ihre Kinder eine zu große Last bedeuten und die am liebsten jeden Tag bei irgendjemand deponiert werden! Tägliches Wehklagen über die ach so anstrengenden Kinder, welche aber ja nie wirklich zu Hause sind. Was für eine Generation wird da herangezogen? Mein Haus ist offen für die Freunde meiner Kinder, der Rest darf draussen bleiben! Ich bin ja keine Gratiskinderhütestelle! Leider braucht es immer noch keinen Ausweis um Kinder zu kriegen, bei den Hunden sind wir etwas weiter.“ Waldman verweist in ihrem Buch auf eine Untersuchung der Universität von Maryland, der zufolge Frauen im Internet fünfundzwanzig Mal öfter das Ziel von bösartigen Angriffen werden als Männer.

Die Bissigkeit der alten Fregatten

Auch im Berufsleben sind die Teilzeitamazonen sehr aktiv, nur schweigen die Frauen selbst lieber darüber, um dem Zickigkeitsvorwurf zu entgehen. Isabelle Kürschner von der Hanns-Seidel-Stiftung schreibt in einer Studie über Frauen in der CSU, dass sich die Diffamierungen häufig auf die persönlichen Lebensentwürfe bezögen, „ganz gleich, ob sich eine Politikerin für das Leben ohne Familie oder die Vereinbarkeit von Politik und Familie entscheidet oder noch so jung ist, dass sie noch keine diesbezügliche Wahl getroffen hat“. Selbstverständlich führen auch Alter und Aussehen zu Gefechten unter Frauen, auf dem Schulhof ist das früher nicht anders gewesen, nur dachte man - etwas naiv vielleicht -, diese Zeiten seien endgültig vorbei.

Eine der befragten CSU-Politikerinnen spricht „salopp“ von den „alten Fregatten“, die darauf aufpassten, dass keine jungen Frauen aufstiegen. Deren Bissigkeit bezeichnet eine Studie der Universität Cincinnati als „Queen Bee“-Syndrom, „Bienenköniginnen-Syndrom“. Nur eine ist die Königin; und die eine duldet keine zweite neben sich. Die könnte unter Umständen schlauer sein als sie, schöner, erfolgreicher. Dabei trifft die fehlende Solidarität untereinander Frauen besonders hart, weshalb manche körperlich leiden, an Depressionen, Magenproblemen, Schlaflosigkeit.

Windeln wechseln, statt in Meetings zu sitzen

Für Frauen, sagt Brigitta Wrede vom Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld, habe körperliche Attraktivität eine weitaus größere Bedeutung als für Männer, das drücke sich naturgemäß auch im Beruf aus. Wie welcher Kollege aussieht, ob seine Jeans sitzt oder die Frisur, fragen sich Männer in der Regel nicht. Für sie hat eine Epoche der Verunsicherung begonnen, der Boden, der sie trägt, ist wacklig geworden, und sie stabilisieren ihn, wo es geht. Auch deshalb vernetzen sie sich stärker, auf eine verbindlichere Art als Frauen, deren Zusammenschlüsse zwar häufig formelleren Charakter besitzen ( „Wir treffen uns an jedem ersten Montag im Monat“), aber gerade aus diesem Grund wirkungsloser bleiben. Es ist das Verschworene, das ihnen fehlt. Hinzu kommt, dass sich Männer in der Rolle eines Mentors durchaus wohl fühlen, Frauen eher unwohl. Natürlich geschieht es, dass erfolgreiche ältere Frauen jüngere Frauen fördern. Das ist allerdings die Ausnahme. Frauen, die die Fäden ziehen, bevorzugen eindeutig Männer. Das ist zum Beispiel in zwei sehr großen deutschen Verlagshäusern der Fall.

Dass Frauen gegeneinander in den Kampf ziehen, als hinge davon ihr Selbstverständnis ab, ist angesichts der Tatsachen absurd. Frauen verdienen im Durchschnitt 23 Prozent weniger als Männer. Sie tragen nach wie vor die größere Verantwortung für die gemeinsamen Kinder, mehr als achtzig Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen. Frauen verzichten der Familie zuliebe häufiger auf ihre Karriere als Männer, arbeiten in Teilzeit und wechseln Windeln, anstatt in Meetings oder Flugzeugen zu sitzen.

Sitzen sie doch in Meetings oder Flugzeugen, sind sie oft dauergestresst und geplagt von schlechtem Gewissen, weil das unzureichende Kinderbetreuungssystem die Doppelbelastung unmöglich auffangen kann. Die „neuen Väter“, die lebensferne Hochglanzfamilienmagazine wie „Nido“ ausstellen, verwandeln sich nach zwei Monaten Elternzeit wieder zurück in die alten Väter. Die viel gerühmte freie Gestaltungsmöglichkeit des eigenen Lebens erweist sich für Frauen mit Familienwunsch in der sozialen Wirklichkeit als Hohn. Sie können, überspitzt formuliert, zwischen Skylla und Charybdis wählen.

Familienfreundliche Arbeitszeiten?

Paradoxerweise wachsen Frauen immer noch mit dem Versprechen auf, gleichberechtigt zu sein. Während der Schulpausen spielen sie mit den Jungs Fußball, in naturwissenschaftlichen Fächern schneiden sie genauso gut ab, und später sind sie überzeugt, emanzipierte Beziehungen zu führen, weil ihre Partner das Geschirr abwaschen. Würde man irgendeinen Mann auf der Straße fragen, ob Frauen für dieselbe Arbeit dasselbe Geld verdienen sollten, er würde sagen: definitiv ja. Doch spätestens in der Universität müsste Frauen auffallen, dass die Gleichberechtigung ein Mythos ist. Die Frauen dort sitzen neben ihnen, im Sekretariat oder geben in der Mensa Essen aus. Sie reinigen auch die Vorlesungssäle. Professorinnen aber begegnet man in etwa so häufig wie einem Panther im Zoo.

Trotzdem erliegen viele Frauen weiterhin der Selbstsuggestion, die Zukunft gehöre ihnen, schließlich hören sie das allenthalben und verinnerlichen es gern. Es lebt sich angenehm in der Illusion - zumindest bis zum ersten Schock, dem Eintritt ins Berufsleben. Mit diesem Augenblick wird es geradezu unmöglich, die Tatsachen nach wie vor beiseite zu wischen. Die gläserne Decke ist tatsächlich keine Erfindung gewesen, die Männerbünde sind es auch nicht. Die Arbeitswelt, die größtmögliche Flexibilität fordert, wehrt sich selbst mit aller Kraft dagegen, wenn es um familienfreundliche Arbeitszeiten geht. Einen Vorstandsposten mit zwei Halbtagsstellen besetzen? Unmöglich. Die Arbeit größtenteils von zu Hause aus erledigen? Ein Freibrief für Schlawiner.

Warum haben die Proteste keine Wucht?

Den zweiten Schock versetzt vielen Frauen dann die Familiengründung. Die Rede von der Vereinbarkeit entpuppt sich bald als Lüge, denn in Wahrheit addiert man laufend Dinge und setzt Prioritäten. Das Leben mit Kindern ist nicht so spielerisch, wie es einem Ursula von der Leyen, als sie noch Familienministerin war und beschwingt durchs Land reiste, vorgespielt hatte. Darüber ist Jana Hensel, Autorin des Buchs „Zonenkinder“, derart erschrocken, dass sie in der „Zeit“ einen Artikel unter der Überschrift „Unglück im Glück“ veröffentlicht hat. Darin heißt es: „Früher war man jung und schön, cool und lässig, spontan und unabhängig. Mit großer Mühe schuf man sich ein Leben, in dem man sich treiben lassen und unterwegs sein konnte, in dem man sich nicht festlegen musste. Und lange dachte man, das würde auch mit Kindern weiter so gehen.“ Man liest die Sätze ein zweites Mal - und fragt sich, ob sie wirklich meint, was sie schreibt, ob sie je geglaubt hat, dass Kinder irgendetwas anders sein könnten als eine Festlegung?

Mittlerweile dürfte jeder mitbekommen haben, dass Frauen auch im Jahr 2011 noch auf der Seite der Diskriminierten stehen. Also, denkt man, müsste Folgendes passieren: ein Schulterschluss. Wütende, nicht endende Proteste. Ständiges Netzwerken. Leitartikel. All das geschieht zwar, aber nichts, gar nichts davon hat Wucht. Stattdessen tragen Frauen am „equal pay day“, jenem Tag Mitte April, der auf die ungerechte Bezahlung der Geschlechter aufmerksam machen soll, rote Taschen, und Magazine stellen in peinlichen Sondernummern die erfolgreichsten Powerfrauen Deutschlands vor, die ihre Erfolgsgeheimnisse verraten wie Models ihre Beautytricks. Und jetzt soll die Frauenquote für Gleichberechtigung sorgen? Eine putzige Idee.

Weibliche Angriffslust

Aber weshalb bilden Frauen keine Front? „Sich als Geschlechtergruppe zu empfinden, würde voraussetzen, dass man sich mit den diskriminierenden Bedingungen, in denen sich Frauen heutzutage immer noch befinden, auseinandersetzt und das zur Grundlage macht, um mehr Solidarität zu zeigen und gemeinsam für das Gleiche zu kämpfen“, sagt Birgitta Wrede. Frauen hätten aber oft überhaupt keine Lust, sich der Realität zu stellen. Das hieße nämlich zu akzeptieren, dass man doch nicht automatisch auf der Gewinnerseite steht, dass sich nicht jeder Traum erfüllen lässt und Lebensentwürfe vielleicht revidiert werden müssen. Die Enttäuschung darüber, dass die Welt nach anderen Gesetzen als gedacht funktioniert, ist offenbar so groß, dass sich die weibliche Angriffslust hauptsächlich gegen das eigene Geschlecht richtet.

Man verteidigt sein Lebensmodell, auch vor sich selbst, als sei es das einzig Wahre, das einen glücklich macht. Als ginge es um richtig oder falsch, um gewinnen oder verlieren, nicht um unterschiedliche Lebenswege. Dass einen auch die Macht des Faktischen überrollt hat, muss kein Unglück sein. Im Gegenteil. Die Entscheidung hat am Ende schließlich jeder selbst getroffen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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