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Im F.A.Z.-Gespräch

Wären Sie ein guter Spion, Mister De Niro?

Von Marco Schmidt
 - 10:13
Was zum Teufel macht er heute wieder mit diesem berühmten Gesicht? Robert de Niro Bild: dpa, F.A.Z.

Na, wie fühlt man sich so als lebende Legende?

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Oh, ich kann Ihnen sagen, das ist verdammt hart. Jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel sehe, denke ich: Was zum Teufel mache ich heute wieder mit diesem berühmten Gesicht? (lacht)

Und was denken Sie, wenn Sie heutzutage die alten Filme sehen, mit denen Sie berühmt wurden?

Ach, die habe ich mir schon ewig nicht mehr angeschaut. Seit langem plane ich, mir mal einen ganzen Monat frei zu nehmen und alle meine Filme in chronologischer Reihenfolge anzugucken – um zu sehen, was sie heute in mir auslösen und was ich in Zukunft vielleicht noch verbessern könnte. Das bin ich mir eigentlich schuldig. Aber ich finde dafür einfach keine Zeit.

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Glauben Sie, dass Sie im Laufe der Jahre besser geworden sind?

Ich habe gelernt, ökonomischer zu arbeiten. Weniger ist oft mehr, das merken Sie vor allem, wenn Sie andere Leute genau beobachten. Meistens ist mit feinen Nuancen schon alles gesagt. Man muss gar nicht dick auftragen.

Früher haben Sie für Ihre Rollen auch Ihr Aussehen radikal verändert: Für „Wie ein wilder Stier“ haben Sie sich etwa sechzig Pfund angefressen und wieder heruntergehungert. Wären Sie heute zu ähnlichen Opfern bereit?

In meinem Alter wäre ich dazu gar nicht mehr in der Lage. Ich habe es damals gemacht, um die Figur möglichst authentisch verkörpern zu können. Aber ich kann das wirklich keinem Schauspieler empfehlen. Es ist eine höchst ungesunde Prozedur.

Achtmal haben Sie bislang mit dem Regisseur Martin Scorsese gearbeitet. Sie beide sind in derselben Nachbarschaft in Manhattan aufgewachsen. Sind Sie auch privat befreundet?

Nein. Aber beruflich bilden wir einfach ein wunderbares Team. Ich möchte unbedingt noch zwei weitere Filme mit ihm drehen, damit wir wenigstens auf zehn gemeinsame Projekte kommen. Dabei unterscheiden wir uns eigentlich in ein paar wichtigen Punkten.

Inwiefern?

Während Marty mit der expliziten Darstellung von Gewalt in seinen Filmen kein Problem hat, sehe ich persönlich im Kino nicht so gern Blut und Mord und Totschlag. Und im Gegensatz zu mir interessiert er sich als gläubiger Katholik besonders für die religiösen Untertöne einer Geschichte. Abgesehen davon ist er genauso, wie ich mir einen Regisseur wünsche: offen für gute Ideen, aber mit einem klaren Konzept. Notfalls lenkt er dich sanft und souverän in die gewünschte Richtung.

Hat er Sie in Ihrer eigenen Arbeit als Regisseur am meisten beeinflusst?

Auf jeden Fall habe ich mir von ihm eine Menge abgeschaut. Aber ich habe schon immer versucht, am Set alles aufzusaugen und genau zu beobachten, wie der jeweilige Regisseur an die Arbeit herangeht. Schwer beeindruckt war ich zum Beispiel von Michael Mann, mit dem ich „Heat“ gedreht habe: Er wusste exakt, was er wollte. Schon in den Proben hatte man das Gefühl, an etwas Besonderem teilzuhaben. Ich werde nie vergessen, wie perfekt etwa der Bankraub im Film konzipiert, einstudiert und ausgeführt wurde.

Das heißt, seitdem könnten Sie jederzeit erfolgreich eine Bank ausrauben?

Ja, absolut! (lacht)

Sie gelten als großer Verwandlungskünstler, haben mehrmals CIA-Agenten gespielt und mit „Der gute Hirte“ einen Film über die Welt der Geheimdienste inszeniert. Glauben Sie, dass Sie auch ein guter Spion wären?

Nein, ich glaube nicht, dass ich das Zeug zum Geheimagenten hätte. Ich kann mich für die Spionage ebenso begeistern wie für bestimmte Sportarten. Das heißt aber nicht, dass ich selbst gern ein Spion wäre oder diese Sportarten betreiben wollte – geschweige denn, dass ich das nötige Talent mitbrächte. Ich finde bloß, dass die Welt der Agenten eine Menge faszinierender Filmstoffe bietet.

Sie haben in „Der gute Hirte“ auch eine wichtige Nebenrolle übernommen. Gab es beim Dreh manchmal Streit zwischen dem Schauspieler De Niro und dem Regisseur De Niro?

Ich reiße mich nicht darum, mich selbst zu inszenieren. Denn dazu fehlt mir der objektive Blick, und ich werde unsicher. Wenn ich eine Szene gespielt habe, frage ich hinterher immer den Kameramann, ob er mich glaubwürdig fand. Als Schauspieler hätte ich dann oft gern noch ein paar Versuche, aber als Regisseur will ich den Betrieb nicht so lange aufhalten. Eigentlich habe ich mich damals nur breitschlagen lassen, die Rolle selbst zu spielen, weil ich meine Gage direkt wieder in den Film stecken konnte.

Wie gehen Sie beim Inszenieren mit der Tatsache um, dass Sie für viele Ihrer Darsteller eine Ikone sind?

Ich bin froh darüber. Das ist ja der Grund, weshalb ich meine Wunschkandidaten bekommen und die Filme finanzieren kann. Wenn die Schauspieler nicht auf ihre Gagen verzichten würden, dann kämen meine Projekte nie zustande. Und sollte sich tatsächlich mal jemand anfangs von mir einschüchtern lassen, dann legt sich das spätestens nach ein paar Tagen der Zusammenarbeit.

Wie arbeiten Sie als Regisseur mit Ihren Schauspielerkollegen?

Ich versuche, ihnen die größtmögliche Freiheit zu lassen. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass das Casting entscheidend ist. Wenn Sie die richtigen Leute für die Rollen gefunden haben, dann ist Ihr Job als Regisseur zu neunzig Prozent erledigt. Am Set müssen Sie dann nur noch für eine Arbeitsatmosphäre sorgen, in der die Akteure sich wohl fühlen. Aus Erfahrung weiß ich, dass alle Darsteller ständig unter Druck stehen. In Hollywood herrscht nämlich ein eisernes Gesetz: Du musst besser sein als die anderen. Dazu kommt, dass die meisten guten Schauspieler ein großes Ego haben.

Auch Ihnen haftet der Ruf an, dass Sie es als Akteur den Regisseuren oft nicht leicht gemacht haben . . .

Wirklich? Ich finde gar nicht, dass ich schwer zu handhaben bin. Meine Philosophie war schon immer simpel und eindeutig: Es ist kompliziert genug, einen Film zu drehen – da sollte man sich gegenseitig nicht noch zusätzliche Schwierigkeiten bereiten. Persönliche Probleme haben also am Set nichts verloren, die lässt man gefälligst zu Hause. Ich war nie einer von jenen Stars, die einem Regisseur ohne Grund das Leben zur Hölle machen. Wenn ich allerdings fand, dass etwas in die falsche Richtung lief, dann habe ich diese Meinung auch geäußert.

Sie haben eine ganze Generation von Schauspielern inspiriert. Wer aber waren Ihre eigenen Vorbilder?

Marlon Brando, Montgomery Clift und James Dean. Brando hat mich sogar mal auf seine Insel im Südpazifik eingeladen, und ich durfte dort eine Zeitlang mit ihm verbringen. Ein kluger Kerl. Er hat mir einige gute Ratschläge gegeben.

Was hat er denn gesagt?

Das verrate ich niemandem. Ich kann Ihnen nur so viel sagen: Wir haben nicht ein einziges Wort über Schauspielerei gesprochen.

Gab es für Sie je eine Alternative zum Darstellerberuf?

Nein. Ich wollte nie etwas anderes machen und wusste schon mit zehn Jahren, dass ich Schauspieler werden wollte. Als Teenager fing ich dann an, die Sache ernsthaft zu betreiben. Ich absolvierte diverse Schauspielkurse und bewarb mich bei verschiedenen Theatern in New York. Schon bald kamen die ersten Rollen, eine nach der anderen. Ich schätze, ich hatte einfach Glück.

In den vergangenen Jahren haben Sie einen Hang zu Komödien entwickelt.

Erstaunt Sie das etwa? Ich finde, dass auch „Taxi Driver“ durchaus seine witzigen Momente hatte. Humor und Ironie haben für mich stets eine große Rolle gespielt. Schon meine Mutter meinte immer, ich hätte einen guten Sinn für Humor. Schade, dass sie meine Komödien nicht mehr erleben konnte. Sie hätten ihr sicher gefallen.

Viele Ihrer Kollegen behaupten, Komödien bedeuteten oft härtere Arbeit als Dramen.

Das empfinde ich anders. Ich genieße es sehr, dass ich bei den Dreharbeiten ein bisschen Spaß haben darf, anstatt dauernd Leute umbringen zu müssen. In Komödien kann ich viel freier agieren und Dinge ausprobieren, die in einem Drama nie möglich wären.

Haben Sie sich deshalb entschlossen, auch im dritten Aufguss von „Meine Braut, ihr Vater und ich“ wieder mitzuwirken?

Seien wir ehrlich: Die Filme dieser Serie sind Selbstläufer. Sie räumen an der Kinokasse ab, auch wenn sie von den Kritikern verrissen werden. Ich finde, man sollte einfach das Beste aus der Situation machen. Das Geld, das ich mit diesen Filmen verdiene, kann ich wieder in engagierte Projekte investieren.

Dennoch werden sich viele Fans fragen: Wann dreht Robert De Niro endlich wieder einen Film, mit dem er uns so richtig umhaut?

Glauben Sie mir: Ich selbst wünsche mir nichts sehnlicher als das. Aber so etwas lässt sich leider nicht planen oder steuern. Beispielsweise hätte damals niemand von uns gedacht, dass „Taxi Driver“ ein solcher Erfolg würde. Mein berühmter Monolog, auf den ich bis heute immer wieder auf der Straße angesprochen werde, war sogar über weite Strecken einfach improvisiert – aber irgendwie hat er einen Nerv getroffen. In den vergangenen Jahren habe ich einige Filme gedreht, von denen ich hoffte, sie würden das Publikum berühren, etwa „Everybody’s Fine“, der mir sehr am Herzen lag.

Darin spielen Sie einen Familienvater, der darunter leidet, dass seine Kinder ihre Probleme immer nur der Mutter erzählen. Sie selbst haben fünf Kinder. Kommen die mit ihren Problemen zu Ihnen?

Manchmal. Jedenfalls ermutige ich sie dazu. Ich sage zu ihnen: „Was immer ihr mir erzählt, ihr könnt mich damit nicht schockieren.“ Und ich verspreche ihnen, dass ich keinesfalls wütend auf sie würde. Aber leider bin ich als Vater trotzdem oft der letzte Mensch, der gewisse Dinge erfährt.

Wie sehr engagieren Sie sich denn im Haushalt? Machen Sie ab und zu den Abwasch?

Es kommt gelegentlich schon vor, dass ich mal eine Tasse ausspüle. Und bisweilen fülle ich die Kaffeemaschine auf. Das hat für mich sogar eine gewisse therapeutische Wirkung.

Sind Ihre potentiellen Schwiegersöhne ebenso von Ihnen eingeschüchtert wie Ben Stiller in den „Meine Braut . . .“-Filmen?

Keine Ahnung. Anfangs vielleicht. Doch eigentlich kann man mit mir ganz gut auskommen. Ich bin zwar ein fürsorglicher Vater, aber beileibe nicht so ein fanatischer Typ wie Bens Schwiegerpapa im Film.

Was ist der wichtigste Ratschlag, den Sie Ihren Kindern mit auf den Weg geben können?

Nutzt eure Zeit! Als ich noch jung war, hatte ich mir vage vorgenommen, dieses und jenes noch zu machen, später, irgendwann, eines Tages . . . Doch kaum hatte ich einmal geblinzelt, da waren vierzig Jahre verflogen. Ich kann also nur raten: Wenn ihr etwas wirklich tun wollt, dann tut es jetzt! Wartet nicht!

Zur Person

Robert De Niro wird am 17. August 1943 in New York City als Sohn eines Künstlerehepaares geboren.

Er gilt als einer der besten Akteure aller Zeiten. Diesen Ruf erwirbt er sich schon bald nach dem Schauspielstudium in seiner Heimatstadt mit Filmen wie „Taxi Driver“ (1976), „Der Pate - Teil 2“ (1974) und „Wie ein wilder Stier“ (1980). Für die beiden letztgenannten Filme gewinnt er jeweils einen Oscar.

Mit den Spielfilmen „In den Straßen der Bronx“ (1993) und „Der gute Hirte“ (2006) macht er sich auch als Regisseur einen Namen.

Seit 1997 ist Robert De Niro in zweiter Ehe mit der ehemaligen Stewardess Grace Hightower verheiratet.

Vom 23. Dezember 2010 an ist er in der Komödie „Meine Frau, unsere Kinder und ich“, dem dritten Teil einer erfolgreichen Komödienserie, in deutschen Kinos zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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