Im Gespräch: Dieter Wieland

Wie kaputt ist unser Grün heute, Herr Wieland?

 - 15:17

Ihren legendären Kampf gegen die Krüppelkoniferen haben Sie gewonnen.

Sie wurden damals zu Tausenden geschreddert, was mir schon fast leid tat. Aber sie sind wieder im Kommen. Ich denke, die Umweltminister werden hohe Bäume verbieten, weil sie die Solaranlagen beschatten.

Im Ernst: Es ist nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima eine Diskussion in Gang gekommen, in der sich viele Argumente wiederholen. Frühe Grüne wie Sie müssen sich bestätigt fühlen.

Wir waren schon einmal an einem Ende angekommen, jetzt sind wir wieder an der gleichen Stelle. Dass das jetzt plötzlich wieder aktuell wird, ist besonders langweilig für einen, der das vor vierzig Jahren schon gesagt hat. Man fühlt sich überrumpelt. Es ist schwierig, wenn man seiner Zeit zu weit voraus ist. Das bringt keine Auflage.

Sie kokettieren. Mehr Wirkung als Sie kann man als Fernsehjournalist kaum entfalten.

Das war damals schon ein Glücksfall, wenn jemand am Sonntag um 19 Uhr eine Sendung eingeschaltet hat, in der man angenehme Heimatgeschichten erwartete – und dann kam plötzlich eine kalte Dusche. Zu viel Wahrheit, die man gar nicht wissen wollte. Nach 1989 wurde Deutschland völlig umgedreht. Recht bekommen haben die, die das große Geld machen wollten. Ich kann mich noch gut erinnern, als der Etat des Bundesverkehrsministers gerade ausreichte, um die Reparaturen des Autobahn- und Bundesstraßennetzes zu bezahlen. Jetzt reparieren wir bereits die Straßen der deutschen Einheit. Und sind immer noch dabei, durch schönste Landschaften wie das oberbayerische Isental Autobahnen zu planen. Die Bürgerinitiativen tragen nach dreißig Jahren graue Bärte. Sie werden am Ende von den Gerichten gekippt, denn rechtlich stimmt alles. Warum soll man also diese Autobahn nicht bauen? Sollten die Fledermäuse wirklich Schaden erleiden, baut man eben für hundert Millionen noch einen Tunnel. Wir sind reich geworden durch Naturzerstörung. Wir machen weiter. Wie wollen Sie so eine Geldmaschinerie aufhalten?

Die Zersiedelung geht ungebremst weiter. Warum tun die Deutschen so als hätten sie Landreserven wie die Amerikaner?

Wir haben keinen Städtebau, keine Städteplanung, keine Siedlungspolitik. Vor vierzig Jahren, als Max Streibl der erste Umweltminister eines Bundeslandes war, hieß es in Bayern: Entwicklung nur entlang der Eisenbahn. Das genaue Gegenteil ist passiert, die Wirtschaft hat sich entlang der Autobahnen angesiedelt. So ist das ganze Land einfach dem Auto überlassen worden. Politische Lenkung sieht anders aus. Dabei gab es viele Jahrhunderte, in denen man in Europa Städte projektierte, wie sie sein sollten, auch wenn die Bevölkerung noch gar nicht da war.

Dazu zählen etwa Landshut und Regensburg. Beide Städte sähen heute ohne Ihren Kampf für Denkmalschutz anders aus.

Ich bin in Landshut aufgewachsen und hänge sehr an der Stadt. Die Folgen der Zersiedelung sind auch dort massiv. Noch dazu hat die Stadt finanziell nichts davon, weil die Gewerbegebiete den Randgemeinden gehören. Historisch gesehen ist Landshut ein gutes Beispiel dafür, wie es anders ginge. Die Freyung wurde 1338 als Stadtteil angelegt, der ausschließlich Neubürgern vorbehalten war, zehn Jahre Steuerbefreiung inklusive. So hat man immer wieder die Stadt erweitert, aber mit genau bemessenen Grundstücksgrößen. Da gab es jemand, der sagte, wie es werden soll. Heute überlassen wir alles der Entscheidung des Marktes. So verurteilt man aber Leute, zwei bis drei Stunden im Auto zu sitzen, weil die Politik unfähig ist, eine Stadt für Familien anzubieten.

Der Zuzug hält aber trotzdem an, auch wenn es Familien aus der Stadt treibt.

Aber das ganze Umland ist voller Pendler, die man durch den Preisdruck aus München hinausgejagt hat, weil es keinen bezahlbaren Wohnraum gibt. Pendler im Stau. Und die Bahn bringt es seit vielen Jahrzehnten nicht fertig, zum Beispiel auf dieser irrsinnig frequentierten Pendlerstrecke nach Osten, nach Mühldorf, ein zweites Gleis zu bauen. Unser Eisenbahnnetz stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert. Jetzt lässt man in der Fläche – die wenigen ICE-Strecken ausgenommen – ein grandioses Verkehrssystem verrotten. Derweil sind unsere Politiker auf Dienstwagen fixiert. Wenn man mit 250 Kilometern in der Stunde von München nach Würzburg donnert und dabei den Ministerpräsidenten Seehofer beinahe in einen tödlichen Unfall verwickelt, zeigt das nur, dass man solche Termine nicht machen darf: Wir müssen anders rechnen lernen.

Mobilitätskonflikte haben Konjunktur: „Stuttgart 21“ hat Baden-Württemberg gespalten. Wie stehen Sie zu diesem Neubauprojekt?

Mich ärgert, dass man in einem Bahnhof, der zu den schönsten gehört, die jemals gebaut wurden, einfach zur Baustellenvorbereitung einen Flügel abreißt. Diese Methode kennen wir in Bayern allerdings gut. Die großen Projekte – wie der Bau der Staatskanzlei im Münchner Hofgarten Mitte der achtziger Jahre – werden einen Tag vor Ferienbeginn öffentlich gemacht. Seinerzeit unter einem fadenscheinigen Titel, das hieß „Bauvorhaben Karl-Scharnagl-Ring 31“. Juristisch einwandfrei, aber das war der Platz uralter Freiheit, an dem der Bürger seinem Fürsten begegnen konnte, ohne vor ihm in den Staub fallen zu müssen. Dass es ausgerechnet dort Polizei und Überwachungskameras geben sollte! Aber da war nichts zu machen. In Stuttgart hat man die Bürger auch nicht beteiligt, am liebsten hätte man die Proteste niedergeknüppelt. Wenn sich eine Minderheit von zu intellektuellen Leuten aufregt, wird das von der Politik ignoriert, weil sie das Wahlergebnis nicht bedrohen. Ich habe das Umsteigen in Stuttgart seit der Kindheit geliebt. Echtes Großstadt-Theater.

Die Bahn argumentiert mit dem Zeitgewinn.

Auf einer Strecke, die mir gar nicht so wichtig erscheint. Wer fährt denn von Paris nach Budapest? Das erinnert mich an den Rhein-Main-Donau-Kanal.

Ihre Sendung über den Bau dieser Wasserstraße ist unvergessen. Dennoch müssten Sie heute Ihre Bewertung ändern: Der Kanal gilt ökonomisch und ökologisch als erfolgreich.

Wer sagt denn so etwas?

Das meldet die Staatsregierung jedes Jahr.

Bestimmte Strecken, auf denen man nicht durch drei Schleusen muss, sind von Freizeitkapitänen befahren. Aber in Nürnberg sagt man immer noch eher „Hoi, a Schiff“, statt „Schiff ahoi“. Im Ernst: Ich halte das für Propaganda. Der Kanal tut seine Wirkung als Wasserversorgungsröhre. Das Wasser von Donau und Altmühl wird nach Nürnberg gepumpt, weil es dort zu wenig Niederschläge gibt. Aber ich gebe zu: Man hatte gute Landschaftsarchitekten. Der Naturschutz ist immer im Nachteil, denn wenn er ein Projekt kippen kann, bleibt alles, wie es ist. Dann gibt es Gott sei Dank nichts, was man herzeigen könnte. Aber wer weiß noch nach zwanzig Jahren, was für ein Paradies das Altmühltal einmal war? Sie müssen alte Postkarten und Bildbände sammeln, um sich klarzumachen, wie unsere Landschaft einmal ausgesehen hat. Der Schutzgedanke ist heute völlig vergessen. Sogar der Bund Naturschutz befürwortet die Errichtung von Windrädern in Landschaftsschutzgebieten.

Sie sind nach dem Fall der Mauer unverzüglich in den Osten gefahren, weil Sie verhindern wollten, dass die im Westen gemachten Fehler wiederholt werden. Das hat aber nicht geklappt?

Ich bin wahnsinnig enttäuscht. Die Neu-Errichtung des deutschen Ostens ist kläglich danebengegangen. Arbeitsplätze wurden abgewrackt, statt neue Betriebe zu schaffen. Halle, Merseburg, Naumburg – es ist trostlos, wie viel Leerstand es dort gibt. Die Leute fahren alle in die Riesenmöbelhäuser an den Autobahnkreuzen. Die Gewerbegebiete haben Größen, die man sonst nur in Kalifornien sieht. Dort haben wir erlebt, wie innerhalb weniger Jahrzehnte eine paradiesische Küste zugebaut wurde.

Der Primat der Ökonomie.

Ich sehe heute die Politik in der Hand der Wirtschaft. Es wird immer gesagt, wie wichtig der Mittelstand ist, aber in Wahrheit werden nur die großen Unternehmen gefördert, weil die ein unglaubliches Risiko mit sich bringen: Wenn 30 000 Arbeitsplätze bedroht sind, ist das eine Gefahr für einen Bürgermeister oder einen Abgeordneten. Wenn ein Zehn-Mann-Betrieb nicht mehr weiterkann, kümmert das niemanden. Der Steuerzahler muss eine Industrie unterstützen, der der Nachwuchs fehlt, weil sie keinen ausgebildet hat. Wir importieren Arbeitskräfte und tragen alle Folgelasten. In dieser Machtkonstellation sieht es schlecht aus mit einer Politik für die Allgemeinheit.

Ist nicht wenigstens der Ausstieg aus der Atomenergie ein Schritt in diese Richtung?

Muss es immer erst zu Katastrophen kommen? In den Medien wird Fukushima mittlerweile im Vermischten oder im Ressort „Wissen“ abgehandelt, dabei gehört das Thema auf Seite eins – wie sehr wir belogen wurden. Eine Katastrophe der Dummheit und der technischen Arroganz.

Der mögliche Marktanteil für Bio-Produkte wird regelmäßig mit maximal zwanzig Prozent beziffert. Naturnahe Ernährung ist auch nur ein Minderheitenprogramm?

Landwirtschaft ist natürlich mühsam. Der Bauer kriegt keine Frau, der Sohn geht lieber in die Fabrik, und wir beziehen unsere Nahrungsmittel aus Spanien und Südamerika. Daheim bauen wir die besten Böden zu, wo früher nie gebaut werden durfte, weil man von diesen Böden lebte. Wir tun so, als wären wir die letzte Generation, der es gleichgültig ist, wie es weitergeht. Alle, die für Maßhalten waren, sind abgewählt worden, alle, die wie ich schwarze Prophezeiungen ausgestoßen haben, sind vergessen. Dabei hat mir die Politik alle Orden gegeben, die sie zu verleihen hat. Insgeheim wissen die Herren, dass ich recht habe. Doch dann kommt immer der Satz: „Sagen Sie uns, wie wir das durchsetzen sollen.“

Was würden Sie denn durchsetzen?

Es gibt Dinge, die zu tun auf der Hand läge: Wer nimmt in diesem Land das Wort Tempolimit in den Mund? Das ist ein Tabuthema bei allen Parteien. Auch der Benzinpreis tut scheinbar immer noch nicht genug weh. Kann man bei Wahlen immer wieder so viel Stimmen mit leeren Versprechen fangen? Ist es normal, dass man schon nach drei Monaten sagt: Ällerlätsch, wir können das doch nicht leisten. Und da gibt es keine Revolution.

Wenn es eine gäbe, müsste sie sich aus Ihrer Sicht gegen den Konsumismus richten?

Heute ist dieser irrsinnnige Luxus selbstverständlich: Als Pendler muss ich nach einer Schneenacht um acht Uhr im Büro sein können – das muss mir die Gesellschaft sicherstellen. Ähnliches gilt auch für den Ausverkauf der Landschaft: Ich bin Mitglied im Naturschutzbeirat des Landkreises Garmisch-Partenkirchen. Man beruft uns meist gar nicht mehr ein, weil wir immer gegen Großprojekte, Schneekanonen, Wassersammler in Betonbecken, gegen Mountainbiker auf Eiszeitschotter stimmen. Der Bedarf für diese Dinge wird mit allen Tricks geweckt. Früher kam der Münchner am Wochenende um acht Uhr zum Skifahren. Heute kommt er um zehn. Dann gibt es Stau im ganzen Loisachtal und an der Seilbahn. Deshalb mussten größere Seilbahnkabinen her, das wiederum führte zu einem erhöhten Bedarf an Parkplätzen. Und immer so weiter.

Was ist das Gerede von der Heimat wert, wenn man sie permanent ausverkauft?

Es ist rätselhaft, warum nur 56 Prozent der Deutschen mit ihrem Leben zufrieden sind. Wann wäre denn der Rest endlich zufrieden? Bislang wächst nur die Begehrlichkeit, der Hunger nach allem, was schön ist. Die Leute wollen immer alles haben – zu jeder Zeit und an jedem Ort. Offensichtlich ist der Mensch ein ungeheuer archaisches Gerät. Eher triebhaft denn mit Vernunft begabt. Wie wollen Sie so eine Gesellschaft zum Energiesparen überreden? Zum Schützen? Zum Verzicht?

Dieter Wieland, 1937 in Berlin-Dahlem geboren, wird im Krieg nach Landshut verpflanzt und ist seither in Bayern verwurzelt. Er studiert Geschichte und Kunstgeschichte in München. Von 1964 an ist er freier Autor, Regisseur und Dokumentarfilmer beim Bayerischen Rundfunk (BR).

„Unser Dorf soll hässlich werden“: Gegen die Flurbereinigung filmt Wieland von 1972 in der Fernsehreihe „Topographie“ an. Seine Filme geißeln Jodlerstil, Krüppekoniferen und die Zerstörung des ländlichen Lebensraumes. Die von ihm mitgestaltete Ausstellung „Grün kaputt“ (1983) wandert durch die ganze Republik. Den Bau der Staatskanzlei im Münchner Hofgarten bekämpft er vergeblich.

Sein Markenzeichen: Lange Einstellungen, die aus dem Off zu hörende melancholische Stimme und beißende Kommentare.

Wieland lebt mit seiner Frau in Uffing am Staffelsee. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen kommt am 24. Juli der Oberbayerische Kulturpreis. Im BR-Shop ist kein einziger seiner Filme zu haben.

Das Gespräch führte Hannes Hintermeier.

Quelle: F.A.Z.
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