Im Gespräch: Marco Bode

Ist der Fußball jetzt klinsmannisiert, Herr Bode?

 - 22:14

Zwei Spieltage vor Saisonende ist die Meisterschaft bereits entschieden. Borussia Dortmund hat mit der jüngsten Mannschaft in der bald fünfzigjährigen Geschichte der Bundesliga den Titel geholt. Ist der Fußball jünger geworden?

Er ist besser geworden. Genauer: Die Jüngeren sind besser geworden. Die jetzige junge Generation von Vereins- und Nationalspielern ist besser ausgebildet, die Klubs und der DFB legen seit etwa einem Jahrzehnt entschieden mehr Wert auf Nachwuchsarbeit. Die Anfang Zwanzigjährigen, die jetzt in Dortmund Meister wurden, sind einfach außergewöhnlich gute Fußballer. Sie sind eben besser als viele Dreißigjährige, die diese Ausbildung nicht genossen haben. Und obwohl ich mich, wie jeder ehemalige Profi, damit schwertue: Sie sind auch besser, als wir es in ihrem Alter waren.

An Titeln fehlt es Ihnen nicht. Sie waren mit Werder Bremen Meister, Pokal- und Europapokalsieger, Sie waren mit der Nationalmannschaft 1996 Europa- und 2002 Vizeweltmeister.

Aber mit einem Fußball, der nicht so begeistert hat, der nicht so schnell und technisch nicht so gut war. Man schmälert unsere Erfolge nicht, wenn man das sagt. Es war eben eine andere Zeit.

Um schneller zu spielen, muss man auch athletischer sein, dem Körper mehr abverlangen. Verschleißen die Spieler auch schneller, weil sie in noch sehr jungem Alter schon alles aus sich herausholen müssen?

Das ist ein Trugschluss. Das Spiel wird ja schneller, ohne dass man mehr Athletik braucht. Das Spiel wird optisch dadurch schneller, dass der Ball schneller läuft. Joachim Löw hat die Zeit, in der sich der Spieler am Ball aufhält, bereits verkürzt, er will sie weiter reduzieren, weil England und Spanien da immer noch besser sind. Oder nehmen Sie Barcelona: Da ist das halbe Spiel ein Direktpass. Man fragt sich zwar das eine oder andere Mal: War dieser Pass jetzt nötig, bringt er eine neue Situation? Ich denke: ja, in der Summe schon. Das direkte Spiel mit zwei Kontakten macht das Spiel einfach schneller. Deswegen aber laufen die Spieler jetzt kein bisschen mehr als wir früher.

Die Profikarrieren werden also nicht kürzer?

Nach wie vor kann man sehr lange auf einem Spitzenniveau spielen. Auch deshalb, weil die physische Belastung in einem einzelnen Spiel eher abgenommen hat. Bei uns wurden noch heftigere Zweikämpfe geführt, die physische Härte wurde mehr geduldet von den Schiedsrichtern. Für die Topklubs zugenommen hat allerdings die Zahl der Spiele pro Saison. Die Champions League ist relativ aufgebläht, einzelne Spieler kommen auf achtzig Partien. Das ist eine Belastung für den Körper, die Verletzungen wahrscheinlicher macht und damit zu Pausen führt, die der Körper braucht und sich auf diese Weise verschafft.

Auch ein Vorteil für Dortmund. Man ist sowohl in der Europa League als auch im nationalen Pokal früh ausgeschieden, die Mehrfachbelastung fiel weg.

Gerade bei dem Stil, den sie spielen, war dies ein Vorteil. Ihr Fußball ist von hohem Aufwand geprägt, besonders bei dem, was Jürgen Klopp „das Spiel gegen den Ball“ nennt. Fußball, das sind im Grunde ja immer zwei Spiele - eines, wenn man den Ball hat, und eines, wenn man ihn nicht hat. Dortmund war auch so stark, weil sie in dem Moment, in dem sie den Ball nicht hatten, höchst intensiv angegriffen haben, Pressing, Forechecking, also das schnelle Ballgewinnen - und dann kommt natürlich das Umschalten nach vorn. Bei Barça sieht man das perfekt. Die machen, wenn sie den Ball haben, das Spiel ja nicht in jedem Fall schnell, können sich sogar fast eine Pause erlauben, weil das Spiel dann viel anstrengender ist für den Gegner, der den Ball nicht hat. Die Borussen haben nicht diese Qualität der totalen Kontrolle, wenn sie den Ball haben. Gewiss, sie haben superschnell umgeschaltet, attraktiven Offensivfußball gespielt und tolle Tore erzielt. Zwei Drittel Ballbesitz wie die Bayern - und Barça ohnehin -, damit Dominanz: Das hatte Dortmund nie. Sie haben sehr von ihrer Jugendlichkeit gelebt, hungrig zu sein, mutig zu sein, den Ball zu erkämpfen, schnell umzuschalten und dann auch ein bisschen unbedarft den Erfolg zu erreichen. Man hat in den letzten Wochen schon gesehen - und das ist ganz normal -, dass sie angefangen haben zu denken.

Relativ locker gereicht hat es dennoch.

Es hat gereicht, weil kein Konkurrent da war. Leverkusen war das nicht, was vor allem deshalb etwas enttäuschend ist, weil sie eine ebenso gute Mannschaft haben, eine sympathische obendrein, die schönen Fußball spielt. Aber sie haben es, Vereinsschicksal, mal wieder nicht geschafft, das Ganze auf den Punkt zu bringen. Und die anderen Etablierten haben in dieser Saison sehr geschwächelt: Werder, Schalke, Bayern. Davon hat Dortmund schon sehr profitiert. Im Normalfall wären sie wohl Zweiter oder Dritter geworden mit dieser Mannschaft, was auch ein großer Erfolg gewesen wäre.

Genau die Hälfte der achtzehn Vereine hat während der Saison den Trainer gewechselt, Stuttgart, Köln und Wolfsburg sogar je zweimal.

Der Umgang mit den Trainern war das herausragende Thema. Medial war das nicht unspannend, es gab immer Schlagzeilen her. Durchgesetzt aber hat sich das Gefühl: Das wird jetzt einfach zu viel. Der Fußball muss aufpassen. Es kann viel kaputtgehen, wenn man damit derart inflationär umgeht.

Werden Trainer nicht überschätzt? Ist ihre Funktion wirklich so wichtig?

Der Trainer ist die zentrale Figur für den Erfolg in einem Klub. Der Vergleich mag nicht neu sein, aber er stimmt: Das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer ist wie jenes zwischen Orchester und Dirigent. Nun passt nicht jeder Dirigent zu jedem Orchester, mal funktioniert es, mal nicht. In der Bundesliga gibt es keine an sich absolut guten oder schlechten Trainer. Es kommt auf die jeweilige Konstellation an.

Was muss ein Trainer mitbringen, um eine günstige Konstellation von sich aus überhaupt erst möglich zu machen?

Es gibt zwei Komponentenpaare in Sachen Führung - Distanz und Nähe ist das eine, das andere Dauer und Wandel. Beide Paare inter-agieren. Felix Magath zum Beispiel ist ein Typus, der gegenüber den Spielern auf Distanz setzt und vom jeweiligen Verein Wandel einfordert: der Dominator. Wenn er kommt, wirft er vieles über den Haufen. Als Jürgen Klinsmann 2004 zur Nationalmannschaft stieß, paarte er Wandel mit Nähe: der Inspirator. Er hielt das ganze DFB-System für überholt, behandelte die Spieler aber menschlich und versuchte sie auf diese Weise zu begeistern. Ihre Disziplin und seine eigene Macht waren ihm weniger wichtig, obwohl Klinsmann sicher auch ein paar machtaffine Eigenschaften besitzt. Ein Typus, der Nähe mit Dauer verbindet, ist Rudi Völler, unter dem ich die meisten Länderspiele gemacht habe. Völler ist sehr menschlich, zudem keiner, der alles dreht: der Traditionalist, der klassisch denkt.

Backen Sie uns mal den Idealtrainer.

In bestimmten Phasen oder in einem bestimmten Klub ist der Dominator, also ein Magath, genau der Richtige. Für ein Projekt wie 2006, mit der Weltmeisterschaft im eigenen Land, war Klinsmann perfekt, auch weil er mit Löw jemanden hatte, der an den Details arbeitete - dass Löw jetzt so fabelhaft als Chef klarkommt, liegt auch daran, dass er sich neben seinen ureigenen Fähigkeiten quasi auch noch zu „klinsmannisieren“ wusste. Ein Idealtrainer, heißt das, muss im Zentrum des jeweiligen Projektes stehen und dabei die Fähigkeit haben, situativ zu führen in der spezifischen Lage, in der er sich befindet, sei es im Abstiegskampf, sei es im Titelrennen.

Warum sind Sie nicht Trainer geworden?

Das war mal eine Überlegung, aber keine wirkliche Option. Ich bin dazu wohl zu harmoniebedürftig, also nicht fußballverrückt genug. Zudem möchte ich nicht jedes Jahr woanders hinziehen. Ich bin jemand, der Wurzeln schlagen will, auch deshalb bin ich jetzt fast ein Vierteljahrhundert in Bremen. Als Trainer hat man - Leute wie Thomas Schaaf oder gar Alex Ferguson sind die Ausnahme - keine Garantie auf Beständigkeit. Und meine Familie in Bremen zu lassen, während ich pendele, wäre kein Modell für mich, obwohl es nachvollziehbar ist und etwa von Magath oder meinem Freund Benno Möhlmann, der gerade Ingolstadt aus dem Keller der zweiten Liga holt, ja auch praktiziert wird. Ich hatte in den vergangenen Jahren eine Handvoll Angebote, in die Bundesliga zurückzukehren als Sportchef oder Sportdirektor. Auf so ein Angebot warten viele in meiner Position. Es ist mir aber bisher mehr wert, frei und unabhängig zu sein.

Backen lässt sich ein Trainer nicht, aber man kann ihn feuern, wenn es nicht läuft.

Das ist zumindest die Mechanik. Nehmen wir etwa Eintracht Frankfurt, deren Einbruch - sie hatten 26 Punkte nach der ersten Halbserie und vier, fünf Monate später ganze 34 - sich niemand wirklich erklären kann, und dies, obwohl Gekas nicht mehr trifft. Ich hatte den Eindruck, dass die Konstellation mit Michael Skibbe sehr gut war. Ich kenne ihn gut, er war Assistent von Völler in meiner Zeit im Nationalteam, ich halte ihn wirklich für einen guten Trainer. Wenn hinter den Kulissen nicht etwas passiert ist, was wir nicht wissen können, hätte ich als Verantwortlicher wohl auch in der aktuellen Situation an ihm festgehalten. Aber klar, keiner will absteigen, das ist für einen Verein die größte anzunehmende Katastrophe.

Warum eigentlich? Eine Klasse tiefer gewinnt man jedenfalls wieder öfter.

Wenn man es, wie jetzt Hertha BSC Berlin, sofort wieder schafft, die Kurve zu kriegen, hält sich die Katastrophe in Grenzen. Aber es gibt viele andere Fälle, aktuell gerade Arminia Bielefeld. Die hängen schon einige Jahre unten und verschwinden jetzt in die dritte Liga. Davor hat jeder Angst. Es ist alles nur die Hälfte in der zweiten Liga - halb so viele Zuschauer, nur noch halb so viel Geld, halb so viel Medienresonanz und Übertragungszeiten, eine schwierige Sponsorensituation. Ich habe gottlob nur einmal wirklich gegen den Abstieg gespielt, das war 1999. Den Negativdruck wollte ich überhaupt nicht haben, als Nationalspieler denkt man überdies, für die zweite Liga zu gut und zu schade zu sein.

Von 2012 an hat die Bundesliga einen Platz mehr in der Champions League. Das spricht dafür, dass der deutsche Fußball nun wirklich in der Weltspitze angekommen ist.

Für die Nationalmannschaft würde ich das sofort unterschreiben: Wir sind absolut in der Weltspitze. Gewiss, die Elf, in der ich spielen durfte, ist 2002 WM-Zweiter geworden, hat also im Finale gestanden, während das neue Team sowohl 2006 als auch 2010 „nur“ Dritter wurde. Trotzdem ist die Position in der Fifa-Rangliste deutlich besser als damals. Jetzt steht das Team unter den Top 5 der Welt - und das verdientermaßen. Die Spanier sind als Nationalteam die Nummer eins, parallel zu Barcelona im Vereinsfußball. Danach kommen mit einigen anderen aber gleich wir. Im Vereinsfußball hat sich nicht so viel verändert. Die Bundesliga hat sich immer schon dadurch ausgezeichnet, dass das Niveau gerade in der Breite sehr hoch war - deshalb war sie für mich immer schon die beste Liga der Welt. Aber in Spanien und England, früher auch in Italien, waren die besten Klubs immer noch etwas besser als unsere.

Dafür ist der Liga-Alltag dort vergleichsweise berechenbar, mithin langweiliger.

Genau. In England findet sich der Meister seit jeher immer unter denselben vier Klubs: Manchester United, Arsenal, Liverpool, Chelsea. In Italien sind es immer AC Mailand, Inter Mailand oder Juventus Turin, in Spanien Barça und Real. In der Bundesliga sind die Bayern fast immer ganz oben dabei, aber es gibt stets auch Meister, die man wie jetzt Dortmund nicht voraussagen konnte. In der Champions League jedoch zeigt sich, dass mit Ausnahme der Bayern die anderen deutschen Klubs nicht ins Finale kommen können. Schalke hat dieses Mal das Halbfinale geschafft, ist gegen Manchester aber untergegangen. Ich sah übrigens keinen Klassenunterschied zwischen beiden Teams. Das Ganze war, gerade im Hinspiel auf Schalke, vor allem ein psychologisches Problem. Der Mut hat gefehlt. Es gibt solche Tage. Ich weiß, wovon ich spreche.

Marco Bode wird am 23. Juli 1969 in Osterode am Harz geboren, wo er auch sein Abitur macht. Zivildienst leistet er in einem Bremer Altenheim. Bremen ist bis heute sein Zuhause.

1988 an spielt der auf mehreren Offensivpositionen einsetzbare Bode bei Werder Bremen, absolviert 379 Ligaspiele, schießt 101 Tore, wird 1993 deutscher Meister, dreimal Pokalsieger und gewinnt einmal den Europapokal der Pokalsieger. Angebote anderer Vereine lehnt er stets ab.

Sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft gibt er 1995 in Südafrika. Vierzig Länderspiele absolviert er, gehört 1996 zum Europameister-Team und wird 2002 Vizeweltmeister. Nach dem Endspiel gegen Brasilien in Yokohama beendet er seine Karriere.

Gegenwärtig arbeitet er für eine Hamburger Sportagentur, deren Mitbesitzer er ist. Er unterstützt eine ganze Reihe von Kinder- und Jugendprojekten und war auch am „Großen Bolzplatz-Duell“ des Kinderkanals beteiligt.

Das Gespräch führte Jochen Hieber.

Quelle: F.A.Z.
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