Im Gespräch: Paul Pietsch

Was bleibt nach hundert Jahren zu tun?

Von Susanne Roeder
 - 21:22

Hätten Sie jemals gedacht, ein solch biblisches Alter zu erreichen, Herr Pietsch?

Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich habe einfach versucht, mich körperlich und geistig fit zu halten.

Was wünscht man sich mit hundert Jahren?

Zufriedenheit. Das ist für mich zeitlebens ein ganz wichtiger Leitgedanke. Ich habe immer versucht, aus jeder Situation das Beste zu machen.

Ihre Tochter beschreibt Sie als „rundherum liebenswert“. Wie sehen Sie sich selbst?

Ich denke schon, dass ich liebenswert bin. Das wollte ich zumindest immer sein. Ich habe aber auch immer versucht, ein fairer und verlässlicher Mensch zu sein - als Rennfahrer, als Verleger und als Privatmensch. Ich versuche einfach, Dinge so hinzubringen, wie ich mir vorstelle, dass sie richtig und zielführend sind.

Sie hatten als Verlagschef Spürsinn für erfolgreiche Publikationen, und Sie hatten Menschenkenntnis. Wurden Sie auch einmal menschlich enttäuscht?

Das bleibt bei einem so langen Leben nicht aus - ich war ja bis vor zehn Jahren noch intensiv ins Verlagswesen involviert. Mit menschlichen Enttäuschungen umzugehen fiel mir nicht leicht. Es kam zum Glück nicht allzu oft vor.

Wie waren Sie als Arbeitgeber?

Ich habe den Ruf, nicht immer alle Taschen aufgemacht zu haben. Aber die Verlage wären sicher nicht derart wirtschaftlich gesunde Unternehmen, wenn sie nicht aus eigener Kraft gewachsen wären. Ich habe nie mit Krediten gearbeitet, sondern mir gesagt: Lieber einen Schritt langsamer wachsen als mit zu hohem Risiko.

Sparsamkeit ist doch eher eine schwäbische als eine badische Tugend?

Aber ich habe Anfang der fünfziger Jahre aus nächster Nähe mitgekriegt, wie beispielsweise Veritas der Geldhahn zugedreht wurde, genauso Borgward. Da sagte ich mir: Nicht mit mir. Ich mache nur das, was ich aus eigener Kraft stemmen kann. Erfolg braucht immer eine gesunde wirtschaftliche Basis. Ich kann ein großartiges Buch, eine großartige Zeitschrift machen, wenn aber die wirtschaftliche Grundlage fehlt, geht's auf Dauer nicht.

Wie kam es zur Verlagsgründung?

Ernst Troeltsch, Joseph Hummel und ich saßen 1945 auf den Trümmerbergen in Freiburg. Wir alle drei wollten wieder Rennen fahren. Das mussten wir irgendwie finanzieren, und dazu mussten wir ja etwas verkaufen. Ich sagte mir, was soll ich verkaufen, wenn nicht mein Know-how zum Thema Motorsport? Josef Hummel ist dann nach einem Jahr wieder ausgestiegen. Er wollte lieber Geld verdienen, als Geld in den Verlag reinzubuttern.

Da fehlte ihm die Weitsicht, die Sie hatten. Denn im Dezember 1946 war die Erstausgabe der Zeitschrift „Das Auto“, der heutigen „auto motor sport“, sofort ausverkauft.

Trotzdem hatten wir mächtig Gegenwind. Wir mussten uns anfangs anhören, es werde in Deutschland nie mehr so viele Autos geben, dass man eine Zeitschrift dafür braucht. Doch wir glaubten an eine Massenmotorisierung. Leider starb mein Freund Ernst dann schon 1956. Das war für mich einer der schwersten Momente, als ich allein dastand und das, was ich zusammen mit meinem Freund geplant hatte, weiterführen musste.

Sie haben aus einer Baracke in Freiburg ein weltumspannendes Verlagsimperium aufgebaut. Zuvor waren Sie erfolgreicher Rennfahrer. Sind Sie denn mit Ihrer Rennfahrerkarriere zufrieden, wohl wissend, dass deutlich mehr möglich gewesen wäre?

Was erreichbar war, habe ich erreicht. Und damit konnte und kann ich gut und zufrieden leben. Ich habe immer gesagt: Du musst das Beste aus jeder Situation machen.

Sie haben Ihren Vater früh, nämlich schon 1925, verloren. Damals waren sie bereits dem automobilen Rennfieber verfallen. Und kaum erhielten Sie später einen Teil Ihres Erbes ausgezahlt, taten Sie etwas Unerhörtes: Sie kauften sich mit zwanzig Jahren einen Bugatti, den Sie bei Ettore Bugatti persönlich abgeholt haben. Waren Sie sich der besonderen Situation bewusst?

Es hat mich nicht wahnsinnig beeindruckt, dass ich Ettore Bugatti gegenüberstand. Der wollte wissen, wer denn dieser Jungspund sei, der sich mit zwanzig Jahren schon einen seiner Wagen leisten kann. Das Einzige, was mir wichtig war: Ich wollte das Auto bekommen, das ich mir vorgestellt hatte - und das war eben der Bugatti 35B. Mit wem ich dafür verhandeln musste, war zweitrangig. Ich wusste nur: Ich muss jetzt nach Molsheim fahren, um mein Auto zu bekommen. Wäre es Herr Müller gewesen, wäre ich zu Herrn Müller gefahren.

Schon in der Dorfschule waren Sie der Jüngste. Und dann sehr früh in der Welt der Erwachsenen zu Hause, im Automobilrennsport. Wie gingen denn Ihre Rennfahrerkollegen mit Ihnen um? So junge Fahrer wie Sie waren ja im Gegensatz zu heute die Ausnahme.

Ich wurde Rennbaby genannt und von den anderen schon etwas erstaunt beäugt. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass ein so junger Mann derart beherzt in die Rennen geht. Aber es war auch nicht so, dass sie mich an die Hand nahmen und mir den Weg wiesen. Ich musste mich schon selbst behaupten.

Wie war sonst der Umgang unter Konkurrenten? Besser als heute?

Die Top-Fahrer gingen damals durchaus etwas arrogant an ihren Kollegen vorbei. Doch es gab auch Freundschaften wie meine mit Hans Stuck. Keinesfalls war es aber so, dass früher alles wunderbar war und nur heute die große Konkurrenz unter den Fahrern herrschte. Zu meiner Zeit gab es genauso Konkurrenzdenken und Psychospielchen. Und der erste Gegner ist immer der Teamkollege. Du musst immer schneller sein als dieser, um die Nummer eins im Team zu werden. Nur so bekommst du die besten Autos.

Sie haben ein paar Jahre in Italien gelebt und sprechen noch heute gut Italienisch. Warum sind Sie damals aus Deutschland weggegangen?

Ich kam mit italienischen Autos gut zurecht. Aber ich bin nicht nur der Autos wegen nach Italien gegangen, sondern der Lebensart insgesamt wegen. Das etwas Fröhlichere, Leichtere kommt mir entgegen. In Italien war auch das Miteinander unter den Rennkollegen angenehmer und lockerer als hier in Deutschland. Außerdem ist Italienisch für mich die schönste Sprache.

Es gab ja mehrfach makabre Meldungen über Ihre Unfälle, bis hin zur Todesmeldung an Ihre Mutter, die Sie dann anriefen mit dem ironischen Kommentar „Totgesagte leben länger“.

Das hat sich ja nun auch bewahrheitet. Man muss einfach die Zukunft immer positiv sehen, um etwas Positives zu erreichen. Außerdem habe ich immens viel Glück gehabt. Ich habe ja fast keinen Knochen im Körper, der nicht schon mal gebrochen war. Glück hatte ich aber immer, wenn es um den Kopf ging. Außer der Nase ist dort alles heil geblieben. In meiner Garage hingen früher meine Siegerkränze an der Wand - und neben fast jedem Siegerkranz ein Gipsverband. Sozusagen als Erinnerung an den körperlichen Einsatz.

Und was ging in Ihnen vor, wenn Sie Freunde und andere Rennfahrerkollegen haben sterben sehen und dennoch weiterfahren mussten?

Das löste immer tiefe Betroffenheit aus. Aber sobald man sich wieder in den Rennwagen setzt, muss dieses Gefühl weggeschoben sein. Denn wenn man daran denkt, kriegt man keine guten Zeiten mehr zusammen. So schlimm diese Verluste für mich waren, so sehr musste ich meinen inneren Rollladen runterlassen, um wieder Erfolge zu haben. Außerdem ist auch ein Stück Verdrängung mit im Spiel. Ich habe nämlich nie daran gedacht, dass mich so ein Schicksal selbst ereilen könnte. Andernfalls hätte ich aufhören müssen.

Sie sagten einmal, Sie hätten in Ihrem Rennfahrerleben zwei große Fehler gemacht: Erstens, dass Sie zur Auto-Union, und zweitens, dass Sie nicht zu Mercedes-Benz gegangen seien. Wären Sie sonst zu einem Spitzenfahrer avanciert?

Ein Fehler war das nur im Rückblick. Ich ging zur Auto-Union, weil die neben Mercedes-Benz den stärksten Rennstall überhaupt hatten. Letztlich war aber mein Freund Stuck ausschlaggebend, der schon bei der Auto-Union war. Ich musste aber dann feststellen, dass ich mit ihren Autos, Hecktrieblern, nicht wirklich zurechtkam. Ich war Frontmotor-Rennwagen gewöhnt. Hingegen kam Bernd Rosemeyer mit den Auto-Union-Wagen sehr gut zurecht. Der war nämlich nie andere Autos gefahren. Ich hatte mich also einfach aufs falsche Pferd gesetzt. Wenn ich aber jetzt meinen hundertsten Geburtstag feiern kann, habe ich wohl überhaupt keinen Fehler gemacht. Denn das hätte alles auch ganz anders ausgehen können.

Also kein bisschen traurig?

Absolut nicht. Denn wer weiß, wie sich die Dinge entwickelt hätten, wenn ich zu Mercedes ins Team gekommen wäre. Mercedes hatte damals sehr starke Fahrer wie beispielsweise Carraciola. So wie heute wurden auch damals in den Rennställen die Fahrer an erster Stelle weitaus mehr gefördert als jene, die an zweiter Stelle liegen.

Als sehr talentierter Fahrer sind Sie frühzeitig aufgefallen. Und gerade der legendäre Alfred Neubauer muss einen Narren an Ihnen gefressen haben. Mindestens dreimal hat er Sie umworben, doch für Mercedes-Benz zu fahren. Wie war Ihr Verhältnis zu ihm?

Als er mich 1939 fragte, begann kurze Zeit später der Krieg. Ein Wechsel war somit ohnehin nicht mehr möglich. Als er mich dann nach dem Krieg abermals fragte, stand bei mir recht schnell der Verlag im Vordergrund. Neubauer war eine sehr starke Persönlichkeit, die ganz klar im Rennteam den Ton angegeben und ebenso klar die Richtlinien vorgegeben hat, nach denen sich die Fahrer richten mussten. Er duldete nicht viel Widerspruch. Aber ich bin immer sehr gut mit ihm klargekommen. Er war nicht unfreundlich, aber sehr, sehr bestimmt und streng - und zwar hundert Prozent im Interesse von Mercedes-Benz. Was Mercedes gut tat, das tat Neubauer.

Während Ihrer Hochzeitsreise fuhren Sie 1951 mit Ihrer Frau Dolores an den Nürburgring. War das der Härtetest, ob Ihre Frau mitzieht?

Wir hätten nicht zueinander gefunden und auch nicht so lange ein wirklich gutes Leben miteinander gehabt, wenn da nicht gegenseitiges Verständnis und auch eine Freude an dem, was der andere jeweils macht, vorhanden gewesen wären. Sosehr meine Frau Angst hatte, wenn ich Rennen fuhr, so sehr hat sie mich unterstützt, das zu tun, was ich gerne tue. Genauso war es später im Verlag. Sie war ja die Woche über mit meinen beiden Kindern im Schwarzwald; ich war in Stuttgart und kam immer nur am Wochenende. Das hat sie alles gern mitgemacht, weil sie wollte, dass ich mich wohl fühle und es mir gutgeht. Außerdem wusste meine Frau, dass mir mein Elternhaus und mein Schwarzwald überaus wichtig sind, dass ich diesen Wohnort niemals aufgeben würde - und den hätte ich ja aufgeben müssen, wenn meine Familie mit nach Stuttgart gekommen wäre. Für all das bin ich ihr unendlich dankbar.

Und wie haben Sie Ihren beruflichen Doppelsieg letztlich erreicht, Herr Pietsch?

Das bedarf wohl einerseits des gewissen Quentchens Glück, aber das akribische Verfolgen eines Ziels ist zwingende Voraussetzung. Ich habe in meinem Leben immer das gemacht, woran ich glaube. Mit einem fest hinterlegten Plan, also nicht nach Lust und Laune, sondern mit einem klaren Ziel vor Augen.

Zur Person

Paul Pietsch wird am 20. Juni 1911 in Freiburg im Breisgau als Sohn eines Bierbrauers geboren. Mit dreizehn Jahren verliert er seinen Vater. Schon davor ist er vom Rennfieber infiziert, besucht Rennen in der Umgebung und drängt seine Mutter, ihn Motorrad und Auto fahren zu lassen.

An eine Rennfahrerkarriere in Formel 1, Formel 2 und Sportwagen schließt Pietsch den Aufbau von Zeitschriften und eines Buchverlags an. Heute sind die Motor Presse Stuttgart und die Paul Pietsch Verlage weltweit tätig.

In zweiter Ehe ist Paul Pietsch mit seiner Frau Dolores verheiratet. Seine Kinder Patricia Scholten und Peter-Paul Pietsch sind im väterlichen Verlag tätig.

Pietsch ist derzeit das älteste Mitglied im Club International des Anciens Pilotes de Grand Prix Formule 1. Ihm zu Ehren feiert man sportlich in seinen Geburtstag hinein: mit der ersten Paul Pietsch Rallye vom 17. bis 19. Juni, die von Titisee-Neustadt über Offenburg bis Stuttgart führt.

Quelle: F.A.Z.
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