Im Gespräch: V. S. Naipaul

Warum schreiben Sie keine Romane mehr, Sir Vidia?

Von Thomas David
 - 11:03

Ein Kater streift durch das kleine Cottage am Rande des schönen Gartens in der Nähe der Kathedralstadt Salisbury, Lady Naipaul stellt in der Küche Gurkensandwiches bereit. Auf dem Kaminsims hinter dem Esstisch, an dem Sir Vidia zum Gespräch lädt, steht eine kleine Statue des Gottes Shiva.

Sir Vidia, in "Afrikanisches Maskenspiel", Ihrem neuen Buch, erkunden Sie die Mythen und Riten der ursprünglichen afrikanischen Religionen, die in den von Ihnen besuchten christianisierten oder islamisierten afrikanischen Staaten fortbestehen und magisch auf die Gegenwart einwirken. Weshalb dieses Thema am Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts?

Diese Frage kann ich nicht beantworten: Man kann die Gedankengänge des eigenen Verstandes nicht immer erklären. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass ich in Trinidad zur Welt kam, einer Insel, auf der unter anderen Nachfahren afrikanischer Sklaven leben, und dass ich dank dieses Hintergrundes ein wenig darüber weiß, wie Afrikaner denken. Die Idee war, in dem Buch die politische und ökonomische Seite, über die alles bekannt ist, außer Acht zu lassen und in ein anderes, unbekannteres Afrika vorzudringen.

Die Länder, über die Sie schreiben, sind Uganda, Nigeria, Ghana, Elfenbeinküste, Gabun und Südafrika. Warum haben Sie sich ausgerechnet für diese Staaten entschieden?

Da kommt die Politik natürlich dennoch ins Spiel. Es ist nicht leicht, für alle Länder Visa zu bekommen, und in manchen Fällen erwies es sich als unmöglich. Ich hätte gern den Kongo besucht, doch das war ebenso ausgeschlossen wie eine Reise nach Angola. In gewisser Weise legten also die Visabestimmungen den Verlauf meiner Reise fest. Ich sage Ihnen noch etwas: Meine Gesundheit ist nicht mehr, was sie einmal war, und die einzige Möglichkeit, über Afrika zu schreiben, war, nicht eine große, sondern mehrere kleine Reisen zu unternehmen. Ich konnte das Buch nicht auf die gleiche Weise wie früher schreiben und eine langwierige Reise unternehmen, von der man zurückkehrt, um dann darüber nachzudenken und zu schreiben. Das ist ein wichtiger Unterschied.

An einer Stelle schreiben Sie vom "Glück des Unbedarften", das Sie auf all Ihren Reisen im Leben begleitet habe. Tatsächlich hat man beim Lesen den Eindruck, dass Sie mit wenigen festen Erwartungen reisen und sich gern vom Zufall leiten lassen.

Ja, das ist generell meine Herangehensweise. Wenn ich vorher zu viele konkrete Ideen hätte, wäre ich kein Schriftsteller, sondern würde lediglich einer vorgefassten Vorstellung entgegen reisen. Wenn man beweglich und offen bleibt, ordnen sich die Eindrücke und Fakten wie von selbst. Es ist, als würde man von den Zufällen der Reise erschaffen werden.

Zu Beginn des Buchs beziehen Sie sich auf Ihre 1966 unternommene erste Reise nach Uganda und bemerken, dass "eine Version von Uganda" ein paar Jahre darauf Eingang in einen Roman fand. Dabei dürfte es sich um "In einem freien Land" handeln, in dem Sie den politischen Umbruch in einer in die Unabhängigkeit entlassenen ehemaligen Kolonie beschreiben. Was wussten Sie Mitte der sechziger Jahre über Afrika?

Ich wusste nichts, nicht das Geringste. Ich war so sehr von der Arbeit an dem Roman absorbiert, an dem ich gerade schrieb, dass ich mich um das Land, in dem ich mich aufhielt, nicht sonderlich kümmerte. Sogar den großen politischen Änderungen, Präsident Obote und seinem Militärchef Idi Amin, schenkte ich kaum Aufmerksamkeit. Ich nehme an, das war ein Fehler, aber es bleibt dem Leser überlassen, das zu beurteilen.

In Ihrem 1979 erschienenen, ebenfalls in einem imaginären afrikanischen Staat angesiedelten Meisterwerk "An der Biegung des großen Flusses" ist von einem Präsidenten die Rede, der sowohl "Modernisierer" sei als auch "der Afrikaner, der seine afrikanische Seele wiederentdeckt" habe. Offenbar beschäftigt Sie das Thema Ihres aktuellen Buchs schon länger.

Der Präsident des von Ihnen zitierten Romans ist selbstverständlich eine fiktive Figur, aber sie ist dem kongolesischen Diktator Mobutu nachempfunden, der sein Land wie ein König und Stammesfürst regierte und ständig davon sprach, "Afrikaner" zu sein. Er redete fortwährend von "Authentizität", und wann immer jemand das tut, kann man davon ausgehen, dass es zu seinem eigenen Nutzen geschieht. Aber Sie haben recht: Ich interessiere mich nicht erst neuerdings für die alten afrikanischen Religionen und habe mir lange Gedanken darüber gemacht. Mich interessieren die Anfänge von Religionen: Die Idee eines Anfangs erscheint mir sehr romantisch.

Worin liegt diese Romantik?

In der Vorstellung des Neubeginns, einer Ankunft - der Vorstellung von etwas, das einen an den Anfang der Dinge zurückbringt. Das ist meines Erachtens sehr romantisch: Ich mag es, mit dieser Vorstellung zu leben, und würde sie nur ungern verlieren. Als ich jedoch an "Afrikanisches Maskenspiel" arbeitete, musste ich lernen, dass nicht allen Anfängen diese Romantik zu eigen ist; es gibt auch eine dunklere Seite. Ich hatte beispielsweise keine Ahnung, dass es sich in Afrika bei einem Schrein nicht um eine Stätte für private Meditationen handelt, sondern um einen Ort, an dem die schrecklichsten Menschenopfer gebracht wurden. Als ich auf einer meiner Reisen eine Studentin bat, mir einen Schrein zu zeigen, war sie plötzlich sehr aufgebracht und scheute davor zurück. Ihre Angst vor dem Schrein ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr die Magie des alten Afrika in der Gegenwart fortlebt.

Ich glaube, dass Ihr Interesse an Afrika, an einer Kultur, die traditionell keine schriftliche Überlieferung kennt und in die lange Geschichte einer Weltreligion eintritt, auch damit zu tun hat, dass Sie in Trinidad selbst in eine Gemeinschaft hineingeboren wurden, die über keine literarische Tradition verfügte, der Sie sich wie später nach Ihrer Emigration nach England hätten einschreiben können.

Das ist ein faszinierender Gedanke, der mir selbst noch nicht gekommen ist. Jetzt, da Sie ihn mir geschenkt haben, wird er mich längere Zeit beschäftigen. Ich muss darüber nachdenken, bevor ich Ihnen antworten kann.

Sie haben bereits vor der Veröffentlichung von "Magische Saat", Ihrem 2004 erschienenen letzten Roman, die Vermutung geäußert, dass die im neunzehnten Jahrhundert dominante literarische Form des Romans heute nicht mehr dazu tauge, der Gesellschaft ein Bild ihrer selbst zu verschaffen. Welche anderen Medien sind an die Stelle des Romans getreten?

Das ist eine wichtige Frage, die nicht oft genug gestellt wird. Die Leute vermeiden sie und tun gern so, als gäbe es nur eine einzige literarische Form. Es ist aber eine Illusion, ja eine Falle zu denken, der Roman sei das Nonplusultra der Literatur. Hier in England fragt man instinktiv zuerst Autoren von Romanen, sobald es darum geht, eine Sache intellektuell zu bewerten. Ich halte das für falsch. Ich weiß nicht, wie Leute in Zukunft noch Schriftsteller sein können, wenn der Roman die einzige literarische Form ist, die ihnen offensteht. Als Romancier gelangt man sehr schnell an das Ende dessen, was man zu sagen hat.

Jonathan Franzens "Freiheit" ist nur ein Beispiel, das zeigt, dass der Roman wohl nicht zuletzt deshalb triumphiert, weil er sich als anschlussfähigste literarische Form am leichtesten verkaufen lässt.

Die Romanliteratur ist längst ebenso in Verfall geraten wie der Film, der in seinen Anfängen eine unglaublich beeindruckende und kraftvolle Form war, die vielleicht fünfzig Jahre überdauerte. Fünfzig Jahre ist eine lange Zeit, aber was heute vom Kino übrig geblieben ist, ist meines Erachtens nur ein Witz. Ohne Substanz, ohne Anspruch an die Phantasie, ohne Nährwert. Welche anderen Formen des Erzählens gibt es, die dazu taugen, einem ein wenig mehr über unsere Welt zu erzählen? Ich denke, dass die Sachliteratur diesbezüglich sehr hilfreich sein kann - sofern man sich ihrer gewissenhaft und mit Ehrfurcht annimmt und in dem Bewusstsein schreibt, dass man sich mit der Wahrheit befasst. Als ich begann, mich mit der Sachliteratur als ernsthafter literarischer Form auseinanderzusetzen, war ich mir darüber im Klaren, dass sie sich wie jede andere Literatur ohne dieses Element der Wahrheit selbst verdammt.

Die hochempfindliche, beinahe meditative Wahrnehmung, die Ihren 1987 erschienenen Roman "Das Rätsel der Ankunft" so faszinierend macht, zeichnet auch die besten Ihrer Reisebücher aus. "In jedem Augenblick", schreiben Sie denn auch in "Afrikanisches Maskenspiel", "sind viele Bewusstseinsebenen aktiv." Ist Ihre Art der Wahrnehmung eine Gabe?

Ich glaube, es handelt sich um eine Gabe, die wir alle besitzen, und ich bin davon überzeugt, dass man sogar im Augenblick seines Todes noch auf vielen Bewusstseinsebenen existiert. Man wird über den Tod nachdenken, über das, was er für einen bedeutet.

Die Erkenntnis kam mit dem Schreiben. Jedes Buch führte mich zu einem tiefer gehenden Verständnis und tieferen Gefühl", heißt es in einem Ihrer Essays. Zu welchem tieferen Verständnis hat Sie die Arbeit an Ihrem neuen, Ihrem dreißigsten Buch geführt?

"Afrikanisches Maskenspiel" ist mein letztes Buch; es steht am Ende einer langen Zeit des Nachdenkens und Schreibens. Als junger Schriftsteller erliegt man der Illusion, alles über sich selbst und die Dinge, über die man schreibt, zu wissen, aber während der Arbeit an einem Buch öffnet einem das Schreiben die Augen für andere, neue und unerwartete Dinge. Wenn dies nicht geschieht, ist das Buch, an dem man sitzt, vermutlich tot. Kürzlich traf ich einen jungen Schriftsteller und hätte ihm gern ein wenig über das Schreiben erzählt, wusste aber nicht, wie ich das anstellen sollte. Was ich ihm gern gesagt hätte, war, dass man es beim Schreiben eines Buches schon nach kurzer Zeit mit zwei oder drei Büchern zu tun hat, weil man in jedem Augenblick eine Vielzahl von Dingen ausdrückt. Das ist für mich das Geheimnis des Schreibens, aber dies konnte ich dem jungen Mann nicht sagen. Ich hatte das Gefühl, er müsse aus eigener Kraft zu dieser Erkenntnis gelangen.

Wie beim Lesen einiger Ihrer Bücher hat man auch bei der Lektüre von "Afrikanisches Maskenspiel" den Eindruck, dass Sie sehr für die Vergänglichkeit der Welt empfänglich sind. Wie ist diese Vorstellung mit der "Romantik des Anfangs" vereinbar, über die Sie eben sprachen?

Ich nehme an, auch diese Dualität hat mit meiner Herkunft zu tun. Sehen Sie die kleine Statue, die auf dem Sims hinter mir steht? Eine Statue des tanzenden Gottes Shiva. Als Gott der Gegensätze vereint er in sich den Anfang und das Ende. In der einen Hand hält er die Trommel der Schöpfung, in der anderen das Feuer der Zerstörung. Von diesem philosophischen Gedanken bin ich tief geprägt - Anfang und Ende sind für mich keine Gegensätze.

"Wenn ein alter Mensch stirbt", so Mme Ondo, eine hohe Beamtin, mit der Sie in Gabun über die alten Wälder gesprochen haben, die Orte religiöser Verehrung, "sagen wir hier, dass eine Bibliothek verbrannt ist." Ist das Nachdenken und das Schreiben über eine Religion auch ein Weg, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen?

Der von Ihnen zitierte Satz ist eine Art Klischee, dem man in Afrika häufiger begegnet. "Wenn ein alter Mensch stirbt, ist eine Bibliothek verbrannt" - eine Bibliothek des Glaubens, eine Bibliothek der Erfahrungen. Das ist eine simple mystische Aussage, die aber durchaus mit dem zu tun hat, worüber wir vorhin sprachen: Wenn es nicht nur eine mündliche Überlieferung, sondern auch eine literarische Tradition gäbe, könnte alles bewahrt werden und mit dem Tod eines alten Menschen würde keine Bibliothek mehr niederbrennen. Es würde nur noch ein alter Mensch sterben. Aber Sie haben eine andere Frage gestellt: Ist das Schreiben über Religionen auch eine Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit? Ein interessanter Gedanke. Ich würde ihm nicht widersprechen; ich denke, er ist okay

Wie definieren Sie literarische Größe?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber ich würde sagen, literarische Größe hat sehr viel mit Einfachheit zu tun, mit Unmittelbarkeit und Tiefe. Aber ich antworte auf diese Frage nur, weil Sie sie gestellt haben. Sie hat mich nie zuvor beschäftigt.

Zur Person:

-Vidiadhar Surajprasad Naipaul wird am 17. August 1932 als Kind einer aus Indien stammenden Familie in Chaguanas auf Trinidad geboren. 1950 ermöglicht ihm ein britisches Stipendium das Studium in Oxford.

-Nach seinem Abschluss arbeitet Naipaul kurz für die BBC, macht sich dann aber als Schriftsteller selbständig. Sein erster Roman, „Der mystische Masseur“, erscheint 1957.

-Zu Naipauls literarischem Zentralthema entwickelt sich das Erbe des Britischen Weltreichs. Neben seinen Romanen schreibt er auch zahlreiche Reisebücher und politische Analysen.

-1989 erhebt Königin Elisabeth II. Naipaul in den Adelsstand. 2001 erhält er den Literaturnobelpreis.

-Sein neues Buch, „Afrikanisches Maskenspiel - Einblicke in die Religionen Afrikas“, ist gerade auf Deutsch erschienen.

Quelle: F.A.Z.
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