Labor Kosovo

Kein Hahn kräht auf dem Amselfeld

Von Dirk Schümer
 - 19:34
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Viele, viele Menschen - das ist der erste Eindruck, den ein Besucher im Kosovo bekommt. Weil die Halle des Flughafens von Prishtina zu klein ist, warten sie draußen in Schnee und Kälte vor dem Portal. Hunderte Gesichter, ein Gedränge wie in einem Balkanbasar. Sofort entsteht ein Eindruck von Armut und Überfüllung: Europas jüngstes Land hat auch zugleich die höchste Geburtenrate. Und mit gut zweihundert Euro monatlichem offiziellem Durchschnittseinkommen sind die Kosovaren zugleich die ärmsten Europäer.

Seit dem Kriegsende vor elf Jahren sichern fremde Truppen das mühselige Zusammenleben der Menschen, die von der serbisch-nationalistischen Politik Milosevics in Ethnien geschieden und gegeneinander aufgehetzt wurden, bis die serbischen Aggressoren gar die albanischsprachige Mehrheit gewaltsam außer Landes treiben wollten.

Heute sind - nach dem Tod von 15 000 albanischsprachigen Kosovaren - die meisten Vertriebenen zurück. Ohne Volkszählung kann niemand wissen, wie viele es genau sind, aber sicher weit mehr als zwei Millionen. Nurmehr in einigen Enklaven leben noch Serben, die stets ohnehin nur eine kleine Minderheit gestellt hatten.

Eine immense Schattenwirtschaft

Auch in einer anderen Statistik sind die Kosovaren führend: Aus keinem anderen Volk des Kontinents sind - ob auf der Flucht oder zum Arbeiten - so viele Bürger ins Ausland gegangen. An die dreißig Prozent der Bevölkerung studieren oder arbeiten im Ausland, die meisten in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Und auch die verheerenden Wirtschaftsdaten müssen im Licht der Mobilität neu bewertet werden: Jenseits der gut zweihundert monatlichen Euro gibt es eine immense Schattenwirtschaft, angefeuert auch von den Überweisungen der Auslandskosovaren in Milliardenhöhe. So paradox es klingen mag: Europas ärmster Staat ist auch sein dynamischster.

Jakup Krasniqi, ein milder, melancholisch dreinblickender Mann, schaut trotz aller Probleme recht optimistisch in die Zukunft des Landes, dessen Parlamentspräsident er ist: Es gebe - in einem reichen Fördergebiet seit der Antike - genug Bodenschätze, Edelmetalle, Zink und Nickel. Die Landwirtschaft sei ausbaufähig, die Menschen jung, bildungshungrig, mobil - also beste Voraussetzungen für eine rosige Zukunft nach so viel Mord und Vertreibung bis ins dritte Jahrtausend. Doch das Büro des Politikers, der als Dissident zehn Jahre lang in serbischen Gefängnissen saß, liegt im Hauptquartier seiner Partei, mit der sich der altgediente Politiker überworfen hat. Statt seiner hat sein Parteichef - der starke Mann und Premierminister Hashim Thaçi - den Milliardär Beghjet Pacolli im Parlament zum neuen Präsidenten wählen lassen.

Bei Eiseskälte vor der Schweizer Botschaft

Die regierende Koalition ist dadurch zersplittert, das Land kam weiter in Misskredit, weil nun der „Berlusconi des Balkans“ mit besten Verbindungen nach Russland einem Land vorsteht, dem vor allem Russland und andere orthodoxe Nationen - Griechenland, Zypern, Rumänien - jede Anerkennung verweigern. Seit die EU den Serben visafreies Reisen gewähren will, sind ausgerechnet die gepeinigten Kosovaren die letzten Europäer, die in ihrem Land administrativ eingesperrt bleiben.

Schon morgens um sieben sammeln sich bei Eiseskälte vor der Schweizer Botschaft in Prishtina die bemützten und frierenden Anwärter auf ein begehrtes Visum. Noch am Nachmittag werden aus der langen Schlange nur einzelne Antragsteller hereingelassen. Solche Prozeduren machen die Menschen, die vor zehn Jahren die westlichen Soldaten als Befreier begeistert begrüßt haben, misstrauischer. In Prishtina sind an jeder Ecke Graffiti gegen die hochbezahlte und als ineffizient begriffene EU-Befriedungsbehörde „Eulex“ zu finden, die das Land doch eigentlich in die Zivilgesellschaft führen soll. „Euleksperiment“ ist noch die netteste Inschrift - viele Kosovaren haben es offenbar satt, unter mehreren tausend postkonfliktuellen Experten in den Stillstand verwaltet zu werden, und erkennen sich als Versuchskaninchen einer ineffizienten Bürokratie.

Das boomende und regellos wachsende Prishtina wurde dieweil zu einem Studienobjekt für Stadtsoziologen und Bauhistoriker. „Turboarchitektur“ heißt die wüste, wie improvisiert wirkende Mischung aus aufgestockten Innenstadthäusern, immer wieder geflickten Straßen, vereinzelten Bauruinen und Vorstadtwohnklötzen, die sich längst auf die Hügel ziehen, auf denen einige EU- und UN-Behörden in neoprotzigen Verwaltungsgebäuden ihren Sitz haben. Dahinter kommen dann die Villen der neuen politischen Elite - auch das unterbunkerte, schwer einsehbare Landgut des neuen Präsidenten, der aus dem Nichts als Bauunternehmer in Russland und Asien sein großes Vermögen gemacht hat.

Der Turbo-Urbanismus

Den Kosovaren blieb nichts anderes übrig, als ihre Hauptstadt mit ähnlich viel Improvisation auszubauen wie ihr Präsident seinen Konzern. Nach dem serbischen Abzug gab es keinen Kataster, keine funktionierende Stadtverwaltung, während die serbischen Truppen weite Teile der Infrastruktur verwüstet hatten. „Turbo-Urbanismus“ ist demnach nur ein anderes Wort für dynamischen Notstand. Und bei vielen jungen Kosovaren weckt der Mix aus Kebabbuden und Computershops, aufgetakelten Friseurläden und verrauchten Cafés mit westlicher Innenarchitektur großes Gefallen.

Sie hätten schon bei einer Tour aufs Land Heimweh nach ihrer jungen Metropole mit einem beachtlichen Nachtleben und Freizeitwert. Sagen die jungen Leute, die im privaten Institut „Ispe“ europäische Studien absolvieren und mit Sprachkursen wie Gesellschaftslehre auf ihr erstes Auslandssemester an der Universität Bremen hinarbeiten. Keiner sagt, dass er das Kosovo verlassen möchte, doch fast alle haben Familie im Westen: in Oslo, Freiburg, Zürich, Wien.

Unterm Visazwang mögen sich viele Kosovaren im „schwarzen Loch Europas“ fühlen, doch genau in dieses Europa streben sie stur. Wohin auch sonst? Immerhin haben europäische Truppen sie gegen die serbischen Angreifer vor Tod und Vertreibung bewahrt; so ein Kapital ist schwer aufzuzehren. Kann im Kosovo auch in Friedenszeiten eine multikulturelle, europäische Ordnung entstehen? Ein Vortrag des Schweizer Botschafters Lukas Beglinger vor den Studenten dämpft die Erwartungen, eine Willensnation wie die Schweiz mit ihren vier Sprachen und diversen Religionen könnte als Modell fürs Kosovo dienen. Man habe immerhin zweihundert Jahre für dieses verwickelte Demokratiesystem gebraucht. Im Kosovo muss - wie bei der Stadtentwicklung - alles sehr viel schneller gehen. Als Beglinger betont, man möge in seinem basisdemokratischen Land eben „keine großen Bosse“, geht ein Gelächter durch die Reihen.

Abrissunternehmer, aber keine Architekten

Offenbar sind es genau solche Bosse, die als Kämpfer der Befreiungsarmee UÇK an die Macht kamen, die nun jeden Fortschritt im Land blockieren. Ein Schweizer Bericht wirft den Machthabern, allen voran Ministerpräsident Thaçi, vor, man habe serbische Kriegsgefangene als Organspender aufgeschnitten und getötet. Harte Beweise fehlen, doch der Schaden fürs ohnehin schlechte Image ist beträchtlich. Man habe es in der Regierung mit hervorragenden Abrissunternehmern Jugoslawiens zu tun, die nun aber als Architekten versagen - eine solche Einschätzung ist von leitender Stelle aus den deutschen Kfor-Truppen zu vernehmen, die derzeit das internationale Kommando führen und ihre südwestliche Zone um Prizren zu einem Mustergebiet im Land hochgebracht haben.

Dazu arbeitet die serbische Propaganda unentwegt und zäh. So ist in Westeuropa ein Film mit Ausschnitten von brennenden orthodoxen Kirchen zu sehen, die 2004 von albanischen Extremisten angezündet wurden. Während sich die Serben unverhohlen als Opfer im Konflikt darstellen, ist nicht die Rede davon, dass die serbische Soldateska alle Moscheen im mehrheitlich muslimischen Land anzündete, dass Tausende Häuser geplündert wurden, dass die meisten Kosovaren bei null beginnen mussten.

Immerhin haben sich die albanischsprachigen Muslime an den christlichen Kulturdenkmälern europäischen Rangs nicht vergangen: Die mit großartigen byzantinischen Fresken des vierzehnten Jahrhunderts ausgemalten Klosterkirchen in Pec, in Decani und in Gracanica stehen unversehrt. Während die beiden ersten Kirchen in abgelegenen Waldtälern hinter Sandsäcken von italienischen Soldaten bewacht werden, gibt es in der serbischen Enklave Gracanica heute nicht einmal mehr Kontrollen.

Die Zeit der Scharfmacherei scheint vorüber

Unter den gut zehntausend Einwohnern unweit vom Zentrum Prishtinas hat - mit serbischem Dinar und kyrillischer Schrift - ein gerupftes slawisches Vaterland überlebt; die Armut wirkt mit Bettlern und Betrunkenen bei diesen Verlierern größer als unter der albanischsprachigen Mehrheit. Und doch scheint sich bei der orthodoxen Kirche in Serbien die Meinung durchgesetzt zu haben, dass die Zeit der Scharfmacherei vorüber ist. In Gracanica verkauft eine stille, freundliche Nonne Postkarten und Broschüren, in Decani erklärt ein vergeistigter Mönch den seltenen albanischen Besuchern geduldig die unfassbar großartig erhaltenen Freskenzyklen, während Kfor-Soldaten aus Polen, der Türkei und Deutschland trotz Verbots eifrig Erinnerungsfotos schießen.

Die Präsenz der einst gut fünfzigtausend Militärs ist erst in diesem Monat auf fünftausend gesenkt worden; 2013 wird von vielen Kennern als realistisches Jahr für den Totalabzug genannt. Ob dann immer noch ungeräumte serbische Minen in den Bergen liegen und immer noch Kunstschätze bewaffnet bewacht werden müssen? Groß ist die Angst bei den vielen gut ausgebildeten Kosovaren mit - freiwilliger oder erzwungener - Erfahrung im Westen des Kontinents, dass ihre kriegerisch erkämpfte Souveränität und Sicherheit im Frieden verspielt werden könnte.

„Wir brauchen ein Ende der Vetternwirtschaft“, fordert der junge Jurist Avni Mazrreku, der selbst im Unabhängigkeitskrieg auf Seiten der UÇK verwundet wurde, nun aber eine Privatuniversität zur Beförderung der Zivilgesellschaft aufbaut. Er erzählt, dass von den noch in Jugoslawien ausgebildeten Funktionären an der Universität bis zu den Botschaftern in Europa, von Managerposten beim Flughafen bis zur öffentlichen Auftragsvergabe fast alles vom Filz bestimmt werde.

Gemäßigte Imame ohne politischen Einfluss

Die blutsverbrüderte Gemeinschaft des albanischen Clans, des „fis“, die in Notzeiten in den Tälern des Kosovo seit Jahrhunderten die Menschen überleben ließ, ist in der globalisierten Dienstleistungsgesellschaft mit Hunderttausenden Emigranten und englisch twitternden Jugendlichen nicht mehr zeitgemäß. Solange viele Posten aber weiter durch Klientelismus vergeben würden, erzählt Mazrreku, könne das Kosovo nicht weiterkommen: „Wir haben es selbst in der Hand, ob unser Staat ein Erfolgsmodell wird - oder eben nicht. Aber dafür müssten wir erst einmal in einem Rechtsstaat auf eigenen Füßen stehen können.“

Zudem wird an dem religiös legitimierten Konflikt weiter gezündelt. Die albanischsprechenden Kosovaren, von denen selbst fast zehn Prozent Katholiken sind, leben seit Generationen einen säkularisierten Islam vor. Zwar rufen im Morgengrauen die Muezzins durch die Mikrofone an den Minaretten, doch sieht man in Prishtina sehr viel weniger Frauen mit Kopftüchern und langen Gewändern als in Köln oder gar Berlin. Während überall in der Welt der politische Islam zum Schreckbild gesellschaftlicher Gewalt wurde, sind die Imame im Kosovo gemäßigt und ohne politischen Einfluss geblieben. Auf die Wahrnehmung im Ausland scheint dieses bemerkenswerte Faktum indes kaum Einfluss zu haben.

Den Religionsfrieden versuchen fanatische Missionsbewegungen zu stören; für viele Organisationen bedeuten die Kosovaren verlorene, laxe Brüder und Schwestern, die von Europas Werten losgeeist werden müssen. Noch abends spät bieten Straßenhändler ihre muslimischen Traktate auf dem nach Mutter Teresa benannten Fußgängerboulevard feil. Und in manchen Dörfern prunken neue Riesenmoscheen mit glänzendem Kupferkuppeln als Grundbedingung für den Bau von Straßen, Schulen, Krankenhäusern, die sich die meisten Menschen sehnlicher wünschen als Kultstätten.

Für Serbien ist das Kosovo ein abtrünniger Landesteil

Doch auch die katholische Kirche baut in Prishtina gerade ihre riesige neue Kathedrale zu Ende, während der von Milosevic gewollte serbische Großkuppelbau weiter als Ruine vor sich hin wittert. Trotz aller Konfrontation bleibt das Paradoxon, dass die islamischen Europäer, die keinen Hang zum Fundamentalismus zeigen, in Europa ausgesperrt bleiben, wohingegen Hunderttausende radikale Muslime - meist mit maghrebinischem oder nahöstlichem Hintergrund - längst eine europäische Staatsbürgerschaft besitzen.

Angela Merkels Diktum vom Scheitern der multikulturellen Gesellschaft haben auch die Studenten im Kosovo ganz genau mitbekommen. Wie sollen sie eine multikulturelle Gesellschaft hinbekommen, wenn sich das reiche Deutschland vom Projekt gerade verabschiedet? Die offizielle Flagge des Kosovo - gelber Landesumriss auf blauem Grund mit sieben Sternen - spricht vom geordneten Zusammenleben der sieben Völkerschaften auf kleinem Territorium. Doch das bleibt einstweilen Utopie. Wie soll man mit den Serben zusammenleben, wenn sich diese im nördlichen Landesteil bei Kosovska Mitrovica verbarrikadiert haben?

Doch auch Parlamentspräsident Krasniqi in Prishtina ist überzeugt, dass ohne eine wirkliche Souveränität der Kosovaren über ihr gesamtes Landesgebiet keine demokratische Entwicklung möglich ist. Dieweil betrachten sich die Serben im Norden de facto als Bürger Serbiens, und Serbien begreift das ganze Kosovo als abtrünnigen Landesteil, für dessen Rückholung alle diplomatischen und geheimdienstlichen Kniffe gerade recht sind. Stabilität eines Staatswesens sieht anders aus.

Albanien rückt näher

Darum richten sich immer mehr Kosovaren zur einzigen Macht, mit der sie Sprache und Lebensstil gemein haben: Albanien. Bei den letzten Wahlen holte zum ersten Mal eine Partei mit dem Ruf nach Vereinigung rund fünfzehn Prozent der Stimmen. Albanien rückt näher, zum Einkaufen, Baden, Ausreisen. War das „Mutterland“ unterm Kommunismus noch streng abgeriegelt, so baut man gerade an einer Autoverbindung von Prishtina nach Tirana und weiter zum Mittelmeer.

Auch mit dieser Lösung aus serbischer Umklammerung ist die derzeitige Sympathie für Albanien zu erklären. Überall im Land, vor allem an den Grabdenkmälern von Kriegskämpfern, flattern albanische Flaggen im Wind, oft demonstrativ zusammengenäht mit den kosovarischen Pendants.

An einem gewöhnlichen Wochenende laufen wie überall auf dem Balkan am Wochenende auf den Bildschirmen in Cafés und Restaurants die englischen, spanischen und deutschen Ligaspiele. Doch wenn gerade, wie von der internationalen Gemeinschaft gefordert, erstmals seit Krieg und Unabhängigkeit direkte Verhandlungen mit Serbien begonnen werden, überträgt das staatliche Fernsehen auch stundenlange, erbitterte Parlamentsdebatten über dieses heikle Thema. Denn immer noch sind die Gräben tief.

Das zeigt sich besonders am Nationalfeiertag, dem 6. März. Da jährt sich der Tag, an welchem serbische Sondertruppen Adem Jashari, den frühen UÇK-Chef, mitsamt 57 Mitstreitern und Familienangehörigen umbrachten. Überall ist jetzt in der Stadt Jasharis bärtiger Charakterkopf plakatiert, die Übertragungen von Fackelmärschen, Fahnenappellen, Volkstänzen und Ansprachen an seinem überlebensgroßen Denkmal in Skenderaj reißen nicht ab. Gut zehn Jahre nach dem versuchten serbischen Genozid an der Bevölkerungsmehrheit ist die Erinnerung noch frisch.

Eine ganze Generation wartet auf Demokratisierung

Doch was erwarten die zahllosen jungen Leute, die Deportation und Kampf allenfalls als Kinder mitgemacht haben, für die Zukunft? Während gleich nach dem Krieg die Zustimmung für die alten UÇK-Kämpfer ungebrochen war, sind angesichts von Korruption und Unfähigkeit immer mehr Menschen verbittert. Und auch die Aussicht auf weitere Jahre unter Verwaltung einer wenig effizienten, zerstrittenen Völkergemeinschaft ist nicht unbedingt rosig. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit, sagt Avni Mazrreku, seien die Mehrheitsverhältnisse unsicher.

Während die Trennlinie zwischen Islam und Christentum in Europas „schwarzem Loch“ wieder so unerheblich ist wie vor Milosevic, wartet im Kosovo - nicht nur in Nordafrika - eine ganze Generation auf Demokratisierung, Transparenz, Wandel. Noch leben die passioniertesten Europäer dort, wo 1389 die Türken nach Europa vordrangen, wo 1918 der Erste Weltkrieg als europäischer Bürgerkrieg begann und recht eigentlich erst 2000 von europäisch-amerikanischen Truppen beendet wurde.

An einem kalten Spätwintermorgen liegt das protzige Mahnmal der Amselfeldschlacht in strahlendem Sonnenlicht. Um einen klotzigen Steinturm ragen wie auf einer Raketenabschussbasis riesige Stahlrohre in den Himmel unweit eines Kohlekraftwerks. In der Ferne sieht man die Kuppel des Grabmals für den auf dem Schlachtfeld gefallenen Türkensultan Murat. Hier sind es hinter Stacheldraht keine Kfor-Truppen mehr, sondern bereits kosovarische Polizisten serbischer Abkunft, die das Denkmal der heiligsten serbischen Schlacht bewachen.

Während sie aus einem geheizten Container kommen und die Pässe kontrollieren, blicken sie verwundert, dass sich überhaupt noch jemand für das martialische Mahnmal interessiert. Ausgerechnet auf dem blutgetränkten Hügel von Gazimestan, in dessen Namen noch nach über sechshundert Jahren neue Konflikte geschürt werden, ist es wie sonst fast nirgendwo auf dem Amselfeld: ziemlich menschenleer. Fürs Kosovo ist das kein schlechtes Zeichen.

Quelle: F.A.Z.
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