Neue Popmusik

Ist der Punk eine Bank?

Von Tobias Rüther
 - 18:11
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Der Markt schrumpft. Aber der Popmusik ist das egal. Zum ersten Mal seit Jahren löst sie sich aus der Vergangenheitsseligkeit, von den Nachbildern besserer Tage, und entdeckt die Gegenwart wieder für sich, ja vielleicht sogar die Zukunft. Hurra! Ein Glück. Sie dreht sich also doch. Mehr noch: Gerade in den finanzkrisengebeutelten Vereinigten Staaten, Deutschland und in Großbritannien erscheinen momentan Platten, die opulenter, funkelnder und euphorischer klingen denn je. Man hätte auch den großen Depressionsblues erwarten können. Stattdessen liefert jetzt Gutelaunemusik den Soundtrack zur Krise.

Dabei schien es eine Zeitlang gar nicht mehr weiterzugehen im Pop. Er wurde zusehends nostalgischer. Man kann nicht genau sagen, wann das begann, endgültig hörbar für die breite Öffentlichkeit wurde es vielleicht gegen Ende 2001, als die erste Platte der New Yorker Rockband The Strokes erschien, sich sofort sehr oft verkaufte, aber klang, als sei sie fünfundzwanzig Jahre alt. Seit 2001, seit einer kleinen Ewigkeit also, sind junge Bands wieder und wieder auf den gespurten Wegen alter Bands unterwegs gewesen, die es zum Teil schon gar nicht mehr gab, als die Mitglieder dieser jungen Bands geboren wurden. Als würden Enkel freiwillig die Kleider ihrer Großeltern auftragen, so wirkte das: bequem natürlich, weil eingetragen, aber irgendwie auch vermufft.

Effizient. Schnittig. Schnurgerade. Pfeilgenau

Zugestanden, nicht nur in der Mode ist das Zitat ein Gesetz des Fortschritts. Zu den besten Zeiten schrieb beispielsweise Prada den Dresscode der Phase von 1968 bis 1972 für das einundzwanzigste Jahrhundert um. Die Popmusik forscht ihrerseits nun schon seit Jahren an dem, was zwischen 1976 bis 1982 geschah, zwischen dem Ausbruch des Punk also und dem „Thriller“-Album von Michael Jackson – zweier Jahrhundertereignisse in der Popmusik. Aber während sich vor dreißig Jahren eine der bekanntesten Bands, The Clash, von der orthodoxen Gitarrenlehre des Punks immer weiter in Richtung des schwarzen Motown-Sounds bewegten, von dem auch Michael Jackson herkam, versammelten sich die meisten der neuen Neopunkbands der Nullerjahre dicht um den reinweißen Sound des Punks. Und spielten eine handgemachte Gitarrenmusik, zu der man hin und wieder, aber viel zu selten tanzen konnte.

Das war schön, so lang es dauerte, aber es dauerte dann doch zu lang. Sasha Frere-Jones, der Popkritiker des „New Yorker“, hat schon vor einem Jahr die Homogenität aktueller Rockmusik beklagt, die offenbar ihre Kraft zur Synthese verloren habe und – anders als zu Zeiten von Elvis und den Rolling Stones – leider kaum mehr schwarze Einflüsse integriere. Nun ist Rockmusik natürlich nicht die UN-Vollversammlung. Größere Vielstimmigkeit hat aber auch ihr schon immer gutgetan. (Übrigens ist das Nostalgiephänomen nicht auf Männermusik mit Gitarren beschränkt, auch neue Soulsängerinnen wie Amy Winehouse oder Duffy tragen ja die Kleider von Dusty Springfield auf.)

Es gibt Theoretiker, die behaupten, dass Pop erst dann richtiger Pop ist, wenn ein Lied wie das andere klingt. Kann sein. Andererseits bildet sich so unvermeidlich eine sehr langweilige Kohorte heran. Damit scheint jetzt aber Schluss zu sein. Es geht voran, um es mit einem ebenfalls zu Tode zitierten Lied der Fehlfarben zu sagen – einer deutschen Band, deren tanzbare Gitarrenmusik von 1980 exakt jener Popformel entspricht, die seit ungefähr 2001 herauf- und herunterzitiert wurde. Diese Formel hieß damals und heißt noch heute: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang. Also: Effizient. Schnittig. Schnurgerade. Pfeilgenau. „Konturenscharf“, würde Claus Peymann sagen, konturenscharf wie ein etwas zu enger Anzug, in dem seit 2001 meist dünne Jungs gesteckt haben: Ihre Bands nannten sich The Strokes, Kaiser Chiefs, The Hives, The Kooks oder The White Stripes, Arctic Monkeys und Franz Ferdinand. Die letzten drei sind wohl die bekanntesten und erfolgreichsten unter ihnen gewesen.

Ein irgendwie protestantischer Pop

Aber wenn es gut läuft und sich die Popmusik endlich daran erinnert, immer auch ein Innovationsmedium gewesen zu sein, dann heißen die bekanntesten und erfolgreichsten Popkünstler von morgen: Get Well Soon, MGMT, Passion Pit, Sufjan Stevens und TV On The Radio. Die Liste ist etwas wahllos und ließe sich noch um einige Namen erweitern. Ein paar der genannten Bands sind schon jetzt bekannt und auch erfolgreich, andere müssen es noch werden. Sie klingen nicht alle gleichermaßen opulent und überdreht, aber doch teilen sie einen Hang zu Maßlosigkeit und Überschwang, zum Zuviel. Sie prassen alle mit ihrem Talent. Man stelle sich Champagner vor, den es schüttelt, der endlich aus der Flasche will, dann knallt der Korken, es schäumt: Hat dieser Anblick jemals keinen Spaß gemacht?

Der sogenannten Jugend von heute hat der Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“, Jens Jessen, kürzlich vorgehalten, sich in einer Art vorauseilendem Gehorsam marktförmig gemacht zu haben, statt sich erst einmal selbst zu finden. Das war feinster Kulturpessimismus, der als Sorge ausgab, was wohl letztlich Selbstzufriedenheit ist. Komisch scheint allerdings, dass ausgerechnet in einer Zeit, da die Musikindustrie immer weiter abbauen muss, weil sie gegen den Vertrieb im Internet kein Mittel weiß, dass also in einem schrumpfenden Markt das Outfit neuer Popmusik ebenfalls immer sparsamer geworden war. Sparsam nicht in dem Sinne, abgelegte Muster einfach immer wieder überzustreifen, sondern sparsam in der Instrumentierung, in Songlängen, Bühnenkostüm. Ein irgendwie protestantischer Pop, gefertigt nach dem Manufactum-Werbespruch: Es gibt sie noch, die guten, alten Dinge. Als sei ein Gitarrenriff wie ein Telefon aus Bakelit.

Jetzt aber nimmt ein junger Mann aus Oberschwaben namens Konstantin Gropper eine Platte quasi im Alleingang auf, die nichts damit im Sinn hat, auch nur zwei, drei Takte lang unter einen Hut zu passen, weil Gropper noch eine Idee auf noch eine Idee auf noch eine Idee türmt: Get Well Soon hat er seine Band genannt. Jetzt arbeitet ein Multi-Instrumentalist namens Sufjan Stevens daran, eine Musik so groß wie das Land zu machen, aus dem er stammt, Amerika also; eines seiner Alben handelt von Michigan, ein anderes von Illinois, zuletzt hat er den Brooklyn-Queens-Expressway in eine Oper verwandelt: Es ist ein bisschen wie bei Jorge Luis Borges und seiner „Bibliothek von Babel“, nur dass die Welt bei Stevens nicht zwischen Buchdeckeln, sondern in Liedern ausgemessen ist. Jetzt häkeln die zwei Schamanen vom New Yorker Duo MGMT einen Quilt aus allem, was die Wellen aus dem Äther angespült haben. TV On The Radio, ebenfalls aus New York, sprengen nicht nur im Bandnamen die Logik der Formate und montieren einen kopflastigen Urschreigitarrenrap zusammen, und man merkt schon daran, dass sich so recht kein Etikett an diese Musik pappen lässt, dass hier etwas schwer in Unruhe ist. Passion Pit aus Boston schließlich huldigen dem Falsett, beschwören Rapunzel und bringen die aktuelle Lage auf den Punkt: Die Banken schwanken, wir aber haben elektronische Operetten.

Auf der Strecke bleiben die großen Tonstudios

Würde man die genannten Popkünstler danach befragen, ob ihre Musik irgendetwas mit dem schrumpfenden Markt oder der Finanzkrise zu tun hat, würden sie das sicher verneinen. Und doch sind es die Produktionsbedingungen, die ihren bombastischen Sound möglich gemacht haben. Was nämlich den Musikmarkt unter Druck setzt, die fortschreitende Digitalisierung der Musik also, bedeutet für neue Bands umgekehrt eine Arbeitserleichterung: Der Computer rechnet die Tonspuren, klickklick, einfach zusammen. Früher taten das Experten an Knöpfen und Reglern, die extra bezahlt werden mussten, Studiomiete ist teuer. Jetzt geht es in Eigenregie im Probenkeller, klingt auch nicht schlechter und wird vor allem immer preiswerter. Kein Wunder, dass diese neue Bombastmusik oft von Solisten stammt oder vielleicht noch von einem Duo. Das erklärt zwar auch ihre Exzentrik, andererseits braucht man eben dank der Digitaltechnik nicht mehr so viele Personal wie früher. Auf der Strecke bleiben dabei leider die großen Tonstudios, wie Marc Deckert neulich in der „Süddeutschen Zeitung“ beschrieben hat, und damit ein Handwerk, sicher auch eine Qualitätssicherung im Klang, die manche Platten unverkennbar machte und so etwas wie Schulen gründete.

Ach, früher. Früher war trotzdem nicht alles besser, selbst als früher noch gar nicht früher war, sagten das manche klugen Menschen schon. Seit den fünfziger Jahren vergrößerte das sogenannte analoge Multitrack-Recording die Zahl der Spuren, auf denen man im Studio einzelne Instrumente übereinanderlegen konnte: erst vier, dann acht, später sechzehn Spuren, Mitte der siebziger Jahre waren es vierundzwanzig. „Sgt. Peppers Lonely Heart’s Club Band“ aus dem Jahr 1967 ist das berühmteste Beispiel dieser Aufnahmetechnik – die natürlich ohne das musikalische Genie der Beatles, aber ebenso wenig ohne die technische Raffinesse ihres Produzenten George Martin nicht denkbar gewesen wäre. Die vier, acht, sechzehn, vierundzwanzig Spuren führten aber auch in überflüssigen Pomp, mit jedem Jahr, in dem diese Mischmaschinen günstiger wurden. Anfang der siebziger Jahre standen sie schließlich überall in den Tonstudios herum. Und plötzlich, so schimpfte schon damals der Popavantgardist Brian Eno, fingen Rockorchester wie Yes, Genesis oder Emerson, Lake and Palmer an, „wie ein schlechter Koch jedes einzelne Kraut vom Gewürzregal in die Suppe zu streuen“. Selbstverliebte, unhörbare Platten sind so entstanden. Virtuoses L’art pour l’art, das zwischen Bühne und Publikum einen Ehrfurchtsabstand erzwang. Ein entrückter Sound, der nicht in der Gegenwart von Ölkrise und Massenstreik zu Hause war, sondern im Elfenland, am Hofe Heinrich VIII. oder auf fernen Sternen.

Die Freiheit junger Musiker, über die Stränge zu schlagen

Mit den Musikern von damals haben heutige Bands wie Passion Pit oder TV On The Radio nur noch die langen Bärte gemeinsam. Ansonsten trennt sie der tiefe Graben, den Punk Mitte der siebziger Jahre in die Welt riss. Jenseits davon lebt es sich riskanter. Jenseits davon kann jeder eine Band gründen und alles selbst machen und mittlerweile sogar seine Musik von zu Hause aus unter die Leute bringen, über das Internet nämlich und ohne Plattenvertrag. Für junge Musiker ist eine Idealwirtschaft entstanden: Niemand handelt mehr mit ihren Talenten – und das ist es vielleicht, was diese Musiker gegen die aktuelle Krise gewappnet hat, in der sie leben und ihre Lieder schreiben: Sie können diese Gegenwart beschimpfen oder umarmen, sie können unbeirrt weitersingen, weil sie längst auch unabhängig von den börsennotierten Musikkonzernen und ihrem Renditenzwang operieren können, falls sie das wollen. Wenn ihre Musik funkelt und strahlt, als wäre die Welt eine Diskokugel, sind das nicht die letzten Tage von Rom, ist das keine Party am Abgrund oder Reibungshitze im Reizklima, die sich entlädt: Es ist der komplett unzynische Ausdruck einer noch größeren Freiheit, als sie sich Neoliberalisten vorstellen können.

Die Geschichte der Popmusik ist immer auch eine Technikgeschichte gewesen, einer Aneignung der Apparate, die sich einfacher und einfacher bedienen ließen. Und so handelt das gegenwärtige Kapitel einmal nicht vom Konsumenten, sondern vom Produzenten, geht es diesmal nicht um die Nöte von Vinylliebhabern oder das Glück von mp3-Fetischisten, sondern um die Freiheit junger Musiker, über die Stränge zu schlagen, weil sie die Mittel dazu haben. Die Opulenz und der Überschwang aktueller Popmusik reagiert nicht auf die Krise, sie hat sich von ihr emanzipiert.

Quelle: F.A.Z.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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