Provinzleben

Alle Wege führen nach Nang-Pu

Von Hannes Hintermeier
 - 16:43
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Sitzt ein Chinese im Zug und schaut aus dem Fenster. NANG-PU liest er da und denkt, er sei in der Mongolei. Ist aber kein Witz, und verfahren hat er sich auch nicht. Er steht mitten in Oberösterreich, und vermutlich muss er gleich aussteigen, um seinen Anschlusszug nicht zu verpassen. Denn Attnang-Puchheim ist das Synonym für das, was man heute gerne einen transitorischen Ort nennt. Obendrein einer, der in Österreich zum Synonym für einen hässlichen Bahnhof und sonst nichts geworden ist: als Eisenbahnknoten ein Name, aber kein Ort. Wie Bebra, als es die innerdeutsche Grenze noch gab.

Doch hinter der schlierigen Fensterscheibe sind Häuser zu sehen, ein Kirchturm am Fuß eines bewaldeten Hügels. Also müssen hier auch Menschen leben. Für die hat sich auch die Kunst bislang nicht interessiert. Gleichwohl sich die Stadt als Topos durch die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts zieht. In Heimito von Doderers Roman „Die Strudlhofstiege“ schreitet der einsame Leutnant Melzer auf seinem Weg durch die Tiefe der Jahre „über den Perron zu Attnang-Puchheim“, darüber sich grämend, einen Heiratsantrag nicht ausgesprochen zu haben. Auch Thomas Bernhard kam immer wieder hier durch. Und in Gerhard Bronners berühmtem „Bundesbahn Blues“, einer Art alternativer Nationalhymne der Österreicher, fehlt der Bahnhof auch nicht.

Das Salzkammergut ist nah und doch in weiter Ferne

Aus dem Weltall betrachtet, ist Attnang-Puchheim eine zerrissene Stadt. Das bleibt sie auch, wenn man sich ihr auf dem Landweg nähert. An den südlichen Ausläufern des Hausrucks gelegen, einer waldreichen Hügelkette, geht der Blick nach Süden auf den markanten Traunstein. Der steil aufragende Kalkriese dominiert das Panorama. Das Salzkammergut ist nah und doch in weiter Ferne. Wo das Zentrum sein könnte, wuchern Bahngleise. Zwölf Hektar groß, im Süden eingeschnürt von einer Bundesstraße, haben Schiene und Straße eine zweigeteilte Stadt geschaffen. Die ist im Lauf der Zeit zum Doppelnamen zusammengewachsen, aber nicht so richtig. Sie hat ein Leib-Seele-Problem: Der Leib, das ist die Eisenbahnersiedlung Attnang, die Seele ruht in Puchheim mit dem Redemptoristen-Kloster, dem Schloss und der Wallfahrtsbasilika Maria Puchheim. Besiedelt während der bajuwarischen Landnahme im achten Jahrhundert, sind beide Ortsteile alt, aber erst der Bau der Westbahnstrecke anno 1860 brachte sie zusammen. Eine Zuggewinngemeinschaft.

Noch immer hat die Stadt zwei Feuerwehren, zwei Musikkapellen, zwei Kirchenchöre. Und zwei Etablissements. Das „Moonlight“ im Westen und das „Amore Mio“ im Osten, jeweils unweit der Ortstafel, markieren das Entrée zur Stadt. Bei Nebel - und den gebe es hier häufig, sagt ein Einheimischer - sehe das aus wie zwei Nebelschlussleuchten. „In Attnang-Puchheim haben wir jetzt auch so ein Lokal“, heißt es in Helmut Qualtingers Sketch „Die Striptease-Familie“: „In Attnang-Puchheim haben wir eine, die kann bauchtanzen . . . - Ein Striptease-Mädel? - Nein, ein Postfräulein . . .“ Heute haben wir einen großen Fruchtsafthersteller mit einem Fabrikgelände in der Au, einen Spezialisten für industrielle Automatisation, eine Firma für Fassadenbau, die unter anderem die neue Bibliothek von Alexandria auf ihrer Referenzliste hat. Das „Tor zum Salzkammergut“ liegt in einer industrialisierten Gewerbezone nach amerikanischem Vorbild. Dazu später mehr.

„Sterben - das ist wie Umsteigen in Attnang-Puchheim“

Von all dem sieht der Reisende nichts, der hier nur den Zug wechselt und nicht sein Leben ändert. Für die Pendler, die sich durch den langen Betontunnel schieben, zählt nur die Anbindung. Zwölf Tarifkilometer mit der Salzkammergutbahn nach Gmunden, 33 nach Ried im Innkreis, 56 nach Linz, 71 nach Salzburg, 246 nach Wien. Um 6.44 Uhr hält der Paradezug der ÖBB, der Railjet 767, von Salzburg kommend in Attnang-Puchheim. Keine zwei Stunden später ist man am Wiener Westbahnhof. Immer mehr Tagespendler nutzen diese Verbindung. Und jetzt kommt endlich der neue Bahnhof. Mehr als drei Jahrzehnte haben sie auf ihn warten müssen. Regelmäßig gab es dafür den Spott für den hässlichsten Bahnhof Österreichs.

Das Zeitmaß der Eisenbahner. Das sei ganz normal, dass so lange nichts passiert sei, findet der zuständige Projektleiter Franz Hujber: „So ein Umbau ist schließlich extrem komplex, da kann man nichts übers Knie brechen.“ Allein die nahe Papier- und Zellstoffindustrie in Lenzing könnte ohne die passgenaue Zulieferung von Holz auf einem eigenen Gleis den Betrieb einstellen. Hinterstellung und Verschub einer nach Millionen zählenden Tonnage sichern die Bedeutung der Bahn inmitten einer auf den Straßenverkehr zugeschnittenen Landschaft. 146 Personenzüge und noch mal so viele Güterzüge fahren wochentags hier durch, 7200 Pendler steigen um oder aus. In Alfred Dorfers und Josef Haders Tragikomödie „Indien“ fällt der Satz: „Sterben - das ist wie Umsteigen in Attnang-Puchheim.“ Damit soll jetzt Schluss sein.

Hunderte von Arbeitsplätzen sind verloren gegangen

Das neue Bahnhofsgebäude kommt in unvermeidlicher Stahl-Glas-Optik, ein neuer Fußgängertunnel, neue Bahnsteige, Rolltreppen, Lifte, eine „Kiss & Ride-Zone“ (Küsschen & Tschüschen, Bussi & Baba), Licht bis ins Untergeschoss, Läden, barrierefrei, klimaneutral - das ganze Programm. Ein Jahrhundertprojekt, das nach derzeitigen Planungen 54 Millionen Euro kosten wird, Fertigstellung 2014. Der Eingang bleibt am Renner-Platz, aber wo man sich heute noch unwillkürlich unter einer grauen Betondecke bückt, deren Dach als Parkdeck dient, soll ein Busbahnhof entstehen, von dem aus die Pendler ins Umland geschaufelt werden. Die erste Hälfte des alten Bahnhofs wurde im April abgerissen.

Die Emissäre aus der Oberösterreich-Zentrale der Staatsbahn preisen den Tatendrang ihres Arbeitgebers und „die gewaltige Zustimmung“ zum Neubau seitens der Bevölkerung. Die Herren nennen die Aussicht auf ein Mehr an städtischem Leben eine „Win-win-Situation“, und zwar für den Ort wie für den Kunden. Obwohl alle nur gewinnen können, macht die ÖBB Verluste, die besten Zeiten der Eisenbahn sind hier vorbei. Die Zahl der in Attnang beschäftigten Eisenbahner ist kontinuierlich gesunken, allein die Automatisation der Stellwerke hat Hunderte von Arbeitsplätzen überflüssig gemacht. Eine Lehrwerkstatt für Auszubildende gibt es, Zulauf stabil, weil krisensichere Jobs winken. Aber künftig soll der Knoten Attnang-Puchheim von Salzburg aus gesteuert werden. An der Westseite des Neubaus wird hinter einer Schallschutzwand ein kleiner Park angelegt werden, Blick auf die Gleise. Bewegung ist unsere Natur, Stillstand ist unser Tod, schrieb Blaise Pascal.

52 Nationen leben hier

Das Zentrum mit den Häusern der vorletzten Jahrhundertwende wirkt unbelebt, zerschlissen, die meisten Häuser brauchten dringend einen Anstrich. Am Marktplatz stehen das Rathaus, ein Juwelier, ein Elektrogeschäft, eine Buchhandlung, ein Wirtshaus. Das große Wohnhaus, das den Platz nach Süden abriegelt, wirkt unbewohnt. Das Zentrum gehöre den billigen Wohnlagen, weil die Staatsbahn ihre Immobilien nicht hergibt, sagt Bürgermeister Peter Groiß (SPÖ). „Substandard“ nennt er das. Aber woher denn, widerspricht ÖBB-Pressesprecher Mario Brunnmayr, das ließe sich schon regeln, wenn nur begründetes Interesse vorgebracht würde. Wer in Linz billigen Wohnraum sucht, erzählt Gemeinderat Alfred Kohlberger von den Grünen, wird häufig auf Attnang aufmerksam gemacht. Hier gebe es noch Wohnungen mit Holz- oder Kohleofen, fünfzig Quadratmeter für zweihundert Euro.

Der Bürgermeister der neuntausend Seelen zählenden Stadt versprüht ordnungsgemäß Optimismus. Mit 4200 Arbeitsplätzen sollte die Wirtschaftskraft eigentlich gesichert sein, die großen Arbeitgeber zahlten auch alle ihre Gewerbesteuer. Aber wer es sich leisten könne, der ziehe an den Stadtrand. Die Pro-Kopf-Verschuldung liegt mit 612 Euro deutlich unter dem Landesdurchschnitt; dennoch war Attnang-Puchheim zuletzt „Abgangsgemeinde“: So nennt das Verwaltungsösterreichische eine Kommune, die ihren Haushalt nicht ausgleichen kann. Das Erscheinungsbild legt den Verdacht auf Wohlstand ohnehin nicht nahe. Attnang weise, sagt der Bürgermeister, wie andere Orte in der Gegend auch, einen „vergleichsweise hohen Anteil von Mi-granten“ auf. Mehr als ein Viertel der Einwohner zählt zu dieser Gruppe. Der Großteil stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien, dann folgen Türken, dann Deutsche, die im Salzkammergut in Hotellerie und Restaurants arbeiten. Der Integrationswille der Türken gilt als begrenzt; sie haben eine von außen als solche nicht zu erkennende Moschee neben der Pizzeria an der Bundesstraße. Die Globalisierung überrollt die Provinz - zweiundfünfzig Nationen leben in der Stadt.

„Consume! Don't think“

Dass im Klein-Klein der Lokalpolitik bis aufs Blut gestritten wird, ist nichts Ungewöhnliches. Groiß, ein sportlicher Mittvierziger mit stahlgrauem Bürstenhaar, hält sich zugute, die Eisenbahnerstadt politisch befriedet zu haben. Auch der Bürgermeister war bei der ÖBB, erst als Maschinenschlosser, dann als Lokführer „mit Streckenkenntnis bis zur tschechischen Grenze“, es folgte Gewerkschaftsschule und Betriebsrat, bis man ihn in die Lokalpolitik rangierte. „Regieren mit Hausverstand“ lautet sein Motto. Die Gemeinde leistet sich Luxus wie einen Citybus, eine Sauna (jährlich bezuschusst mit 200 000 Euro), ein stattliches Freibad auf dem Spitzberg, in das man 570 000 Euro für Renovierung gesteckt hat und das jetzt weitere 380 000 Euro im Jahr verschlingt. Es hört auf den Namen Apumare.

„Consume! Don't think“ steht an der grauen Hauswand des Eurospar. Darüber befindet sich der Phönixsaal, eine schimmernde Parkett-Elegie für Firmenfeiern und Briefmarkenausstellungen aus den späten siebziger Jahren mit schlechter Akustik. Im Eingangsbereich steht die Skulptur eines übermannshohen Riesenvogels, sein Kopf verdeckt einen Lautsprecher. Die Spur führt zum Stadtwappen: Dessen oberes Drittel nimmt nämlich der Mythenvogel Phönix ein, mit welchem sich Attnang-Puchheim im Laufe der Jahre des Wiederaufbaus identifizierte. Man war sich damals einig, der lokalen Identität mit einem Phönix Ausdruck zu verleihen. 1955 wurde er offiziell Bestandteil des Wappens. Einen Phönixbrunnen gibt es auch, auch er kein Geniestreich der Kunstgeschichte.

Der Untergang der alten Welt

Der Phönix steht für die Wiedergeburt, das glanzvolle Erstehen aus der Asche jenes 21. April 1945. An diesem Tag tilgten die Alliierten Attnang-Puchheim von der Landkarte. Auslöser war Hitlers ominöses Konstrukt einer Alpenfestung, ein Rückzugsterrain, an dessen Nordrand die Stadt gelegen hätte - wenn es die Alpenfestung denn gegeben hätte. Was es gab, waren die Stollen der Brauerei im nahen Zipf. Die waren beschlagnahmt und erweitert worden. Mit Häftlingen des örtlichen Konzentrationslagers wurden dort eine Produktionsstätte für Raketentreibstoff sowie eine Brennkammertestanlage für Raketenmotoren betrieben. Die V2, Hilters ultimative Geheimwaffe, sollte in Ebensee montiert werden.

In Attnang selbst befand sich eine getarnte Rüstungskommando-Außenstelle sowie eine Gestapo-Leitstelle. Der am 1. Mai 1944 angelaufene Betrieb war der alliierten Spionage nicht entgangen; deshalb sollte der Eisenbahnknoten zerschlagen werden. Weil andere Angriffsziele an jenem Tag unter Wolken lagen, kam es über Attnang-Puchheim zu einer extremen Bomberdichte. Es begann um 10.45 Uhr mit einem Tieffliegerangriff. Dreihundert überwiegend amerikanische Flugzeuge warfen während eines dreistündigen Angriffs 2338 Bomben mit einer Gesamtlast von 639 Tonnen ab. Siebenhundert Todesopfer und eine weitgehend zerstörte Stadt waren das Ergebnis. Neun Tage später war Hitler tot, weitere acht Tage später der Krieg zu Ende.

Kulturarbeit ist Intergrationarbeit

Der rasche Wiederaufbau, die Rückeroberung eines bescheidenen Wohlstands, hat dazu beigetragen, dass sich die Stadt nicht ausreichend um ihre seelische Verwundung kümmern konnte. Es sei ein „ideelles Ziel vergessen worden“, fürchtet Grünen-Gemeinderat Alfred Kohlberger. Er ist hier geboren, arbeitet als Bewährungshelfer in Linz. Schon als junger Mann hat er versucht, mit Jazzkonzerten die nicht vorhandene Szene zu durchlüften; auch heute engagiert er sich im Verein, der das Jugendzentrum „Nang-Pu“ betreibt. Mangelndes Selbstbewusstsein einerseits, fehlende Vision andererseits. Attnang, ist sich Kohlberger sicher, „hat ein fundamentales Problem: Wir können uns nicht entscheiden, was wir sein wollen.“

Liegt das eventuell an einem Mangel an kultureller Identität? „Mein Gott, nein wirklich nicht, Kultur - davon haben wir mehr als genug in der Stadt“, sagt Christine Fellinger. Muss das vielleicht sagen, weil sie im Gemeinderat als Kultur-Obfrau für diesen Bereich zuständig ist. Eine von sieben FPÖ-Politikern, und nach lebhafter Selbstauskunft „eine begeisterte Attnang-Puchheimerin“. Und dann zählt sie auf: neunundzwanzig Kulturvereine, Kellerbühne Puchheim, Trachtenvereine, Briefmarkensammlerverein, der Bruckner-Bund, der Baseballverein Attnang Athletics. Es vergehe keine Woche, „in der nicht ein, zwei Veranstaltungen“ stattfänden; man habe gar nicht so viele Plakatständer, um alles ankündigen zu können. Im Gegensatz zu ihrer Partei, die kein Hort multikultureller Experimente ist, interpretiert die Geschichtslehrerin Fellinger ihr Kulturamt als Vereins- und Integrationsarbeit. Sie steht einem Arbeitskreis „Lebenwertes Attnang-Puchheim“ vor, der regelmäßige Integrationsfrühstücke veranstaltet. Nur zu den Türken, sagt sie ebenso wie der Bürgermeister, finde man schwer Zugang.

Das „Festival der Regionen“ will beim Durchlüften helfen

Jetzt soll der Blick von außen helfen. Denn Gottfried Hattinger hat etwas Ähnliches wie die Kommunalpolitiker im Sinn, nur anders herum. Er will ein neues Bild von Attnang-Puchheim schaffen. Dazu hat er ganze zwölf Tage Zeit, wenn das „Festival der Regionen“ am 22. Juni hier beginnt. Im Auftrag des Landes Oberösterreich organisiert Hattinger die diesjährige Ausgabe des Kulturfestivals, das seit 1993 im Abstand von zwei Jahren durchs Bundesland wandert. Hattinger war vor zwanzig Jahren Leiter der „ars electronica“ in Linz, seither arbeitet er als freier Kurator, unter anderem für das Theaterfestival „spielart“ in München. Der schmalgraue Sechzigjährige erzählt, dass er bei seinem ersten Auftritt vor dem Gemeinderat gesagt habe, nicht weil die Stadt so schön sei, sondern weil sie so spröde sei, habe er sie ausgewählt. Da sei ein Volksvertreter aufgestanden und habe gesagt: Aber wir sind anständige Leute und fleißig.

Attnang-Puchheim bekommt also eine Infusion zeitgenössischer Kulturformen - wie zuletzt vor zwei Jahren Linz als europäische Kulturhauptstadt. Was dort erfolgreich war, kommt in abgewandelter Form nun auch in der Provinz zum Einsatz. „Umsteigen“ lautet das naheliegende Motto. Eröffnet wird mit der Uraufführung von Renald Deppes Blasorchester-Stück „lost & found“, das der in Wien lebende Komponist für den Eisenbahner-Stadtmusikverein geschrieben hat. „Why Attnang?“ - der hier geborene Franz Fellner hat zusammen mit dem Historiker Michael John eine Eisenbahn-Symphonie geschrieben, die im historischen Rundlokschuppen aufgeführt wird. Die Gruppe God's Entertainment wird für eine „Passantenbeschimpfung“ Arbeitslose für fünf Euro anheuern, die den Pendlerstrom mit einem adaptierten Handke-Text aus dem Tritt bringen sollen.

Warum Attnang?

Damit nicht genug der Irritation. Vor dem Rathaus soll ein temporäres Erdbeerfeld entstehen - „guerilla gardening“ nennt sich das. Der Tunnelboden unten den Gleisen wird mit Variationen des Schriftzugs „Umsteigen“ versehen, an der Decke sollen abgetragene Schuhe der Attnanger befestigt werden. Integration steht auch auf dem Programm. Mit den Volksgruppen wird gekocht, später soll ein Kochbuch entstehen. Die Schrittfolgen diverser Volkstänze werden zum Nachtanzen aufs Pflaster gemalt. Und über einen Wiener Roma- und Sinti-Verein hat man rumänische Jugendliche eingeladen, die für zwölf Festivaltage von Jugendlichen beherbergt und betreut werden.

Eine bewusste Geste, die auf den alle Jahre wieder aufbrechenden Widerstand anspielt, wenn sich eine fahrende Familie für ein paar Tage am Spitzberg niederlässt. „Das Einzige, was passiert, ist, dass ein wenig mehr Müll herumliegt, wenn sie weg sind“, sagt Hattinger. Aber warum Attnang? „Gute Frage“, sagt Gottfried Hattinger, selbst im Hausruck geboren. Er werde darauf jedenfalls „gewiss keine missionarische Antwort geben“. Auch Didaktik liege ihm fern. Aber es solle eben auch nicht so sein, „dass man sich das Festival wie eine Faschingsnas'n aufsetzt, um sie nach zwei Wochen wieder abzunehmen.“ Es werde keine Kompromisse geben, keine Kulturdiplomatie, keine Folklore. „Die Leute sollen sich einlassen auf aktuelle Formen.“ Es ist fast wie beim Bahnhofsneubau: Alle freuen sich darauf, sagen sie.

Zita am Grab der Mutter

Der Ort der Eröffnungsfeier, die Lokhalle auf der Nordseite der Gleise, ist ein ungeschlachter Ort aus Beton und Stahl, es riecht nach Eisen und Öl, Motorenersatzteile wie von Riesenhand hingeworfen. Im Inneren herrscht eine kontemplative Stille, der Wind verweht den Lärm der Bundesstraße, kein Kreischen von bremsenden Zugrädern, kein Rumpeln beim Überfahren der Weichen. Auch nebenan im halbkreisförmigen Lokschuppen keine Betriebsamkeit. Ausrangierte Zugpferde, Veteranen einer versunkenen Eisenbahnzeit, stehen neben wartenden Triebwagen.

Ähnlich still ist es in der Basilika zu Puchheim. „Mit diesem Kreuz auf der Schulter ging der Kroate Ilija Papac von Ulm in Deutschland nach dem heiligen Ort Maria-Puchheim 16. XI. 1969“, steht auf einer Tafel unter einem drei Meter großen Holzkreuz. Nebenan in der Anbetungskapelle, die dem Heiligen Georg geweiht ist, liegt die Mutter der letzten österreichischen Kaiserin begraben. 1982 kam Zita, ohne auf den Thron verzichtet zu haben, mit einer Sondergenehmigung von Bundeskanzler Kreisky nach Österreich. In Puchheim besuchte Zita das Grab ihrer Mutter, Maria Antonia von Bourbon-Parma. Ein roter Perserteppich bedeckt die Grabplatte, wie die Damen an der Klosterpforte verraten: „Den können Sie ruhig hochheben.“ Das verbietet sich, weil eine junge Frau allein in der vorletzten Bank sitzt, vollkommen reglos im Gebet versunken. Draußen zwitschern die Vögel über der Au. Auch dort sind 1945 Menschen gestorben, auf der Flucht vor den Bomben. Die Kirche blieb unversehrt.

Als verfügte man über endlose Landschaftsreserven

Höchste Zeit, den Phönix wieder in die Asche versinken zu lassen, aus der man ihn 1955 aufsteigen ließ? Die Gelegenheit, sich zu einer neuen Identität aufzuschwingen? Alfred Kohlberger hat schon solche Gedanken. „Vielleicht ist er längst eine Bürde?“ Denn für den Aufstieg war auch ein Preis zu zahlen. Die Gegend ist heute wieder ein Schlachtfeld: das einer Markt- und Staatswirtschaft, die ungebremst immer weiter baut. Zwischen der fünf Kilometer entfernten Bezirkshauptstadt Vöcklabruck und Gmunden am Traunsee ist ein von Kreisverkehren erschlossenes Gewerbegebiet entstanden, mit künftigen Investitionsruinen, denen man heute schon ansehen kann, wie der Wind durch sie hindurchpfeifen wird.

Das Entree zum Salzkammergut - hingerichtet im Stil des Wilden Westens. Letztes Jahr öffnete die „Varena“ (für Vöcklabruck-Arena) genannte Mall mit achtzig Läden und 1900 Parkplätzen. Der Nachbarort Timelkam wirbt wegen seiner zweiten Silbe im Ortsnamen mit Kamelen (“Sunnseit'n City“). Von einer geordneten Raumplanung keine Spur, als verfügte man über endlose Landschaftsreserven. Noch tobt der „immerwährende Konkurrenzkampf der Kommunen“, so Bürgermeister Peter Groiß, noch gewinnen diejenigen, die Flächenreserven haben. Zu stören scheint dies niemanden, es ist wohl eher so, wie Gottfried Hattinger vermutet: „Aufpassen auf die Natur tut man in Österreich nur, wenn es sich kommerziell rentiert - also in den Fremdenverkehrsorten.“

„Umsteigen müssen Sie sowieso“

Attnang-Puchheim liegt an einer pulsierenden Ader dieses Wirtschaftskreislaufs. Und der hat es mit sich gebracht, dass die Stadt längst kein weißer Fleck auf der Landkarte der internationalen Touristenströme mehr ist. Das liegt zum Beispiel an Hallstatt am gleichnamigen See, tief in den Bergen des Salzkammerguts. Hallstatt ist für japanische wie chinesische Touristen auf dem Weg zwischen Salzburg und Wien eine abzuarbeitende Pflichtstation. Der Ort steht wegen seiner bedeutenden Funde aus der Eisenzeit auf der Weltkulturerbe-Liste. Wer die Reise mit der Bahn macht, dem geht es so wie jenem asiatischen Ehepaar, dem der Wirt des Hotels Zauner in Hallstatt in fließendem Austrian English erklärte: „You have to change trains in Attnang-Puchheim, anyway.“

Detaillierte Inforamtionen zum Programm des „Festivals der Regionen“ sowie Bilder vom Stadtraum Attnang-Puchhheim finden sich unter www.fdr.at

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.
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