Scientology

<B>Wie F. unter die Profit-Ekstatiker fiel</B>

Von Wolfgang Hegewald
 - 09:07
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Als F. am Morgen des 27. September die Augen aufschlug, dachte er, ohne sich viel dabei zu denken: Dieser Tag ist ein Gedicht. Es war ein Sonntag, dieser 27. September 2009. Heute würde ein neuer Bundestag gewählt werden. Die Sonne schien. Sacht wölbte sich ein makellos blauer Spätsommerhimmel über Barmbek-Süd. Der schöne 27. September. Was für ein Glück, ging es F. durch den Kopf, während er das Frühstück vorbereitete, solches Wetter und eine freiheitlich-demokratische Rechtsordnung. Für F. war das, biographischer Umstände halber, die er nicht gewählt hatte, nicht selbstverständlich, denn er ist in Dresden aufgewachsen, dort mit neun Jahren ungefragt eingemauert und zur Weltfremdheit, einem kommod mit Braunkohlebriketts und Herzlichkeit beheizten Dasein als Paria in finsteren Zeiten, angehalten respektive verurteilt worden.

Zufall und Zeit, die beiden mächtigen Tyrannen. Und F. hat, fast auf den Tag genau vor fünfundzwanzig Jahren, im September 1983, das Weite gesucht. Sich die Freiheit genommen, die ganz und gar nicht billig war. Vierzehn Tage zuvor haben F. und seine Frau D. die Wohnung in der Berthastraße bezogen, in der jetzt dieser hinreißende 27. September anzubrechen versprach. Vor fünf Monaten, im April 2009, wurde sie Herrn T. abgekauft. Noch fermentierte eine feine Euphorie ihre Empfindungen; die Ankunft in den hohen, hellen Räumen der ehemaligen Fabriketage und das Abenteuer neu beginnenden Wohnens vibrierten verheißungsvoll in D. und F.

Ein diffuser Schrecken

Das Haus, einst eine Druckerei, später Schokoladenfabrik, dann teils Niederlassung für Kleingewerbe, teils Mietwohnungsbestand, war von Herrn T. aufgekauft, parzelliert und in der Gestalt von Eigentumswohnungen weiterveräußert worden.

Vage Indizien bezeugten die Einflüsse der Industriearchitektur; das Haus wirkte zwischen den für Barmbek typischen Wohnzeilen wie ein Findling. Seine Außenmauern hatten die Angriffe der Alliierten überstanden. Das konnten hier nicht viele Gebäude von sich behaupten.

Für F. und D. gab es an diesem schönen 27. September etwas zu feiern – privat; nicht nur, dass sie die Wahl hatten –, und am Nachmittag hatte sich eine Festgesellschaft auf dem neuen Balkon der neuen Wohnung in der Berthastraße versammelt. Da läutete es an der Tür, und Herr Y., den F. als Makler kannte und als ein dem Immobilienhändler vielfach zur Hand gehendes Faktotum, vermeldete einen Wasserschaden: Unter F.s Dusche suppe es durch, in eine Wohnung, die im September 2009 noch Herrn T. gehörte. F.s gute Laune erhielt einen Dämpfer, mehr nicht.

„Versicherer im Raum der Kirchen“

Was F. damals nicht wusste: Kurz zuvor hatte der oscarprämierte Drehbuchschreiber und Regisseur Paul Haggis, Vater von zwei lesbischen Töchtern, seinen Austritt aus dem Sektenkonzern Scientology erklärt, dem er fünfunddreißig Jahre lang, zuletzt im Rang eines Thetan VII, angehörte. Weil die kalifornische Science-Fiction-Sekte im Wahlkampf 2008 öffentlich den schwulenfeindlichen Gesetzentwurf „Proposition 8“ unterstützt hatte, der die Legalisierung der Schwulenehe in Kalifornien zu revidieren versprach.

Dass Herr T., Verkäufer der Wohnung in der Berthastraße und Geschädigter beim Leitungswasserschaden vom 27. September, eine Größe bei Scientology Deutschland sein solle, war F. bereits zu Ohren gekommen und hatte ihm einen diffusen Schrecken eingejagt. Was genau es hieß, hätte er zu jener Zeit, am Nachmittag des schönen 27. September, nicht zu sagen vermocht.

F. zeigte den Leitungswasserschaden pflichtschuldig bei seiner und seiner Frau D. Privathaftpflichtversicherung an, der Bruderhilfe Pax, „Versicherer im Raum der Kirchen“, füllte das vorgeschriebene Protokoll aus, benachrichtigte die Hausverwaltung und beauftragte eine Fachfirma mit der Reparatur an seiner Dusche. Herrn T. bat er, sich wegen der Schadensregulierung direkt mit der informierten Versicherung ins Benehmen zu setzen.

Köchelten da Träume von der Macht?

Einblicke ins Psychostyling des Gehirnwäschesalons Monate später, als die Begleitumstände sich abzuzeichnen begannen und F. und seine Frau D. allmählich begreifen ließen, was es bedeutete, von einem wie Herrn T. eine Wohnung gekauft zu haben, versuchte F. gelegentlich, sich in Denkungsart und Mentalitätspathologien parareligiöser Profit-Ekstatiker einzufühlen. In das organisierte Psychostyling der Gehirnwaschsalons, in die abgründig banalen Gesprächstricks und in die Virtuosität des Verhörens. Wer je Blickkontakt mit einem (bekennenden oder anonymen) Scientologen gehabt hat, ahnt, wovon die Rede ist.

Was, so mutmaßte F. beispielsweise, mochte an einem Wahlsonntag wie diesem schönen 27. September im Gedankenhaushalt eines Thetanen vorgehen? Köchelten da Träume von der Macht auf kleiner Flamme? Wie Anfang der Neunziger, als die Spitze des Sektenkonzerns, im Überschwang des Mauerfalls und von narzisstischer Hybris verblendet, auf eine eigene Kanzlerkandidatin aus Düsseldorf setzte? Und Herr K., ein Sektengeschäftsbruder von Herrn T., im gespenstischen Schattenkabinett den Platz des Finanzministers einnahm? Reine Spekulation; aber „clear Berthastraße“ wäre ein Anfang, immerhin.

Einige Zeit verstrich, dann erhielt F. Post von Herrn T. Er wolle sich nicht, so Herr T. sinngemäß, mit seiner, F.s, Haftpflichtversicherung auseinandersetzen und fordere ihn auf, die Schadenssumme, circa 1200 Euro, privat zu liquidieren. Es sei ihm in der Zwischenzeit gelungen, so Herr T., verdächtig gönnerhaft, den Schaden für die Hälfte der ursprünglich kalkulierten Kosten zu reparieren.

Der sich keiner Schuld bewusste Versicherungsnehmer F. war perplex: Genau das, hatte ihm sein Sachbearbeiter von der Bruderhilfe eingeschärft, sei strikt verboten, denn dann verlöre er jeglichen Haftungsanspruch durch die Versicherung. Diese Auskunft gab er an Herrn T. weiter.

Ein merkwürdiges Rundschreiben

Warum, zerbrach sich F. eine Weile den Kopf, tat Herr T. nicht, was nahelag und holte sich sein für die Instandsetzung des Leitungswasserschadens vorgestrecktes Geld von der Versicherung zurück? War man im Innern des Sektenkonzerns womöglich gewissen rituellen Reinheitsgeboten unterworfen? Berühre nie aus freien Stücken die Bruderhilfe, falls es sich irgendwie vermeiden lässt, beispielsweise?

Unterdessen unterstützte F. ehrenamtlich die für die Berthastraße zuständige Hausverwaltung als gewähltes Mitglied des Verwaltungsbeirats. Im Bunde mit und gut beraten von V. und V., den beiden anderen Verwaltungsbeiräten, konnte F. auf den Eigentümerversammlungen seines guten Gewissens wegen häufig nicht umhin, in der Gesellschaft der Eigentümer mahnend zu insistieren, was Herr T. der Gemeinschaft zu liefern noch schuldig sei. Eines Tages fanden die Hausparteien ein merkwürdiges Rundschreiben in ihren Briefkästen von einer Kanzlei, der auch Rechtsanwalt P. angehörte.

Kompetenz eines Verwaltungsbeirates

Unaufgefordert erläuterte die Hauspost den verdutzten Eigentümern, was in der Kompetenz eines Verwaltungsbeirates liege und dass die Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Eigentümer nicht dazugehöre. Die Postwurfsendung, erinnerte sich F., war unfrankiert gewesen. Doch zu jener Zeit geisterte oft das Maklerfaktotum Y. durchs Haus, wiewohl niemand so genau wusste, weshalb eigentlich.

Abermals ging Zeit ins Land, dann traf Post von Herrn Rechtsanwalt P. bei F. ein: Wenn er nicht innerhalb der hiermit verkündeten Frist die Schadenssumme privat begleiche, empfehle er seinem Mandanten, Herrn T., gerichtlich gegen ihn vorzugehen. So lautete der barsche Zuruf etwa.

Eine Lektion in Sachen Illusionsbereitschaft

Inzwischen wusste es F. besser: Je länger das zweifelhafte Vergnügen währte, die Begleitumstände, eine Wohnung von Herrn T. in der Berthastraße gekauft zu haben, studieren zu müssen, eine zeitraubende, kostspielige, enervierende Erfahrung, desto klarer stand es F. vor Augen – die rechtsförmig drapierte Schikane galt ihm persönlich.

Wenn es durchregnet, ist das durchaus im Sinne der Dacharbeiten. Unterdessen hatte Herr T., was sein verbrieftes Recht war, vier Flächen auf dem Flachdach des Hauses in der Berthastraße, das einst ihm gehörte, als Baugrundstücke verkauft, an Wohnungsaufstocker. Mit dem Kauf der Grundstücke verpflichteten sich die Dachaufstocker, die Dienste des Bauunternehmers T. in Anspruch zu nehmen, so sahen es die von Herrn T. gestalteten Verträge vor. Von der Aussicht auf eine für Hamburger Verhältnisse günstige Dachgeschosswohnung betört, schlugen die Dachaufstocker alle Warnungen der Alteigentümer, die sich mit den Begleitumständen, des Kaufs einer Wohnung von Herrn T., schon ein wenig besser auskannten, in den Wind; eine Lektion in Sachen Illusionsbereitschaft.

Bald darauf begann es zu regnen, und die von Herrn T. und seinen Handlangern malträtierte Dachhaut ließ den Niederschlag gewähren. Über Monate hin war das arme alte Haus nicht ganz dicht. Gutachterlicher Sachverstand forderte für diese Art von Baustelle dringend ein Wetterdach, doch dieser gute Rat verhallte folgenlos. Regenwasser nistete sich im Haus ein, und die Ohnmachtserfahrungen der Betroffenen, darunter F. und D., wurden monströs. Die Eheleute O., die seit Jahrzehnten unterm Dach lebten, mussten andernorts Zuflucht suchen; bald nach Beginn der Aufstockungsvorbereitungen sah ihre Wohnung aus, als hätten sie die Ausläufer einer Sturmflut erwischt.

Ein anthropologischer Feldversuch

Manchmal ergab es sich, dass F. mit diesem anderen Eigentümer oder jenem Mieter erörterte, was da gerade geschah. Warum, so fragten sie sich etwa, sprängen die scientologischen Geschäftsleute samt ihren Helfershelfern mit unserem Haus und seinen Bewohnern so um, wie sie es tun? Reines und genau kalkulierendes Profitstreben verhielte sich anders. Die Intentionen seien nicht eindeutig. Renditeabsichten, ja, gewiss; aber windschief zu allen ökonomischen Zielen finde womöglich, so spekulierte das Gespräch im Treppenflur oder auf einem Balkon, ein anthropologischer Feldversuch statt: Zwietracht säen und sich am Geilwuchs egoistischer Triebe erfreuen. Versuchsreihen in einem Labor für experimentelle Niedertracht. Etwas in der Art. Könnte man leicht glauben.

Zu kurz gedacht!, hielt sich F. gelegentlich selbst vor, und er zögerte nicht einzuräumen, dass auch eigene Einfalt mit im Spiel gewesen sei. Warum etwa habe er Herrn T. gegenüber nicht darauf bestanden, dass die Verträge bei einem Notar seiner und D.s Wahl unterzeichnet würden? Dass F. und D. keine Routiniers des Immobilienhandels waren, taugte nicht so recht als Entschuldigung. Aber das ist schon eine andere, eine längere Geschichte. Der 27. September war ein Gedicht. Was folgte, hat vielleicht das Zeug zum Roman.

Unweigerlich kam es F. in den Sinn: Für das, was ihm und anderen in der Berthastraße derzeit widerfuhr, gab es in seinem ersten deutschen Leben, drüben, als er noch keine Wahl hatte, einen Begriff: Zersetzung. Es war böse gemeint. Dem Haus sah man es bereits an.

Raffiniertes Kalkül

Der an seinem eigenen Unrat zugrunde gegangene Staat, in dem F. nolens volens sein erstes deutsches Leben gefristet hat, ließ es sich sogar ein Ministerium, und kein kleines, kosten, das Theorie und Praxis der Zersetzung auf Weltniveau stemmte und pflegte. Davon ist, wiewohl er intern Ähnliches praktiziert, im Distrikt der Ethik-Offiziere, der Sektenkonzern Scientology gottlob weit entfernt.

In einem Schreiben vom 14. April 2010 ermahnte Rechtsanwalt P. F., endlich den Ausgleich der nach wie vor offenen Schadensposition in Höhe von 1179, 89 Euro, direkt auf das Konto seines Mandanten T., vorzunehmen. Angesichts der klaren Rechtslage, so gefiel es Herrn Rechtsanwalt P. sich auszudrücken, sollte eine gerichtliche Auseinandersetzung entbehrlich sein.

Mit einer gewissen Fassungslosigkeit schilderte F. seinem Sachbearbeiter bei der Bruderhilfe diese Entwicklung. Die Bruderhilfe beruhigte den Irritierten, er habe als Versicherungsnehmer alles richtig gemacht, und kündigte an, sie werde für seinen Rechtsbeistand sorgen.

Mitte Dezember 2010 traf der Schriftsatz mit der Klage bei F. ein, angestrengt durch Herrn T. und befördert durch das Amtsgericht Hamburg-Barmbek; der zivilrechtliche Vorwurf lautete: Schadensersatz. Just am Silvestertag endete die Frist, innerhalb der F. oder ein für ihn einspringender Anwalt auf das Schreiben reagieren musste; sonst drohte F. ein Versäumnisurteil zu kassieren. Nicht auszudenken, wäre er, wie viele zu dieser Zeit, auf Weihnachtsurlaub in Thailand gewesen oder auf Spiekeroog – Zufall und Zeit, fast nötigte, was wie ein raffiniertes Kalkül anmutete, F. einige Bewunderung ab.

Überraschender Besuch

Wegen einer für sein Empfinden ganz und gar kruden Beschuldigung lud ihn ein Amtsgericht als Beklagten vor; F. spürte, dass etwas in ihm Schaden nahm, was schwer zu heilen sein würde: Sein Rechtsvertrauen war lädiert, von Haarrissen durchzogen. Den Abschluss findet alles vor Gericht – zumindest vorläufig.

Kurz nachdem F. im September 1983, flüchtig, staatenlos, in Deutschland, so hieß das, angekommen und in einer Stadt namens Hamburg eingetroffen war, erhielt er eines Tages überraschend Besuch. Ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes stand vor der Tür, wies sich aus und bat um die Erlaubnis, einzutreten. F., mit den Methoden des Ministeriums für Zersetzung vertraut, war so perplex, dass er erst einmal für seinen unangemeldeten Gast und sich Kaffee brühte, in der winzigen Küche der kleinen Sozialwohnung in Farmsen. Bald schon scheute sich F., seinen neuen Bekannten in Hamburg davon zu erzählen; sie bezichtigten den arglosen Ureinwohner des Ostens einer dem Schwachsinn benachbarten Naivität. Einen Bullen zu bewirten!

Unterschiedliche Rechtsauffassungen

Am 18. Mai 2011 fand die Verhandlung vor dem Amtsgericht Hamburg-Barmbek statt. Eine Richterin, die Brille ins blonde Haar geschoben, von resoluter Souveränität, gelegentlich die eigene Rede durch kräftiges Mienenspiel unterstreichend, wies, auf ein BGH-Urteil gestützt, Herrn Rechtsanwalt P. nach seinem Vortrag darauf hin, dass es seiner Argumentation an juristischer Plausibilität gebreche. „Sehr konträr!“, das war der beherzten Richterin Rubrik für das Protokoll, was die Differenz der Rechtsauffassungen zwischen ihr und Herrn P. anging. Herr P. versuchte noch einen rhetorischen Deal und schlug der Richterin vor, „sehr konträr!“ zu „konträr!“ herabzustufen. Vergebens. Noch ist das Urteil nicht gesprochen, aber F. empfand den Hauch einer Dankbarkeit, die schwer zu adressieren war.

Paul Haggis, der Apostat von Hollywood, war übrigens nach seinem Ausstieg zu wetten bereit, dass man in zwei Jahren etwas über seine Rolle in einem Skandal lesen werde, der nichts mit dem Sektenkonzern Scientology zu tun haben werde. Im nahe bevorstehenden Sommer 2011 also. F. will Augen und Ohren offenhalten.

Alle Initialen der handelnden Personen wurden geändert.

Quelle: F.A.Z.
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