Street Art im Kirchenraum

Die Madonna aus der Spraydose

Von Andreas Platthaus
 - 11:05
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Am morgigen Sonntag wird in fast fünfundvierzigtausend protestantischen und katholischen Kirchen in Deutschland das Osterfest gefeiert. Nicht aber in „Maria, Hilfe der Christen“, einer Kirche im badischen Dorf Goldscheuer am Rhein nahe der französischen Grenze. Ihr Inneres ist momentan eine Baustelle, eine Kunstbaustelle.

Das ist ein Segen für „Maria, Hilfe der Christen“. Sie wird dem Schicksal entgehen, das in den nächsten fünf Jahren rund tausend Kirchengebäude treffen und „mittelfristig“ - was immer das heißt - sogar insgesamt fünfzehntausend Gotteshäusern vorausgesagt wird. Ein Drittel der deutschen Kirchen ist in Gefahr, seine Funktion zu verlieren, stillgelegt, wahrscheinlich auch profaniert zu werden, weil sich die beiden großen christlichen Konfessionen den Unterhalt dieser Gebäude angesichts der zurückgehenden Zahl der Kirchenmitglieder nicht mehr erlauben können. Noch sind es Seltenheiten, aber die Bischöfe werden sich darauf einstellen müssen, bald mehr Pontifikalämter anlässlich von Profanierungen bestehender Kirchengebäude durchzuführen als zur Weihung neuer. Und wenn sich keine Käufer für die dann weltlichen Immobilien finden sollten, werden sie abgerissen.

Kirche ohne Gemeinde

Genau das drohte der Goldscheuer Kirche „Maria, Hilfe der Christen“. Erst im vergangenen Jahr nahm das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg Abstand von Verkaufsplänen für das Gebäude. Die Gemeinde war von entsprechenden Überlegungen 2005 informiert worden, als Begründung galt eine Zählung, der zufolge nicht einmal mehr drei Prozent der Gemeindemitglieder den sonntäglichen Gottesdienst besuchten.

Als Thomas Braunstein vor drei Jahren als Pfarrer hier anfing, übernahm er darum gleich drei Gotteshäuser. Die alten Einzelgemeinden waren nicht mehr groß genug, um auch einzeln betreut werden zu können. Insgesamt achttausend Gläubige zählen zu seiner zusammengelegten Dreiergemeinde, sagt Thomas Braunstein, das sei nicht gerade viel für eine alteingesessene katholische Region. Der Pfarrer ist dunkel in Zivil gekleidet, in den kurz geschorenen Vollbart mischt sich erstes Grau, seine Stimme ist leise. Man sieht und hört ihm an, dass sein Beruf viel Kraft fordert. Die Zahl achttausend, erläutert er, sage ja nichts über den Kirchenbesuch aus, geschweige denn über die Beteiligung am aktiven Gemeindeleben. Das wichtigste Kirchengebäude seines Sprengels ist Sankt Ambrosius in Kehl, der Stadt, in die das im vierzehnten Jahrhundert gegründete Goldscheuer 1971 auch politisch eingemeindet wurde.

Schnell stand es für Braunstein fest, dass „Maria, Hilfe der Christen“ nur dann in ihrer Funktion überleben konnte, wenn die Gemeindemitglieder in Goldscheuer sich zu ihr bekennen würden. Ohne eine umfangreiche Renovierung hätte das Gebäude keine Zukunft mehr gehabt. Also ging Braunstein von Tür zu Tür und bat die Menschen um finanzielle Unterstützung. Fünfzigtausend Euro von angestrebten achtzigtausend brachte er auf diese Weise bislang zusammen. Das war genug, um beim Ordinariat des Erzbistums Freiburg weitere achtzigtausend beantragen zu können, die schließlich mit einem Kredit von abermals achtzigtausend Euro auf jene knappe Viertelmillion ergänzt werden konnten, die Braunstein für die Renovierung der Kirche veranschlagt. Er ist optimistisch, dass er die fehlenden dreißigtausend Euro Spenden noch zusammenbekommen wird. Als wir ihm dabei viel Glück wünschen, sagt er leise: „Mein Glücksfall steht da drüben.“

Ein Sprayer zieht ins Gotteshaus

Dieser Glücksfall ist ein junger Mann mit kleinem gelben Hut und dunkelbraunem Sakko über schwarzer Jeans und bedrucktem T-Shirt. Die Hände hat er in den Taschen vergraben, die Augen aber überall. Wir stehen mit Thomas Braunstein in der leergeräumten Kirche „Maria, Hilfe der Christen“, rundum an den Wänden ziehen sich Baugerüste bis unter die etwa zehn Meter hohe, in der Mitte leicht gegiebelte dunkle Holzdecke. Es ist ein bedeckter Nachmittag, darum ergießt sich kein ganz kunterbuntes Licht durch die geometrisch-farbig gemusterten, durch dicke asymmetrische schwarzgraue Sparren gegliederten Fensterflächen auf der Südseite. Und doch herrscht im unfertigen Kirchenraum eine feierliche Stimmung. Sie überträgt sich auf Stefan Strumbel.

Das ist der Name des jungen Mannes in dem modischen Aufzug. Er ist Künstler, und zwar einer, der über die Grenzen des heimatlichen Schwarzwalds hinaus Aufsehen erregt. Der 1979 im nahen Offenburg geborene und bis heute dort lebende Strumbel begann als jugendlicher Street Artist, der Mauern oder Eisenbahnwaggons mit Graffiti besprühte. Als Sprayer bezeichnet er sich heute noch gern, Farbsprühdosen und Schablonen sind sein gängiges Arbeitszeug. Mittlerweile hat er gleich zwei Ateliers in Offenburg: sein angestammtes kleines in einer öden innerstädtischen Brache und ein riesiges neues in einem langgezogenen Gebäudetrakt gleich neben der Kinzig. Dort agiert der international beachtete Stefan Strumbel, der hier seine erfolgreichen Werkserien zum Thema „Heimat“ herstellt. Das alte Atelier behält er vor allem aus Nostalgie, „denn da hab ich meine Wurzeln, da kommen die Schulklassen vorbei und schauen durchs Fenster, ob der berühmte Strumbel auch schafft“. Jener Strumbel, der aber so an seiner eigenen Heimat hängt, dass er immer wieder ohne Gegenleistung zur Sprühdose greift, wenn man ihn darum bittet - etwa, um die Außenwand des Gebäudes der Offenburger Tafel, also der örtlichen Obdachlosenspeisung, zu bemalen.

Oder nun die Kirche „Maria, Hilfe der Christen“. Strumbel hat in dem Gebäude eine Aufgabe gefunden, die im gegenwärtigen Künstlermetier ohne Beispiel dasteht: die Gestaltung eines ganzen Sakralraums - nicht nur eines Altarbildes oder einiger Fenster, sondern des gesamten Inneren. Ein Sprayer zieht ins Gotteshaus ein, und der Pfarrer bezeichnet ihn als seinen Glücksfall. Was ist in Goldscheuer geschehen?

Ein Raum wie eine Monstranz

Die Kirche „Maria, Hilfe der Christen“ wurde 1961 errichtet und entstammt damit einer Zeit, die architektonisch meist wenig geschätzt wird. Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt hält gerade Kirchenbauten aus der Nachkriegszeit für besonders gefährdet, weil sie nicht den selbstverständlichen Schutz genießen, der den alten Kathedralen oder Stiftskirchen zuteil wird. In Goldscheuer entstand „Maria, Hilfe der Christen“ parallel zu großen Teilen der Wohnbebauung im Dorf, das im Zweiten Weltkrieg darunter gelitten hatte, dass hier noch im Winter 1945 besonders hart zwischen alliierten Truppen von jenseits des Rheins und deutschen Verteidigern gerungen wurde. Bei Kriegsende lag Goldscheuer in Trümmern, und die scharfen Kontrollen der Folgejahre im Grenzgebiet ließen erst einmal keine wirtschaftliche Entwicklung zu. In den späten fünfziger und sechziger Jahren erholte sich der kleine Ort dann wieder; ein guter Teil der heutigen Bebauung stammt aus jener Zeit. Die Nähe zu Offenburg mit dem lukrativen Arbeitgeber Burda-Verlag und die sich nach der deutsch-französischen Aussöhnung immer weiter öffnende Grenze ließen die Bevölkerungszahl in Goldscheuer und die Zahl der Häuser wachsen. Schön indes wurde das Dorf dadurch nicht.

Von der alten Durchgangsstraße, die von Offenburg nach Kehl führt, zweigt rechts eine unscheinbare Straße ab. Sie führt nach einigen hundert Metern auf einen schlanken viereckigen Campanile zu. Er leuchtet in frischem Weiß, erste sichtbare Folge der Viertelmillion Euro für die Kirchensanierung. Das daneben liegende eigentliche Gebäude von „Maria, Hilfe der Christen“ wirkt dagegen plump. Von außen hat der Bau eine fast brutale Quaderform, die an den Seiten durch einige versetzte Mauerpartien akzentuiert wird, als habe man sich die Gestalt einer Ziehharmonika zum Vorbild genommen. In jeweils zweien dieser Segmente befinden sich große dunkle Fensterflächen mit rautenförmigen Betonsparren. Schön, so möchte man meinen, ist auch diese Kirche nicht.

Doch ihr Inneres überrascht. Die Einfallslosigkeit der äußeren Form wird hier zu sakraler Strenge, die durch die steilen Fensterflächen auch unter bedecktem Himmel mit lebendigem Farbenspiel aufgelockert wird. Der Raum hat den Charakter einer Monstranz. Kein Wunder, dass sich Stefan Strumbel in dieses Licht verliebt hat - und in diese hohen Wände, die wie geschaffen scheinen für einen Mann, der seine ersten künstlerischen Erfahrungen auf freien Flächen im öffentlichen Raum sammelte. „Ja, das ist eine Herausforderung wie früher die neuen ICE-Triebwagen auf den Abstellgleisen. Aber das ist lange her“, fügt er sofort hinzu. Strumbel weiß, dass ihm der wilde Ruf eines Street Artists beim Kirchenprojekt nur hinderlich sein kann.

Wie füllt man diese Leere?

Was hat er vor? Und wie hat er es überhaupt hier herein geschafft? Als er sich vor Jahren Heimat als zentrales Thema seiner Kunst erwählte, begann er zunächst mit einem bekannten regionalen Motiv, das er mittels Schablonen aufsprühte oder als riesige Metallreliefs ausführte: das Schwarzwaldmädel mit seinem berühmten Bommelhut. Dann entdeckte Strumbel die Kuckucksuhr für sich und brachte es mit eklektisch zusammengestellten Schnitzverzierungen zu großem Ruhm und auch einigem Ärger, weil konservative Schwarzwälder ihm die Schändung alter Traditionen vorwarfen, als er etwa gekreuzte Knochen und Totenschädel auf die Uhrgehäuse applizierte. Oder christliche Symbole wie Madonnen und Kruzifixe, Engelsflügel und Memento mori.

Aus diesen Arbeiten resultierte seine Faszination für religiöse Bildnisse, und als er mehr über deren Bedeutung wissen wollte, sprach er den jungen Pfarrer einer nahen katholischen Kirchengemeinde an. So lernten Strumbel und Braunstein sich kennen. Der Pfarrer fand in dem Künstler einen neugierigen Geist und der Sprayer in dem Geistlichen desgleichen. Als Strumbel dann hörte, dass Braunstein die Renovierung der Kirche „Maria, Hilfe der Christen“ durchführen wollte, ging er eines Tages mit zur Besichtigung des Gebäudes.

Da haben damals Pfarrer und Künstler nebeneinander in der Kirche gestanden, und Braunstein hat von seinem Plan erzählt, den Altar weiter in den Innenraum hinein zu verlegen, um ihn näher an die Gläubigen zu bringen und zugleich auch die Zahl der Bänke etwas reduzieren zu können, die an normalen Sonntagen ohnehin nicht voll werden. Wie aber dann die neue Leere hinter dem Altar füllen? Strumbel sah auf die riesige Holzkreuzigungsgruppe an der Altarwand und entwickelte die Idee, dieser dreiteiligen Skulptur eine neue Rahmung zu geben: in der Spitzbogenform eines typischen Kirchenfensters. Das war vor mehr als einem Jahr.

Heute ist hinter den Gerüsten schon zu ahnen, wie das einmal aussehen wird: Vor die Wand ist eine minimal gekrümmte Nische aus Rigips gesetzt worden, die Strumbel in Altrosa hat streichen lassen. Darauf wird nach Abschluss der Renovierungsarbeiten die zwischenzeitlich in der Sakristei lagernde Kreuzigungsgruppe montiert, die dann mit LED-Leuchtbändern hinterfangen werden soll, die wahlweise in verschiedenen Farben leuchten können. Und um die Spitzbogennische herum wiederum will Strumbel fächerförmig sich ausbreitende rosa Strahlen auf den weißen Putz malen, die somit die ganze Stirnwand hinter dem Altar zu einer großen Gloriole machen sollen.

Madonna in Tracht

Nun kann man in einer Kirche nicht nach Gutdünken frei schalten und walten, auch nicht als Künstler. Jedes Detail bedarf der Genehmigung durch das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg. Der Spitzbogen in Altrosa und die LED-Beleuchtung der Skulpturen sind schon genehmigt worden, aber ausgerechnet die Strahlenkranzgestaltung ist bislang auf Skepsis gestoßen. Das sehe ja dann aus wie die japanische Kriegsflagge, hielt man Braunstein bei der Schilderung des Vorhabens entgegen. Auf die kunstgeschichtlich weitaus näher liegende Idee eines Vergleichs mit Caspar David Friedrichs Tetschener Altar, der ein einen Berggipfel krönendes Kreuz in den Mittelpunkt von rosa strahlendem Sonnenlicht stellt, ist bislang niemand gekommen. Strumbel kennt das Bild gar nicht, aber gute Ideen zeigen sich eben daran, dass verschiedene Menschen unabhängig voneinander darauf kommen.

Am Freitag, der auf den gemeinsamen Besuch in „Maria, Hilfe der Christen“ folgte, wollte das erzbischöfliche Bauamt über dieses Gestaltungselement beraten, aber bis heute ist die Frage noch offen. Nicht weil sich das Ordinariat gesperrt hätte, sondern weil Strumbel selbst mittlerweile Zweifel gekommen sind, ob es dieses Strahlenkranzes hinter dem Altar ästhetisch bedarf. Das wird sich entscheiden, wenn sein eigenes großes Werk in der Kirche fertiggestellt ist: ein sechs Meter hohes gespraytes Madonnenwandbild über der Empore auf der anderen Stirnseite, genau gegenüber vom Altar. Dabei will Strumbel nicht nur im Hintergrund die für ihn typischen intensiven Farben Himmelblau und Rosa verwenden, sondern auch ein Markenzeichen seines Heimat-Themas: Die Madonna soll Tracht tragen.

Dazu hat er die Genehmigung des Ordinariats schon in der Tasche, und in diesen Tagen vor Ostern ist er gerade dabei, die bereits weitgehend ausgeführten schwarzen Konturen der Gottesmutter um die Farben zu ergänzen. Dabei wird man ihm genauer als bislang über die Schulter schauen, denn wenn es eine wirklich schwere Hürde gegeben hat, dann war es die Zustimmung der Goldscheurer Gemeinde zu dieser Idee. Strumbel hatte für seine Madonna jenen markanten Schwarzwaldhut vorgesehen, den er im „Heimat“-Zyklus verwendet, und dadurch eine Art Signatur angebracht; Kenner der Region sprechen bei diesem Hut von Gutacher oder Kirnbacher Tracht. Doch er hatte die Rechnung ohne die älteren Gemeindemitglieder gemacht: In Goldscheuer trage man nicht diese, sondern die sogenannte Hanauer Tracht, und die erfordere eine Schleifenhaube. Beim nächsten Treffen brachte eine ältere Dame für Strumbel eigens eine Puppe im Trachtenkostüm mit, an der er sich orientieren könne. Und das tat er dann auch.

Eine Symbiose von Glaube und Kunst

Nun steht er hoch über der Empore auf einer Leiter, den gelben Hut noch auf dem Kopf, aber vor dem Mund eine Maske, um die beim Sprayen austretenden Dämpfe zu filtern, und legt Hand an die letzten Schwünge der Schleifenhaube, die er danach strahlend schwarz sprüht. Erst wenn hier alles vollendet ist, wird er entscheiden, ob die Kreuzigungsgruppe an der anderen Stirnwand noch den Strahlenkranz benötigt, um ein Gegengewicht zu der gewaltigen Muttergottes zu bilden. „Der Altar muss stark werden“, dessen ist sich Strumbel bewusst, „und die Madonna wird so viel Power haben, gegen die er sich behaupten muss.“ Allerdings ist sie auch ganz sein eigenes Werk.

Dieses monumentale Wandbild betrachtet Strumbel als Krönung seiner Laufbahn als Sprayer, womöglich auch als eine Art Abschied von der Szene, aus der er stammt, denn die neuesten Pläne, soweit die Arbeit in „Maria, Hilfe der Christen“ derzeit überhaupt welche zulässt, zielen eher in Richtung Installation. Und bisweilen berühren sich darin wieder geistliche und weltliche Kunst. So ist der Offenburger in der vergangenen Woche nach Südtirol gereist, um dort Schnitzer zu besuchen, die ihre Heiligenfiguren nach traditionellem Brauch herstellen. Längst liefern ihm deutsche Kollegen aus dem Schwarzwald einzelne Elemente für seine Kuckucksuhren oder ähnliche Objekte zu. Doch nun möchte Strumbel auch mit den Südtiroler Herrgottschnitzern arbeiten.

Er hat erkennbar schätzen gelernt, wie Glaube und Kunst sich befruchten. Und die Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde von Goldscheuer ist für den Künstler nach eigener Aussage überraschend reibungslos verlaufen. Aber er hatte in Thomas Braunstein auch einen zuverlässigen Fürsprecher. Langsam, sehr langsam haben beide das gemeinsame Vorhaben vorangetrieben, Stück für Stück ihre Ideen vorgestellt und immer wieder auch revidiert, wenn sie auf gewichtige Bedenken stießen. Mit einer Kirche verbinden Menschen besondere Ereignisse in ihrem Leben, man kann ihnen deshalb nicht alles darin auf einen Schlag neu präsentieren.

Aber Überzeugungsarbeit lohnt: Auf den breiten Wandflächen der Längsseiten zwischen den Fensterflächen will Strumbel breite Längsstreifen in Dunkelgrau und Weiß anbringen, auf den schmaleren Partien, die in den Kirchenraum hineinragen, entsprechende Querstreifen. Erst taten die Gemeindemitglieder diese Idee als bloßen Design-Gag ab. Als Strumbel ihnen jedoch erläuterte, dass er in den Proportionen der Streifen das Verhältnis der Kirchenglasfenster zueinander aufnehmen wolle, und eine Probewandbemalung ausführen ließ, stimmte der Gemeinderat sofort zu.

Freiburg zeigt sich freizügig

Vor nicht allzu langer Zeit lud Pfarrer Braunstein dann in die nicht einmal halbfertige Kirche, in der der Altar noch abmontiert und sämtliche Bänke entfernt waren, zum Baustellengottesdienst. Die Menschen brachten Klappstühle und Verpflegung mit und diskutierten mit Strumbel und Braunstein über deren Konzept. Dabei erfuhren sie auch von der Idee, an den Wänden über den Opferkerzen links und rechts vom Eingang jeweils eine leere Sprechblase anzubringen - auch das ein wiederkehrendes Motiv in Strumbels Werk. Hier aber möchte er es als Freiraum verstanden sehen, der mit den Wünschen der Betenden gefüllt werden soll. Die Genehmigung aus Freiburg auch für dieses Gestaltungselement sei gar kein Problem gewesen, erzählt Braunstein immer noch staunend. Überhaupt habe man bislang alles ohne größere Debatten durchbekommen. Der Pfarrer vermutet, dass das Ordinariat mit der Vorbereitung des Freiburger Papstbesuches am 24. und 25. September derzeit dermaßen viel zu tun habe, dass man sich mit den Kleinigkeiten aus einer abgelegenen badischen Gemeinde gar nicht lange aufhalten wolle. Braunstein ist es recht so.

Denn jede Auskunft zur endgültigen künstlerischen Gestalt des Kirchenraums ist während der noch bis Ende Juni projektierten Renovierung ohnehin nur eine Momentaufnahme. Strumbel entwickelt immer wieder neue Ideen. Heute sieht er auf die kleinen, tief ins Mauerwerk versenkten Fenster mit ihrer leicht abstrahierten Passionsdarstellung und ruft aus: „Wir müssen diese Vertiefungen mit Blattgold verzieren wie in einer Barockkirche. Das gibt einen großartigen Effekt und den richtigen Kontrast zu den grauweißen Längsstreifen.“ Braunstein schweigt erst einmal zu dem neuen Einfall; er hat sich kürzlich erst von Strumbels Idee überzeugen lassen, ein schon früher in der Kirche aufgestelltes, fast lebensgroß geschnitztes Madonnenbildnis mit weißem Klavierlack überziehen und um einen eigens von Strumbel aus Holz angefertigten Hanauer Schleifenhut ergänzen zu lassen. „Wenn diese Madonna dann im Licht steht, wird sie leuchten, das glaubt man gar nicht“, sagt Strumbel. Nun, wenn's der Glaubensfestigung dient. Einen LED-Stab soll die Figur als Szepter in die Hand bekommen.

Licht ist das zentrale Element bei Strumbels Überlegungen. In der Rinne, die vom Altar bis zur Empore längs durch die ganze Kirchendecke läuft, wird er ein LED-Band installieren lassen, um die Bildnisse von Gottesmutter und Gekreuzigtem zu verbinden. Und bei der Überlegung, wie der Altarraum künftig zu gestalten wäre, reicht die Verlegung des Taufbeckens vom Eingang hierher für Strumbel nicht aus: „Neben dem Altar sollten zwei riesige Kerzenleuchter stehen. Die besorge ich notfalls auf eigene Kosten.“

Eine Kirche für die Menschen

So dürfte es kommen, denn das Budget für die komplette Umgestaltung von „Maria, Hilfe der Christen“ ist begrenzt. Sechzigtausend Euro hat allein die Sanierung des Glockenturms gekostet, also ist ein Viertel der zur Verfügung stehenden Summe schon weg. Aber Strumbel wird keinen Cent für seine monatelange Arbeit hier verlangen: „Das ist eine solch einmalige Möglichkeit. Wer hat denn schon jemals eine ganze Kirche ausstatten dürfen? Davon haben doch selbst die Renaissancekünstler meist nur träumen können. Und ich, der ich mich mit ihnen nicht vergleichen kann, darf das nun machen.“

Aber ist er als Agnostiker überhaupt der richtige Mann dafür? „Kirche gehört zu unserem Heimatgefühl in Deutschland. Zu dem, was ich in die doppeldeutige Formulierung 'Macht Heimat‘ gefasst habe. Was ich hier mache, wird für die Menschen Heimat werden. Und zugleich ist Heimat eine Macht, und davon versteht die Kirche nun wirklich etwas. Es ist ja nicht Sankt Strumbel, der hier etwas vom Himmel fallen lässt. Ich versuche dieser Aufgabe mit der nötigen Demut zu begegnen. Diese Kirche soll keine Stefan-Strumbel-Kirche sein, es soll die Kirche der Menschen sein, die sie mit ihrem Glauben und mit Leben füllen. Natürlich mache ich das auf meine Art, und ich habe das gute Gefühl, dass meine Vision den Menschen Freude bereiten wird und sie, wenn alles fertig ist, gerne in ihre Kirche gehen werden. Wenn es so sein wird, ist es gut.“

Der Glücksfall, als den Thomas Braunstein Stefan Strumbel bezeichnet, ist also ein gegenseitiger: Braunstein verspricht sich vom fertigen Kirchbau eine neue Anziehungskraft für seine Gemeinde, Strumbel eine Probe auf die Wirkung seiner Kunst. In wenigen Wochen wird man sich in Goldscheuer davon ein Bild machen können, ob beides den Erwartungen entspricht. Eines aber ist jetzt schon sicher: „Maria, Hilfe der Christen“ ist gerettet. Experimentierfeld zu sein ist allemal besser als profaniert, verkauft und abgerissen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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