Terry Gilliam im Gespräch

Meine Visionen habe ich auch ohne Drogen

Von Marco Schmidt
 - 17:03

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Anfänge mit „Monty Python“?

Nur gute. Die BBC gab uns die Freiheit, das zu tun, was wir wollten - und wir hatten auch noch Erfolg damit! Es war eine wunderbare Teamarbeit. Jede Idee wurde im Kollektiv diskutiert: Ist sie gut genug für die Sendung, oder kommt sie in den Müll? Dabei brauchten wir keinerlei Rücksicht auf mögliche Publikumsreaktionen zu nehmen - unser eigenes Gelächter war unser einziges Qualitätskriterium. Weil wir aber pro Woche eine Sendung abliefern mussten und zu wenig Material hatten, mussten wir manchmal doch auf Ideen aus der Mülltonne zurückgreifen. Und im Nachhinein stellte sich oft heraus: Das waren unsere besten Sketche!

Haben Sie sich als einziger Amerikaner in der Truppe manchmal wie ein Außenseiter gefühlt?

Ja und nein. Ich hatte größere Narrenfreiheit, weil ich ganz allein für die Animationen zuständig war. Aber ich habe die anderen immer ein bisschen beneidet: Sie schienen mir deutlich intelligenter zu sein als ich - als Briten sprachen sie ja ein viel besseres Englisch! Noch heute fühle ich mich in ihrer Gegenwart immer wie das beschränkte Landei aus Minnesota.

Wie ist denn heute Ihr Verhältnis untereinander? Hassen Sie sich? Lieben Sie sich?

Beides. Es ist ein bisschen wie in einer Familie. Michael Palin, Terry Jones und ich sehen uns häufig, denn wir wohnen nur fünf Minuten voneinander entfernt in London; John Cleese und Eric Idle sind nach Kalifornien gezogen. Dass alle fünf sich treffen, ist selten - doch manchmal rotten sich vier von uns zusammen und lästern über den Fünften. Und ab und zu wärmen wir gemeinsam in irgendwelchen Shows unser altes Zeug wieder auf: eine ekelhafte Art, junge Leute auszunutzen, die mehr Geld als Geschmack besitzen!

Wer die Filme sieht, die Sie inszeniert haben, fragt sich: Wie kommen Sie auf diese abgefahrenen Fantasien? Nehmen Sie etwa Drogen?

Seltsam, das hat man mich schon zu Monty-Python-Zeiten manchmal gefragt. Und schon damals war meine Antwort: „Nein, das hatte ich nie nötig! Meine Visionen habe ich auch ohne Drogen!“ Natürlich musste auch ich alles Mögliche ausprobieren, was in den sechziger Jahren im Umlauf war - aber außer Kopfschmerzen hat mir das alles nicht viel gegeben. Seither halte ich mich lieber an französische Weine und Single-Malt-Whisky. Abgesehen davon bin ich eine drogenfreie Zone!

Manche Kinozuschauer scheinen Ihre surrealen Bilderwelten zu verstören.

Das ist völlig in Ordnung. Mag sein, dass die Leute einen Film von mir anfangs nicht mögen - aber tags darauf steckt er garantiert noch in ihrem Kopf. Ich liebe es, wenn ich kleine Bomben ins Hirn des Zuschauers pflanzen kann, die später etwas in ihm auslösen. Meine Filme waren schon immer umstritten - vielleicht, weil sie ihrer Zeit voraus waren. Auch bei „Brazil“ und „12 Monkeys“ floh das Publikum zunächst in Scharen aus dem Kino. Erst Jahre später hieß es dann: „Was für ein toller Film!“

Lieben Sie es auch, die Stars in Ihren Filmen bis zur Unkenntlichkeit zu verunstalten?

Ja, und die Schauspieler mögen das genauso! Robert De Niro zum Beispiel, der in „Brazil“ ständig eine Art Sack über dem Kopf trägt. Oder Brad Pitt, der gerade „Legenden der Leidenschaft“ gedreht und sein Image als Schönling gründlich satt hatte: Für „12 Monkeys“ rasierte er sich freiwillig die blonde Haarpracht ab. Und Johnny Depp ließ sich ganz wie der echte Hunter S. Thompson, den er in „Fear and Loathing in Las Vegas“ verkörperte, exakt vierzehn Haare über seine Glatze kämmen. Eine Freundin von mir war deshalb richtig wütend. Sie giftete mich an: „Du bist der einzige Regisseur, der es geschafft hat, Johnny so zuzurichten, dass man nicht mehr mit ihm ins Bett steigen will!“

Jeff Bridges ist in „Tideland“ sogar die meiste Zeit nur als Leiche zu sehen.

Ja, und gerade das schien ihn zu reizen. Wir hatten schon eine Jeff-Bridges-Puppe angefertigt, aber er bestand darauf, sich selbst vor der Kamera tagelang tot zu stellen. Für ihn war das wohl eine Art Meditationsübung. Sein Hemd stand offen - er durfte also überhaupt nicht atmen, weil man jede kleine Bewegung gesehen hätte. Doch das machte ihm nichts aus. Nach dem Drehen einer besonders langen Einstellung sagte er bloß: „Aaaah, das war gut!“

Die Stars reißen sich darum, mit Ihnen zu arbeiten. Trotzdem wird es für Sie immer schwerer, Geldgeber für Ihre Filme zu finden.

Ja, weil Hollywood heutzutage von Vollidioten regiert wird, die keinen Funken Fantasie besitzen. Mut ist für sie genauso ein Fremdwort wie Kreativität. Als ich beispielsweise dafür warb, in „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ zu investieren, sagte ich zu den Herrschaften: „Leute, im Sommer 2008 kommt ,The Dark Knight' heraus, dann wird Heath Ledger als Joker der heißeste Darsteller auf Erden sein, und ihr habt jetzt die Chance, seinen nächsten Hit zu produzieren.“ Doch sie wollten das nicht wahrhaben - sie sahen nur die geringen Zuschauerzahlen meines vorherigen Films. Hirnlose Bürokraten!

Wie geht es Ihrem Herzensprojekt, dem „Don Quijote“-Film, den Sie seit Jahrzehnten verwirklichen wollen?

Die Finanzierung ist mal wieder zusammengebrochen, kurz vor dem geplanten Dreh, nach anderthalb Jahren intensiver Vorbereitung. Ich kam mir vor wie ein Sportler, der für die Olympischen Spiele trainiert und sich einen Tag vor dem Wettkampf den Knöchel bricht.

Vor gut zehn Jahren mussten Sie die Dreharbeiten zu dem Film abbrechen, weil ein Unwetter den Drehort verwüstet hatte und Ihr Hauptdarsteller Jean Rochefort wegen einer Rückenverletzung nicht mehr reiten konnte. Glauben Sie, es liegt ein Fluch über diesem Projekt?

Nein. Ich sehe das positiv: Schließlich bleibt mir jetzt immer noch etwas, auf das ich mich freuen kann. Auch die größten Desaster haben ihre guten Seiten. Ich war wegen der veränderten Umstände gezwungen, das Drehbuch umzuschreiben - und siehe da: Nun ist es viel besser als vorher. Für die Hauptrollen konnte ich Robert Duvall und Ewan McGregor gewinnen, und jetzt versuche ich eben noch einmal, das Budget aufzutreiben. Es muss doch irgendwo einen verrückten Milliardär geben, der gerne zockt!

Robert Duvall ist mittlerweile über achtzig Jahre alt. Fordern Sie damit nicht das Schicksal wieder unnötig heraus?

Robert ist stark, ein exzellenter Reiter und einer der besten Schauspieler aller Zeiten. Im Übrigen liebe ich das Risiko - zu viel Sicherheit ist doch langweilig. Und woher willst du wissen, wie stark das Schicksal ist, bevor du es herausgefordert hast? Als Filmemacher darfst du ja immer ein bisschen Gott spielen: Du erschaffst deine eigene Welt. Und ähnlich wie er hast du nie genug Zeit dafür!

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Ich war es. Als junger Mann wollte ich sogar mal Missionar werden und habe deshalb ein presbyterianisches Kolleg besucht. Aber ich wurde schnell desillusioniert, weil niemand lachte, wenn ich Witze über Gott machte. Da dachte ich mir: Was soll das für ein Gott sein, der keine Scherze verkraftet?

Wenn Sie an all die Katastrophen in Ihrer Laufbahn denken: Haben Sie das Gefühl, dass irgendeine höhere Macht Ihnen besonders viele Plagen auferlegt hat?

Nein. Ich finde, unterm Strich hatte ich sogar großes Glück, dass ich all diese Filme drehen durfte. Andere Regisseure mussten bestimmt Ähnliches durchleiden wie ich - abgesehen vielleicht von Heath Ledgers Tod mitten in den Dreharbeiten zu „Das Kabinett des Doktor Parnassus“: Meinen Hauptdarsteller und besten Freund so plötzlich zu verlieren, das war wirklich ein schlimmer Schock für mich.

In den Zeitungen hieß es damals, er sei neurotisch und labil gewesen; am Set hätte ihn eine morbide Aura umgeben.

Haarsträubender Quatsch! Heath sprühte vor Energie und war so voller Leben, wie ein Mensch nur sein kann. Ich habe ihn als Fels in der Brandung erlebt - und als einen der bodenständigsten Kerle, die mir je begegnet sind. Aber nirgendwo finden Sie so viele Lügen wie in der Klatschpresse. Seitdem ich einen Haufen Dinge über mich gelesen habe, die völlig aus der Luft gegriffen waren, glaube ich nichts von dem, was über andere geschrieben wird.

Was war der größte Blödsinn, der je über Sie verbreitet wurde?

Dass ich Talent hätte!

Bekommen Sie immer noch Regie-Angebote aus Hollywood?

Ja, es gibt noch ein paar Verrückte, die mir Drehbücher zuschicken. Manchmal lese ich sie sogar, weil ich denke, ich sollte mal wieder etwas arbeiten. Aber ich winke stets ab, wenn ich das Gefühl habe, diese Geschichte könnten zehn andere Kollegen genauso gut inszenieren. Ich möchte nur Filme drehen, die sonst keiner machen kann. Als Joanne K. Rowling mich damals unbedingt als Harry-Potter-Regisseur gewinnen wollte, wäre ich sogar dazu bereit gewesen: Es war der ideale Stoff für mich, und das Drehbuch war so gut, dass ich es im Schlaf hätte inszenieren können. Doch Mrs. Rowling konnte sich nicht durchsetzen - als mein Name genannt wurde, bekamen die Produzenten sofort Schweißausbrüche.

Was treiben Sie während der frustrierend langen Durststrecken zwischen Ihren Filmen?

Wenn mal wieder die Finanzierung eines Projekts in letzter Minute geplatzt ist, verfalle ich meist in eine heftige Depression. Ich wehre mich nicht dagegen, sondern lasse mich tatsächlich ganz nach unten ziehen, ehe ich wieder anfange, mich aufzurappeln. Etwa alle zehn Jahre nehme ich aus lauter Frust einen Auftrag für einen Werbespot an - und schwöre danach jedes Mal, es nie wieder zu tun. Das Leben als arbeitsloser Filmemacher kann verdammt einsam sein. Vielleicht habe ich deshalb drei Kinder produziert: um wenigstens ein bisschen Gesellschaft zu haben.

Aber Sie können ihnen nicht empfehlen, in Ihre Fußstapfen zu treten?

Nein. Zum Filmemachen muss man berufen sein. Das ist ein gefährlicher und schmerzhafter Job, der hundertprozentige Hingabe verlangt und eine große Verantwortung mit sich bringt: Ich finde, als Regisseur sollten Sie die Zuschauer nicht bloß unterhalten und verdummen, sondern versuchen, sie zum Denken anzuregen. Allerdings machen Sie garantiert keine Karriere, wenn Sie das tun. Also kann ich jungen Leuten nur raten: Finger weg vom Filmbusiness! Lernt lieber etwas Sinnvolles! Werdet Klempner!

Was treibt Sie denn an, weiter Filme zu machen, obwohl man Ihnen ständig Knüppel zwischen die Beine wirft?

Ich habe keine Wahl: Ich kann ja nichts anderes. Außerdem ist das Kino eine gefährliche Sucht - wenn es dich einmal gepackt hat, lässt es dich nicht mehr los. Was mich besonders motiviert, sind die vielen Leute, die auf mich zukommen und sagen: „Tausend Dank für Ihren fantastischen Film! Sie haben mir die Augen geöffnet!“ Denn mein größtes Ziel ist es nach wie vor, die Vorstellungskraft der Menschen zu erweitern. Im Prinzip bin ich also doch ein Missionar geworden!

Wollen Sie etwa wie Ihr portugiesischer Kollege Manoel de Oliveira noch im Alter von 102 Jahren Filme drehen?

Um Himmels willen, nein! Unter uns gesagt: Er sollte vielleicht auch damit aufhören. Schließlich gibt es neben dem Kino noch andere wichtige Dinge im Leben - die Familie zum Beispiel. Oder das Gras unter unseren Füßen. Oder den Tod. Ja, der ist mir auch sehr wichtig: Ich wäre ziemlich sauer, wenn ich mein Leben beenden müsste, ohne tot zu sein!

Quelle: F.A.Z.
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