Texas rockt

Eine Stadt ergibt sich der Musik

Von Eric Pfeil
 - 21:50
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An Ausschlafen ist nicht zu denken. Wenn Austin ein Geräusch wäre, dann wäre es das unablässige Krächzen der Purpurgrackel, eines äußerst penetranten Sperlings, der von sechs Uhr früh an kein Erbarmen mehr kennt. Doch während des fünftägigen Festivals „South by Southwest“, das seit 1987 in der selbsternannten „Welthauptstadt der Live-Musik“ stattfindet, ist der Vogel zumindest ab Mittag praktisch chancenlos: In jedem noch so kleinen Club, an jeder Straßenecke, im Grunde überall, wo man eine Gitarre auspacken kann, spielen an diesen Tagen knapp zweitausend Bands und Musiker und buhlen um die Aufmerksamkeit der reizüberflutet durch die Hitze schlurfenden Zuschauer.

Ganz gleich, wo man steht: Überall blendet die Musik von unzähligen Bühnen ineinander und verbindet sich zu einem avantgardistisch anmutenden Dröhnen. Spätestens nach einem Tag ahnt man, dass es unter dem weiten blauen Himmel und mit mindestens zehn gleichzeitig stattfindenden Traumkonzerten pro Stunde nur einen einzigen Luxus geben kann: fünf Minuten ohne Musik. Doch die sind selbst an den Ufern des vielbepaddelten Lady Bird Lake, der sich als Fluss verkleidet durch die Stadt schlängelt, nicht zu bekommen.

Fledermäuse in der Marihuanawolke

Hier spielen am Abend die ganz großen Bands: The Strokes etwa, die hier als All-American-Band zu bestaunen sind und von Achtjährigen in Fan-T-Shirts, amerikanischen Daddys in kurzen Hosen und betrunkenen Teenagern in grüner St.-Patrick's-Day-Kostümierung bejubelt werden. Auch die Touristen, die unter der Congress Avenue Bridge darauf warten, dass pünktlich zum Sonnenuntergang die weltweit größte städtische Fledermauspopulation in den Himmel aufsteigt, werden unverlangt mit einem Soundtrack versorgt: Vom Südufer weht der Neo-Achtziger-Pop der Twin Shadows herüber, auf der anderen Seite ist offenbar eine experimentell gestimmte Mariachi-Kapelle am Werke. Die Fledermäuse kümmert all das Dröhnen wenig: Pünktlich um acht Uhr abends flattern rund 750 000 Tiere in den Himmel.

„Keep Austin Weird“, schreit es von Hemden, Tassen, Aufklebern und Plakaten, die man in den städtischen Souvenirläden erstehen kann. Vielen ortsansässigen Althippies ist der städtische Slogan nur noch eine Phrase. Wer aber erstmals hierherkommt, wird nicht umhinkönnen, sich darüber zu wundern, dass ausgerechnet die texanische Bundeshauptstadt eine solche Hochburg der Freakkultur ist - nicht nur während des Festivals, dann aber ganz besonders. Über der gesamten Stadt hängt eine Marihuanawolke, der Klebefilm auf den Straßen kündet von den Ausschreitungen der letzten Nacht.

Roky Ericksons Freude an der chemischen Bewusstseinserweiterung

Die meisten hier tragen die Insignien der amerikanischen Popkultur zur Schau: Röhrenhosen, Cowboystiefel, beeindruckende Bärte und Sonnenbrillen. Viele tragen immerhin einen Gitarrenkoffer; achtzig Prozent der Menschen, die einem auf der 6th Street begegnen, sehen aus wie Rockstars, dreißig Prozent sind es womöglich sogar.

Einer, der wirklich Ernst gemacht hat mit dem „Keep Austin Weird“-Motto, spielt an einem der Abende in der überklimatisierten Austin Musical Hall: Roky Erickson. Der Mann ist eine tragische Legende der Rockmusik: 1966 war er mit seiner Band, den 13th Floor Elevators, Miterfinder des Psychedelic Rock. Doch die Freude an der chemischen Bewusstseinserweiterung brach ihm den Hals: Erickson nahm zu viel Drogen ein und fiel um 1968 durch immer seltsameres Verhalten auf. 1969 wurde er auf Basis der Diagnose „paranoide Schizophrenie“ in einer psychiatrischen Klinik in Houston mit Elektroschocks behandelt. Im selben Jahr verhaftete man ihn wegen Drogenbesitzes. Ericksons Anwälte plädierten mit Hinweis auf die geistige Verwirrung ihres Mandanten auf „unschuldig“, in den Knast kam er trotzdem. Nach etlichen Fluchtversuchen aus dem Gefängnis von Austin verlegte man ihn schließlich in eine Haftanstalt für geistig verwirrte Kriminelle, wo er abermals mit Elektroschocks behandelt wurde.

Im Dienste der Seltsamkeit

Als Erickson in den Siebzigern entlassen wurde, behauptete er mehrere Jahre lang, von Marsianern beherrscht zu werden, die in seinem Körper hausten. Es ist also ein kleines Wunder, dass Erickson, heute ein langhaariger, graubärtiger Dreiundsechzigjähriger, überhaupt auf einer Bühne steht. Begleitet wird er an diesem Abend von den nicht minder legendären Meat Puppets, einer Wüsten-Punkband aus Phoenix, Arizona, deren Mitglieder ebenfalls schwer von den Versuchungen des Rock 'n' Roll gezeichnet sind. Die Musiker haben sich nur einmal getroffen, von gemeinsamen Proben wurde ganz abgesehen: Was sie hier etwa zehn Minuten lang vor den Augen ihrer ungläubig dreinschauenden Fans veranstalten, ist somit weitaus halsbrecherischer als ein ganzes Strokes-Konzert.

Anderswo in der Stadt geht es seriöser zu - zumindest auf den ersten Blick. Im Convention Center, einem riesigen Betonklotz, der aussieht, als sei er von Außerirdischen zwischen die Texmex-Buden geworfen worden, werden etliche Panels veranstaltet: Die Veranstaltung „Brands as New Lables“ etwa thematisiert neue Vertriebswege. Doch je genauer man hinschaut, desto mehr stellt man fest, dass auch hier im Dienste der Seltsamkeit gearbeitet wird: „I'm Not Old, Your Music Does Suck“ heißt eine Veranstaltung, eine andere „Three Drummers Walk Into A Bar . . .“; irgendwo in einem anderen Raum erzählt der ehemalige Guns-N'-Roses-Bassist Duff McKagan unter dem Banner „Duffonomics“ Wissenswertes zum Thema Selbstvermarktung.

Wie Yoko Ono sich fit hält

In anderen Räumen des verzweigten Gebäudes sitzen Veteranen wie Duran Duran oder Yoko Ono und geben Pressekonferenzen. Erstere wirken wie vier Um-die-Fünfzigjährige, die sich hauptsächlich mit Sonnenbrillentragen und dem Sammeln teurer Sportautos beschäftigen. Doch die Band will es noch mal wissen: Gerade hat man mit dem angesagten Wunderproduzenten Mark Ronson ein neues Album aufgenommen. Yoko Ono wiederum ist eine seltsam alterslose Erscheinung, die mit Kleinmädchenstimme haikuartige Weisheiten zum Besten gibt. Auf die Frage, wie sie sich denn fit halte, antwortet sie: „Walking. Man muss nichts machen, nur gehen.“

Ono ist hochunterhaltsam, ab und zu verwechselt sie die Wörter „she“ und „he“, aber das ist angesichts ihrer Botschaft eigentlich nur logisch, denn, so sagt sie: „We are all just one body.“ Und ja, natürlich würde John Lennon, wenn er noch lebte, twittern.

Jack White packt die Gitarre aus

Am dritten Tag schippert ein Boot über den Lady Bird Lake. Darauf veranstaltet die „Initiative Musik“, die sich darum kümmert, dass auch deutsche Bands in Austin vertreten sind, einen Workshop, der sich mit den Möglichkeiten für deutsche Künstler in den Vereinigten Staaten befasst. Tourneen in Amerika seien eher schwierig und allenfalls als Investition in weitere Aktivitäten zu sehen, ist zu erfahren, aber Musik in Serien oder in der Werbung unterzubringen könne sich lohnen. An Touren sei einfach zu wenig zu verdienen, informiert ein deutschstämmiger Konzertveranstalter, er empfehle inzwischen, ohne kostspielige Arbeitserlaubnis in die Vereinigten Staaten zu reisen. Ein Raunen geht durch die Reihen. Tatsächlich sind die Auftritte der deutschen Künstler eher spärlich besucht. Beim DJ-Set des Münchner Duos Schlachthofbronx allerdings brennt im „Friends“ die Luft.

Es ist für jeden auch nur halbwegs an Musik interessierten Menschen unmöglich, ohne Totalverausgabung durch diese fünf Tage zu kommen. Ununterbrochen klettern überall in der Stadt famose Bands, Newcomer und Veteranen auf LKW-Ladeflächen und Clubbühnen, und ständig kommen neue Informationen hereingetwittert: Kanye West, auch bekannt als der größte lebende schwarze Superstar, sei in der Stadt, heißt es. Am anderen Ende von Austin kommt Jack White, ehemals White Stripes, mit dem gelben Bus seines Labels Third Man Records angeknattert, hält auf einem Parkplatz und packt die Gitarre aus - wer dabei war, wird seinen Enkeln noch davon erzählen. Kanye West spielt dann tatsächlich noch am letzten Abend. Wie bei allen anderen Musikern hat auch sein Auftritt hier etwas charmant Improvisiertes.

Am nächsten Tag kehrt langsam wieder Ruhe in der Stadt ein. Die Bühnen werden abgebaut, am Flughafen checken überdurchschnittlich viele Menschen mit Rockstarbärten ein, und Austin wird wieder alleingelassen mit dem Gekrächze der Purpurgrackel.

Quelle: F.A.Z.
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