Übergewicht

Das Gehirn in den Zeugenstand!

Von Achim Peters
 - 10:27
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Was ist Schuld? Im juristische Sinne vorwerfbar ist die Ausführung einer rechtswidrigen Tat, bei der der Täter nach seinen Fähigkeiten und den konkreten Umständen in der Lage war, sich rechtskonform zu verhalten. Dem Gericht obliegt es, nach diesen Maßstäben die Schuldfähigkeit eines Angeklagten festzustellen, was nicht immer ganz einfach ist. Zweifellos aber sind Gerichte in einem Rechtsstaat allgemein anerkannte Instanzen für Schuldfragen - genaugenommen die einzigen. Die Kirche als ehemals mächtige Institution in Sachen Schuld hat sich aus diesem Metier weitgehend zurückgezogen. Dennoch wirken alte christliche Vorstellungen von Schuld und Sühne bis heute nach.

Die wohl ältesten Urteilsverkündungen dieser Art finden sich im Katechismus der Katholischen Kirche. Gemeint sind die sieben Todsünden, die zwischen 400 und 600 nach Christus formuliert wurden: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit. Wer sich schuldig macht und sich nicht vor dem Tode im Zustand der Reue befindet, den erwarten die Qualen des Inferno.

Die Angeklagten sind leicht zu überführen

Doch was für Delikte werden hier unter Strafandrohung gestellt? In der mittelalterlichen Vorstellungswelt wurden mit den Todsünden menschliche Charakterschwächen zu Verbrechen gegen den Glauben erklärt. Nun basiert der Gedanke der Todsünde auf der Annahme eines schwachen Willens. Wie bei einem schuldfähigen Kriminellen geht die Theologie davon aus, dass wir in diesen Fällen eine Wahl haben. Doch stimmt das?

An dieser Stelle möchte ich als Arzt und Wissenschaftler einen Antrag auf Revision stellen - nämlich im Fall Gula: der Völlerei. Sie stellt einen Sonderfall im Todsündenregister dar, weil sie eines der existentiellen Bedürfnisse eines jeden Menschen unter bestimmten Voraussetzungen zum Verbrechen erklärt - die Nahrungsaufnahme. Die Angeklagten sind leicht zu überführen, denn die scheinbare Beweislast trägt jeder Gula-Sünder sichtbar mit sich herum; sein Körperumfang macht ihn verdächtig.

Freispruch erster Klasse

Wer dick ist, isst zu viel, und wer zu viel isst, ist maßlos. Und obwohl auch die katholische Kirche übergewichtige Menschen schon lange nicht mehr als Sünder stigmatisiert, wird Dick-Sein in unserer Gesellschaft noch immer negativ bewertet. Es hat in unserer Gesellschaft eine seltsame Metamorphose erfahren: vom religiösen zum modernen Sündenfall, wobei die alten Argumente ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Der Vorwurf an diejenigen, die dick sind und es bleiben, die in ihren Diätbemühungen scheitern und denen man es ansieht, wird entweder stumm oder laut formuliert: „Mensch, du bist zu schwach.“ Oder: „Du isst aus purer Lust.“

Diese Verurteilung hat auch deshalb in Jahrhunderten nie an Brisanz verloren, weil die These vom schwachen Willen übergewichtiger Menschen bis vor kurzem wissenschaftlich unwiderlegbar war. Doch es ist an der Zeit, den Fall neu aufzurollen. Das Ziel dieses Prozesses ist nicht eine Begnadigung. Wir wollen also nicht in der Gesellschaft um mehr Nachsicht werben, um auf diesem Wege übergewichtige Menschen seelisch von ihren Schuldgefühlen zu entlasten. Das Anliegen besteht auch nicht darin, die Schuldfähigkeit dieser Menschen in Frage zu stellen. Nein, was ich fordere, ist ein Freispruch erster Klasse.

Ein Dilemma, aber kein Zeichen von Willensschwäche

Jeder Mensch, der übergewichtig ist, hat ein und dasselbe Problem: Seine Energieversorgung ist gestört. Genauer gesagt: Die Energieversorgung seines Gehirns befindet sich in einer Krise. Dem Gehirn gelingt es immer schlechter, Energie aus den Körperdepots im Fett- oder Muskelgewebe zu ziehen, um den eigenen Energiebedarf zu decken. Deshalb fordert es immer mehr Energie von außen an. Was nichts anderes heißt, als dass der Betroffene immer mehr essen muss und somit weiter an Gewicht zulegt. Mit anderen Worten: Auch wenn die Körperdepots übervoll sind, hat das Gehirn noch echten Energiebedarf. Und der muss gedeckt werden! Das ist ein Dilemma, aber kein Zeichen von Willensschwäche. Gegen das fundamentale biologische Grundbedürfnis, das Gehirn hinreichend mit Energie zu versorgen, ist jeder Wille machtlos.

Natürlich kann jeder die Entscheidung treffen, mit einer Diät ein paar Pfunde abzuspecken. Das scheint zunächst auch zu funktionieren. Aber in Wahrheit handelt es sich um einen Pyrrhussieg. Denn der Preis, mit dem ein auf diese Weise reduziertes Körpergewicht erkauft werden muss, ist hoch. Wir können Körper und Gehirn eine Abnehmkur aufzwingen, aber das eigentliche Problem - den erhöhten Energiebedarf des Gehirns - lösen wir damit nicht. Im Gegenteil, wir verschärfen es.

Das Gehirn konkurriert mit dem eigenen Körper

Die Entscheidung, weniger zu essen, stellt somit keine reale Option dar. Die Nahrungszufuhr zu drosseln, bedeutet, es dem Gehirn erheblich zu erschweren, seinen eigenen Energiebedarf zu decken, und das hat negative Folgen für Stimmung, Lebensqualität und Gesundheit. Jemand, der sich weniger Kalorien zubilligt, stürzt sein Gehirn zwangsläufig in eine Energiekrise. Denn woher soll es seinen Anteil bekommen?

Dieser Zusammenhang zwischen Kalorienreduzierung und zerebralem Energienotstand wurde in zahlreichen Studien belegt. Die daraus resultierende Erkenntnis hat zu einer neuen Forschungsrichtung geführt: der Selfish-Brain-Forschung. Kurz zusammengefasst meint der Gedanke eines „egoistischen Gehirns“, dass sich im Stoffwechsel unseres Körpers alles um die Energieversorgung des Gehirns dreht. Sie hat oberste Priorität. Das Gehirn konkurriert sogar mit dem eigenen Körper. Das ist sein Egoismus, der sich innerhalb unseres menschlichen Organismus auswirkt. Denn eine Unterversorgung des zentralen Nervensystems ist die denkbar größte Krise im menschlichen Organismus.

Die wissenschaftliche Bilanz von Diäten sieht verheerend aus

Vor diesem Hintergrund müssen wir künftig vieles neu betrachten und bewerten. Wie viel Gesundheit müssen übergewichtige Menschen opfern, um einem Schlankheitsideal zu entsprechen? Welchen Nutzen haben Abnehmkuren wirklich? Welche Schäden richten sie im Körper an? Welche Rolle spielt das Stresssystem dabei? Die wissenschaftliche Bilanz von Diäten sieht verheerend aus. Deren Gesundheitsrisiken sind immens und in der Tiefe noch nicht einmal erforscht. Das gilt übrigens nicht nur für Schlankheitskuren, sondern auch für die meisten medizinisch verordneten Abnehmprogramme - und dazu gehören auch operative oder medikamentöse Eingriffe.

Ob ein Revisionsverfahren zugelassen wird, entscheidet normalerweise ein übergeordnetes Gericht. Aber wir reden hier ja nicht über einen juristischen Vorgang. Es kann nur einen Richter geben, vor dem die Schuldfrage bei Übergewicht neu verhandelt werden kann: die Öffentlichkeit. Und die besteht aus Wissenschaftlern, Ärzten, Diätberatern, aber auch aus Politikern, Journalisten und natürlich aus allen Menschen, die betroffen sind. Wir brauchen endlich eine offene und ehrliche Auseinandersetzung. Dabei werden wir von alten Illusionen und Vorstellungen Abschied nehmen müssen. Dick zu sein ist weder eine Schuld noch ein Verbrechen, ebenso wie schlank zu bleiben kein Verdienst und auch keine Tugend ist. Und noch etwas: Es gibt keinen einfachen, keinen schnellen Weg, Gewicht zu verlieren, ohne gesundheitliche Risiken einzugehen, und es wird auch in Zukunft keinen geben. Das ist die schlichte Wahrheit.

Medikamente, Drogen und Alkohol

Was wäre mit einer Revisionsdebatte gewonnen? Zunächst die längst überfällige Rehabilitierung übergewichtiger Menschen. Es wäre ein großer Fortschritt und für viele Betroffene eine Erleichterung, endlich nicht mehr als Diätversager und notorische Saboteure an der eigenen Gesundheit dazustehen. Wenn auch wir Ärzte erkennen, dass Mehressen kein krankhaftes Verhalten an sich ist, sondern der Notfallplan des Gehirns, um eine Versorgungskrise abzuwenden, dann können wir unsere Patienten anders beraten und behandeln.

Wir wissen, dass Anpassung an chronischen Stress zu den Ursachen von Übergewicht gehört. Außerdem zählt die klassische Konditionierung durch Werbebotschaften dazu sowie eine Fehlprogrammierung des Stresssystems im Mutterleib. Auch Falschsignale wie nichtkalorische Süßstoffe haben gewichtigen Einfluss; ebenso Medikamente, Drogen und Alkohol. Die Liste der Ursachen ist aber noch länger. Dort weiter zu forschen, ist die einzige reelle Chance, um Übergewicht zu bekämpfen. Nur Therapien, die das Gehirn darin unterstützen, seine Energiekompetenz wiederzuerlangen, können bewirken, dass wir uns wohl fühlen und schlanker werden.

Psychosozialen Stressoren

Sich entlastet zu fühlen, kann für Menschen mit Übergewicht einen direkten positiven Effekt haben: Schuldzuweisungen gehören zu den stärksten psychosozialen Stressoren, die wir kennen, und damit auch zu Faktoren, die Übergewicht verursachen und verstärken. Eine Befreiung von dieser Last wäre somit der erste konkrete Schritt in eine kausale Behandlung von Menschen mit Übergewicht - der erste Schritt auf dem Weg zu einem schlankeren und gesünderen Selbst.

Quelle: F.A.Z.
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