Yusuf alias Cat Stevens im Gespräch

Warum wollen Sie wieder singen, Mr. Islam?

Von Rose-Maria Gropp
 - 12:05
zur Bildergalerie

Dieses schöne, ganz neue Lied von Ihnen heißt „My People“. Was meinen Sie mit „My People“?

„My People“ ist ein sehr allgemeiner Begriff. Er hat keine Grenzen. Er hat keine Farben. Er hat keine Nationalitäten. Es ist doch der menschliche Geist, verstehen Sie, der versklavt wurde und der Befreiung braucht. Deshalb bezieht sich „My People“ auf jedes Volk, überall auf der Welt, auch in der Vergangenheit.

Aber ganz besonders richtet sich das Lied an die arabische Welt?

Es ist inspiriert von den Ereignissen in der arabischen Welt.

Darf ich Sie fragen, was Ihre persönliche Idee von Zukunft ist, speziell für die arabische Welt, nach diesen Revolutionen?

Ich bin immer optimistisch, und ich habe meinen Optimismus niemals aufgegeben. Manchmal sind Veränderungen schwierig. Man muss sich daran gewöhnen, und das ist eine Zeitlang unbequem. Aber anders ist keine Veränderung möglich. Und was wir jetzt etwa in Libyen sehen, ist wohl der Preis dafür. Ich habe einmal darüber in dem Lied „Changes IV“ auf dem Album „Teaser and the Firecat“ geschrieben (deklamiert): „Don't you feel a change a coming from another side of time . . . And we all know it's better, yesterday has passed. Now let's all start living for the one that's going to last.“ Da ist doch alles drin! Es steht im Liedtext, durch und durch passend. (lacht)

Bleiben wir noch bei den arabischen Revolutionen, besonders in Ägypten. Das war keine religiöse Revolution. Es war eine politische Revolution. Was bedeutet es also, wenn Sie in Ihrem neuen Lied sagen: „god show the way“?

Gerechtigkeit und Gleichheit sind Teil von Gottes Rezept für das Glück der Menschen. Sie müssen sich ja nur die Zehn Gebote anschauen, um zu wissen, wie wir uns alle verhalten sollten. Deshalb denke ich, darin liegt kein Widerspruch. Der entscheidende Punkt dabei ist doch, dass es zum Umsturz kommen wird, wenn ein Volk ökonomisch und politisch depriviert ist. Es gibt da einen breaking point. Deshalb muss jede Führung letztlich ein Ohr für Gott - oder sagen wir: für ein göttliches Gesetz - haben und gleichzeitig auf das Gleichgewicht mit den Lebensgrundlagen eines Volkes heute achten. Man muss das ausbalancieren, aber dabei stets auf das Volk achten und sehen, was die Leute brauchen und wonach sie rufen.

Also ist die Idee hinter Ihrem Liedtext für „My People“ nicht die Idee eines islamischen Staats? Sondern es ist die Idee eines demokratischen . . .

. . . die Idee der menschlichen Zivilisation. Ich glaube nicht, dass man Propheten und geistige Führer von der Entwicklung der menschlichen Zivilisation - wie soll ich sagen? - auslöschen oder ausschließen kann: Das ist miteinander verflochten. Wenn man in der Geschichte zurückschaut, dann ist es interessant, dass immer wieder bedeutende spirituelle Figuren erscheinen so wie Abraham zur Zeit Babylons, Moses zur Zeit des Pharaos, Jesus zur Zeit der Cäsaren. Und das sind alles Momente in der Zivilisation, in denen wir ein bisschen mehr Anleitung brauchten.

Und doch noch einmal zu den Revolutionen: Es geschah zum ersten Mal in der Geschichte, dass in der arabischen Welt Frauen in der ersten Reihe neben den Männern standen, um für die Rechte des Volks zu kämpfen. Denken Sie, dass sich in dieser Region auch für die Frauen ein Umbruch vollzieht?

Sie wissen doch, James Brown hat es gesagt . . .

James Brown?

Er sagte es so (singt): „It is a man's world - but it would mean nothing without a woman or a girl.“

Unbedingt!

Nein (muss selbst lachen), nicht ohne das göttliche Gleichgewicht zwischen Mann und Frau! Wenn man in der Geschichte zurückschaut, dann ist es erstaunlich zu sehen, dass der Islam den eigentlichen Anfang der Rechte für Frauen gebracht hat: Die Frau verliert nicht ihren Namen bei der Hochzeit, sie hat das Recht, Geschäfte zu treiben, sie kann ihren Ehepartner frei wählen - all das war tatsächlich in den frühen Lehren des Islam aufbewahrt. Wohin es mit dem Islam dann mitunter gekommen ist, das kann natürlich von den Kulturen beeinflusst sein, mit denen er in Kontakt kam.

Es ist also nur eine Frage der Interpretation und der umgebenden Kulturen?

Ganz genau. Sittsamkeit war allerdings immer wirklich zentral für ein religiöses, ein moralisches Leben - und einige dieser verschleierten Frauen standen an der Front.

Eben, genau!

Sie müssen wissen, ägyptische Frauen sind die Chefs!

Die Frauen sind dort die Chefs?

Ziemlich oft.

Werden Sie denn auch in der Regierung vertreten sein? Glauben Sie das?

Ja, das denke ich, jaja! (Yusufs Frau, die selbst ein Kopftuch trägt, fügt hinzu: „We hope so! We hope so!“). Das liegt wieder am kulturellen Umfeld des Landes. Es ist schwierig für andere, etwas einzuführen, was nicht von dort kommt. Deshalb berufe ich mich auf die frühen Lehren des Islam, wo alle Anlagen dafür existieren: Lehrer und Bildung, zum Beispiel, sind ein Geburtsrecht für jeden Menschen. Das wird offensichtlich in einigen muslimischen Ländern nicht so praktiziert, weil sie den Kontakt zu den ursprünglichen Lehren des Isalm verloren haben. Eine der gebildetsten Frauen in der Geschichte war eine der Ehefrau des Propheten. So viele Kenntnisse kamen von ihr.

Sie meinen Aisha?

Genau.

War sie nicht auch eine Kriegerin?

Ja, sie war draußen an der Front, mit einem Kamel und überhaupt. Sie hat es dann bedauert, aber das ist eine andere Geschichte. (lacht; Yusufs Frau sagt: „Ich möchte hier noch gern die Frauen in deinem Leben erwähnen, deine Töchter, sie sind umfassend ausgebildet.“) O mein Gott, ja! Meine Mutter war die erste. Und es gibt ein Sprichwort im Islam: Wenn jemand fragte, wem er Respekt erweisen solle, antwortete der Prophet: Deiner Mutter. Wem als Nächstes? Deiner Mutter. Wem als Nächstes? Deiner Mutter. Wem als Nächstes? Dann deinem Vater. Das heißt nicht, dass die Frauen nichts anderes als Mütter sind. Aber es zeigt die Bedeutung der Mutter, und jede Frau weiß, was das bedeutet.

Sie sind noch immer sehr einflussreich, und jetzt gehen Sie zurück auf die Bühne. Werden Sie versuchen, Ihr Publikum zu lehren, so zu denken, wie Sie es tun?

Die Mehrheit, das große Mittelfeld ist schon dort. Von dort bekomme ich die meiste Unterstützung. So viele Muslime, wo immer wir hinkommen, sind begeistert von dem, was ich tue. In der Türkei gibt es massive Unterstützung, in Malaysia genauso. An anderen Orten liegt es noch unter dem Boden, aber es ist da, ich meine zum Beispiel Marokko oder Algerien. Und ich wollte zurück nach Europa, weil ich fühlte, dass es dort eine immense Kluft gibt, eine tiefe Kluft, die ich überbrücken will.

Und nun treten Sie endlich auch wieder in Deutschland auf.

Ich liebe Deutschland. Es war immer Teil meiner Geschichte, meiner musikalischen Geschichte. Mein allererster Auftritt im Farbfernsehen war im „Beat Club“. Kennen Sie das?

Ja, dafür bin ich auch schon alt genug.

Und ich hatte ein schwarzes Samtjacket an, genau wie Sie jetzt. (lacht)

Dann sind Sie aber von der Bildfläche verschwunden und erst in Thomas Gottschalks Show „Wetten, dass . . ?“ wiederaufgetaucht.

Nein, davor habe ich mir erst einmal meine Locken wachsen lassen, und ich war on the road to find out, wie ein Song aus „Tea for the Tillerman“ heißt. Im „Beat Club“ war ich, als ich noch bartlos war, erst danach habe ich mir einen Bart wachsen lassen . . .

Sie haben fast zwanzig Jahre lang aus religiöser Überzeugung keine Musik gemacht. FRAGE: Jetzt ist die Musik wieder bei Ihnen. Haben Sie die Musik nicht vermisst?

Nein, es ist so, dass mein Leben in dieser Zeit harmonischer wurde, weil ich meine Familie hatte - als eine Balance und ein Maß. Denn Musik ist Balance, Maß und - ja, Vielfalt. Ich habe auch niemals ganz aufgehört, Musik zu schreiben. Um ehrlich zu sein, hatte ich sogar ein Lied für mein erstes Kind geschrieben. Dann haben wir begonnen, überhaupt Lieder für Kinder zu schreiben. Und eine Menge muslimischer Familien hören sie jetzt und verlassen sich darauf als musikalisches Element in ihrem Leben. Das ist ziemlich phantastisch. Es gab ja vorher keine englischen Lieder, die in einem muslimischen Haus gespielt werden konnten. Nun gibt es sie, und es werden immer mehr und immer mehr Sänger und Schreiber, mehr Inspiration.

Sie selbst werden jetzt jene Lieder wieder im Programm haben, die Sie so lange Zeit nicht gesungen haben. Wie zum Beispiel „Morning has broken“, das doch eigentlich ein englisches Weihnachtslied ist.

Nein, nein! Das ist eine längere Geschichte. Sie führt zurück nach Irland, das Lied ist ursprünglich gälisch. Den Text hat später eine englische Autorin in „Morning has broken“ geändert. Dann kam ich und habe das Arrangement verändert.

Auf der Setliste für Ihre Konzerte habe ich eines meiner Lieblingslieder vermisst: „Hard Headed Woman“.

Oh, Sie treffen gerade meine „hard headed woman“! (lacht) Sie könnten nicht näher an ihr dran sein!

„. . . and the rest of my life will be blessed . . .“?

There we are!

Vielleicht könnten Sie ja „Hard Headed Woman“ in den Konzerten als Zugabe spielen?

Wir werden sehen. Ich habe die Songs aufgelistet, die ich selbst gern singen will. Und ich werde zusehen, dass wir mit möglichst vielen davon an einem Abend auch durchkommen.

Sie haben auf Ihrem 2006 erschienenen Album „An Other Cup“ eine Änderung in dem alten Lied „I think I see the light“ vorgenommen: Früher war da von einem Mädchen die Rede, das taucht nun nicht mehr auf.

Wissen Sie, es ist so leicht, Liebeslieder zu schreiben. Bei „I think I see the light“ ging es mir 1970 aber viel mehr um Erleuchtung, in einem buddhistischen Sinne. Und nur um das den Leuten nahezubringen, hatte ich es ursprünglich mit der Figur eines Mädchens verbunden.

Sie leben jetzt mit Ihrer Frau in Dubai. Werden Sie auch dort auf die Bühne gehen?

Wir wollen in Dubai nicht so viel machen, einfach um ein wenig Abstand zu behalten. Aber neulich waren wir in Malaysia, und Indonesien erwartet uns schon, genau wie Südamerika und Brasilien. In Brasilien habe ich ja einmal gelebt. Das sind also die Orte, wo wir hingehen wollen - um Musik zu spielen und die Leute glücklich zu machen.

Ist das der einzige Grund, warum Sie auf die Bühne zurückgekehrt sind?

Ja, genau - und um die Menschen zusammenzubringen, die zu unseren Konzerten kommen. Es sind jede Menge ganz verschiedene Leute, die da zusammenkommen.

Was endlich hat in Ihnen diesen Wandel veranlasst, von Ihrem früheren, sehr konservativen muslimischen Engagement hin zu Ihrem jetzigen liberal-humanistischen Standpunkt?

Ich bin ein Spiegel, durch den der Westen den Islam sehen kann und durch den die Muslime den Westen sehen können. Die Leute haben es jetzt schwer, die spirituelle Botschaft des Friedens zu entziffern, die hinter den flammenden Schlagzeilen im Namen des Islam existiert. Nach dem 11. September 2001 habe ich beschlossen, dass es Zeit war, wieder für den Frieden zu singen und für das ganz große Mittelfeld, in dem die meisten Muslime leben und wohnen - weit entfernt vom Extremismus.

Zur Person

-Yusuf Islam wird als Steven Demetre Georgiou am 21. Juli 1948 in London geboren; sein Vater ist Grieche, die Mutter Schwedin. Als Achtzehnjähriger nimmt er unter dem Künstlernamen Cat Stevens seine erste erfolgreiche Single auf: „Matthew and Son“.

-Mit der Langspielplatte „Tea for the Tillerman“ gelingt Cat Stevens 1970 der weltweite Durchbruch. Im Jahr darauf schreibt er den Soundtrack zum Film „Harold and Maude“.

-1977 konvertiert der Sänger zum Islam. Er legt seinen Künstlernamen ab und benennt sich in Yusuf Islam um. Die Musik gibt er auf. 1979 heiratet er Fauzia Ali, mit der zusammen er sechs Kinder hat. Wegen seines Verständnisses für die iranische Fatwa gegen Salman Rushdie gerät Yusuf Islam 1989 in die Kritik.

-Seit 1995 wendet er sich der Musik wieder zu, seit 2004 nennt er sich als Sänger einfach nur Yusuf.

-Nach fünfunddreißig Jahren geht Yusuf erstmals wieder in Deutschland auf Tournee. Vom 10. Mai an spielt er in Hamburg, Oberhausen, Berlin, München und Mannheim.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria (rmg)
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenJames Brownarabische WeltBabylonDeutschlandHamburgLibyenMalaysiaÄgyptenIslamMuslime