Im Gespräch: Jan Philipp Reemtsma

Warum ich Wieland liebe

 - 17:29
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Als Herausgeber, aber auch in Ihrer essayistischen Arbeit beschäftigen Sie sich seit mehr als dreißig Jahren mit Wieland. Warum dieser Autor, worin besteht für Sie sein besonderer Reiz?

Ich habe Wieland schon als Schüler gelesen und habe während meines Studiums begonnen, mich intensiv mit ihm zu befassen – nicht, dass er im Studium vorgekommen wäre. Das habe ich so nebenher getan – und es hat nicht wieder aufgehört. Mit zwölf Jahren habe ich die „Geschichte der Abderiten“ gelesen. Man muss aber ein bisschen mehr von der Welt, auch ein bisschen was von Politik verstehen, um das wirklich würdigen zu können – die genauen psychologischen Beschreibungen, die Dynamik. Ich fand es amüsant, aber es ging nicht weiter. Vertieft hab ich das dann alles während meines Studiums.

Arno Schmidt hat einmal gesagt, einen intelligenten Menschen erkenne man an seiner Liebe zu Wieland. Wie denken Sie darüber?

Man kann natürlich ein sehr intelligenter Mensch sein, ohne dass einem Wieland je untergekommen ist. Aber ich denke, gemeint ist ein besonderer Reiz Wielands, etwas sehr seltenes: das Phänomen intellektueller Poesie. Wieland hat auf verschiedenen literarischen Gebieten gearbeitet: Da sind seine Romane, seine längeren Verserzählungen; Wieland ist auch politischer Journalist gewesen, er ist derjenige unter den Klassikern, der sich sehr unmittelbar und sehr kundig mit Politik beschäftigt hat. Wir spüren bei Wieland überall das scharfe intellektuelle Durchdringen der Gegenstände, mit denen er sich befasst – und das bei einer stilistischen Virtuosität und einer poetischen Sensibilität, die kaum ihresgleichen finden.

Welche Rolle hat das Politische für Wieland gespielt?

Er hat sehr schnell verstanden, dass das, was in Paris zu Beginn der französischen Revolution vor sich geht, Weltgeschichte ist. Er hat ja die Zeitschrift „Der Teutsche Merkur“ herausgegeben, die wichtigste literarisch-politische Zeitschrift der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Da hat er die Pariser Ereignisse oft einfach dokumentiert, indem er Reden übersetzt hat, die Beschlüsse der französischen Nationalversammlung. Sehr oft kleidet er seine politischen Kommentare in die Form eines Zwiegesprächs zwischen zwei Menschen, die die Pariser Ereignisse kommentieren, und zwar, vereinfacht gesprochen, von links und von rechts. Dem einen geht die Revolution zu weit, dem anderen geht sie nicht weit genug. Es ist eine Gleichberechtigung der Standpunkte, und so kann man sich dann selber orientieren. Man hat ihm damals vorgeworfen, keine eigene Meinung zu haben. Die hatte er natürlich, aber er sagte: Die ist nicht interessant.

Kann uns Wieland mit dieser Haltung als politischer Autor heute etwas sagen?

So sollte ein politischer Kommentator sein Amt verstehen – er sollte also nicht allein die leitartikelhafte Meinung vertreteb, sondern auch den Versuch unternehmen, das Publikum selbst urteilsfähig zu machen. Das ist eine permanente Aufgabe. Die hat Wieland begriffen und vielleicht als erster überhaupt so für sich definiert.

Das alles klingt sehr modern. Was an Wieland würden Sie als veraltet ansehen?

Was ist veraltet? Die großen Autoren sind doch nicht dazu da, uns in immer neuer Tagesaktualität zu helfen, mit unserem Alltag klarzukommen. Sondern wir sind dazu da, sie zu verstehen, weil sie große Beiträge dazu leisten, uns selbst in der Welt zu verstehen. Da muss man sich hinbequemen. Wieland ist mit fertigen Romanen auf die Bühne getreten zu einem Zeitpunkt, als der Roman in Deutschland keineswegs im Zentrum der literarischen Aufmerksamkeit stand. Das ist erst durch ihn so geworden.

Dennoch wurde er lange Zeit nicht gerade viel gelesen ...

Im Sturm und Drang gab es eine Generationenopposition gegen Wieland, mit dem jungen Goethe. Dann gab es Anfang des 19. Jahrhunderts den Angriff der Romantiker, die schon auf einen literarischen Markt reagierten und in ihm ihren Platz suchten. Es geriet vieles von dem, was Wieland ausmacht, außer Kurs. Man schätzte die Aufklärer nicht mehr so, man wurde wieder religiös, man wurde vor allen Dingen sehr patriotisch, was Wieland nie war. Das Ideal des Weltbürgertums verblasste. Wieland galt übrigens auch als viel zu erotischer Autor. Im 19. Jahrhundert wurde das verfemt – zu frivol. Zu wenig deutsch, zu französisch. Das hat sich gehalten. Und dann kam hinzu, dass er kein Lyriker oder Theaterautor war, das heißt, er gehört nicht zum Repertoire dessen, was ein Bildungsbürger auf dem Abonnement hat. Es musste immer jemand den Schritt tun, sich zu diesem literarischen Werk hinzuwenden.

Wieland war Pfarrerssohn. Wie konnte gerade er zum Vorreiter erotischer Literatur in Deutschland werden?

Der sehr junge Wieland versuchte, ein durchaus christlicher Autor zu sein. Aber dafür war er gedanklich viel zu offen und auch intellektuell viel zu sehr mit der Antike verbündet. Lessing sagte bei einem ersten literarischen Versuch über Wieland: „Na, er ist endlich aus den Wolken herabgestiegen und in der Wirklichkeit gelandet.“ Der nächste Schritt waren die sogenannten „Komischen Erzählungen“, das sind Verserzählungen mit durchaus für die Zeit sehr kräftigen erotischen Pointen. Das machte Sensation, auch in sprachlicher Hinsicht. Zuvor hatte man gesagt, die deutsche Sprache sei nicht fähig, so klangvoll, so biegsam, so virtuos zu sein wie das Französische oder das Italienische. Und Wieland zeigte: Das geht im Deutschen genauso. Diese sprachliche Eleganz in Verbindung mit erotischen, zu der Zeit könnte man sagen „frivolen“ Inhalten, das war sensationell.

Jan Philipp Reemtsma liest
Christoph Martin Wieland: Klelia und Sinibald
© HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH, HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH

Gibt es aus Ihrer Sicht auch etwas an Wieland, das typisch deutsch ist?

Gerade nicht. Und das erklärt auch das Fremdeln des 19. Jahrhunderts. Wieland ist ein Weltliterat, der genauso nach Frankreich wie nach Deutschland gehört. Oder nach England. Denken Sie daran, dass Wieland der erste war, der wirklich umfänglich Shakespeare übersetzt hat.

Nach all diesen Jahren herausgeberischer Tätigkeit: Gibt es einen Aspekt an Wielands Person oder Werk, der Ihnen so sehr am Herzen liegt, dass Sie ihn gerne noch mehr verbreitet wüssten?

Die Tatsache, dass Wieland ein Avantgardist war. Die deutsche Oper ist durch ihn neu begründet worden, und zwar in Weimar, am Hof Anna Amalias. Und er begann mit psychologischen Romanen, die nicht so sehr eine Figur ins Zentrum stellen als vielmehr politische Abläufe, politische, soziale Dynamiken – in der „Geschichte der Abderiten“ taucht Massenpsychologie auf. Und in den späten Romanen fragt er nach unseren kulturellen Wurzeln. Wie ist das Christentum zu einer Weltgeschichte determinierenden Macht geworden? Warum diese Religion, warum keine andere? Das ist heute noch aktuell.

Das Gespräch führte Hannah Lühmann.

Quelle: F.A.Z.
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