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Milena Jesenskás Briefe

Mein Gott, wie werde ich diesen Hass nur los?

Von Alena Wagnerová
 - 14:48
Gedanken einer Verzweifelten: Milena Jesenskás Briefe Bild: © LEEMAGE / images.de, F.A.Z.

Es war eine Kette von Zufällen und glücklichen Umständen, die zu dem Fund von vierzehn Briefen Milena Jesenskás aus den Jahren 1940 bis 1943, geschrieben in den Gefängnissen in Dresden, Prag und dem Konzentrationslager Ravensbrück führte. Entdeckt hat sie die junge polnische Bohemistin Anna Militz dort, wo sie niemand hätte vermuten können: in der Staatssicherheitsakte von Jaromír Krejcar, Milenas geschiedenem Ehemann und dem Vater ihrer gemeinsamen Tochter Jana, genannt „Honza“.

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Eine Diplomarabeit über sie war der Grund, warum Anna Militz die Akte studierte. Als sie auf einer Folie Kopien von deutsch geschriebenen Briefen mit der Unterschrift Milenas und das Wort Ravensbrück sah, brauchte sie eine Weile, bis ihr aufging, was sie da gerade gefunden hatte. Zum Schluss entdeckte sie noch einen Brief von Margarete Buber-Neumann an Professor Jan Jesenský, den Vater Milenas, geschrieben unmittelbar nach ihrem Tod im Mai 1944.

Vom Zufallsfund in die Geheimakte

Dies war das glückliche Ende einer Geschichte, die vor sechzig Jahren begann. Damals, genau am 1.Februar 1950, ließ eine junge Frau, wohl Jana Krejcarová selbst, in einem Prager Gasthaus eine Mappe mit Dokumenten liegen. Als sie nicht nach ihnen suchte, gab der Gastwirt den Fund bei der nächsten Polizeistelle ab. Englische Briefe und der Name Krejcar, auf den sie bei der Durchsicht der Mappe stießen, kamen den wachsamen Polizisten verdächtigt vor - ein Grund, sie an die Bezirksdienststelle der Staatssicherheit weiterzuleiten.

Denn Jaromír Krejcar war als Republikflüchtling zur Fahndung ausgeschrieben. So kamen auch die Briefe von Milena Jesenská mit den anderen Dokumenten in die Geheimakte von Jaromír Krejcar.

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Um Platz zu sparen, hatten die Sicherheitsbeamten das gefundene Material einfach und nicht sehr sorgfältig abfotografiert, eine Folie mit dem Film in die Akte gelegt und die Originale vernichtet. Trotz dieses barbarischen Vorgehens - die Sicherheitsbeamten waren keine gelernten Archivare - können wir vom Glück reden, dass die Briefe wenigstens in Fotokopien erhalten geblieben sind. Hätte Jana Krejcarová die Mappe nicht in der Gaststätte liegen gelassen, würden sie heute wohl nicht mehr existieren.

Die bislang verlorene Stimme

Die vierzehn Schriftstücke stellen nur einen Bruchteil der Briefe dar, die Milena Jesenská in den fünf Jahren Haft an ihren Vater und die Tochter geschrieben hat. Sie fülen wenigstens zum Teil eine Lücke, denn bis jetzt waren nur zwei Briefe aus der Haftzeit bekannt: ein im Januar 1940 auf einem Stück Stoff geschriebener Kassiber an Rokyta Illnerová, Jesenskás frühere Mitarbeiterin bei „Národní listy“, den sie in der schmutzigen Wäsche, die sie aus der Haftanstalt abholte, verpackt hatte, und ein ungefähr aus der gleichen Zeit stammender Brief an die Honza, der allerdings nur in einer Abschrift existiert.

Über Milenas Standhaftigkeit und die Achtung, die sie in Ravensbrück genossen hat, allerdings auch über die Anfeindungen dogmatischer Kommunistinnen, gibt es viele Zeugnisse, nicht zuletzt auch das Buch von Margarete Buber-Neumann. Milenas eigene Stimme aus dieser Zeit fehlte aber - bisher.

Das Dokument einer Mutter und einer politischen Zeitbeobachterin

Die ersten drei Briefe des Konvoluts stammen aus der Haftanstalt in der Georg-Bähr-Straße in Dresden, wohin Milena Jesenská im Februar 1940 von der Prager Gestapo überführt wurde, um hier auf den bevorstehenden Prozess wegen des Verdachts auf Hochverrat zu warten.

Die Briefe aus Dresden schreibt eine liebende, um das Wohl ihrer Nächsten besorgte Tochter und Mutter, zugleich aber auch ein politischer Mensch: „Seit meiner Krankheit ( ...nur 2 Finger sind noch steif) darf ich regelmäßig eine Zeitung beziehen - Du kannst Dir vorstellen, wie fieberhaft ich sie lese. Mein Gott, warum haben wir alle nach dem Krieg gelebt, wenn er wieder möglich ist? ...12 Millionen im Weltkriege - und alles umsonst! Wieviel werden es diesmal sein!...Und kann man, darf man nachdenken, wie es einem geht? Wenn ich an die Tausende draussen denke, geht es mir nicht herrlich? Mein Kind ist in Sicherheit - das ist das Wunderbarste, ich danke Dir sehr.“

Die große Verzweiflung

Nachdem der Volksgerichtshof im Juni 1940 das Verfahren gegen sie aus Mangel an Beweisen einstellte, wurde Milena Jesenská zurück an die für ihren Fall zuständige Gestapostelle in Prag überstellt, abgemagert und in schlechtem Gesundheitszustand.

Als sie erfuhr, dass sie nicht die Freilassung, sondern Schutzhaft im Konzentrationslager Ravensbrück erwartete, trieb es sie fast zur Verzweiflung. Möglicherweise zum ersten Mal wurde sie sich der Realität eines Lebens im Gefängnis voll bewusst: „von einem Strohsack auf den anderen wandern...vor zwölf Menschen auf die Toilette gehen...kein Wasser...Wanzen..Einsamkeit...verrückte Sehnsucht nach Honza“, lauten einzelne Worte und Satzfetzen, die man auf einem der vier tschechisch geschriebenen und schwer lesbaren Kassiber entziffern kann.

„Mein Gott, wie werde ich diesen Hass nur los?“

Schon wieder gefasst, erinnerte sie sich im weiteren Text an die Wut der Menschen bei der Besetzung des Sudetenlandes, den Deutschenhass der Tschechen, die verzweifelten Worte ihres Chefredakteurs Ferdinand Peroutka in der Nacht vor seiner Verhaftung: „Mein Gott, wie werde ich diesen Hass nur los?“ Und dann kommen zwei Sätze, die man in Häftlingsbriefen nicht gerade oft liest: „Und doch bin ich in diesem Deutschland wunderbaren und liebenswerten Deutschen begegnet. und auch die Aufseherin werde ich mein ganzes Leben wie meine eigene Schwester lieben.“

Nach der Mitteilung der Gedenkstätte Münchener Platz in Dresden, handelte es sich bei diesem Ermittlungsrichter mit großer Wahrscheinlichkeit um Emil Fritz Risse (1899 bis 1944), der am 1. Januar 1940 vom Dresdner Amtsgericht zum Ermittlungsrichter in der Dienststelle Volksgerichtshof Sondersache Böhmen und Mähren bestellt und später zu deren Leiter ernannt wurde.

In dieser Funktion unterschrieb er auch Milenas Haftbefehl. Seiner Personalakte kann man entnehmen, dass er seit 1937 Mitglied der NSDAP war, 1919 im Leipziger Freikorps gekämpft hatte und als politisch zuverlässig galt. Welchen Anteil er an der Einstellung des Verfahrens gegen Milena Jesenská möglicherweise hatte, werden wir wohl nicht mehr erfahren.

Bei der „Schwester-Aufseherin“ geht es um Charlotte Kreißig, die Tochter des Ersten Hauptwachtmeisters des Gefängnisses in der Mathildenstraße, der in dem Gebäudekomplex auch seine Dienstwohnung hatte. Ihren Namen kennen wir aus einem weiteren Kassiber, in dem Milena dem Vater ans Herz legte, Charlotte zu benachrichtigen, dass sie ihr nicht, wie abgesprochen, würde schreiben können. Und noch einmal betonte sie, wie wichtig es ihr war, dass sie diese Nachricht bekam, denn „sie war ein Mensch, der sich zu mir so wunderbar verhielt, wie sonst kaum jemand“.

Vater und Tochter: Gegenseitiger emotionaler Halt

Während ihrer vierjähriger Haft in Ravensbrück hat Milena Jesenská etwa fünfundvierzig Briefe an ihren Vater und Honza geschrieben. Gefunden wurden jetzt sieben, einer davon an Jaromír Krejcar adressiert. Deren Haupthema ist die Sorge um die zwölfjährige Honza, ein hochbegabtes, aber schwieriges und eigenwilliges Kind, das mit dem Großvater nicht zurechtkam und die Mutter mit Briefen vernaschlässigte.

Wer aus der Literatur weiß, mit welchen Spannungen die Beziehung zwischen Vater und Tochter beladen war, wird überrascht sein, wie liebevoll Milena mit dem Vater in ihren Briefen umgeht. Gegenseitig gaben sich beide jetzt den emotionalen Halt, den sie brauchten. „Du ahnst nicht, was mir Deine zärtlichen Worte bedeuten. Sie machen mich ganz glücklich, schicke mir, bitte, bald wieder welche“, schreibt sie in einem Brief, und das Motiv der gegenseitigen Liebe wiederholte sich immer wieder.

Zum Schreiben zu geschwächt

Zwei Stellen zeigen, dass Milena in ihrer Zuwendung wohl auf ungetrübte Kindheitserinnerungen zurückgreifen konnte. So schreibt sie etwa: „Ich brauchte wie vor Jahren ein Märchen von dem Hasen von Dir“, oder „Ich habe keinen anderen Wunsch als bei Dir im Bett zu liegen und mich pflegen zu lassen“.

Der letzte Brief aus Ravensbrück, dem auch das zweite Zitat entnommen ist, stammt vom 13. September 1943 und ist auf einer Schreibmaschine geschrieben. Milena, die auf dem Krankenrevier arbeitete, durfte sie wahrscheinlich benutzen, weil ihre Finger durch eine Rheumaattacke so unbeweglich waren, dass sie eine Feder nicht hätte halten können.

Der vierjährige Hunger

Wenn sie auch schrieb, sie wäre „gut beisammen“, steht der ganze Brief im Zeichen ihrer zunehmenden Erschöpfung. Sie hatte Schmerzen und ihr Gesundheitszustand machte ihr Sorgen: „Ich kann mir nicht erlauben arbeitsunfähig zu sein, denn jede Arbeitskraft wird gebraucht und nur der hat Recht zu leben, der arbeitet“, schrieb sie und bat den Vater, ihr die Spritzen zu besorgen, die ihr bisher immer halfen.

Zum ersten Mal schrieb sie hier vom Hunger, vom Unterschied, einmal Hunger zu haben oder vier Jahre lang zu hungern. Ein Satz in dem Brief klingt, als ob sich Milena Jesenská sozusagen vorsorglich verabschieden wolte: „Ich danke Euch für jedes gute Wort und jedes Päckchen und sollte mir etwas zustossen, kannst Du wissen, dass ich bis zum letzten Augenblick mit Euch war und dass ich mir schwache Minuten überhaupt nicht gestattete, weil ich eben an Euch denke.“

Neun Monate später wird Margarete Buber-Neumann Professor Jesenský über die letzten Stunden Milenas berichten.

Die Schriftstellerin Alena Wagnerová, 1936 in Brno geboren, lebt in Saarbrücken und Prag.

Quelle: F.A.Z.
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