Brief aus Istanbul

432 Kilometer für Gerechtigkeit

Von Bülent Mumay
 - 12:14

Die türkische Redewendung „das Messer ist auf Knochen gestoßen“ bedeutet, dass etwas nicht mehr auszuhalten ist. Der Dichter Hasan Hüseyin Korkmazgil, eine Legende der politischen Lyrik der siebziger Jahre in der Türkei, hat eines seiner Gedichte „Messer auf Knochen“ genannt. Es handelt vom Scheitern und Verzweifeln und dass es an der Zeit ist, die Zustände nicht länger hinzunehmen. Er schreibt: „Es ist durchs Fleisch hindurch, spürst du es / Messer auf Knochen / hast du’s noch nicht gespürt, spür es jetzt / hey Allahs Knecht / Messer auf Knochen / spür es und raff dich endlich auf / wie tief schläfst du denn / Messer auf Knochen“.

Zur türkischen Fassung der Kolumne
Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın

Auch für Kemal Kiliçdaroglu, den Chef der Oppositionspartei CHP, war die Zeit offenbar reif, um „aufzuwachen“ und sich, wie in dem Gedicht empfohlen, „aufzuraffen“. Der Auslöser war die Verurteilung des ehemaligen Journalisten und CHP-Abgeordneten Enis Berberoglu zu 25 Jahren Haft in der vergangenen Woche. Man wirft Berberoglu vor, eine Geheiminformation an die Zeitung „Cumhuriyet“ weitergegeben zu haben. Nachdem das Urteil bekanntgeworden war, brach Kiliçdaroglu in Ankara zu Fuß in Richtung Istanbul auf. Er will zu dem Gefängnis marschieren, in dem sein Abgeordneter sitzt, 432 Kilometer sind es bis dorthin. Kilicdaroglu trägt ein Schild bei sich, auf dem „Gerechtigkeit“ steht. Auf die Frage, warum er den Fußmarsch unternehme, sagte der Politiker etwas, das an Korkmazgils Gedicht erinnert: „Das Messer ist auf den Knochen gestoßen. Es reicht. Wir sind auf eigenem Boden in der Türkei mit einer diktatorischen Regierung konfrontiert.“

Nur Wolldecken und Medikamente

Warum ist Enis Berberoglu zu 25 Jahren Haft verurteilt worden? Warum bezichtigt das Gericht ihn, der nach seiner Zeit als Chefredakteur der „Hürriyet“ in die Politik ging, der „Militärspionage“? Das Urteil fußt auf einem Ereignis, dessen Nachwehen die Türkei seit einigen Jahren in Atem halten. Alles begann im Januar 2014, als Gendarme in einer südlichen Provinz einen Konvoi stoppten, der nach Syrien unterwegs war. Ihnen fielen die Ausweise der Konvoi-Begleiter auf. Sie zeigten, dass es sich um keine gewöhnliche Operation handelte. Die Gendarmerie beschlagnahmte die „Materialien“, die, begleitet von Agenten des türkischen Geheimdienstes MIT, auf den Lkws nach Syrien gebracht werden sollten.

Einige Medien berichteten in nüchternem Ton über den Vorfall, der fortan nur noch „MIT-Konvoi“ genannt wurde. In einigen Meldungen hieß es, die Lkws hätten Waffen transportiert. Die Regierung rechnete daraufhin zunächst sowohl mit den Gendarmen ab, die den MIT-Konvoi gestoppt hatten, als auch mit den Staatsanwälten, auf deren Anordnung hin das geschehen war. Unter dem Vorwurf der Zugehörigkeit zur Gülen-Organisation wurden sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Ankara erklärte mehrfach, auf den Lkws seien keine Waffen gewesen. Staatspräsident Erdogan sagte: „Wir haben humanitäre Hilfe an die Turkmenen in Syrien geliefert.“ Der damalige Premierminister Davutoglu schwor öffentlich, die Ladung hätte aus Wolldecken und Medikamenten bestanden: „Allah ist mein Zeuge, ich schwöre es, die Lkws gingen an die Turkmenen in Bayirbucak.“

Er soll die „Cumhuriyet“ informiert haben

Tugrul Türkes, den Erdogan mittlerweile an seine Seite geholt hat, war damals die Nummer zwei bei der ultranationalistischen Partei MHP. Im Fernsehen dementierte er Erdogans und Davutoglus Behauptungen – ebenfalls unter Anrufung Allahs. Als Repräsentant einer Partei, die in engem Kontakt zu türkischen Gruppierungen außerhalb der Türkei steht, erklärte er: „Ich schwöre bei Allah, die gingen nicht an die Turkmenen in Bayirbucak.“ Yasin Aktay aber, ein Abgeordneter von Erdogans AKP, sprach in einem Telefonat, dessen Mitschnitt im Internet auftauchte, von „Waffen“. Er sagte: „Jene Waffen gingen an die Freie Syrische Armee.“Die Freie Syrische Armee umfasste damals auch islamistische Gruppierungen.

Unser Angebot für Erstwähler
Unser Angebot für Erstwähler

Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

Zum Angebot

Die Frage, was die Lkws geladen hatten, beschäftigte die türkische Öffentlichkeit auch weiterhin. Achtzehn Monate nach der Beschlagnahmung titelte die „Cumhuriyet“: „Hier sind die Waffen, die Erdogan verleugnet“. Dem Bericht und den zugehörigen Fotos zufolge hatte der Konvoi Tausende Mörsergranaten und Munition für Geschütze und Maschinengewehre transportiert. Der Regierung gefiel diese Berichterstattung ganz und gar nicht. Es dauerte nicht lange, und Can Dündar, damals noch Chefredakteur der „Cumhuriyet“, und Erdem Gül, der Leiter des Hauptstadtbüros, die für die Artikel verantwortlich gezeichnet hatten, wurden wegen „Militärspionage“ verhaftet. Drei Monate später kamen sie wieder auf freien Fuß, auf Grundlage einer Entscheidung des Verfassungsgerichts. Dündar ging ins Exil nach Deutschland. Dass die Regierung die Sache nicht auf sich beruhen lassen will, zeigt das Urteil gegen Berberoglu. Er soll der „Cumhuriyet“ die Informationen zugespielt haben.

Die Gerechtigkeit und die Straße

Als Beweismittel verwendete das Gericht Telefonmitschnitte und eine Passage aus Can Dündars Buch „Lebenslang für die Wahrheit“, in dem Dündar seine Haftzeit und die vorausgegangenen Ereignisse beschreibt. Der Satz, der Berberoglu wohl zum Verhängnis wurde lautet: „Ein befreundeter linksgerichteter Abgeordneter brachte die Videoaufnahmen vorbei“.

Die Durchsuchung des MIT-Konvois hatten weder die „Cumhuriyet“-Journalisten noch Berberoglu angeregt. Gut möglich, dass tatsächlich die Gülen-Organisation ihre Finger im Spiel hatte, denn die einstigen Partner Erdogan und Gülen waren damals schon entzweit. Abgerechnet wurde aber wie immer auch mit Journalisten. Dass es nun auch noch der CHP-Abgeordnete Berberoglu traf, war zu viel: Das „Messer stieß auf den Knochen“. In den ersten Tagen schien die Regierung den Marsch von CHP-Chef Kiliçdaroglu nicht sehr ernst zu nehmen. Doch nun, da er immer mehr Unterstützung erfährt, wächst die Kritik. Erdogan, der einmal wegen einer Gedichtrezitation für einige Monate hinter Gitter musste und sehr gern auf dieses Unrecht verweist, verteidigte die Verurteilung Berberoglus mit den Worten: „Der Justiz gegenüber ist niemand ohne Verantwortung. Gerechtigkeit liegt nicht auf der Straße, sie ist in den Gerichten zu finden.“

Gemeinsam gingen sie diese Wege

Erdogan sagte das vor Medienunternehmern, die er in seine Sommerresidenz eingeladen hatte. Gegen Kiliçdaroglu, dessen Gerechtigkeits-Marsch sich immer mehr Menschen anschließen, sprach er eine verdeckte Drohung aus. Er sagte: „Wundern Sie sich nicht, wenn die Justiz morgen auch Sie vorlädt.“ Der stellvertretende Ministerpräsident Nurettin Canikli sagte gegenüber der regierungsnahen Presse: „Der Marsch, den Herr Kiliçdaroglu unter der Bezeichnung ,Suche nach Gerechtigkeit‘ durchführt, ist im Grunde Unterstützung für die Gülen-Terrororganisation.“

In einem Klima, in dem die Regierung sich bemüht, unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Putsch sämtliche Oppositionelle zu Gülenisten zu erklären, überraschen Caniklis Anschuldigungen nicht. Während mit Zehntausenden, vom Wissenschaftler bis zum Unternehmer, wegen des Umsturzversuchs abgerechnet wird, macht seltsamerweise niemand die politische Rechnung für den 15. Juli auf. Offensichtlich trifft jene, die den Schlüssel zum Staat den Gülenisten ausgehändigt hatten, keinerlei Schuld. Kein anderer als Canikli war einer der Zeugen in der Anhörung, die 2011 für die Verlängerung des Visums des in den Vereinigten Staaten lebenden Gülen angestrengt worden war. Canikli bezeugte vor dem Gericht in Pennsylvania, Gülen sei „Inspirationsquelle einer weltweiten sozialen Bewegung“.

Jene, die diese Bewegung zur Terrororganisation erklärt haben und allen und jedem die Mitgliedschaft anhängen wollen, reisten einst Tausende Kilometer für deren Anführer. Unwillkürlich muss man da an ein Lied denken, das Erdogan bei fast jeder seiner Kundgebungen anstimmt: „Gemeinsam gingen wir diese Wege ...“ Wenn jene, die das Lied gemeinsam sangen, zum Gegner werden, stößt das Messer bei anderen auf den Knochen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenIstanbulSyrienTürkeiTürkei-ReisenCumhuriyetFSAGeheimdienstBrief aus Istanbul