Brief aus Istanbul

Die glänzenden Köpfe gehen, warum wohl?

Von Bülent Mumay
 - 12:23

Vergangene Woche verlor die Türkei den bedeutenden Soziologen und Politologen Şerif Mardin. Mit seinen Studien zu Religions- und Kultursoziologie brach er in der Türkei mit dem Gewohnten. Seine Kritiken an Kemalismus und Marxismus in den Siebzigern wurden von türkischen wissenschaftlichen Kreisen wenig begeistert aufgenommen. Viele Jahre war er an großen Universitäten in den Vereinigten Staaten tätig. Ein Interview in der Türkei von 2007 trug ihm auch über die akademische Welt hinaus Ruhm ein, er prägte den Begriff „community pressure“ für den wachsenden Konservatismus im Land.

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Wenn sich der Konservatismus durchsetzt, so Mardin, würden sich Menschen diskriminiert fühlen, die keinen religiösen Lebenswandel pflegen. Er sprach davon, dass die Werte der Konservativen, die dann die Gesellschaft prägen würden, zentrale Bedeutung bekommen könnten. Dieses Statement stammt aus dem vierten Regierungsjahr der AKP, fiel also in die Zeit, da Erdogan und seine Regierung die ersten Schritte taten, um das soziale Leben in der Türkei in konservativem Sinn zu restrukturieren. Mit diesem Statement argumentierten Gegner der AKP, wenn sie darüber klagten, dass die Religion in der Öffentlichkeit zunehmend die Oberhand gewann. Die Konservativen in der Türkei dagegen verstanden Mardins Diagnose vom Druck des sozialen Umfelds als „Paranoia der Laizisten“, obwohl Mardin eine distanzierte Haltung dem Kemalismus gegenüber einnahm.

Sie wollen nichts mehr sehen außer sich

In den zehn Jahren seit 2007, als Mardin diesen Begriff etablierte, ist es dem Social Engineering der AKP zweifellos gelungen, eine polarisierte, geistig gespaltene Nation zu schaffen. Die Schritte, die Erdogan mit dem Diktum, eine „fromme Generation heranziehen“ zu wollen, umzusetzen begann, blieben nicht darauf beschränkt, die Vorherrschaft der Religion im öffentlichen und sozialen Leben zu zementieren. Mardins Voraussage, „wenn sich der Konservatismus durchsetzt“, ist eingetroffen. Es werden nicht nur Menschen ohne religiösen Lebenswandel diskriminiert. Es begann die Umsetzung einer Politik, die das Leben Andersdenkender beschneidet und ausgrenzt.

Von der Religionisierung des Bildungssystems bis hin zu Beschränkungen des Alkoholkonsums wurden, zumeist von der Regierung, zahlreiche Schritte unternommen, die die Türkei in ein verstärkt religiöses Klima führen. Doch die Kontrolle dieses Klimas lag nun beim sozialen Umfeld. Konkrete Beispiele für „community pressure“, welch seltsamer Zufall, finden wir in der Woche, in der Şerif Mardin, der diesen Begriff in der Türkei einführte, verstarb. Es waren sicherlich nicht die ersten und werden auch nicht die letzten sein. Ich will einige dieser brisanten Beispiele mit Ihnen teilen, die belegen, dass die zunehmend konservative Gesellschaft nichts mehr sehen will außer sich.

Bestrafung ohne Vorwarnung

Kürzlich läutete es zu nächtlicher Stunde bei einer alleinstehenden Frau in Ankara. Vor der Tür stand der Verwalter und „empfahl“ der Englischlehrerin T.E. dringend, in der Wohnung keine Shorts zu tragen. Denn davon fühlten sich die Nachbarn von gegenüber gestört! Er riet der Frau, über die sich die Nachbarn beschwert hatten: „Halten Sie die Vorhänge geschlossen!“ T.E. schäumte vor Wut. In den sozialen Medien schrieb sie: „Weder auf der Straße noch im Haus hat man seine Ruhe. Wie können diese Leute sich erdreisten, sich in das Privatleben zu Hause einzumischen?! Wo und wie sollen wir denn noch leben? Das ist ja zum Verrücktwerden! Mir reicht’s!“

T.E. kam mit einer Mahnung des sozialen Umfelds davon. Andere hatten nicht so viel Glück. Wir erlebten, dass ohne Vorwarnung bestraft wurde. Obendrein in Istanbul, der größten und modernsten Metropole der Türkei. Letztes Jahr wurde die Krankenschwester Aysegül Terzi auf dem Heimweg im Bus von einem der Männer ihres sozialen Umfelds bestraft. Abdullah Çakiroglu attackierte die junge Krankenschwester mit Fußtritten, weil sie Shorts trug. Als dieser von der Kamera im Bus aufgezeichnete Vorfall mit einer leichten Strafe für den Täter abgetan wurde, ließ der nächste nicht auf sich warten. Vor drei Monaten glaubte ein Mann aus der Community namens Ercan Kiziltas, wiederum in einem Minibus in Istanbul, seine Pflicht erfüllen zu müssen, er attackierte die Shorts tragende Studentin Asena Melisa Saglam und schimpfte: „Schämst du dich nicht, so herumzulaufen?“

Kaum noch eine Wahl

Bei dem letzten Vorfall sozialer Kontrolle in der Woche, da Şerif Mardin starb, trug niemand Shorts. Es saß lediglich ein Studentenpärchen in einem Café in der Industriemetropole Bursa Arm in Arm und plauderte. Ein Angestellter fühlte sich gestört und ermahnte das Paar: „Es stört die Familien, dass ihr euch hier umarmt.“ Als das Paar erwiderte, im Café seien doch gar keine Familien anwesend, gab der Angestellte zurück: „So eine Umarmung widerspricht unserer Auffassung von Moral.“ Dem Paar blieb nichts anderes übrig, als zu zahlen und zu gehen. Als die Sache in die Presse kam, fokussierte die Erklärung von Seiten des Cafés wiederum auf das soziale Umfeld: „Wir mussten eine solche Ermahnung aussprechen, weil sich andere Gäste beschwert hatten.“

Das Regierungslager, das einen Volksaufstand anzettelt, wenn einem jungen Mädchen mit Kopftuch ein winziges Unrecht angetan wird, übergeht solcherlei Aggressionen. Der Wille, der „das soziale Umfeld“ errichtet, gibt nicht einmal eine symbolische Erklärung um des sozialen Friedens, um der Kultur des Zusammenlebens willen ab. Das soziale Umfeld, das zum Moralwächter wird, sobald es irgendwo Shorts entdeckt, schwieg, als Kinder im Wohnheim eines islamistischen Ordens vergewaltigt wurden. Da ist es natürlich sinnlos, von diesem politischen Willen, dem Bauherrn des sozialen Umfelds also, eine andere Reaktion zu erwarten.

Wer im eigenen Land derart verachtet und diskriminiert wird, hat kaum noch eine Wahl. Täglich steigt die Zahl derer, die ihre Zukunft im Ausland suchen. Die Türkei erlebt einen der größten Braindrains der jüngeren Geschichte. Die vollen Ausmaße des Verlustes werden wir wohl erst in ein paar Jahren erkennen. Doch diese Abwanderung tangiert inzwischen auch Erdogan als Herrn nicht des sozialen Umfelds, aber des Landes. Der Staatspräsident der Türkei, in der die Evolution aus den Lehrplänen gestrichen, aber Dschihad-Unterricht eingeführt wurde, warnte die Staatschefs islamischer Staaten, mit denen er vergangene Woche zusammentraf: „Wir verlieren unsere besten Köpfe an den Westen.“

Wie überaus erstaunlich, nicht wahr?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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