Brief aus Istanbul

Das Hass-Klima der neuen Türkei

Von Bülent Mumay
 - 21:18
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Bei den jüngsten Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei meinen beide Seiten aus diversen Gründen, sie seien im Recht. Wenn Sie Ankara fragen, „schützt, ja unterstützt Deutschland Terroristen, versucht uns zu spalten, ist eifersüchtig auf unseren dritten Istanbuler Flughafen, will nicht, dass wir wachsen“. Die Anschuldigungen ließen sich fortführen. Die Regierung in Berlin dagegen klagt vor allem über die Bezichtigungen aus Ankara, die bis hin zu den Nazi-Vergleichen gehen, über die Inhaftierung deutscher Staatsbürger in der Türkei und zuletzt über Erdogans Einmischung in die Bundestagswahlen.

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Die gegenseitigen Schuldzuschreibungen verstellen zweifellos Dialog und Diplomatie den Weg. Was auf gesellschaftlicher Ebene hinter den Ereignissen steckt, kann ich für Deutschland nicht genau sagen. Doch ich will Ihnen von einem Klima berichten, das auf türkischer Seite hinter diesen Spannungen steckt und das bei den täglichen Nachrichten in der europäischen Presse leicht zu übersehen ist: vom Klima des Hasses, das die AKP-Regierung in den vergangenen Jahren in der Türkei anheizte, selbst steuerte und nun die Früchte erntet.

Von einer autoritären Vaterfigur regiert

Es gibt eine Zeitenwende in Bezug auf das Erdogan-Regime, über die sich praktisch sämtliche Seiten in der Türkei einig sind: 2010. Das Jahr, in dem Fethullah Gülen, der damalige inoffizielle Partner Erdogans, mit seiner Bewegung begann, die Verfassung zu ändern und den Staat umzubauen. Nach diesem Jahr, in dem Erdogan meinte, auf dem Gipfel seiner Macht zu sein, war nichts mehr wie zuvor. Der polarisierende Diskurs schwoll an, es kam zu Auseinandersetzungen mit fast allen Kreisen der Gesellschaft. Die negativen Signale, die zu diesem Zeitpunkt von der EU kamen, und Gründe wie Unstimmigkeiten bei zahlreichen Themen mit den Vereinigten Staaten und regionalen Akteuren, vor allem mit Syrien, spielten sicherlich eine Rolle dafür, dass Erdogan sich abschottete. Als er auf dem Gipfel seiner Macht stand und sich zugleich mit dem Europäischen Klub auf unzähligen Gebieten überwarf, wurden die Samen des Hass-Klimas gesät.

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2012 erklärte Erdogan, eine „fromme Generation heranziehen“ zu wollen, und unternahm im Eiltempo erste Schritte, die das säkulare Leben im Land gefährdeten. Die Zahl der Gymnasien zur Ausbildung von Predigern wurde erhöht, dem Curriculum normaler Schulen wurden weitere Religionsstunden hinzugefügt. An vielen Schulen wurde die Koedukation abgeschafft. Das Internet wurde zensiert, Websites über die Evolutionstheorie wurden blockiert. Wir wurden von einer autoritären Vaterfigur regiert. Wir hatten einen Vater, der uns unablässig vorschrieb, was wir zu tun hätten, und uns immer wieder unsere Grenzen ins Gedächtnis rief. Die Zeiten für Spirituosenverkauf wurden beschränkt, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit wurde verboten. Erdogan verstieg sich gar zu dem Statement: „Wer Alkohol trinkt, ist Alkoholiker.“

Die Antwort auf die leiseste Kritik: „Landesverrat!“

Selbstverständlich bekamen auch Frauen ihr Fett weg bei diesen „väterlichen Ermahnungen“. Erdogan empfahl allen, mindestens drei Kinder zu bekommen, Frauen, die keine Kinder wollten, bezeichnete er als „mangelhaft“. Auch das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter regelte er: „Mann und Frau könnt ihr nicht gleichstellen.“ Er schaute aus seinem Istanbuler Büro am Ufer des Bosporus und kritisierte, dass Mädchen und Jungen Hand in Hand aus dem Dampfer stiegen. Es ging zweifelsohne nicht allein darum, „eine fromme Generation heranzuziehen“. Wir schritten voran auf dem Weg zu einer verschlossenen konservativen Gesellschaft, die Andersdenkende als Gegner betrachtet, in der es keine Toleranz für Menschen gibt, die anders sind, die hinter allem den Finger des Auslands vermutet. Wer das nicht hinnehmen wollte und rebellierte, der wurde bedroht, wie etwa die Teilnehmer der Gezi-Proteste. Das alles genügte Erdogan noch nicht, neben der Frömmigkeit wollte er auch den Nationalismus schüren. Er stieß den Tisch für Friedensverhandlungen mit den Kurden um, den er selbst errichtet hatte, nachdem Tausende umgekommen waren. Denn die fromme Generation brauchte nationalistische Verstärkung. Nun stand die für neoosmanische Schritte notwendige Koalition.

Das seit langem vorbereitete Hass-Klima wird durch organisch mit der Regierung verbundene Medien weiter aufgeheizt. Gegen irgendetwas zu sein wird als Verrat gewertet. Die Antwort auf die leiseste Kritik lautet: „Landesverrat!“ Laizisten, Aleviten, Homosexuelle, Linke, Liberale, kurz, alle, die der Regierung nicht passen, werden als „die Anderen“ stigmatisiert. In diesem Klima Ausländer zu sein verdoppelt den Hass. Werden deutsche Journalisten oder Aktivisten verhaftet, steht die Anklage schon fest: „Agenten!“ Jede Kritik aus dem Westen wird als „Unterstützung für den Terrorismus“ abgestempelt.

Wie gut, dass seine Akkreditierung aufgehoben wurde

Mittlerweile braucht man nicht mal mehr einen Kommentar oder einen Hintergrundbericht zu schreiben, für den Verratsvorwurf reicht es, als ausländischer Journalist den Oppositionsführer interviewt zu haben. Der deutsche Journalist Frank Nordhausen, dem Ankara vor ein paar Monaten die Akkreditierung strich, wurde wegen des Interviews, das er mit dem Vorsitzenden der größten Oppositionspartei Kemal Kilicdaroglu für das Magazin „Focus“ geführt hatte, regelrecht zum Teufel erklärt. Eine Zeitung im Besitz des Unternehmers Ethem Sancak, der zum Vorstand von Erdogans Partei gehört, nannte Nordhausen auf Seite eins: „Frankestayn!“

Der dazugehörige Text wirkt wie eine Anklageschrift: „Nordhausen, der mit seinem Interview mit CHP-Chef Kilicdaroglu für Wirbel sorgte, füllt die von ,Welt‘-Agent Deniz Yücel hinterlassene Lücke.“ Dem Bericht zufolge habe Nordhausen Behauptungen unterstützt, nach denen bei Militär und Polizei gefoltert werde, und die „Fetö-Leute“ verteidigt, die als Hauptverantwortliche für den Putsch vor Gericht stehen. Lassen Sie mich nur eines sagen: Wie gut, dass seine Akkreditierung schon vor Monaten aufgehoben wurde, sonst säße Nordhausen heute vermutlich wie rund 160 seiner Kollegen hinter Gittern.

Hat da jemand etwas von „unverschämt“ gesagt?

Die Medien des Hass-Klimas lassen Sie auch nicht in Ruhe, wenn Sie sich vom aktiven Journalistendasein verabschiedet haben. In der Türkei Urlaub zu machen, kann zur Anschuldigung werden. Seltsam, nicht wahr? Lassen Sie es mich erläutern: Der ehemalige „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann verbrachte, wie seit rund zehn Jahren schon, auch in diesem Jahr seinen Sommerurlaub in der Türkei. Als Diekmann auf Twitter Fotos aus Bodrum postete, bekam die regierungstreue Presse mit, dass er sich in der Türkei aufhielt. Am nächsten Tag standen die Schlagzeilen der Propagandabulletins: „Seine Zeitung behauptet, in der Türkei gibt es keine Sicherheit, aber er macht Urlaub in der Türkei.“

Berlin
Türkischstämmige Wähler pfeifen auf Erdogans Wahlempfehlung
© AFP, afp

Jene, die es übelgenommen hatten, dass „Bild“ Erdogan auf der Titelseite kritisiert hatte, glaubten, Diekmann sei noch auf dem Posten, den er bereits vor knapp einem Jahr verlassen hatte, und verurteilten sein Urlaub an unseren Küsten als „Unverschämtheit“. Auch Erdogan schwieg nicht zu Diekmanns Besuch in unserem Land: „Unter den Medienunternehmen in Europa gibt es welche, die negative Kampagnen gegen die Türkei führen. Doch sie selbst verbringen ihren Urlaub in unserem Land. Das beweist, dass sie ihre eigenen Lügen selbst nicht glauben.“ Ganz im Gegensatz zu diesen Unterstellungen hatte Diekmann allerdings ein paar Wochen zuvor in einem Interview in der Reisebeilage dieser Zeitung den Deutschen empfohlen, Urlaub in der Türkei zu machen.

Es wird Sie verwirren, aber ein Detail muss ich noch notieren: Da sind doch diese Zeitungen, die beinahe wöchentlich in Reaktion auf Berlin Nazi-Überschriften bemühen und in Schlagzeilen Frank Nordhausen als „Frankestayn“, Kai Diekmann als „unverschämt“ bezeichnen. Ihr Besitzer, Ethem Sancak, hat sein Vermögen vervielfacht in der Regierungszeit Erdogans, den er nach eigener Aussage umso mehr liebe, je öfter er ihn sehe. Vor dem Referendum hatte Sancak gesagt: „Wenn ein Ja dabei herauskommt, ist unser Weg frei wie eine Autobahn“. Nun hat er es auf Ausschreibungen von Projekten für die türkische Armee abgesehen. Er will unbedingt den Zuschlag für das Panzer-Projekt von rund zehn Milliarden Euro bekommen. Wollen Sie wissen, wer sein Partner ist? Der Industriegigant Rheinmetall aus dem „Verräter-, Separatisten-, Terrorunterstützer-, „Nazi-Deutschland“. Hat da jemand etwas von „unverschämt“ gesagt?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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