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Brief aus Istanbul

Die Angewohnheit, mit Musikbegleitung zu foltern

Von Bülent Mumay
 - 16:00
Sie gehören zu den Zehntausenden, die per Dekret ihre Arbeit verloren haben, obwohl sie nichts mit dem Putschversuch zu tun haben: die Wissenschaftlerin Nuriye Gülmen und der Lehrer Semih Özakça am 65. Tag ihres Hungerstreiks, dem 12. Mai, in Ankara. Bild: AFP, F.A.Z.

Die bitterste Erfahrung der Türkei vor dem Putschversuch vom 15. Juli war der 12. September 1980. Damals nahm die Armee politische Instabilität und Straßenkämpfe zum Anlass, um die Macht an sich zu reißen. Auf Befehl Kenan Evrens, Generalstabschef und Chef der Junta, wurden politische Parteien verboten und die politische Führungsriege in ein Militärlager am Meer gesperrt. Insgesamt 650.000 Personen wurden in Gewahrsam genommen, 517 wurden zum Tode verurteilt und fünfzig hingerichtet. Die gesamte Gesellschaft war betroffen, am meisten zu leiden hatten vermutlich aber die politischen Gefangenen. Zehntausende Häftlinge wurde damals schwer gefoltert, 171 überlebten die Folter nicht. Die Frauen und Männer die sie überlebten, verließen das Gefängnis mit schweren körperlichen Schäden und psychischen Traumata.

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Besonders die Gefängnisse von Diyarbakir und Metris in Istanbul waren für ihre Folterpraxis berüchtigt. Zu ihren Methoden gehörten Bastonade, Hunde-Attacken, das Einflößen von Fäkalien, das Penetrieren des Afters mit einem Schlagstock und die Verabreichung von Stromschlägen im Genitalbereich. Oftmals wurden die politischen Gefangenen während der Folter mit Musik beschallt; meistens war es ein bestimmtes Lied, das der Junta-Chef Evren persönlich in Auftrag gegeben hatte: Das Lied „Türkiyem Cennetim“ („Meine Türkei mein Paradies“), intoniert von der Sängerin Müserref Akay. Wenn sie damit im Fernsehen auftrat, trug sie ein langes, rotes Kleid mit dem türkischen Halbmond darauf: „Der Verrat, der sich in meine heroische Nation einschlich / Weckt Kummer und Abscheu in den Herzen / Nicht wacker sind die Feinde, feige sind sie allesamt / Der Türke hat keinen Freund, keinen Segen außer dem Türken ...“

Seit fünf Monaten im Hungerstreik

Einer der Häftlinge, der damals mit „Meine Türkei mein Paradies“ beschallt wurden während er die Hölle durchlitt, reagierte später auf eine sehr interessante Weise. Cem Yilmaz saß drei Jahre in der Haftanstalt Metris als politischer Gefangener und gründete nach seiner Freilassung ein kleines Musiklabel. Eines Tages wurde ihm eine anderen Firma, die kurz vor der Pleite stand, zum Verkauf angeboten – inklusive der Musikrechte, die das Label besaß. Als Yilmaz unter den Titeln auch „Meine Türkei mein Paradies“ entdeckte, erschrak er zunächst, kaufte dann aber die Firma zusammen mit den Rechten an dem Titel auf, um sich an der Junta zu rächen. Von der späten bitteren Freude berichtete er wie folgt: „Dieses Lied anzuhören war mir unerträglich. Wenn ich im Gefängnis geschlagen oder gefoltert wurde, lief immer dieser Titel. Ich habe ihn gekauft, damit ihn nie wieder jemand spielen kann. Ohne meine Erlaubnis darf niemand diesen Titel je wieder auflegen. Damit habe ich den Folterern eines ihrer Instrumente aus der Hand genommen.“

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Siebenunddreißig Jahre sind seit dem Putsch und dem Lied von damals vergangen. Doch manches, was unter der derzeitigen Regierung geschieht, die einst mit dem Versprechen warb, die Putschisten von 1980 vor Gericht zu stellen, steht kaum hinter den Zeiten von „Meine Türkei mein Paradies“ zurück. Manche Praktiken des „erfolgreichen“ Putsches von damals werden von unserer Regierung, die den Putsch vom 12. Juli vereitelte, angewandt. Die Wissenschaftlerin Nuriye Gülmen und der Lehrer Semih Özakça gehören zu den Zehntausenden, die per Dekret ihre Arbeit verloren haben, obwohl sie nichts mit dem Putschversuch zu tun haben. Sie protestierten tagelang gegen ihre Entlassung, doch der Staat ging nicht darauf ein. Die beiden traten deshalb in einen öffentlichen Hungerstreik, wurden dafür bestraft und ins Gefängnis gesteckt. Ihr Hungerstreik dauert mittlerweile mehr als fünf Monate an. Wer aus Solidarität mit ihnen auf die Straße geht, wird brutal in Gewahrsam genommen.

Den Terroristen hatten sie nicht durchsucht

Die Polizei versäumt es dabei nicht, die Aktivisten zu warnen, bevor sie losprügelt: „Wir greifen nicht ein, solange ihr die Namen Nuriye und Semih nicht in den Mund nehmt“, wird den Demonstranten gesagt. Selbstverständlich aber nennen die Protestierenden die Namen der beiden – und sei es nur in ihrer Presseerklärung. Sämtliche Demonstranten werden erst geschlagen, dann festgenommen. Eine Frau, der es so erging, ist Gülay Altiok, die, von blauen Flecken übersät, nach einigen Tagen wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen wurde. Was sie Journalisten berichtete, erinnert an die Tage von „Meine Türkei mein Paradies“. Sie sagte: „Die Polizisten schlugen uns auf den Kopf, dabei ließen sie auf ihren Handys das Lied ,Ich sterbe für dich, meine Türkei‘ laufen. Die Einsatzleiter traktierten uns lachend mit Fäusten und Tritten.“ Das Lied „Ich sterbe für dich, meine Türkei“ bildet seit einigen Jahren die Hintergrundmusik für den Nationalismus in der Türkei. Da Sie, lieber Leser, das Lied wahrscheinlich nicht kennen, möchte ich zwei Zeilen daraus zitieren: „Den Kopf hab ich gelegt auf den Weg meiner Türkei / Im Fluss deines Stroms sterbe ich, meine Türkei“.

Eine weitere Person, die wegen Unterstützung der beiden Hungerstreikenden bei einer Demonstration festgenommen wurde, ist Gülsüm Elvan, die Mutter von Berkin Elvan, der bei den Gezi-Protesten 2013 von einer Gas-Patrone der Polizei getroffen wurde, ins Koma fiel und einige Monate später an seinen Verletzungen starb – Berkin Elvan wurde nur fünfzehn Jahre alt. Als Polizisten nun Gülsüm Elvan festnahmen, brachen sie ihr erst den Arm und legten ihr dann auf dem Rücken Handschellen an. Und als Zuschauer bei einem Fußballspiel auf der Tribüne ein Plakat mit der Aufschrift „Nuriye-Semih“ entrollten, wurden sie verhaftet, während die Männer, die während desselben Spiels Messer auf den Rasen warfen, unbehelligt blieben.

Kurz nachdem all das geschah, hat die Istanbuler Polizei einen nach offiziellen Angaben „international gesuchten Terroristen“ festgenommen, der einen Selbstmordanschlag im Namen des IS geplant haben soll. Der Verdächtige wurde aufs Polizeipräsidium gebracht. Während er vom Polizeiwagen über den Hof zum Gebäude geführt wurde, blieb er plötzlich stehen, zog ein Messer und schnitt dem Polizisten neben ihm die Kehle durch. Unsere Polizei hatte den „international gesuchten Terroristen“ offenbar nicht durchsucht. Man hatte ihm keine Handschellen angelegt, geschweige denn hinten auf dem Rücken. Vermutlich, weil er nicht „Nuriye“ oder „Semih“ gesagt hatte.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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