Brief aus Istanbul

Warum Erdogan nun „bitte“ sagt

Von Bülent Mumay
 - 15:32
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Diesmal, lieber Leser, wollte ich eigentlich nur die neuen Absonderlichkeiten aufzählen, die seit einer Woche angefallen sind. Ich wollte Vorfälle der Art „So etwas gibt es nur bei uns“ mit Ihnen teilen. Dinge, die uns gar nicht mehr überraschen. Dinge, über die auch wir lachen könnten, wenn wir nicht darunter zu leiden hätten. Ich war gerade dabei, all das, was ich im Laufe der Woche gesammelt hatte, für diesen Brief zu formulieren. Da sorgte Deutschland dafür, dass ich alle Pläne über den Haufen warf. Dennoch will ich zumindest mit einigen Absonderlichkeiten beginnen, damit Sie nicht alles verpassen.

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Wegen eines T-Shirts kam es zu Menschenjagden auf offener Straße. Wie das? Ein wegen Beteiligung am Putsch verhafteter Soldat ist zu seiner Verhandlung in einem T-Shirt mit dem Schriftzug „Hero“ erschienen. Die regierungsnahe Presse verstand das als Provokation und formulierte Schlagzeilen wie: „Steckt alle Putsch-Verdächtigen in orange Anzüge wie die Guantánamo-Häftlinge!“ Staatspräsident Erdogan ordnete sogleich an, Vorbereitungen dafür zu treffen. Was genau die Absicht jenes Soldaten war, wissen wir nicht. Doch wir wissen, was dann geschah: In der ganzen Türkei wurden Leute festgenommen, die das gleiche T-Shirt wie der Soldat trugen. Ein in Antalya ergriffenes Paar wurde immerhin freigelassen, nachdem es glaubhaft gemacht hatte, seit Tagen keine Zeitung gelesen und deshalb von dem Fall gar nichts mitbekommen zu haben. In Samsun wurde ein Vater vor den Augen seines Sohnes wegen des Hero-T-Shirts verhaftet. Ihn ließ man erst nach zehnstündigem Verhör durch eine Anti-Terror-Einheit wieder laufen. Die Herstellerfirma, die einem Erdogan-Unterstützer gehört, nahm zehntausende der für umgerechnet fünf Euro verkauften T-Shirts vom Markt.

Von der Polizeirazzia bei einem Workshop auf der Insel Büyükada vor Istanbul haben Sie gehört. Zehn Personen, darunter der deutsche Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner, wurden verhaftet. Die Zeitung „Star“, die Ethem Sancak gehört, der im Vorstand der AKP sitzt, hatte wenige Tage vor der Razzia behauptet, hinter den Aktivisten, die „einen neuen Staatsstreich in der Türkei vorbereiten“ würden, stecke der britische Geheimdienst MI 6. Am Nachmittag des Tages, an dem der Workshop gestürmt wurde, befanden sich jedoch zahlreiche türkische Minister im Garten der britischen Botschaft in Ankara: Man stieß dort auf den 91. Geburtstag von Queen Elizabeth II. an. Selbstverständlich nur mit Orangensaft. Vor einigen Tagen änderte sich dann plötzlich die Verschwörungstheorie: „Yeni Şafak“, eine ebenfalls Erdogan nahestehende Zeitung, behauptete, der Workshop auf Büyükada wäre vom deutschen Nachrichtendienst BND organisiert worden. Sollte es neue Verdächtigungen geben, informiere ich Sie, liebe Leser, keine Sorge.

Ich weiß schon, Sie reisen inzwischen ohnehin nicht mehr so oft in die Türkei, aber es ist sicher von Nutzen, wenn Sie wissen, dass in den Berufsschulen, die Fachleute für Hotellerie und Tourismus ausbilden, das Fach „Alkoholische Getränke und Cocktailzubereitung“ künftig nicht mehr unterrichtet wird. Die Begründung: Schutz minderjähriger Schüler vor Alkohol. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie künftig in Prospekten einen Hinweis entdecken wie „All inclusive, Mojitos exclusive“.

Auch im türkischen Bildungsbereich geht es weiter mit Riesenschritten voran. Die Evolutionstheorie wurde aus den Lehrplänen gestrichen. Selbst in Iran wird die Evolution von der fünften Schulklasse an unterrichtet, bei uns kommt sie gar nicht mehr vor. Stattdessen wurde ein neues Fach eingeführt: Dschihad. Jeder Türke vom Alter von elf Jahren an wird künftig Dschihad-Unterricht erhalten. In einer Erklärung des Ministeriums heißt es, der Dschihad werde „in all seinen Dimensionen“ gelehrt, nicht „auf den Kampf“ beschränkt. Ahmet Hamdi Çamli, Architekt dieser Verordnung und Mitglied des Bildungsausschusses der AKP, war vor Jahren Erdogans Privatchauffeur. Er erklärt, es mache „keinen Sinn, einem Kind, das den Dschihad nicht kennt, Mathematik beizubringen“.

Dabei gibt es doch nur eines, das unsere Staatsführung dazu bringt, ihre Haltung zu ändern: die Macht der Zahlen. Wir hatten das vergessen, Deutschland hat es uns wieder ins Gedächtnis gerufen. Dass nach Deniz Yücel und Meşale Tolu nun Peter Steudtner verhaftet wurde, hat die Spannungen zwischen Ankara und Berlin auf die Spitze getrieben. Nun spielte Deutschland die Wirtschaftskarte aus.

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Außenminister Gabriels Bemerkung, die Bundesregierung könne nicht länger für die Sicherheit von deutschen Touristen und Investitionen in der Türkei garantieren, sorgte in Ankara für Nervosität. Wie auch nicht? Die Mehrzahl ausländischer Unternehmen in der Türkei stammt aus Deutschland. Und trotz des Besucherzahleneinbruchs kommen aus Deutschland auch noch immer die meisten Touristen. Auf der Liste unserer Hauptexportländer steht Deutschland seit Jahren auf Platz eins. Die Karte, die Deutschland ausspielte, führte eine deutliche Wandlung bei Erdogan herbei, der durchaus „gut in Mathematik“ ist.

Wir haben oft erlebt, dass er Reden mit „Eyyy . . .“ begann. Diese Art der Anrede wurde zum Symbol für darauf folgende innen- wie außenpolitische Provokationen, Brüskierungen, Spannungen und neue Feindschaften. Erst vor wenigen Monaten, als Deutschland Kundgebungen der AKP verbot, schwirrte die Luft von „Eyyy Deutschland, Eyyy Merkel“. Deutschland wurde an seine Nazi-Vergangenheit erinnert, es hieß, die Auftrittsverbote seien eine Fortsetzung der NS-Politik. Aber als nun die Finanzen ins Spiel kamen, blieb Erdogan verblüffend gelassen. Er rang sich sogar ein „bitte“ statt des „Eyyy“ ab: „Bitte, wir sind gemeinsam in der Nato, wir befinden uns mitten in den EU-Beitrittsverhandlungen. Unsere strategische Gemeinschaft ist also nicht neu. Es sollte kein Schritt unternommen werden, der Schatten auf diese Gemeinschaft werfen könnte.“

Auch der Ton von Premierminister Yildirim hat sich verändert. „Wir können die Probleme durch Gespräche lösen“, signalisierte er der Regierung in Berlin. Und für die Wirtschaft zuständige Minister geben ein Statement nach dem anderen dazu ab, wie reibungslos die Geschäfte deutscher Unternehmen in der Türkei liefen. Selbst Zeitungen, die als Propagandainstrumente der Regierung fungieren, sind plötzlich wie verwandelt. Bislang hatten sie bei jeder Unstimmigkeit schnell Merkelfotos mit Hitlerbärtchen parat, nun sind sie auf einmal diplomatisch. Dschihad und um deinetwillen gelernte Mathematik – wozu seid ihr nicht alles imstande!

Forderung aus Brüssel
Türkei soll Menschenrechte einhalten
© dpa, reuters

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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