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Brief aus Istanbul

Ob auch Deutschland die Nazi-Vergleiche vergessen kann?

Von Bülent Mumay
 - 13:44
Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan vergangene Woche beim Nato-Treffen in Brüssel Bild: EPA, F.A.Z.

Was ich jetzt sage, wird den meisten Lesern nicht unbekannt sein: Wir in der Türkei rühmen uns gern aller möglichen Dinge. Mal unserer Geschichte, mal unserer Traditionen. Einmal sind wir auf die Natur unseres Landes stolz, einmal auf unsere Küche. Wir sind stolz auf alles, was wir besitzen, mit allen guten und schlechten Seiten. Auf eines aber, das wirklich bedeutend ist, können wir nicht stolz sein: unser Gedächtnis. Oder andersherum, damit es zu unserer Art, sich gern zu rühmen, besser passt: Wir sind große Meister im Vergessen.

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Ereignisse, die in einem normalen Land Traumata auslösen und zu jahrelangen Diskussionen führen würden, aus denen man Lehren zieht, damit sich die Ereignisse nicht wiederholen, sind bei uns schon einen Wimpernschlag später wieder vergessen. Wir wollen weder zurückblicken noch uns dem Geschehenen stellen. Wir leben gleichsam wie Kalenderblätter mit Kohlepapier dazwischen. Unsere Geschichte besteht aus der Gesamtheit der Katastrophen, von der jede eine Wiederholung der anderen ist.

Wir setzen weiterhin auf Waffengewalt

Fragt man uns nach unserer Vergangenheit, war sie trotzdem immer „ruhmreich“. Wir rühmen uns stets der 16 Staaten, die wir in unserer Geschichte gegründet haben, und vergessen dabei, dass diese Staaten allesamt untergegangen sind. Während wir uns bemühen, im siebzehnten Staat zu überleben, vergessen wir auch jetzt wieder, was wir erlebt und was wir anderen angetan haben. Selbst die Massaker an den Armeniern in den Jahren 1915 und 1916 und die massenhaften Tötungen von Aleviten in den Jahren 1937 und 1938 in Dersim betrachten wir gewissermaßen als nicht geschehen. Auch haben wir aus unserer Erinnerung gelöscht, dass 1993 bei einem alevitischen Festival in Sivas 37 Intellektuelle in ihrem Hotel verbrannt worden sind.

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Wir vergessen nicht nur, wie wir anderen geschadet haben, sondern auch, was uns selbst widerfuhr. Angesichts des kurdischen Aufstands, der derzeitige ist der 29., den wir innerhalb eines Jahrhunderts erleben, setzen wir weiterhin auf eine Lösung durch Waffengewalt, obwohl dadurch schon Zehntausende Türken und Kurden getötet worden sind. Eigentlich einmal pro Jahrzehnt versucht unser Militär zur „Rettung der Demokratie“ zu putschen. Vergessen wird, dass die schlechteste Demokratie immer noch besser ist als das fortschrittlichste Militärregime. Vergessen wird auch, dass kein einziger Militärputsch dem Land je Demokratie gebracht hat.

Ersetzt durch Angehörige anderer Sekten

Zu welchen Katastrophen es führt, wenn man sich imperiale Außenpolitik anmaßt, obwohl im eigenen Haus nicht alles in Ordnung ist, haben wir offenbar nicht einmal aus unserer ach so ruhmreichen Geschichte gelernt. Wir haben vergessen, wie das Osmanische Reich zusammenbrach, mischen aber mit neoosmanischen Ambitionen weiter im Nahost-Sumpf mit. Den Zerstörungen jenseits unserer Grenze schauen wir zu, gemeinsam mit den etwa 3 Millionen Flüchtlingen, die mittlerweile bei uns in der Türkei leben.

Im Handumdrehen hatten wir vergessen, wie der Sektenführer Fethullah Gülen noch vor wenigen Jahren das Land gemeinsam mit Erdogan regiert hat. In Vergessenheit geraten ist, wie unabdingbar es war, Hand in Hand mit Gülenisten zu arbeiten, um in der Verwaltung, Politik, Wirtschaft, ja sogar im Fußball erfolgreich zu sein. Derzeit werden die Positionen, aus denen Gülen-Anhänger entfernt worden sind, mit Angehörigen anderer Sekten aufgefüllt.

Verteidigung einer Katastrophe

Erdogan hatte den Gülenisten die Justiz und die Polizei anvertraut. Wir haben die Prozesse vergessen, mit denen sie angeblich Putschvorbereitungen unterbunden haben. Die Prozesse waren fingiert, es ging in Wirklichkeit nur darum, gegen Kritiker der Regierung vorzugehen. Mittlerweile gelten die Gülenisten selbst als „Terroristen“, und die AKP steckt mit dem Gesetz zur „Abwicklung der Putschisten“ alle hinter Gitter, die der Partei Paroli bieten wollen.

Millionen junge Leute, die im Frühsommer 2013 auf die Straße gingen, um den Gezi-Park zu schützen, wurden als feindliche Kräfte behandelt. Die unverhältnismäßige Polizeigewalt kostete zehn junge Menschen das Leben. Vergessen. Zur Verantwortung gezogen wurde niemand. Lernten wir wenigstens unsere Lektion und trafen entsprechend Vorsorge, nachdem im Jahr 2014 Hunderte Grubenarbeiter wegen Fahrlässigkeit im westtürkischen Soma umgekommen waren? Nein, im Gegenteil. Erdogan verteidigte die Katastrophe sozusagen noch, als er sagte, solche Vorfälle lägen „im Wesen des Bergbaus“. Auch das vergaßen wir.

Schnell eine neue Seite aufgeschlagen

Im Haus des Direktors einer Staatsbank wurden im Dezember 2013 Hunderttausende Dollar entdeckt, versteckt in Schuhkartons. Der Staatsbankdirektor behauptete, er habe das Geld für den Bau von Religionsschulen gesammelt und wurde daraufhin wieder freigelassen. Dann kam heraus, dass ein Minister einem derzeit in den Vereinigten Staaten inhaftierten Geschäftsmann Uhren im Wert von 240.000 Euro abgekauft hatte. Mit der Erklärung, er habe sich das Geld dafür geliehen, war der Minister aus dem Schneider. Vergessen. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass der Sohn von Premierminister Yildirim ein nicht versteuertes Vermögen von 140 Millionen Euro auf Offshore-Konten deponiert hat. Das allerdings konnten wir nicht vergessen, denn wir erfuhren es gar nicht erst. So gut wie keine türkische Zeitung konnte die Nachricht bringen.

In der Türkei wird im Vertrauen auf die Unzulänglichkeit unseres kollektiven Gedächtnisses Politik gemacht. Wissend, dass wir ohnehin vergessen, sind unsere Politiker stets darauf bedacht, schnell eine neue Seite aufzuschlagen. Es geht ihnen nie darum, einen Sumpf trockenzulegen. Und sie meinen, das funktioniere auch bei internationalen Beziehungen. Wie könnten sich unsere Staatsoberhäupter jemals täuschen?

„Wir werden Europa bezahlen lassen“

Auch das, woran ich jetzt erinnern will, haben wir natürlich vergessen. Sie aber bestimmt nicht, lieber Leser. Vor einigen Monaten hat Erdogan Sie mehrfach an Ihre Vergangenheit erinnert. Er war sehr erbost darüber, dass vor dem Referendum Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland nicht zugelassen worden waren. „Sie tun genau dasselbe, was damals die Nazis getan haben!“, wettere Erdogan und wiederholte auf Kundgebungen, die er im ganzen Land für das Präsidialsystem abhielt: „Ich dachte, der Nazismus in Deutschland sei zu Ende. Dabei existiert er weiterhin.“ Die Reaktionen aus Deutschland kümmerten ihn kein bisschen. Er sagte: „Was Hans und Helga sagen, interessiert uns nicht.“ Und Bundeskanzlerin Merkel bezichtigte er, eine Unterstützerin des Terrorismus zu sein.

Erdogan wütete gegen Deutschland und ließ auch die Niederlande nicht aus, die einen Auftritt des türkischen Außenministers unterbunden hatte. Mit Deutschland und Holland fing Erdogan an und drohte schließlich ganz Europa. Er sagte: „Wir werden Europa nach dem 16. April für alles bezahlen lassen, was es getan hat!“

Ein Satz, den wir nicht vergessen

Das Referendum vom 16. April kam, und Erdogan hatte mit 51 Prozent Ja-Stimmen seine Verfassungsreform in der Tasche. Er vergaß die Nazi-Vergleiche, die er immer wieder gegen Deutschland aufgefahren hatte. Letztendlich ist auch er einer von uns. Er vergisst, und offenbar erwartet er das Gleiche von seinem Gegenüber. Nach dem Treffen mit den EU-Spitzen beim Nato-Gipfel in Brüssel sagte er: „Lassen wir hinter uns, was in der Phase des Referendums geschah.“

Für uns mag es ja kein Problem sein, „hinter uns zu lassen, was war“. Wir vergessen’s ja ohnehin. Aber Sie, werden Sie hinter sich lassen können, was gewesen ist? Werden Sie beispielsweise vergessen, dass Sie „immer noch Nazis“ sind? Und Sie, Frau Merkel, werden Sie etwa hinnehmen, dass Sie „offen den Terrorismus unterstützen“? Liebes Europa, bist du denn gar nicht neugierig, was auf der Rechnung steht, die du nach dem Referendum präsentiert bekommen solltest? Erdogan ist mit den Worten „Wir haben einen 12-Monats-Kalender mit der EU vereinbart“ aus Brüssel nach Hause zurückgekehrt. Wirst du, liebes Europa, sobald dieser Kalender umgesetzt wird, noch an die inhaftierten türkischen Journalistenkollegen denken? Oder wird auch Deniz Yücel, der unter dem Vorwurf, ein „deutscher Agent“ zu sein, geradezu als Faustpfand behandelt wird, „hinter sich lassen“ werden? Und was ist mit den Wissenschaftlern die nun arbeitslos sind, weil sie für den Frieden eintraten? Werden Sie auch sie vergessen?

Möglicherweise sind wir Kinder einer rasch vergessenden Generation. Doch den Satz „Sie zu vergessen, ist Schuld“ den wir bei dem deutschen Philosophen Karl Jaspers lasen, haben wir nicht vergessen. Ebenso wenig das „Nie wieder“, das auf vielen Mahnmalen in Deutschland steht. Ich hoffe, auch Sie vergessen nicht.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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