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Brief aus Istanbul

Besteht die Türkei etwa nur aus Erdogan und der AKP?

Von Bülent Mumay
 - 13:08
Die Verbundenheit muss bleiben: Abendstimmung auf dem Bosporus vor der Kulisse Istanbuls. Bild: AP, F.A.Z.

Es war eine der längsten Nächte in der jüngeren Geschichte der Türkei. Als wir am Abend des 15. Juli letzten Jahres Soldaten die Bosporusbrücke mit Panzern abriegeln sahen, waren wir verwirrt. „Nicht doch! Ein Militärputsch 2016? Sonst noch was?“, dachten wir, da düsten Kampfjets so niedrig über das Dach unseres Hauses in Istanbul hinweg, dass sie es beinahe mitgenommen hätten. Unsere Verunsicherung wurde immer größer. Bald verfolgten wir in Live-Sendungen, wie Soldaten Polizeiquartiere stürmten und aus Hubschraubern auf das Parlament in Ankara gefeuert wurde; nun war klar, die Katastrophe ist real.

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Nicht nur aus einem Reflex unseres Journalistenberufs heraus, sondern um zu sehen, wie das Desaster ausgeht, blieben wir bis zum Morgengrauen auf. Gegen Morgen störten zwei Dinge die Stille. die ununterbrochenen Rufe zum Totengebet von den Minaretten und das Dröhnen der Flugzeuge. Nachdem klar war, dass der Putsch niedergeschlagen war, hätte ein wenig Schlaf gutgetan. Zweifellos würde der Tag nach dem Umsturzversuch nicht kürzer sein.

Für Propagandazwecke missbraucht

Nach wenigen Stunden Schlaf weckte mich mein Handy. Auf dem Display blinkte eine Nummer aus Deutschland. Karen Krüger, Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, rief an. Sei es, weil ich aus dem Schlaf gerissen wurde, sei es aufgrund der Hast meiner Gesprächspartnerin, die ersten Sätze verstand ich kaum. Im Gedächtnis blieb mir: „Für unsere Sonntagsausgabe morgen … Über das Geschehen der vergangenen Nacht … Nicht als Nachricht, persönliche Eindrücke … Die Zeit ist knapp, kann der Text bis elf Uhr bei mir sein?“ Das war der Start von „Briefe aus Istanbul“. Seit dem ersten, innerhalb von zwei Stunden geschriebenen Text bemühe ich mich, den Lesern in Deutschland das Geschehen in der Türkei anhand persönlicher Eindrücke und mit historischer Einbettung näherzubringen. Die Briefe bereiteten mir ein paar kleine Unannehmlichkeiten. Meine Festnahme zehn Tage nach dem ersten Text hatte, soweit ich weiß, nichts mit der F.A.Z. zu tun. Das war nur ein kleiner Preis dafür, in der Türkei als Journalist tätig zu sein. Einige deutschsprachige türkische Leser reagierten heftig auf meine Kolumne. Manche drohten mir in den sozialen Medien mit dem Tod, andere beschimpften mich als Vaterlandsverräter. Das kümmerte mich nicht groß, da Ähnliches häufig vorkam, wenn ich in der Türkei in türkischen Medien schrieb.

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Doch was ich in den letzten fünf bis sechs Monaten, seit das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei angespannt ist, in beiden Sprachen zu lesen bekam, bedrückt mich arg. Auch beobachtete ich bekümmert, dass einige meiner Artikel für Propagandazwecke missbraucht wurden. Und so will ich Ihnen mitteilen, wie ratlos ich angesichts solcher Reaktionen bin. Vielleicht beschreibt eine türkische Gedichtzeile gut, was ich empfinde. Wie der Dichter Fuzuli im 15. Jahrhundert sagte: „Rede ich, bewirkt es nichts, schweige ich, ist das Herz nicht einverstanden.“

Lassen sie uns nur umso mehr allein?

Die Spannungen begannen mit der Verhaftung meines lieben Freundes Deniz Yücel, stiegen mit Erdogans Nazi-Vergleich und reichen bis zum Beschluss, die deutschen Soldaten aus Incirlik abzuziehen. Selbstverständlich bleiben die deutschen Leser davon nicht unberührt. Dass die Entwicklung ihre Reaktionen überschattet, ist nur normal. Doch das was ich als ein Journalist, der Ankara in vielerlei Hinsicht kritisiert, schreibe, für einen Rundumschlag verwendet wird, beunruhigt mich sehr.

Ich will niemandem Unrecht tun, die große Mehrheit beurteilt vernünftig, was ich schreibe. Doch bei den Kommentaren einer kleinen Gruppe, wie es sie in jedem Land gibt, die sich lautstark zu Wort meldet, drängt sich mir die Frage auf: Dienen meine Texte etwa einem verdeckten Rassismus? Und weiter: Glauben Menschen, die solche Kommentare schreiben, dass die gesamte Türkei mit der von uns kritisierten Politik gleichzusetzen ist? Dass die Türkei nur aus Erdogan und der AKP besteht? Lassen sie, wenn sie meine Artikel lesen, uns nur umso mehr allein?

Demokratie durch Wirtschaftskrise?

Ich will an Beispielen erläutern, worum es geht. Ich schreibe darüber, warum es beim Referendum in Deutschland so viele Stimmen pro Erdogan gab. Ein Leserkommentar lautet: „Wir sollten die Türken, die für ihn abgestimmt haben, zurückschicken!“ In einem anderen Artikel rede ich vom Ende der Friedensphase mit der PKK in der Türkei und der Wiederaufnahme der staatlichen Sicherheitspolitik. Ein Kommentar lautet: „Wir kommen nicht mehr zum Urlaub in die Türkei, solange Erdogan an der Macht ist.“ Selbstverständlich hat jeder das Recht, nicht in die Türkei zu kommen oder es doch zu tun. Aber der Leser scheint zu glauben, dass sämtliche Hotels, ja das ganze Land Erdogan gehört. Oder dass nur AKP-Wähler in der Türkei leben. Man sollte auch wissen, dass Tausende in der Tourismusbranche beschäftigte Türken und Kurden kein Brot nach Hause bringen, wenn die Besucher ausbleiben.

Ein anderer Leser verlangt, Deutschland solle die Kritik an der Türkei verschärfen: „Klar, dass diejenigen die Rechnung zahlen, die in Erdogans Land leben.“ Glauben Sie wirklich, eine potentielle Wirtschaftskrise würde das Land demokratischer machen? Haben nicht gerade Sie nach dem Ersten Weltkrieg erlebt, dass wirtschaftlicher Niedergang zu Radikalisierung führt und welcher Art von Regimen chaotische Wirtschaftssysteme den Weg bereiten?

Wir sind einer von zweien in diesem Land

Sind Sie sich darüber im Klaren, dass Sie die andere Hälfte der Türkei arg im Regen stehen lassen, wenn Sie nicht kommen? Mindestens einer von zweien in diesem Land hat den Blick nach Europa gerichtet. Seine Lebensauffassung, sein Lebensstil, sein Konsumverhalten, seine kulturellen Neigungen sind die gleichen wie die in europäischen Staaten. Und er kämpft unermüdlich für eine demokratischere Türkei. Allen Repressalien zum Trotz. Was meinen Sie, wer in erster Linie davon profitiert, wenn Sie diese Hälfte des Landes ignorieren? Haben Sie vergessen, welch ideales Material zum Bruch mit Europa es der Erdogan-Regierung in die Hand gab, als die EU der Türkei wegen Zypern den Weg zur Mitgliedschaft versperrte? Damals lag die Unterstützung für die EU-Mitgliedschaft in der Türkei bei rund achtzig Prozent. In welche Richtung hat der Negativbescheid aus Brüssel dann wohl die Achse verschoben? Liegt auf dem heutigen Geschehen nicht der Schatten der damaligen EU-Politik?

Wir sind nicht wenige. Wir sind einer von zweien in diesem Land. Es ist unsere Heimat, und hier verdienen wir unser Brot. Eine Wirtschaftskrise macht beide ärmer: die beim Referendum mit Ja gestimmt haben wie die Neinsager. Vor einigen Monaten hatte ich es schon einmal erwähnt: Wir sind aufgewachsen mit dem Satz „Wenn Deutschland besiegt ist, zählen auch wir als besiegt“ aus den Zeiten der osmanischen Niederlage im Ersten Weltkrieg. Vielleicht ist Deutschland heute nicht besiegt, wenn die Türkei besiegt ist. Der Verlierer aber wird die gesamte Türkei sein.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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