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Brief aus Istanbul

Auf großer Schwindelfahrt

Von Bülent Mumay
 - 14:51
Die deutsch-türkischen Beziehungen sind auf dem Tiefpunkt – und Erdogan legt mit aggressiver Propaganda nach. Bild: dpa, F.A.Z.

Vermutlich kennen nur wenige den Namen des Regisseurs Ertem Egilmez. Mit seinen sozialrealistischen Filmkomödien hat er einen bedeutenden Platz in der Geschichte des türkischen Kinos inne. Sie basieren auf echten Problemen, spielen meist in der anatolischen Provinz, und die Hauptfiguren kommen gewöhnlich aus der Unterschicht. In Egilmez’ Filmographie erregte „Banker Bilo“ von 1980 besondere Aufmerksamkeit. Obwohl als Komödie gedreht, gilt dieser Film als eines der dichtesten Werke des türkischen Kinos über Feudalismus.

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„Banker Bilo“ beginnt mit einer Szene, in der eine Gruppe Bauern, die als Arbeiter nach Deutschland gehen wollen, von einem Vermittler übertölpelt wird. Der gewiefte Unternehmer namens Maho hat die Ersparnisse der Bauern kassiert, nun verfrachtet er sie auf die Pritsche eines Lastwagens, die dann mit einer Plane abgedeckt wird. Die jungen Männer, mit Proviant für die ganze Fahrt ausgestattet, träumen davon, so schnell wie möglich nach Deutschland zu kommen und reich an D-Mark in die Heimat zurückzukehren.

„Hier ist mein Passport!“

Maho sitzt vorn neben dem Fahrer, natürlich hat er keineswegs vor, die Bauern nach Deutschland zu bringen. Um dem Szenario Glaubwürdigkeit zu verleihen, lässt er den Lastwagen alle fünf bis sechs Stunden anhalten, um die jungen Männer, die nie über ihr Dorf hinausgekommen sind, glauben zu machen, an die Grenzen der Transitländer gekommen zu sein. Von Bulgarien an steigt er bei jeder Phantasiegrenze aus und tut so, als würde er mit den Zollbeamten verhandeln, indem er laut ein paar aufgeschnappte Wörter in der Sprache des jeweiligen Landes von sich gibt. Dann kommt die letzte Grenze: Deutschland. Wieder steigt Maho aus. Er imitiert einen deutschen Polizisten: „Achtung! Stopp! Guten Tag Turko. Passport!“ Die Antwort gibt er mit eigener Stimme: „Hier ist mein Passport!“

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Als damit die letzte „Grenze“ geschafft ist, atmen die aufgeregt auf der Ladefläche ausharrenden Bauern auf. Ihr Traum, reich in ihr Dorf heimzukehren, würde Wirklichkeit werden. Wenige Kilometer weiter lässt Maho den Lastwagen anhalten und öffnet die Plane. „Willkommen in Deutschland!“, sagt er und drückt den Arbeitswilligen, die er in dunkler Nacht absteigen lässt, Zettel in die Hand. Darauf stünden die Adressen der Fabriken, in denen sie arbeiten sollen, lässt Maho die Bauern dreist wissen und verabschiedet sich. Als der Tag graut, erkennen die Männer den Schwindel. Was sie für München hielten, ist Istanbul, die Fabrikadressen sind nichts anderes als Gekritzel auf Deutsch.

Was in den letzten fünfzehn Jahren in der Türkei geschah, gleicht dem, was Ertem Egilmez in seinem Film erzählte. Wir sind wie Bauern, die D-Mark-Millionäre werden wollen, stattdessen sich aber vom Vermittler noch ihre letzten Ersparnisse aus der Tasche ziehen lassen. Wir sind als Nation auf den Lastwagen derer gestiegen, die versprachen, uns nach Europa zu bringen. Wenn der Ort, an dem man uns nach großer Schwindelfahrt absteigen ließ, doch wenigstens Istanbul gewesen wäre!

Wir verloren unsere Demokratie

Doch die Gegend, in die man uns auf dem Lastwagen schließlich brachte, unterscheidet sich nicht von dem Sumpf Nahost. Die ganze Nation fiel auf jene herein, die mit dem Versprechen, die Türkei in die EU zu führen und dem Land „fortgeschrittene“ Demokratie zu bringen, die Regierung des Landes für sich beanspruchen. Obendrein sind wir sämtlicher Errungenschaften und aller Ersparnisse verlustig gegangen. Wir verloren unsere Demokratie, die, wenn auch stotternd, funktionierte, unser Bildungssystem, das zwar nicht ideal war, aber auf wissenschaftlichen Maßstäben beruhte, sowie unseren Respekt in der Welt.

Nun sind wir das Land, in dem 171 Journalisten hinter Gittern sitzen, das außer Qatar keine Verbündeten mehr hat, das sich mit jedem Schritt weiter isoliert, das allen Andersdenkenden feindlich gesinnt ist.

Es erhöht noch den Pessimismus für unsere Zukunft, dass die Regierung Generationen heranziehen will, die zu diesem System passen. Unser Staat hat die Evolution aus dem Lehrplan gestrichen, erteilt aber zwölfjährigen Kindern Zwangsunterricht in Dschihadismus. Die Lehrbücher des neuen Systems, von Bildungsminister Ismet Yilmaz als „modernstes und wissenschaftlichstes Curriculum der Welt“ verteidigt, haben weder mit Moderne noch mit Wissenschaft das Geringste zu tun. Im neuen Schuljahr, das dieser Tage startet, erwartet die Eltern unter anderem folgende Überraschung: das an Gymnasien ausgeteilte Lehrbuch „Das Leben des Propheten Mohammed“.

Regierung ködert Jugend mit Irrglauben

Das Buch beschränkt sich nicht auf die Biographie des Propheten des Islams, es enthält auch sehr deutliche Empfehlungen für die Jugend. Dem Lehrbuch zufolge sind Ehen mit Angehörigen anderer Religionen oder Atheisten inakzeptabel. Und bei einer Ehe unter Muslimen habe die Frau ihrem Mann zu gehorchen. Unser Staat ist der Meinung, der Gehorsam der Frau dem Mann gegenüber sei ein Gottesdienst. Selbstverständlich gebe es noch wichtigere Dienste für den Glauben: „Der größte Gottesdienst ist der Dschihad“, bescheidet das Schulbuch. Auch dürften Frauen sich nicht scheiden lassen, denn „das Recht auf Scheidung hat nicht die Frau, sondern der Mann“. Und falls wir uns versündigen, kann Allah uns mit einem Erdbeben bestrafen.

Mit solcherlei Irrglaube will unsere Regierung Fünfzehn- bis Sechzehnjährige erziehen. Die Leistungen mancher jungen Leute, die bereits unter dieser Ägide heranwuchsen, vergrößern die Sorge über die kommenden Generationen. Ein kürzlich publizierter Artikel von Tolgay Demir, Leiter einer AKP-Jugendorganisation, gehört zu den frappierendsten Anzeichen dieser reaktionären Belagerung. Demir meint, die Erde sei nicht rund. Dass die Erde eine Kugel sei, sei „eine Erfindung der Freimaurer“. Rund fünf Jahrhunderte nach Galileo Galilei bestreitet dieser junge Parteikader, dass die Erde rund ist. Ein weiteres Beispiel: Auf der Tagung einer AKP-geführten Kommune machte eine Rednerin einen interessanten Vergleich, erst jetzt wurde der Mitschnitt der Tagung veröffentlicht. Die verschleierte Emine Merve Akyüz verglich dort anders gekleidete Frauen mit geschälten Tomaten und erklärte: „Niemand will eine geschälte Tomate, die oben ein bisschen offen ist.“

Mainstream wird von Erdogan kontrolliert

Diese Beispiele reaktionärer Haltung kann man in den türkischen Mainstream-Medien, die zum großen Teil von der Regierung kontrolliert sind, natürlich nicht lesen. Auf der Agenda dieser Medien, bei denen der Palast bestimmt, wem sie gehören und wer für sie schreiben darf, geht es fast nur um Deutschland. Der Sender „A Haber“ der Kalyon-Gruppe, die erst kürzlich gemeinsam mit ihrem deutschen Partner Siemens den Zuschlag für ein Milliarden-Euro-Projekt des türkischen Staats erhalten hatte, ist der Meinung, Deutschland sei praktisch am Ende. Es sei vielleicht die viertgrößte Wirtschaft der Welt, doch in diesem Land würden die Alarmglocken läuten.

Auch die Zeitungen der ebenfalls regierungstreuen Sancak-Holding, die mit ihrem deutschen Partner Rheinmetall Panzer für die türkische Armee bauen will, konzentrieren sich auf die deutsche Wirtschaft. Laut der Zeitung „Günes“, die zu dieser Gruppe gehört, produziere Deutschland Armut. Zwar wachse die Wirtschaft, aber ebenso breite sich die Armut im Land aus. Diese Sensibilität für Deutschland von einer Zeitung, die kein Wort über die Stagnation der türkischen Wirtschaft von sich gibt, wirkt doch recht scheinheilig.

Deutschland als „Open-Air-Gefängnis“

Die Zeitung „Star“ aus derselben Mediengruppe richtet den Blick auf die Freiheiten in Deutschland. Der Inhaftierung von Journalisten und oppositionellen Abgeordneten in der Türkei applaudierte diese Zeitung gewissermaßen, in Deutschland aber hat Angela Merkel ihrer Meinung nach der Demokratie einen Schlag versetzt: „Deutschland, das der Welt die Demokratie beibringen will, hat in letzter Zeit mit antidemokratischen Gesetzen das Land nachgerade in ein Open-Air-Gefängnis verwandelt.“

Den Propaganda-Bulletins zufolge geht also Ihre Wirtschaft gerade zugrunde und krebst Ihre Demokratie nur noch dahin. Doch statt dass Ihre Spitzenpolitiker beim Fernsehduell diese katastrophalen Zustände thematisieren, reden sie fast nur über die Türkei. Ganz offensichtlich können sie uns nicht ausstehen und neiden uns unseren Aufstieg. Der Zeitung „Aksam“ zufolge sind sowohl Merkel wie auch Schulz, die der Türkei Einhalt gebieten wollen, „Nazi-Überbleibsel“, so lautet die Schlagzeile auf Seite eins. „Günes“ brachte die Kanzlerkandidaten, die 60 von 97 Minuten des Duells uns widmeten, unter der Überschrift: „Was ist das für eine Angst?“

Mit einer Filmkomödie stiegen wir ein, nun sind wir erkennbar in der Geisterbahn angekommen. Wären wir nur Maho nicht auf den Leim gegangen und seinerzeit nicht auf jenen Lastwagen gestiegen!

Quelle: F.A.Z.
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