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Brief aus Istanbul

Wir holen sie aus ihrem Grab

Von Bülent Mumay
 - 11:45
Anklage: Eine Unterstützerin der pro-kurdischen HDP hält Fotos der Parteichefs Selahattin Demirtas und Figen Yuksekdag hoch, die in Haft sind. Bild: EPA, F.A.Z.

In den letzten Briefen an Sie habe ich mich bemüht, die Hasssprache zu schildern, die vielleicht die größte Gefahr für die Türkei darstellt, und ein Klima, das Familien, Freunde, Nachbarschaften spaltet und die Gesellschaft polarisiert. Diese Atmosphäre, die unter kräftigem Zutun der Regierenden den inneren Frieden im Land vergiftet, schmälert die Hoffnung auf ein Zusammenleben von Tag zu Tag weiter. Die Beklemmung, die wir erleben, rührt nicht allein von unserer geographischen Lage zwischen Asien und Europa her. Wir dachten einmal, in diesem Brückenland mit den Werten beider Kontinente existieren zu können. Diese Zuversicht gehörte zu dem Kostbarsten, das die 1923 gegründete moderne Republik dem Land mit auf den Weg gab. Doch die Zuversicht ist längst verblasst. Vieles können wir nicht miteinander, Vieles treibt uns entgegengesetzten Polen zu, doch dass es je um eine Handvoll Erde gehen würde, hätten wir nie gedacht. Nun ist auch das geschehen.

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Zuerst wurde unser „Merhaba“ zwiegespalten. Wer jene, die diesen Gruß nutzen, für zu säkular hält, sagt inzwischen lieber: „Selamünaleyküm“. Das ist eine arabische Grußformel, die übersetzt heißt: „Allahs Friede sei mit euch.“ Desgleichen bekommen nun jene, die „Iyi akşamlar“ (Guten Abend) sagen, von der anderen Hälfte des Viertels „Hayirli akşamlar“ (Gesegneter Abend) zur Antwort. Auch die Krämer sind gespalten. Ein Teil von uns kauft nicht einmal mehr sein Brot in Geschäften, bei denen Spirituosen im Regal stehen. Und in Bezirken, in denen vor allem Konservative wohnen, ist es praktisch unmöglich, Kioske zu finden, die Alkoholika verkaufen, oder Restaurants, die alkoholische Getränke servieren. Schulen sind schon seit geraumer Zeit gespalten. In einigen konservativen Städten Anatoliens haben lokale AKP-Regierungen Busse speziell für Frauen eingesetzt. Doch wohin auch immer uns diese Busse bringen mögen, der Ort, an dem wir uns treffen, nachdem wir den letzten Atem ausgehaucht haben, ist derselbe. Das dachten wir zumindest. Letzte Woche erfuhren wir, dass dem nicht so ist.

Die HDP, deren Hauptwählerschaft die Kurden bilden, wurde vom Staat seit langem in die Zwinge genommen. Beinahe wöchentlich wird ein HDP-Abgeordneter wegen angeblicher PKK-Unterstützung verhaftet. Die Zeitungen und Sender, die der Regierung als Propagandainstrument dienen, nehmen täglich die Übrigen aufs Korn. Kürzlich erhielt Aysel Tugluk, eine der inhaftierten Abgeordneten dieser Partei, eine schlimme Nachricht, während sie im Gefängnis auf ihre Verhandlung wartete. Ihre Mutter Hatun Tugluk war im Alter von 78 Jahren verstorben. Deren Letzter Wille lautete, in Ankara, wo ihre Tochter erst als Abgeordnete tätig war und nun inhaftiert ist, bestattet zu werden. Damit sie ohne Umstände ihr Grab besuchen könnte.

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Der Staat erteilte der inhaftierten HDP-Abgeordneten eine Sondergenehmigung zur Teilnahme an der Beerdigung ihrer Mutter. Als Tugluk von Polizisten zum Friedhof gebracht wurde, kam es zu einem Tumult. Vor den Augen der Polizisten stürmte ein Mob den Friedhof und rief: „Wir lassen hier keine Kurden, keine Terroristen bestatten!“ Eine Dreiviertelstunde lang konnte der Mob ungehindert seine rassistischen Parolen brüllen. Als einige in der Gruppe drohten: „Wenn ihr die hier begrabt, holen wir sie wieder raus!“, sah Tugluks Familie sich gezwungen, den Leichnam aus dem Grab zu holen. Der Letzte Wille der alten Frau konnte nicht erfüllt werden. Schlimmer noch, die von der Politik benutzte Hasssprache hatte uns so weit gebracht, dass wir nicht mehr im selben Boden ruhen können. Aysel Tugluk kehrte in ihre Zelle zurück, ihre Mutter wurde Hunderte Kilometer entfernt im Heimatort beigesetzt. Einen Zufall vom Ende jenes hässlichen Tages will ich Ihnen noch mitteilen. Es kam heraus, dass einer der bei dem Vorfall Festgenommenen am Abend nach dem Vorfall sich auf der Polizeiwache mit Innenminister Süleyman Soylu hatte fotografieren lassen.

Selbstverständlich war die Aggression auf dem Friedhof nicht die einzige Folge der Hasssprache. Letzte Woche nahmen erst Politiker und anschließend die Medien in ihrem Fahrwasser einen anderen Abgeordneten der Opposition aufs Korn. Der Anlass war eine Behauptung, die Sezgin Tanrikulu von der größten Oppositionspartei CHP in den Raum gestellt hatte. Er sagte, bei den vier Personen, die Ziel eines Drohnenangriffs Ende August im Südosten des Landes gewesen waren, habe es sich nicht um Terroristen gehandelt. Dabei war eine Person ums Leben gekommen, drei waren verletzt worden. Der Leichnam des getöteten Mehmet Temel wurde seiner Familie nicht ausgehändigt. Die drei Verwundeten wurden als Terroristen verhaftet. Laut Tanrikulu habe es sich bei diesen vier Personen um vier unbewaffnete Bürger beim Picknick im Grünen gehandelt.

Der Türkei sind derartige „Unfälle“ nicht fremd. 2011 hatten F-16-Jets der türkischen Luftwaffe das Dorf Roboski bombardiert. Der ersten offiziellen Erklärung zufolge war auf PKK-Terroristen geschossen worden, die über die irakische Grenze in die Türkei eindrangen. In den Morgenstunden zeigte sich dann das traurige Bild. Nicht Terroristen waren getötet worden, sondern 34 kurdische Mitbürger. In der Türkei, wo derartige Traumata vorkommen, gibt es zahlreiche Beweise, die Tanrikulus Behauptung stützen. Doch die Sprache der Regierung ist harsch: „Drohnen wurden zum Albtraum für die Terrororganisation. Mit seiner Aussage unterstützt der CHP-Abgeordnete den Terrorismus. Nicht Bürger wurden getötet, sondern Terroristen. Sollen wir etwa Terroristen nach dem Ausweis fragen?“ Die offizielle Erklärung der Armee war im selben Ton gehalten. Man hatte dort offenbar das Massaker von Roboski vor sechs Jahren vergessen. Nun hieß es: „Bis zum heutigen Tag waren wir nie an irgendwelchen Praktiken beteiligt, die irgendeinem zivilen, unschuldigen Bürger Schaden zugefügt hätten.“

Seit Regierung und Armee auf diese Weise auf die Behauptung des CHP-Abgeordneten reagiert hatten, steht Sezgin Tanrikulu im Fokus der regierungsnahen Medien. In der harmlosesten Schlagzeile kam das Wort „Terrorist“ vor. Selbstverständlich erhielt er Zigtausende Morddrohungen. Die interessanteste Drohung bekam er allerdings im Flugzeug. Vor dem Start seines Flugs von Istanbul nach Ankara las er, was in den sozialen Medien über ihn geschrieben wurde. Eine Nachricht ließ ihn aufschrecken. „Ich sitze im Flugzeug hinter Sezgin Tanrikulu. Soll ich die Sache mit einem Würgedraht erledigen?“, fragte ein Twitter-Nutzer seine Follower. Der Abgeordnete drehte sich sofort um und fragte die Person, die er vom Foto wiedererkannte: „Haben Sie das geschrieben?“ Die Antwort aus der Reihe hinter ihm kam stolz: „Na und? Ich mag Sie nicht.“ Sie können sich vorstellen, wie es weiterging. Tanrikulu zeigte den Mann, der ihn bedroht hatte, an, dessen Aussage wurde aufgenommen, dann ließ man ihn laufen. Und was glauben Sie, wer dieser Mann, der jemanden mit einem Draht erdrosseln wollte, war? Halten Sie sich fest, es war ein Wissenschaftler von einer Universität in Ankara! Der Tanrikulu hatte hinrichten wollen, war der Strafrechtler Burak Dogan!

Die Verteufelungskampagne gegen Tanrikulu läuft weiter auf Hochtouren, parallel dazu pusht die regierungsnahe Presse eine weitere Nachricht. Seit einer Weile lesen wir Berichte über die technischen Kapazitäten und Fähigkeiten von Drohnen. In aller Ausführlichkeit erfahren wir, wie ungeheuer effizient sie sind, wie viele Terroristen sie „unschädlich“ gemacht haben und wie sie die Türkei aus dem Dilemma, Waffen im Ausland kaufen zu müssen, befreien. Den Wahrheitsgehalt dieser Nachrichten zweifeln wir nicht an, auch unsere politische Führung bestätigt sie. Sie kriegt sich gar nicht mehr ein vor lauter Lob der Drohnen. Oben hatte ich von einem Zufall gesprochen. Mit einem zweiten will ich enden. Der Inhaber der Firma, die die Drohnen herstellt und an die türkische Armee verkauft, ist Erdogans Schwiegersohn Selçuk Bayraktar. Lassen Sie mich das bitte doppelt unterstreichen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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