<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Brief aus Istanbul

Mit der linken Hand essen die Teufel

Von Bülent Mumay
 - 14:57

Zu den Gebieten, auf dem das Erdogan-Regime besonders erfolgreich ist, gehört es, die Realität zu manipulieren und die Wahrnehmung der Öffentlichkeit von irgendeiner Sache zugunsten der Regierung zu wenden. Nicht umsonst sind die Machthaber seit ihrem Regierungsantritt bestrebt, die Medien in die Hand zu bekommen. Das ist ihnen gelungen. Entweder zogen sie Medieneinrichtungen an sich oder wechselten die Eigentümer aus. Unliebsame Journalisten ließen sie feuern oder hinter Gitter bringen. Mit den ihnen zur Verfügung stehenden Instrumenten, von Gerichten bis zu den Medien, wird jede Form von Opposition verteufelt. Alle Manöver, Fehler und Misserfolge der Regierung werden durch Eingriffe in die Wahrnehmung legitimiert. Manchmal sogar als Erfolge verkauft.

Zur türkischen Fassung der Kolumne
Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın

Bei einer Grubenkatastrophe starben 301 Arbeiter aufgrund von Fahrlässigkeit und Versäumnissen? Die Reaktion steht parat: „Derlei Unglücksfälle gehören zum Schicksal des Bergbaus. So etwas kam im 19. Jahrhundert auch in England vor!“ Bei einem Zugunglück kamen Dutzende Menschen ums Leben? Die Ursache ist klar: „wegen des Regens“. Als wären wir das einzige Land, auf dessen Schienen Regen fällt. Dollar und Euro steigen? Auch dafür gibt es eine Erklärung: „Ausländische Kräfte sabotieren die Wirtschaft der Türkei!“ Journalisten werden verhaftet, „weil sie Terroristen sind“. Tagtäglich kommen neue Beispiele hinzu. Zunächst wirft man eine Lüge auf, wenn man sie nur oft genug wiederholt, glaubt auch bald die Öffentlichkeit daran.

Allerdings kommt es auch vor, dass solche Taktiken gegen die Wand fahren. Wie jüngst in der Wirtschaft. Geht es um Zahlen, ist die Manipulation der Realität nicht ganz so einfach. Da mögen die Propagandaapparate der Regierung noch so sehr auf „ausländische Kräfte“ verweisen, die Krise, in welche das Palastregime die Türkei geführt hat, lässt sich nicht verheimlichen. Selbst wenn der Beamte versetzt wird, der die Inflationsstatistiken veröffentlichte, spürt der Bürger auf Märkten und Basaren die Krise unmittelbar. Es nützt auch nichts, die Polizei zur Razzia in Supermärkte zu schicken, um die Preisschilder zu kontrollieren, oder staatliche Kampagnen wie „Alle geben zehn Prozent Rabatt!“ auf den Weg zu bringen. Unlängst wurde die Inflationsrate bekanntgegeben, sie ist über 25 Prozent geklettert und brach damit den Rekord der letzten 15 Jahre. Aber ich will niemandem unrecht tun, etwas ist doch stabil im Land: das übliche Statement von Erdogans Schwiegersohn immer dann, wenn die Inflation Rekorde bricht. Minister Berat Albayrak, dem die Staatskasse unterstellt wurde, gibt jedesmal dieselbe Erklärung ab: „Das Schlimmste haben wir hinter uns.“ Dasselbe hatte er bereits im Vormonat gesagt, als die Inflation auf Rekordniveau geklettert war.

Video starten

Syrien-Gipfel in der TürkeiMerkel trifft Macron, Putin und Erdogan

In einer Hauptstadt im Ausland geplant

Selbstverständlich ist die Inflation nicht die Ursache für die Wirtschaftskrise im Land. Sie ist lediglich eines der Resultate der verqueren Wirtschaftspolitik, mit der das Erdogan-Regime das Land in die Isolation treibt. Selbst Baubranche und Automobilindustrie, die Lokomotiven der türkischen Wirtschaft, ringen mittlerweile mit dem Tod. Der Immobilienverkauf brach um 60 Prozent ein, es heißt, mehr als zwei Millionen unverkaufte Immobilien stauten sich in den Händen der Bauunternehmen. Ende Oktober ging der Absatz der Automobilindustrie um 77 Prozent zurück. Die Händler blieben auf Kraftfahrzeugen im Wert von mehreren Milliarden Euro sitzen.

Aufgrund unsicherer Zukunftsaussichten halten die Bürger ihre paar ersparten Groschen zurück. Eine massive Stagnation hat den Markt im Griff. Ist es nicht tragisch genug, dass nicht irgendein Industrieunternehmen die Liste der größten Steuerzahler anführt, sondern die Zentralbank? Offenbar nicht für jene, die all diese Fakten ignorieren und versuchen, die öffentliche Wahrnehmung zu manipulieren. Dem jüngsten Statement von Wirtschafts- und Finanzminister Albayrak zufolge wurden alle „ökonomischen Angriffe auf die Wirtschaft der Türkei in einer Hauptstadt im Ausland geplant“!

Zu den „Willkommens-Imamen“ kommen Tourismus-Imame

Während Verbraucher über die Teuerung der Lebenshaltungskosten klagen und die Gewerbetreibenden über die Flaute, ist die Behauptung vom Palast, es gebe keine Krise, allerdings nicht völlig aus der Luft gegriffen. Das Gehalt der Angestellten im Öffentlichen Dienst wurde um acht Prozent angehoben, der Staatspräsident aber erhält jetzt um 26 Prozent höhere Bezüge. „Erhält“ ist eigentlich nicht das richtige Wort, denn da Erdogan die neue Verfassung und den Haushalt persönlich auf den Weg gebracht hat, legt er auch die eigenen Bezüge selbst fest. Auch die Krise in der Automobilindustrie trifft den Palast nicht wirklich. Aus dem Mund seines Stellvertreters Fuat Oktay erfuhren wir vergangene Woche, dass Erdogan über 21 Dienstwagen verfügt, was zum „Prestige der Türkei“ gehöre. Nach staatlichen Angaben ist die Arbeitslosenquote inzwischen zweistellig. Im 1150-Zimmer-Palast wird aber weiter fleißig eingestellt, im Oktober nahm man dort zusätzlich 1108 Personen für Wartung und andere Dienstleistungen in Lohn und Brot. Die Anzahl des Personals beläuft sich damit auf 2374 Angestellte. Wie könnte eine Krise einen solchen Palast treffen?

Es gibt noch eine andere Institution, der die Beschäftigung nicht ausgeht: Diyanet, das Amt für religiöse Angelegenheiten. Es hat diverse Ministerien überrundet und in diesem Jahr ein Budget von fast 1,4 Milliarden Euro erhalten. Für den neuen Istanbuler Flughafen wird es 33 Imame abstellen. Und das ist erst der Anfang, dabei handelt es sich lediglich um die „Willkommens-Imame“ für die Ankömmlinge in Istanbul. Den Diyanet-Plänen für 2019 zufolge werden auch Tourismus-Imame eingesetzt. Sie sollen Türkei-Touristen den Islam verkünden. Sie werden den Koran und Broschüren über den Islam und den Propheten Mohammed in Fremdsprachen an die Besucher unseres Landes austeilen.

Anlass für ein Disziplinarverfahren im Gefängnis

Ich schreibe das, damit Sie sich nicht wundern, wenn sich ein bärtiger Imam im Kaftan nähert, sobald Sie in Istanbul oder Antalya nach der Landung auf Ihr Gepäck warten. Er hat nichts Böses im Sinn, er will Sie lediglich einladen, zum Islam zu konvertieren. Für Linkshänder wie mich gibt es schlechte Nachrichten. In einer neuen Verlautbarung der Diyanet-Behörde heißt es: „Mit der linken Hand essen die Teufel.“ Bemühen Sie sich also nach Kräften, bei Ihrem Türkei-Besuch die rechte Hand zu benutzen. Nicht, dass man Sie nachher für einen Teufel hält.

Auch mir wäre lieber gewesen, wenn das, was ich bisher erzählt habe, tragikomische Geschichten wären. Leider befinden wir uns hier aber in einem Land der Tragödien, das den Gesichtern nicht einmal ein bitteres Lächeln lässt – in einer Region, in der man nach Vereinheitlichung strebt und wir uns von allen Freiheiten verabschiedet haben. Sie wissen doch, was der Vier-Finger-Gruß bedeutet, den Erdogan auch in Deutschland zeigte: „Eine Nation, eine Fahne, ein Vaterland, ein Staat.“ Nun kommt ein fünftes Element hinzu: „Eine Presse!“ Bis vor wenigen Tagen gab es zwei Vertriebsfirmen für Zeitungen und Zeitschriften in der Türkei. Jetzt gibt es nur noch eine. Und die leitet Serhat Albayrak, der Bruder unseres Schwiegersohn-Ministers. Für die wenigen Zeitungen, die noch Kritik am Palast üben, wird es fortan weit schwieriger, ihre Leser zu erreichen.

Lassen Sie mich den Brief mit einer letzten Meldung aus dem Land der Tragödien schließen. Nedim Türfent gehört zu den zahlreichen Journalisten, die in diesem Land hinter Gittern sitzen. Die Nachrichtenagentur, für die er tätig war, wurde geschlossen, er selbst ist seit nahezu zweieinhalb Jahren im Gefängnis. Inzwischen wurde die anonyme Anzeige, aufgrund derer er verhaftet worden war, zwar zurückgezogen, frei kam er aber nicht.

Die jüngste Nachricht aus der Haft über ihn strapaziert die Grenzen der Absurdität. Die Anstaltsleitung hat ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet. Der Grund dafür ist die Weltkarte in dem Buch, das er sich besorgte, um im Gefängnis Deutsch zu lernen: Auf ihr sei die Türkei zu klein dargestellt! Von dieser Stelle aus eine Bitte an den deutschen Verlag: Verehrte Zuständige bei Cornelsen, können Sie bitte diese Weltkarte korrigieren? Vielleicht bewahrt das unseren Kollegen vor einer weiteren Strafe.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBerat AlbayrakDiyanetPolizeiRegimeTürkei