Brief aus Istanbul

Hat Erdogan die Wahl in Deutschland gewonnen?

Von Bülent Mumay
 - 10:37

Wahlen irgendwo auf der Welt, außer in den Vereinigten Staaten, beschäftigen den Normalbürger in der Türkei kaum. Keine Wahl in Deutschland haben wir je so aufmerksam verfolgt wie die vom letzten Sonntag. Sicher, Deutschland interessierte uns schon immer stärker als andere Länder in Europa. Die jüngsten Wahlen beobachteten wir allerdings fast noch aufmerksamer als die in Amerika. Aufgrund der Spannungen zwischen beiden Ländern insbesondere im Laufe des vergangenen Jahres lag unser Augenmerk auf den Veränderungen in Berlin hinsichtlich potentieller Folgen für die Zukunft der Türkei.

Zur türkischen Fassung der Kolumne
Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın

Auch uns tangierte der Schock, dass die Stimmen für die AfD explodierten und die Partei in den Bundestag einziehen wird. Unsere Regierung scheint allerdings nicht sonderlich betrübt über den Erfolg der AfD. Erdogan hatte im Vorfeld offen dazu aufgerufen, seine Stimme nicht den Partnern der großen Koalition zu geben. Klar, dass ihm die Verluste von Merkel und Schulz gefallen haben dürften. Ebenso ist er glücklich, dass die ehemaligen Partner nicht abermals koalieren werden: „Schaut nur, die Wahlen in Deutschland sind eine Lehre. Ihr werdet es sehen, es wird ihnen nicht gelingen, eine Regierung zu bilden.“

Wahlempfehlungen à la Erdogan

Es gab da aber außer den alten Koalitionspartnern noch eine Partei, die Menschen aus der Türkei laut Erdogan nicht wählen sollten: die Grünen mit ihrem Ko-Vorsitzenden Cem Özdemir. Wenn es nun aber zu einer Jamaika-Koalition kommt, kann es sein, dass der grüne Ko-Vorsitzende Erdogan und seinem Team als deutscher Außenminister entgegentritt. Schauen wir einmal, ob Erdogan Cem Özdemir auch dann weiter als „kindisch“ bezeichnen wird, wie damals, als Özdemir die Armenier-Resolution in den Bundestag einbrachte. Oder ob er wieder fordern wird, dessen Türkentum durch einen Bluttest feststellen zu lassen. Und Özdemir? Meinen Sie, er hält sein Versprechen: „Wenn wir an die Regierung kommen, spreche ich eine Reisewarnung für die Türkei aus“? Wird er auch am Verhandlungstisch Erdogan als „Geiselnehmer“ bezeichnen, der ein autoritäres Regime in der Türkei einführen will?

Zweifelsohne vermiest neben Özdemir ein weiteres Resultat der Wahlen Erdogan die Freude. Und zwar Christian Lindner, Vorsitzender der Freien Demokraten, dem zweitgrößten Partner in der mutmaßlichen Koalition. Da kann die regierungsnahe Presse in der Türkei noch so viel titeln: „Die deutschen Wahlen hat Erdogan gewonnen“, einer der Partner in der Koalition, die Deutschland vier Jahre lang regieren wird, hat einmal Erdogan mit Hitler gleichgesetzt. Den Putschversuch vom vergangenen Jahr in der Türkei verglich er mit dem Reichstagsbrand, den Hitler inszenierte, um die Freiheiten in Deutschland auszusetzen.

Schwer zu sagen, ob Erdogans Aufruf an die rund eine Million türkischstämmiger Wähler gefruchtet hat. Dass aber die kleine Partei der Türken, deren Wahl er unbedingt empfohlen hatte, nur gut 41.000 Stimmen erhielt, deutet darauf hin, dass der Aufruf auf wenig Gehör stieß. Die Salven gegen Berlin aus Ankara waren eher Wasser auf die Mühlen der AfD. Eine Reihe Wähler, denen die gelassenen Reaktionen der großen Koalition nicht ausreichten, dürfte über Abneigung gegen Erdogan und seine Türkei wohl zur AfD gefunden haben. Durch seine wiederholten Nazi-Vergleiche hat Erdogan womöglich seinen Anteil daran, dass nach 72 Jahren eine rassistische Partei in den Bundestag einzieht.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Natürlich ging es uns in der letzten Woche nicht nur um Deutschland. Wir stehen am Rande eines Kriegs mit Masud Barzani, dem Führer der Kurden im Irak, von dem Erdogan vor vier Jahren, Hand in Hand mit ihm auf der Bühne, gesagt hatte: „Wir sind Brüder bis zum Jüngsten Tag.“ Der Grund dafür ist das von Barzani jetzt veranstaltete Unabhängigkeitsreferendum. Was die Unabhängigkeit der Kurden vom Irak betraf, mochte Erdogan vor zwei Jahren noch gesagt haben: „Das interessiert uns nicht, es ist eine innere Angelegenheit des Iraks.“ Jetzt aber verlegt er Panzer an die Grenze und droht: „Wir könnten eines Nachts unvermutet da sein.“ Seine Reue darüber, vor Jahren den türkischen Staat den Kadern der Gülen-Bewegung überlassen zu haben, hatte Erdogan wie folgt erklärt: „Ich wurde hereingelegt.“ Sein Kommentar zu Barzanis Unabhängigkeitsreferendum lautete ähnlich: „Was Barzani betrifft, habe ich geirrt.“

Das wichtigste Geschehen der Woche aber waren weder die Wahlen in Deutschland noch die Barzani-Krise. Ein Abgeordneter der AKP gab eine Erklärung ab, die nicht nur die Türkei, sondern die gesamte islamische Welt davor bewahrt, in eine große Falle zu tappen. Ali Ihsan Yavuz verkündete, der Westen benutze Zahnpasta, um Muslime zu zähmen. Das Fluor in der Zahnpasta mache Menschen zu Schafen, meint Yavuz. Es sorge dafür, dass Muslime leichter zu lenken seien. Aber im Westen wird viermal so viel Zahnpasta verwendet wie in der Türkei! Ganz offensichtlich betäubt der Westen nicht allein die muslimischen Türken, sondern auch sich selbst!

Eine weitere „Ermahnung“ für Muslime kam von dem Theologen Ihsan Şenocak, er wendete sich an Väter: „Zerspringt dir nicht das Herz, wenn deine Tochter in Hosen zur Schule geht? Du freust dich, wenn deine Tochter die Zulassungsprüfung für die Universität besteht. Sie soll Ärztin oder Ingenieurin werden. Da geht dann deine Tochter in Hosen unter den Blicken der Männer, junge Männer laufen ihr hinterher. So führst du deine Tochter in die Hölle!“ Fanatiker, die schweigen, wenn kleine Kinder in Heimen einer religiösen Sekte vergewaltigt werden, wenn Kinder bei lebendigem Leib verbrennen, weil bei einem Korankurs Feuer ausbricht, erklären es nun zur Höllenschuld, Hosen zu tragen. Und unser Staat schaut schweigend zu. Ein anderer Geistlicher, dessen Gehalt von unseren Steuergeldern bezahlt wird, verglich Frauen ohne Kopftuch mit Ausstellungsstücken in Geschäften. Ein Mufti sagte: „Aus der Verpackung genommene Ausstellungsstücke werden in Geschäften stets zum halben Preis verkauft.“

Letzte Woche wurde der Inhalt des Dschihad-Unterrichts bekannt, der ab sofort Pflichtfach für Zwölfjährige ist. „Kampf auf Allahs Weg“ lautet das Motto, Gefangene, die in diesem Kampf gemacht würden, seien als „Beute“ zu behandeln. Den Kindern wird beigebracht, man dürfe vom Islam Abtrünnige bekämpfen. So sieht es an der „Dschihad-Front“ aus. In der Soziologie strich der Staat zugleich Marx aus dem Unterricht. Demnächst wird womöglich Einstein aus der Physik gestrichen, weil er Jude war, und Pythagoras aus der Geometrie, weil er Grieche war.

Erdogan warnt vor Studium im Ausland

In der Pisa-Studie steigt die Türkei von Jahr zu Jahr weiter ab, doch unser Bildungsminister meint, wir hätten einen Quantensprung voran gemacht. Er sagte: „Wir haben zwar kein Erdgas, kein Erdöl und keine Diamantengruben, aber ein Bildungssystem, das mehr wert ist als Diamanten.“ Sie sind nicht überzeugt? Sie wollen Ihr Kind in Europa studieren lassen? Lassen Sie es lieber bleiben. Hören Sie auf die Mahnung von Staatspräsident Erdogan von letzter Woche: „Wer zur Ausbildung in den Westen geht, wird zu dessen willigem Agenten. Die haben keinerlei Werte, die sie nicht verraten würden!“

Nun sagen Sie bloß nicht: „Aber alle drei Kinder Erdogans und seine beiden Schwiegersöhne haben doch auch in den Vereinigten Staaten studiert!“ Legen Sie einfach die Zahnpasta beiseite, die Sie betäubt, und gehen Sie in aller Stille.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenCem ÖzdemirChristian LindnerMasud BarzaniBerlinDeutschlandEuropaIrakIstanbulTürkeiUSAAfDBundestagBündnis 90/Die GrünenJamaika-KoalitionBrief aus Istanbul