Brief aus Istanbul

Und plötzlich war es Geheimnisverrat

Von Bülent Mumay
 - 12:47
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In meinem heutigen Brief will ich versuchen, Ihnen einen der interessantesten Helden der jüngeren Geschichte der Türkei vorzustellen. Unser Held taucht zunächst als romantischer Songwriter auf, dann und der Reihe nach als Bestechungsgelder verteilender Geschäftsmann, wohltätiger Unternehmer, preisgekrönter Export-Unternehmer, als Verräter und schließlich als Spion. Keine Sorge, es handelt sich keineswegs um eine Verwechslung. Lehnen Sie sich zurück, und verfolgen Sie das Märchen der neuen Türkei, in der ein Akteur von einer Rolle in die nächste schlüpft.

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Die Türkei hatte Reza Zarrab, den aserbeidschanischen Geschäftsmann mit iranischer Staatsangehörigkeit, der jetzt überall in den Schlagzeilen ist, bereits vor Jahren im Fernsehen in Paparazzi-Shows kennengelernt. Damals ging es weder um Politik noch um Diplomatie. 2008 war er als Texter romantischer Songs auf dem Bildschirm. Erst versorgte er die Sängerin Ebru Gündeş mit Texten, dann verlor er sein Herz an sie. In dem Lied „Unsterbliche Lieben“ hieß es: „Was du ein langes Leben nennst, besteht aus wenigen Erinnerungen/Wie viele Sultane liegen da, in der schwarzen Erde/Glaubst du, die Welt würde dir gehören?“

Amerikanisches Embargo umgangen?

Zarrab nahm die türkische Staatsangehörigkeit an und heiratete die Sängerin 2010. Nun war er im Fernsehen als Geschäftsmann zu sehen, der seine Gattin mit teuren Geschenken überhäuft – Gemälde für Millionen, Villen am Bosporus, Luxuslimousinen, Rennpferde. Ebru Gündeş reagierte auf die Journalisten, die über die teuren Gesten ihres Mannes berichteten, mit Ironie: „Wer sich fragt, was mein Mann mir als Nächstes schenkt, dem verrate ich schon jetzt: Er besorgt den Mars für mich.“

Zarrab, damals Ende zwanzig, tauchte einige Jahre später wieder auf: Wir sahen, wie er am Morgen des 17. Dezember 2013 im Zuge von Korruptionsermittlungen von der Istanbuler Polizei festgenommen wurde. Gemeinsam mit ihm wurden auch die Söhne der damaligen Minister für Inneres und für Wirtschaft verhaftet. Um heimlich das amerikanische Embargo zu umgehen, habe Zarrab, so der Vorwurf, iranisches Geld in der Türkei gewaschen und vier Minister sowie deren Angehörige mit Millionen Dollar bestochen, um ungestört seinen Geschäften nachgehen zu können. Im Zentrum der Korruptionsoperation stand eine der größten staatlichen türkischen Banken. Razzien im Haus des Generaldirektors brachten Schuhkartons mit Millionen Dollar ans Licht. Auch in den Häusern der festgenommenen Ministersöhne wurde ein Vermögen aufgetan. Es waren derartig große Summen im Spiel, dass man in den Häusern sogar größere Tresore und Geldzählmaschinen vorhielt. Auf den Ermittlungsaufnahmen der Polizei war zu sehen, wie Geld in Taschen und Koffern zu den Ministern geschafft wurde. Auf Mitschnitten von Telefongesprächen, die dann im Internet auftauchten, fanden sich Einzelheiten darüber, wie Zarrab Prostituierte für die Beamten, denen seine Zuwendungen galten, besorgt hatte.

Plötzlich gegen Erdogan

Die offenbar hervorragend geplante Operation löste ein Erdbeben in der Türkei aus. Als einer der in die Sache verwickelten Minister zurücktreten sollte, ließ dieser sich in eine Fernsehsendung einschalten und sagte: „Ich habe alles mit Erdogans Wissen getan. Eigentlich ist er derjenige, der zurücktreten müsste.“ Am nächsten Tag musste er sich entschuldigen und die Aussage zurückziehen.

Hinter der Operation steckten Kader der Gülen-Bewegung, der Erdogan an die Polizei und die Justiz überantwortet hatte. Aus bislang unbekannten Gründen hatten seine ehemaligen Weggefährten beschlossen, Erdogan die Schlinge um den Hals zu legen. Dessen Reaktion fiel harsch aus: Er erklärte die Operation vom 17. Dezember zu einem „Putschversuch des parallelen Staates“ und sagte den Gülenisten den Kampf an.

Zarrab musste rehabilitiert werden

Alle Beteiligten an der Operation, bei der Telefonmitschnitte auch von Erdogan persönlich und seiner Familie über das Internet an die Öffentlichkeit gegeben worden waren, wurden abgesetzt. Sämtliche Polizeikader wurden ausgewechselt. Alle Verhafteten aber, auch Zarrab, kamen wenige Wochen später frei. Die Millionen aus den Häusern, Schuhkartons und Tresoren wurden mit dem gesetzlichen Zins zurückgezahlt. Allerdings sah Erdogan sich durch den öffentlichen Druck gezwungen, vier Minister zu entlassen, auch wenn er verhindern konnte, dass sie vor Gericht kamen.

Nun war es Zeit, Zarrab zu rehabilitieren, der die Milliarden des unter dem Embargo leidenden Iran gewaschen hatte. Zunächst trat er in der Sendung eines von der Regierung kontrollierten Fernsehkanals auf. Mit der türkischen Fahne im Hintergrund wurde Zarrab als Geschäftsmann dargestellt, der das Bilanzdefizit unseres Landes ausgeglichen hatte. Erdogan zufolge war Reza Zarrab ein „wohltätiger Geschäftsmann“. Zur Krönung der Rehabilitierungskampagne wurde ihm der „Exportpreis“ verliehen. In der Verleihungszeremonie nahm der „Rekord-Unternehmer“ 2015 diesen Preis aus den Händen des Vizepremiers und des Wirtschaftsministers entgegen, der den entlassenen ersetzt hatte.

In Amerika festgenommen

Alles war wieder im Lot. Erdogan hatte die Operation der Gülenisten pariert. Zarrab war als ehrwürdiger Geschäftsmann in unser Leben zurückgekehrt, der seine Frau mit teuren Geschenken überhäuft. Ab und an beschimpften Leute Erdogan als Dieb, die ließ er dann von seinen Personenschützern verprügeln. Doch im März 2016 zerstörte eine Nachricht aus Miami das Bild des Glücks: Auf der Reise nach Disneyland, wohin Zarrab seine Frau und seine Tochter bringen wollte, war er in Miami vom FBI verhaftet worden. Ganz offensichtlich waren die Vereinigten Staaten, die ihre Sanktionen ausgehöhlt sahen, anders als Ankara nicht gewillt, die Akte zu schließen. Sie glaubten, das von Zarrab errichtete System habe durch die Umgehung des Iran-Embargos den amerikanischen Haushalt um Milliarden geschädigt. Zudem waren amerikanische Staatsanwälte der Meinung, all das sei „unter den Augen der türkischen Regierung“ geschehen.

Kurz nach Zarrabs Festnahme hatte Erdogan gesagt, die Sache sei „nicht von Belang für unser Land“. Allerdings konnte er nicht ignorieren, dass die Sache sich möglicherweise bis nach Ankara erstrecken würde. Für Hunderttausende Dollar wurden Anwälte angeheuert, darunter der Ex-Bürgermeister von New York, Giuliani. Jeder türkische Offizielle auf Washington-Besuch verlangte von seinem amerikanischen Gesprächspartner die Freilassung Zarrabs. Die „Washington Post“ schrieb sogar, Erdogans Ehefrau Emine habe sich an Joe Bidens Ehefrau Jill mit der Bitte gewandt, für Zarrabs Freilassung zu sorgen.

Der Geschäftsmann sagt aus

Als die New Yorker Staatsanwaltschaft stattdessen aber Haftbefehl auch noch gegen den ehemaligen türkischen Wirtschaftsminister Zafer Çaglayan erließ, wuchs die Besorgnis. Ebenso bereitete die Vorstellung Sorgen, Zarrab könnte auspacken. Diese Eventualität vor Augen, sagte Erdogan damals: „Sie versuchen, unseren Staatsbürger zum Reden zu bringen. Wir wissen, wie wir die Welt auf die Barrikaden bringen, wenn die Sache zu Ende ist.“ Ankara dachte nur noch an Zarrab. Als die Anwälte ihren Mandanten wenige Tage vor Prozessbeginn nicht erreichen konnten, reichte unser Außenministerium sogar an einem Tag zweimal eine Note bei den Amerikanern wegen des „wohltätigen Geschäftsmanns“ ein: „Wir sind in Sorge um die Sicherheit unseres Staatsbürgers.“

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Dann trat das Gefürchtete ein: Um nicht für 95 Jahre hinter Gitter zu müssen, erklärte Zarrab sich zur Aussage bereit. Vergangene Woche begannen die Verhandlungen, Zarrab deckte sein Netzwerk auf. Anhand von Skizzen berichtete er im Gerichtssaal, über welche Banken er mit Unterstützung der Regierung das Iran-Embargo ausgehebelt hatte. Selbstverständlich kamen auch seine Kommissionszahlungen an Minister und deren Söhne zur Sprache. Der „wegen Ausgleichs unseres Bilanzdefizits staatlich ausgezeichnete Geschäftsmann“ war in Ankaras Augen zum Verräter mutiert.

Die Operation vom 17.Dezember 2013, bei der Zarrab in Istanbul festgenommen worden war, hatte Erdogan zum „Putschversuch“ erklärt; nun glaubt er, der Prozess in Amerika werde geführt, um ihn zu stürzen. Vor Wut auf Washington schäumend, sagte er: „Sie versuchen, uns in den Vereinigten Staaten anzuklagen, weil wir uns den Intrigen nicht gebeugt haben. Sie wollen unseren Ruf schädigen. Ihr sollt wissen, dass wir auf dieses Szenario nicht hereinfallen werden.“ Die AKP will, dass der Zarrab-Prozess, der sich bereits negativ auf die Wirtschaft auszuwirken beginnt, als Krieg verstanden wird, den man der Türkei erklärt hat. „Wir sitzen alle im selben Boot“, lautet die Propaganda. Wer das Korruptionsmahlwerk aufgedeckt haben will, wird zum Verräter erklärt.

Vor vier Jahren wurde er zum wohltätigen Geschäftsmann erklärt, jetzt zum Spion. Es wurde ein Verfahren gegen ihn eingeleitet, weil er „der Geheimhaltung unterliegende Informationen ausländischen Staaten zwecks Spionage“ verraten habe. Sein gesamtes Vermögen in der Türkei wurde beschlagnahmt.

Wie hatte Zarrab noch gleich getextet? „Glaubst du, die Welt würde dir gehören?“ Ihm gehört die Welt jedenfalls nicht; schauen wir einmal, ob sie anderen gehören wird.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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