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London

Terrorverdächtiges Archiv

Von Gina Thomas
 - 11:59
Das Taliban-Archiv wurde ins Englische übersetzt und digitalisiert. Der englischen Bibliothek aber ist es zu heikel. Bild: AFP, F.A.Z.

Die Entscheidung der British Library, ein digitalisiertes Archiv zum Taliban-Regime in Afghanistan mit Verweis auf die britischen Anti-Terror-Gesetze abzulehnen, beleuchtet die Schwierigkeit von Akademikern, ihrer Forschungsarbeit nachzugehen, ohne dabei gegen die breitangelegten gesetzlichen Bestimmungen zu verstoßen. Seit einigen Jahren hat eine Wissenschaftlergruppe unter der Leitung der Afghanistan-Forscher Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn Quellenmaterial über die Taliban-Bewegung zusammengetragen, aus dem Paschtu übersetzt und digitalisiert, um es der Wissenschaft zugänglich zu machen. Das Archiv umfasst Zeitschriften, Landkarten und andere Dokumente, darunter ein von den Taliban selbst initiiertes Projekt, wo Schlüsselfiguren des Regimes zur Zeitgeschichte befragt wurden.

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Das umfangreiche Material gebe Einblick in die Entwicklung der 2001 gestürzten fundamentalistischen Bewegung in Afghanistan, erklärte Alex Strick van Linschonten. Es bestätige zudem die These, die Kuehn und er bereits in früheren Arbeiten vertraten, dass die Beziehung zwischen den Taliban und Usama Bin Ladin wesentlich gespannter war als oft dargestellt. Dem internationalen Beratungsgremium des Projektes gehören Akademiker namhafter Institutionen an, darunter der Historiker Anatol Lieven, der Strick van Linschotens Doktorarbeit über die Taliban am Londoner King’s College beaufsichtigt. Nach Auskunft Strick van Linschotens wird das Projekt von einer „wichtigen europäischen Regierung“ finanziert, die jedoch erst bei der vor Jahresende in Aussicht gestellten offiziellen Präsentation genannt werde. Ziel ist es, das in Kabul verwahrte Material durch eine Institution wie die British Library weltweit zugänglich zu machen. Die British Library gestand, den Forschungswert der Sammlung zwar zu kennen, doch sei die Staatsbibliothek juristisch beraten worden, das Archiv könne Material enthalten, das möglicherweise gegen das Anti-Terror-Gesetz verstoße. Unter diesen Umständen sei die Bibliothek nicht in der Lage, der Wissenschaft uneingeschränkten Zugang zu ermöglichen.

Das Anti-Terror-Gesetz verbietet die Verbreitung von terroristischen Veröffentlichungen und das Sammeln „von Material, das benutzt werden könnte von einer Person, die einen Terrorakt ausübt oder vorbereitet“. Die Forscher bestreiten, dass das Archiv Anleitungen zum Terror enthalte, und verweisen darauf, dass die Bibliothek weitaus gefährlicheres Material wie das als Protest gegen den Vietnam-Krieg verfasste „Anarchist Cookbook“ beherberge. Mehrere Akademiker haben die Entscheidung heftig kritisiert. Die Projektleiter verhandeln nun mit den Universitäten Stanford und Yale.

Quelle: F.A.Z.
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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