Schöne Literatur in diesem Herbst

Der Provinz verschrieben

Von Oliver Jungen
 - 09:18

Der Prinz liebt eine Puppe. Die Puppe gleicht der Königin aufs Haar, so dass der König schon einen Braten zu riechen beginnt, der dann aber doch nicht auf den Tisch kommt: Der Prinz zieht tatsächlich das ausgestopfte Abbild vor. Unterdessen tritt in Goethes Grille von 1778, „Der Triumph der Empfindsamkeit“, auch ein Kavalier des Prinzen auf, der den Hoffräuleins wässrige Münder macht, indem er sich als Neuerscheinungsexperte gibt: „Wir führen aber auch die neusten Werke, wie man sie von der Messe kriegt: Monodramen zu zwey Personen, Duodramen zu dreyen, und so weiter“.

Fräulein Sora interessiert vor allem, ob darin auch gesungen wird. Der Kavalier: „Ey, gesungen und gesprochen!“, schiebt aber sogleich nach: „Eigentlich weder gesungen noch gesprochen. Es ist weder Melodie noch Gesang drin, deswegen es auch manchmal Melodram genannt wird.“

Glauben an die Stärke des eigenen Geschlechts verloren

Und in diesem Jahr? Wird gesungen und gesprochen? Goethe selbst ist schließlich zugegen. Dreißig Jahre nach dem Puppen-Dramolett nämlich feierte er einen weiteren Triumph: Er wurde zum Mann erklärt („Vous êtes un homme!“) durch keinen Geringeren als Napoleon. Gustav Seibt hat die Begegnung vom 2. Oktober 1808 zum Gravitationszentrum eines beeindruckenden Porträts der napoleonischen Ära gemacht („Goethe und Napoleon“, C. H. Beck).

Ansonsten haben große Männer wenig zu lachen in der Belletristik, während sie in der Ratgeberabteilung die Keule schwingen dürfen. Hat schon Frank Wedekind in der von seinem Enkel Anatol Regnier verfassten Biographie („Männertragödie“, Knaus) den Glauben an die Stärke des eigenen Geschlechts verloren, so gibt Marlene Streeruwitz der Männlichkeit den Rest. Mit ihrem milliardenschweren Hanswurst von Helden („Kreuzungen“, S. Fischer) möchte man wahrlich nicht tauschen: „Es war einsam, das Geld zu reiten.“ Der ambitionierte Theoriegehalt aber findet nicht ganz verlustlos in die Fiktion.

Planieren statt sanieren

Nicht einmal die alten Brachialen kommen ungeschoren in der Gegenwart an. Eine fulminante Sprachexplosion ist die „Ilias“-Neufassung von Raoul Schrott, auf die er den Markt weidlich vorbereitet hat, nun in der Tat geworden (Hanser). Auch hier aber sinken die Heroen zu pubertierenden „Maulhelden“ herab. Susanne Langes Übertragung des „Don Quijote“ (Hanser) präsentiert indes einen ernsthafteren Ritter als gewohnt, der aber nur umso tragischer erscheint. Da ist man fast schon dankbar für die maskuline Improvisation Christian Krachts, die anders als Paul Austers Erfindung eines Sezessionskriegs („Mann im Dunkel“, Rowohlt), Klaus Modicks Rückgriff auf die McCarthy-Ära („Der Schatten der Ideen“, Eichborn) oder Susan Chois Roman über das Zerriebenwerden in der Verdachtsmühle („Reue“, Aufbau) nicht einfach amerikakritisch gemeint ist.

Dem schmalen Büchlein Krachts, kaum länger als sein Titel („Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, Kiepenheuer & Witsch), wurde mehr Aufmerksamkeit zuteil als vielen dicken Brocken dieser Messe (der dickste Brocken ausgenommen). Etwas ungewohnt wirkt die Szenerie schon, weil Lenin die Schweizer zur Revolution angestiftet hat, aber der Kampf von Mann gegen Mann, das ist ehrlicher Landserstoff: Planieren statt sanieren.

Zwanzigstes Jubiläum des Untergangs der DDR

Orten kam in der deutschen Literatur immer schon eine hohe Bedeutung zu, wofür vielleicht Johann Joachim Winckelmanns geoklimatische Spinnerei verantwortlich ist. Die Faszination scheint aber nicht gerade von den Metropolen auszugehen. Hansjörg Schertenleib („Das Regenorchester“, Aufbau) schickt einen Liebeskummerpatienten nach Irland, wo er eine alte Muse trifft. Bei Norbert Niemann („Willkommen neue Träume“, Hanser) zieht sich ein Medienaussteiger nach Bayern zurück. Karl-Heinz Otts Held reflektiert in einer Zelle sein Leben als Tankstellenpächter in einem Dorf („Ob wir wollen oder nicht“, Hoffmann und Campe). Städtischer dagegen Ulrike Draesners Gedichte, die den mentalen Überbau bereister Stätten evozieren („Berührte Orte“, Luchterhand). Endgültig zum Phantasma wird die Ferne bei Tilman Rammstedt („Der Kaiser von China“, DuMont).

Was seine Schatten vorauswirft, ist das zwanzigste Jubiläum des Untergangs der DDR. Ingo Schulzes „Adam und Evelyn“ (Berlin) stellt die lustvollste Erinnerung dar. Kurt Drawert hat eine surrealistische Kaspar-Hauser-Abrechnung vorgelegt („Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“, C. H. Beck). Doch das große Strafgericht stellt Uwe Tellkamps Monumentalepos „Der Turm“ (Suhrkamp) dar. An drei Protagonisten wird durchexerziert, was dieses Regime mit den Menschen machte. Historisch authentisches Erzählen gilt nicht mehr als anrüchig. Auch Jan Koneffke beherrscht es meisterhaft, wie sein im pommerschen Freiwalde spielender Familienroman „Eine nie vergessene Geschichte“ (DuMont) beweist.

Eine wissenschaftsnahe, visionäre Prosa dagegen ist auch in diesem Jahr selten. Umso wichtiger sind die Ausnahmen: Da wäre Stefan Merrill Block („Wie ich mich einmal in alles verliebte“, DuMont), dessen medizinisch anspruchsvolle Alzheimer-Erzählung sich in eine Eloge auf das Vergessen wandelt. Und da ist natürlich der Biotechno-Hammer des Jahres: Dietmar Daths zivilisationstheoretische Gedankeneruption „Die Abschaffung der Arten“ (Suhrkamp), von einer episch-spekulativen Wucht wie sonst vielleicht nur Alfred Döblins „Berge Meere und Giganten“. Da passt es gut, dass der S. Fischer Verlag ankündigt: „Alfred Döblin muss neu gelesen werden!“ und eine neue, zehnbändige Leseausgabe herausbringt.

Nur eines gibt es hier nicht: Bänker

Gleich doppelt finden wir südamerikanische Schnittmuster: „Die Schneiderin von Pernambuco“ (Berlin) von Frances de Pontes Peebles erzählt von zwei Schwestern, die der Armut Brasiliens entfliehen. María Cecilia Barbetta, auf Deutsch schreibend, hat eher einen Flickenteppich zusammengenäht, für den sie jüngst mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. „Änderungsschneiderei Los Milagros“ (S. Fischer) aber ist stilistisch nicht weniger verwirrend als formal: „Mariana winkte ihm nach. Ohne sich dessen bewusst zu sein, begab sie sich über einen Riesenumweg nach Hause, wurde zum fotografischen Negativ des Busses, in dem Gerardo sich von ihr entfernte.“ Wurde was? Das fotografische Negativ eines Busses? Für solche Eiersalat-Sätze war sonst Helge Schneider zuständig. Dessen Position hat inzwischen Heinz Strunk eingenommen, der das philosophische Standardwerk „Die Zunge Europas“ (Rowohlt) vorlegt, in dem der Leser beim Käsekuchen das Rauschen der Diskurse an sich vorbeirauschen lassen kann.

Endlich abgeschlossen hat nun Sven Regener seine Lahmarsch-Trilogie (Eichborn): Lehmann-Aktien stehen nicht gut dieser Tage. „Der kleine Bruder“, Frank, folgt dem großen Bruder Manni nach Berlin, der aber schon nicht mehr da ist. Es treten weiter auf: Wolli und Dr. Votz. Weder Gesang noch Melodie ist darin, weshalb man es Melodram nennen könnte.

Natürlich huscht auch das Boxenluder Erinnerung über die Messeflure, das Günter Grass beim Knipsen der Nebel aufgescheucht hat („Die Box“, Steidl), trifft vielleicht auf die kecke jüdische Gottesbeschimpfung von Shalom Auslander („Eine Vorhaut klagt an“, Berlin) oder gar auf Tova Reichs reichlich komische Satire über Wettgedenken („Mein Holocaust“, DVA). Nur eines gibt es hier nicht: Bänker. Überlässt man die Hochfinanz, in der es doch schon seit einem Jahr rumpelt, lieber der Wirklichkeit? Dem König, was des Königs ist? Aber der Prinz liebt nun einmal das ausstaffierte Abbild mehr als das Original. Lasst tausend Puppen tanzen!

Zu den Sachbüchern dieses Herbstes: Neue Sachbücher in diesem Herbst: Unter Erfolgszwang

Quelle: F.A.Z.
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