Kafkas Sätze (72)

Die Bedingung der Hoffnung

Von Hubert Spiegel
 - 15:21

Hoffnungslos steckte ein kleines Segel auf und lehnte sich friedlich zurück.

Nur vier Sätze umfasst die Prosaskizze, in der Franz Kafka im achten Oktavheft einen seltsamen Seemann auf große Fahrt schickt: „Hoffnungslos fuhr in einem kleinen Segelboot um das Kap der Guten Hoffnung. Es war früh am Morgen, ein kräftiger Wind blies. Hoffnungslos steckte ein kleines Segel auf und lehnte sich friedlich zurück. Was sollte er fürchten im kleinen Boot, das mit seinem winzigen Tiefgang über alle Riffe dieser gefährlichen Gewässer mit der Gewandtheit eines lebendigen Wesens glitt.“

Ohne Gefangenschaft keine Sehnsucht nach Freiheit

Was er fürchten sollte? Tausende von Schiffen sind hier gesunken, am südwestlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents. Ihr portugiesischer Entdecker nannte die Felszunge zunächst „Kap der Stürme“, und es sind die starken, landeinwärts wehenden Winde, die das Gewässer so gefährlich machen. Sie blasen die Schiffe, die einen weiten Bogen um die knapp unter der Wasseroberfläche liegende Felslandschaft vor dem Kap machen wollen, unbarmherzig ihrem Untergang entgegen. Und obwohl ausdrücklich vermerkt wird, das bereits am frühen Morgen ein kräftiger Wind blies, gewiss kein gutes Zeichen, lehnt Kafkas Leichtmatrose sich friedlich zurück. Dabei weist ihn sein Name nicht als sorglos oder unbedacht aus, sondern als Allegorie der Hoffnungslosigkeit, als Gegenteil jener Hoffnung, die nicht nur durch die Hand Gottes oder ein Füllhorn symbolisiert wird, sondern ebenso häufig durch ein Schiff oder ein Segel. Was aber hat es zu bedeuten, wenn die Allegorie der Hoffnungslosigkeit eine Allegorie der Hoffnung hisst, um sich dem verderbenbringenden Kap der guten Hoffung zu nähern?

Die Erzählung vom Seemann Hoffnungslos gehört in den Umkreis von Kafkas theologisch unterfütterten Schriften. Wenn Kafka in den „Zürauer Aphorismen“, entstanden in der „besten Zeit“ seines Lebens, wie er schrieb, das Bild vom Käfig prägt, der einen Vogel suchen ging, dann ist auch hier wieder die Hoffnung im Spiel, denn zu ihren Sinnbildern zählt auch der Käfig mit dem sich nach Befreiung sehnenden Vogel darin. Kafka versteht den Käfig als Bedingung der Hoffnung: Ohne Gefangenschaft keine Sehnsucht nach Freiheit oder Hoffnung auf Befreiung. So gleicht jede Religion einem Käfig auf der Suche nach einem Bewohner. Durch die Stäbe betrachtet, ist auch das Gute, sei es moralischer oder theologischer Bestimmung, „in gewissem Sinne trostlos“, wie es ein anderer Zürauer Aphorismus behauptet. Der Segler Hoffnungslos ist eine prometheische Figur: Er will nicht den Göttern gleichen, sondern auf ihre Heilsversprechen verzichten. Dann ist er die Hoffnung los und kann sich friedlich zurücklehnen.

Heute endet unsere Serie.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert (igl)
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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