Antiquariate

Was lange währt, wird immer besser

Von Jochen Schimmang
 - 13:55

Der Kölner Buchhändler Klaus Bittner ist ein Mann, der den Wert von Büchern zu schätzen weiß. Im Sommer 1989 fand ich bei ihm endlich eine Ausgabe von Paul Valérys Notatband „Windstriche“, erschienen in der Bibliothek Suhrkamp. Ich schlug den Band auf und las die Bleistiftnotiz: „Vergriffen, 30 DM.“ Die habe ich dann bezahlt, unter Schmerzen zwar, aber schon wegen der längeren Notiz über die Länder, deren Charakter von Brot und Wein bestimmt wird, wollte ich den Band unbedingt haben.

In den Kölner Antiquariaten war ich zuvor nicht fündig geworden. Nicht einmal bei Siegfried Unverzagt in der Limburger Straße, dessen Antiquariat so aussieht, wie man sich’s erträumt: vollgestellte Regale, die bis hoch an die Decke reichen, der Antiquar selbst noch einmal hinter Büchern verschanzt, und in der Luft meint man den Staub von hundert Jahren zu spüren. Eine riesige Fundgrube, aber damals kein Valéry.

Der manische Leser sucht online

Heute haben wir es alle einfacher, und preisbewusste Buchhändler wie Klaus Bittner haben es vielleicht ein bisschen schwerer. Virtuell können wir uns beinahe in allen Antiquariaten des Landes umsehen und werden im Normalfall das Buch finden, das wir suchen. Da die Halbwertszeit von Büchern immer kürzer wird und manche Neuerscheinung aus dem letzten Jahr schon wieder aus dem Sortiment verschwunden ist, wird das immer wichtiger. Der manische Leser hat deshalb Online-Datenbanken wie das ZVAB, Abebooks, Antiquario und andere unter seinen Favoriten abgespeichert.

Als beinahe noch wichtiger aber hat sich der antiquarische Online-Buchhandel für viele Händler selbst erwiesen. Wer erinnert sich nicht an so manche Stunde, die er als einziger Kunde im Dämmer vollgestellter Antiquariate verbracht hat, ohne am Ende etwas zu finden und sich draußen dann zu fragen, wie dieser Laden eigentlich bisher überleben konnte? Nicht wenigen dieser dahindümpelnden Antiquariate hat das Internet schlichtweg die Existenz gerettet. Nach einer vom ZVAB in Auftrag gegebenen Studie belief sich der Anteil der Online-Verkäufe im Sommer 2007 schon auf 55 Prozent. Nur noch achtzehn Prozent der Umsätze erfolgten über den stationären Handel, der Rest lief über Kataloge und Messen.

Der Unterschied zwischen Antiquar und Verramscher

Nun kann diese Schätzung für den individuellen Händler ganz anders aussehen. Victor Canicio etwa, der einen wunderschönen Laden in der Heidelberger Plöck führt, macht nach eigenen Angaben noch immer sechzig Prozent seiner Umsätze direkt im Laden und den Rest übers Internet. Und selbst wenn sich dieses Verhältnis mehr als umdrehen würde, würde er auf sein Ladengeschäft niemals verzichten. Das Geschäft ist für ihn „die ungedruckte Visitenkarte. Denn wenn es eine immergültige Wahrheit im Antiquariat gibt, sagt er, „dann lautet sie: Der Gewinn liegt im guten Ankauf.“

Denn das unterscheidet ja den klassischen Antiquar (die Rede ist hier nicht von Großverramschern wie Jokers oder Zweitausendeins) vom normalen Buchhändler: Er bekommt nicht, was er will, sondern nur das, was ihm angeboten wird. Und das sind in aller Regel von jedem Buch nur Einzelexemplare, die er nicht wie der Buchhändler nachordern kann.

Ohne das Internet können viele dicht machen

Auch Siegfried Unverzagt glaubt, dass für den Antiquar wie für den Kunden das Ladengeschäft weiterhin unentbehrlich ist: „Es könnte sogar in Zukunft als eine Art Gegenpol zum anonymen Internethandel wieder wichtiger werden, da es doch der Wunsch vieler Buchleser ist, einen direkten Kontakt mit ‚ihrem‘ Antiquar im persönlichen Austausch zu pflegen.“ Aber auch Unverzagt sieht, dass der Internethandel immer stärker dominieren wird und diese Entwicklung noch keineswegs abgeschlossen ist.

Andere Konsequenzen hat daraus Jo Hauberg von „Zapatabuch“ in Bordesholm gezogen. Sein Laden ist eigentlich nichts anderes mehr als ein riesiges Lager, und betreffs Öffnungszeiten heißt es lapidar: „nach Absprache“. Es lohnt sich zwar, diese Absprache zu treffen, allein schon wegen mancher Preziose in der Abteilung „Deutsche Literatur in Erstausgaben“. Insgesamt aber hat Hauberg auf den reinen Internetversand umgestellt und gibt auch unumwunden zu, dass er ohne das Internet seinen Laden vielleicht hätte schließen müssen, weil der Markt zu klein geworden wäre.

Sammlerwert für das gute alte Buch?

Auch Unverzagt und Canicio sind sich ganz sicher, dass so mancher Kollege (Kolleginnen gibt es in diesem Bereich nicht viele) durch den Online-Buchhandel gerettet worden ist. Was für den normalen Buchladen eher eine Bedrohung ist, ist für Antiquare die Schaffung eines „Neuen Marktes“ gewesen, der sich ausnahmsweise nicht als Luftblase herausgestellt hat, sondern riesig ist. Denn schätzungsweise 98 Prozent aller Bücher, die jemals auf der Welt erschienen sind, sind nach der ZVAB-Studie vergriffen.

Und wie sehen die Preise auf diesem neuen Markt aus? Bei häufiger verfügbaren Titeln gehen sie zwar etwas nach unten, da der Kunde bei der Online-Suche den Preisvergleich hat. Aber da dieser Kunde eine besondere Spezies ist, kauft er nicht automatisch das billigste Exemplar. Das Discounter-Prinzip funktioniert im Antiquariatsgeschäft nicht. Beste Absatzchancen hat das Buch, das am besten beschrieben ist, da sind sich alle Händler einig. Es ist eine ganz eigene, poetische und durchaus sinnliche Fachsprache, die da in den Internetangeboten des Antiquariatsbuchhandels erklingt.

Werden Kindle und das E-Book diesem Markt nun den Garaus machen? Oder könnte es umgekehrt sogar so sein, dass das gute alte Buch einen höheren Sammlerwert erhält und damit auch wieder höhere Preise erzielt? Das eine hält Canicio ebenso für eine Illusion wie das andere, weil durch das E-Book die pure Anzahl der schönen alten Bücher ja nicht geringer und damit das Angebot nicht kleiner wird. Siegfried Unverzagt will nicht ausschließen,„dass Erstausgaben bestimmter Titel (Freuds „Traumdeutung“, Kafkas „Betrachtung“, Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und dergleichen), die schon jetzt einiges kosten, im Wert noch einmal überproportional steigen werden. Da wird das Buch zum „Kulturdenkmal“.

Der Schriftsteller Jochen Schimmang veröffentlichte zuletzt den Band „Auf Wiedersehen, Dr. Winter“.

Quelle: F.A.Z.
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