Deutscher Buchpreis 2010

Ein Integrations-Roman gewinnt

Von Daniel Haas
 - 17:35
© FAZ.NET - Andreas Brand, FAZ.NET - Andreas Brand

Am Ende ist die Integration augenfällig geworden: Da stehen der deutsche Börsenvereinschef und die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Autorin auf dem Podium und lesen gemeinsam die Laudatio vor. Wenn sich die Stimmen verschiedener Herkunft vermengen, das vermittelt dieses Bild, wird manchmal ein Fest daraus, ein über Grenzen hinweg geführter Dialog.

Die Autorin ist Melinda Nadj Abonji, 42, ihr Buch „Tauben fliegen auf“ handelt von einer serbisch-ungarischen Familie, die in den siebziger Jahren in die Schweiz auswandert. Man eröffnet ein Café, passt sich an und ein - und bleibt doch eine zwischen die Kulturen gestellte Gemeinschaft.

Den doppelten Blick der Heimischen und Fremden auf die Verhältnisse wird die Tochter der Kocsis, die Ich-Erzählerin, zur komplexen, aufklärerischen Darstellungsperspektive entwickeln. Es wird vor allem die Sprache sein - die Spannung zwischen Herkunftsidiom und jenem des Gastlandes -, an der sich die zentralen Fragen nach Identität und Heimat, Fremdsein und Assimilierung kristallisieren.

Ein Gruß ans Publikum auf Ungarisch

Die Idee zum Roman sei ihr, der Deutschschweizerin, im französischen Teil des Landes gekommen. Dort, wo die Stimmen anders und lauter klangen, habe die Erinnerung eingesetzt: an das untergegangene Zuhause, das in der dichterischen Beschwörung wieder auferstehen kann. Und das mit einem politischen Mandat verbunden ist: Die Immigration nicht nur als literarisches Sujet, sondern als Mahnung zur Streitbarkeit zu verstehen. Sie habe sich geschämt, ausländischen Freunden die fremdenfeindlichen Plakate der Schweizerischen Volkspartei zu erklären. So ein Land sei die Schweiz also?

In der Literatur muss die Spannung zwischen Eigenem und Fremdem gerade nicht getilgt werden, sie fordert uns zum Aushalten der Differenzen heraus. So war es eine stimmige Pointe, das Abonjis Abschiedsgruß an das Preispublikum in Frankfurt nicht auf Deutsch, sondern auf Ungarisch ertönte. Vielsprachig und grenzenlos kann sie sein, gerade die ausgezeichnete deutsche Literatur.

Quelle: FAZ.NET
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