Biograph Reiner Stach

Was für ein Kind war Kafka?

 - 13:08

In „Gullivers Reisen“ schreibt Swift mit Ironie, Eltern dürfe man am wenigsten unter allen Menschen die Erziehung der Kinder anvertrauen. Kafka zitiert das in einem Brief an seine Schwester Elli. Spielt er auf seinen Vater an?

Reiner Stach: Hermann Kafka hat Franz wahrscheinlich nie geschlagen, ich glaube, das hätte die Mutter nicht zugelassen. Er hat aber ständig damit gedroht. Er hat die Kinder angebrüllt, er hat den Gürtel losgemacht, hatte schon etwas in der Hand zum Schlagen, es dann aber nicht getan. Wenn Kafka irgendwann einmal eine Ohrfeige bekommen hätte, wäre der Schaden wahrscheinlich nicht so nachhaltig gewesen wie diese ständigen Drohungen.

Wie nützlich ist die Psychoanalyse, um diese Beziehung zu erklären?

Ich glaube, was die Psychoanalyse zu bieten hat, reicht nicht, um Kafkas Entwicklung zu erklären. Mit der Psychoanalyse kann man Schädigungen genau beschreiben und wie diese dann im späteren Leben wiederkehren, Neurosen und Zwangshandlungen. Was die Psychoanalyse aber nicht leistet: sie kann nicht beschreiben wie und warum es jemandem gelingt, solche Schwächen in Stärken zu verwandeln.

Aus welchen Schwächen konnte Kafka Positives ziehen?

In seiner schwachen Position einem tyrannischen Vater gegenüber ist ein Kind gezwungen, diesen genau zu beobachten. Es achtet auf den Blick, die Stimme, die Gesten, darauf wie die Tür zugeschlagen wird. Das ist die einzige Defensivmaßnahme, die es hat. Wenn also schon ein kleines Kind dazu gezwungen ist, die Eltern zu beobachten um sich abzusichern, dann entsteht daraus ein Beobachtungsvermögen, ein empathisches Vermögen. Nach und nach kann es die Handlungen des anderen antizipieren. Ich bin fest überzeugt, dass Kafkas unglaubliche Beobachtungsgabe nicht angeboren ist, sondern dass sie in der Kindheit ihre Ursprünge hat.

Das Kleinsein ist für Kafka also nicht nur etwas Angsteinflößendes? Es hat auch seine guten Seiten?

Man wird nicht gesehen.

Und kann besser beobachten?

Das gehört in der Tat zum Privatmythos, den Kafka von sich pflegte. Der Beobachter, der klein und unscheinbar am Rand bleibt, kann sich sagen: die Gesellschaft hat mich an den Rand gedrängt, ich bin nur Zaungast. Aber in dieser Position kann ich in aller Ruhe alles beobachten und durchschauen.

Zu seiner ersten Verlobten Felice Bauer soll Kafka gesagt haben, als Kind habe er lange allein gelebt, da die Eltern fast ununterbrochen in ihrer Galanteriewarenhandlung arbeiteten. Was folgte für ihn daraus?

Das Personal hat sich vermutlich viel intensiver um die kleinen Schwestern gekümmert. Schon als Achtjähriger hatte er also eine Grundeinsamkeit. Er hat sehr früh gelernt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, mit Büchern, Bildern und Spielen. Manche Kinder werden damit unglücklich, er nicht. Kafkas ehemaliger Mitschüler Hugo Bergmann hat ihm später in einem Brief geschrieben, da waren sie ungefähr zwanzig: „Und du warst seit je auf dich allein angewiesen und bekamst so auch die Kraft allein zu sein.“ Das ist eine starke These. So etwas hält man als Kind ja eher verborgen. Übrigens kommt das sogar in der Erzählung ‘Kinder auf der Landstraße’ vor. Hier wollen Kinder ihren Freund zu einem Ausflug abholen, der will aber nicht recht und da sagen sie zu ihm: „Wenn du nicht willst, dann bleib’ doch daheim.“ Und der Junge antwortet: „Keine Gnaden!“ – es wäre sehr gnädig, wenn ihr mich in Ruhe lassen würdet. Das würde ein Kind nicht sagen, das ist Erwachsenenironie.

Ist die Tatsache, dass der Junge in Kinder auf der Landstraße doch mitgeht, also eine Art Wunschvorstellung eines erwachsenen Erzählers?

Vermutlich ist das wirklich eine Projektion. Allerdings gibt es natürlich auch in Kindergruppen einen gewissen Gruppendruck...

...dem Kafka selbst als Kind nie wirklich gefolgt ist. Hat ihm das geschadet?

Es hat ihm geschadet, er hatte jahrelang keine Freunde. Der beste Beweis dafür ist, dass die Eltern einen von ihren Lehrlingen anstellen mussten, um mit dem Franz spazieren zu gehen. Wenn es Freundschaften gab, haben sich die Eltern ganz genau angeschaut: aus welcher Familie kommt der andere? Hat er einen schlechten Einfluss? Man konnte als Kind nicht einfach hinausgehen und sich irgendwelchen Gruppen anschließen.

So waren bürgerliche Kinder in Prag also fast ununterbrochen zu Hause?

Fast immer. Und wenn sie draußen waren, standen sie unter der Kontrolle der Eltern. Was Kafka gehasst hat, ist dass die Kinder den ganzen Tag in der Bude sitzen mussten. Man konnte nicht einfach hinausgehen und sich irgendwelchen Gruppen anschließen, oder ins Freie gehen. Deswegen war für Kafka auch die Erfahrung der so genannten Sommerfrischen so wichtig, wenn die Familie zwei Monate an Badeorten verbrachte. Das waren völlig neue Dimensionen an Freiheit. Die Eltern haben übrigens oft weitergearbeitet. Hermann Kafka fuhr in manchen Sommern jeden Tag nach Prag zurück, sodass dann auch der Vater nicht da war. Das muss für Kafka paradiesisch gewesen sein.

Sie schreiben: Schon als Kind hatte er die maximale Vielfalt seiner Lebensoptionen in Reichweite. Was ist damit gemeint?

Je älter er wurde, desto mehr musste er seine Optionen einschränken. Der Horizont wird immer enger, irgendwann gibt es keinen Ausstieg mehr. Als Erwachsener habe ich mehr Freiheiten, ich darf mir auch die Nächte um die Ohren schlagen. Was aber die beruflichen Aussichten betrifft, wird es immer schwerer, aus dem einmal Gewählten noch einmal herauszukommen. Das ist das, was der Maus in “Eine kleine Fabel” passiert, die entlang immer enger werdender Mauern in die Falle läuft, weil es ihr unmöglich erscheint, die Laufrichtung zu ändern. Bei den Kindern ist das anders, sie können ihre Interessen wechseln, ihre Briefmarken in den Müll werfen. Dass Erwachsene mehr Freiheiten haben, würde Kafka wahrscheinlich sagen, ist nur Schein. Eigentlich hat man immer weniger.

Trotz der Schwierigkeiten einer Kindheit, wie Kafka sie hatte, scheint das Erwachsenwerden also auch keine besonders gute Alternative. Was war die Lösung?

Kafka ist erst Mitte zwanzig richtig erwachsen geworden, vielleicht erst mit siebenundzwanzig. Er hatte kindliche Züge, eine Unverdorbenheit. Max Brod, sein langjähriger Freund und erster Biograph, ist nach Kafkas Tod in der Arbeiter Unfallversicherung gewesen, hat mit Kollegen gesprochen. Die erzählten ihm, Kafka habe im Büro einen Spitznamen gehabt: das Anstaltskind.

Die Fragen stellte Katharina Laszlo

Reiner Stach: „Kafka: Die frühen Jahre“ (Rezension)

Über Kinder zu schreiben ist nicht ganz einfach. Geleistet haben sie noch kaum etwas, sie spielen, statt zu arbeiten oder sich an Pflichten zu zermürben, und Liebeskummer hatten sie auch noch keinen. Ob aus ihnen einmal etwas wird, ein Jemand mit erzählenswertem Leben, das sieht man ihnen selten an. Im Fall des kleinen Franz aus Prag sieht das anders aus. Zu Recht widmet ihm Reiner Stach sechshundert Seiten, denn dieser Junge wird zu einem großen Schriftsteller heranwachsen. So, wie er nun im dritten Band von Stachs Kafka-Biographie in Erscheinung tritt, ist er in vielerlei Hinsicht eines von vielen böhmischen, bürgerlichen Kindern, die ihre Tage eingesperrt in den kleinen Zimmern kleiner Wohnungen der Altstadt verbringen, während sich die Eltern in Geschäften und Fabriken abmühen. Zu Hause wie in der Schule befinden sie sich am untersten Ende zementierter Hierarchien, gehen aber auch schwimmen und Schlittschuh laufen, lesen Jules Verne und Karl May.

Doch Franz Kafka ist etwas Besonderes, ist gestraft mit einem tyrannischen Vater und einem sensiblen Nervenkostüm. Augen und Ohren bis zur Schmerzgrenze geöffnet, prägen sich die Bilder seiner Kindheit tief in sein Bewusstsein, reifen dort heran zum Repertoire für späteres Schreiben. Zahlreiche Kinderfiguren werden in seinen Geschichten herumstreichen. In ihrer Furcht vor Erwachsenen sind sie zwar berechtigt. Darin gefangen sind sie jedoch längst nicht alle - lieber proben sie den Aufstand.

Selten widmet Kafka Kinderfiguren seine ungeteilte schriftstellerische Aufmerksamkeit. Mit der Ausnahme von Karl Roßmann in seinem ersten Roman „Der Verschollene“ und Hans in seinem letzten, „Das Schloss“, sind Kinder kaum als richtige Protagonisten zu bezeichnen. Und doch tummeln sie sich in Romanen, Erzählungen und Prosafragmenten, durchzieht Kindlichkeit das Werk von einer seiner ersten erhaltenen Erzählungen, „Kinder auf der Landstraße“, bis zur letzten, „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ (hier leiden die Mäuse unter einer besonders kurzen Kindheit, bleiben dafür aber für immer kindisch).

Zugegeben, besonders nützlich machen sich diese Kinder weder innerhalb noch außerhalb der Texte, die sie bevölkern, stören die Handlung eher, als sie voranzutreiben, stören vor allem die Erwachsenen. Die meinen es dann aber auch wirklich nicht gut mit ihnen. Dass Erwachsene sich nur mühevoll zusammenreißen können, „mit den Fäusten über ihre Köpfe“ zu fahren oder sie totzuschlagen, wie der jähzornige Herr Blumfeld in der gleichnamigen Erzählung die Bestrafung seiner Praktikanten imaginiert, darf sie nicht wundern; schließlich kommen sie pausenlos zu spät, tauschen Briefmarken, statt zu arbeiten, und albern mit dem Besen herum, statt zu fegen. Schlicht zu klein scheinen sie, als dass man als Großer der Versuchung widerstehen könnte, ihnen mit Willkür und Zorn das Leben schwerzumachen. So haben diese Kinder entweder Angst, nach Hause zu kommen, wie Hans im „Schloss“, oder sie haben erst gar kein Zuhause, wie Karl, der von den eigenen Eltern nach Amerika verbannt wird, um den Rest des Romans damit zu verbringen, von Erwachsenen aus Wohnhäusern und Hotels verwiesen und nachts auf den Balkon gesperrt zu werden, wie es Kafka als Kleinkind selbst erfuhr.

Das Kleine noch kleiner zu machen, das Machtlose noch machtloser, sind bekannte Konstanten in Kafkas Universum. Das Problem der Kinderfiguren ist, im Gegensatz zu den aussichtslosen Kämpfen, die Kafkas erwachsene Protagonisten gegen abstrakte Machtapparate ausfechten, jedoch weder metaphysisch, noch unlösbar. Sie sind, ganz einfach, in der Unterzahl. Kaum haben sich Kinder zu Gruppen zusammengefunden, werden sie zunehmend ungemütlich.

Als Horden frecher Ruhestörer mit weit aufgerissenen Mündern, schrill kreischend und gummiballartig auf- und abspringend, machen sie sich in den Werken bemerkbar. Die körperliche Unterlegenheit des einzelnen Kindes hinter sich lassend, trumpft die Kinderschar auf durch eine den Erwachsenenverstand überwältigende, die Erwachsenengeduld überstrapazierende Körperlichkeit, gar groteske Hässlichkeit. So erscheint das „Prozess“-Kapitel, in dem Josef K. auf dem Weg zur Dachkammer des Malers Titorelli von einer Gruppe junger Mädchen die Treppe hochgejagt wird, nur auf den ersten Blick harmlos-lächerlich. Angeführt von einer buckligen Dreizehnjährigen, stürmen die Kinder das Atelier des Malers, stoßen ihn mit ihren spitzen Ellenbogen, zwicken ihn ins Bein. Diese „Fratzen“, wie Titorelli sie beschimpft, sind eine Zumutung. Heilig-ernste Erwachsenenorte verwandeln sie in Spielplätze, die sie mit kindlichen, aber wirksamen Waffen verteidigen.

Widerborstig, unhöflich und nervtötend laut, eignen sich diese Kinderscharen nicht gerade zum Liebhaben. Engelsgleiche Unschuld können sie sich schlicht nicht leisten, zu unangenehm ist ihnen die Welt. Dankbar darf der Leser ihnen trotzdem sein, lassen ihre Schicksale Kafkas abstrakten Kosmos der Ungeborgenheit doch plötzlich Form annehmen. Jenes nicht zu greifende Gefühl des Ausgeliefertseins an höhere Mächte, das nebulöse Kafkaeske, wird durch sie erklärbar als die unverantwortlichen Handlungen von Menschen, die Misshandlung von Kindern durch Erwachsene.

Von einer Kindheit um 1900, dies wusste Kafka aus eigener Erfahrung, hatte man nicht viel zu erwarten. Dass diese Erfahrung ein pädagogisches Interesse weckt, ist nicht unwahrscheinlich. Mit Hingabe liest er als Erwachsener Erziehungsratgeber, tauscht sich darüber im Herbst 1916 mit seiner Verlobten Felice in Briefen aus. Pessimistisch verurteilt er in einem Tagebucheintrag aus dem gleichen Jahr selbst die kinderfreundlichste Reformpädagogik als „Verschwörung der Großen“. Auch die Werke zeigen: Der Aufstand der Kinder ist das Versagen der Erwachsenen.

Flache Protagonisten pädagogischer Streitschriften sind sie jedoch nicht, die unfügsamen Kinderfiguren, die Kafka in seinen Werken verstreut. Eher kleine Gespenster aus einer vergangenen, unglücklichen Kinderzeit - und gleichzeitig ihre Überwinder. Wie aus Rache für ihre Geschwister, vielleicht sogar einen dunkeläugigen, zarten, nachdenklichen Jungen aus Prag, sind Kafkas Kinderscharen in seinem Wortsinne unerzogene Gestalten. Erziehung als „Verschwörung der Großen“ kann ihnen, in ihrer Verschwörung der Kleinen, nichts anhaben. Als Kenner des Kleinseins verschwört sich der Schriftsteller mit ihnen. In den Tagebüchern schreibt Kafka einmal: „Ich stand also auf und ging als großer Mensch inmitten der Kinder.“

Katharina Laszlo

Quelle: FAZ.NET
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