Yasmina Reza im Gespräch

Flüchtiges Porträt einer untreuen Leserin

Von Agathe Novak-Lechevalier
 - 14:27

Yasmina Reza, Sie sprechen sehr selten über die Bücher, die Sie lesen. Warum?

Ein Gespräch über Bücher ist für mich ein Privatgespräch. Jemandem zu verraten, was man liest, ist intim. Es sagt viel über Sie aus, erzählt von Ihnen auf sehr unterschiedliche Weise. Die Bibliothek von jemandem ist, wenn Sie so wollen, eine Art Porträt. Und Sie wissen, dass ich nicht gerne porträtiert werde... Da ist aber noch etwas anderes: Wenn ich Schwarz auf Weiß geschrieben sehe, dass ich ein bestimmtes Buch mag, kann das bei mir sofort dazu führen, dass ich es nicht mehr mag. Ich glaube, ich will keine Liebe verbindlich machen, von der ich weiß, dass sie flüchtig sein kann und es oft war. Es kommt vor, dass ich ein Buch zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr liebe und es mir später gleichgültig ist. Ich bin, wenn es um Literatur geht, ziemlich untreu, nichts ist endgültig.

Haben Sie ein Beispiel für so ein Buch, dass Sie geliebt und dann fallengelassen haben?

Davon gibt es viele. Die meisten sind nicht wichtig. Aber in bestimmten Fällen konnte mich eine erneute Lektüre verärgern. Dostojewskij zum Beispiel ist in meiner Jugend eine meiner großen Leidenschaften gewesen, er war für mich wirklich grundlegend. Als die französischen Übersetzungen von Markowicz erschienen sind, habe ich beschlossen, den „Spieler“ wiederzulesen. Und ich habe mich gelangweilt; es sagte mir nichts mehr. Das hatte nichts mit der Übersetzung zu tun, ich habe mir die alte wieder vorgenommen, und sie kam mir völlig belanglos vor. Beim „Idioten“ war das genauso. Daraufhin habe ich es nicht gewagt, auch „Der ewige Ehemann“ wieder in die Hand zu nehmen, das mir von allen das liebste war. Natürlich hatte sich nicht das Buch verändert, sondern ich mich, so als ob ich damals, als ich das Buch las, seine ganze für mich brauchbare Substanz aufgesogen hätte und es nun nicht mehr brauchte. Ich glaube, dass man zu Büchern auch ein zweckorientiertes, ein organisches Verhältnis hat.

Gibt es denn auch Autoren, denen Sie immer treu waren?

Borges. Ich liebe seine Welt, ich liebe seinen Geist, ich liebe seine Gedichte und seine Erzählungen. Er ist kein Schriftsteller, der psychologisiert; er ist letzten Endes nur an Mythen interessiert, von den kleinsten bis hin zu den großen. Er ist ein Gott für mich. Auf der anderen Seite ist da Thomas Bernhard, der für mich wie ein Freund für immer ist. Ich kann irgendeine Seite von ihm aufschlagen, und ich weiß, dass ich, in heimlichem Einverständnis mit seiner Böswilligkeit, seinen Übertreibungen, seinen Obsessionen, immer wieder lachen und ihn aufs Neue für seine Intelligenz bewundern werde.

Gibt es auch Werke, in die Sie nie richtig reingekommen sind?

Proust. Ich habe es durch alle möglichen Türen versucht. Bestimmt zehn meiner Freunde haben mich im Lauf meines Lebens aufgefordert, es noch mal zu versuchen, mal mit dem Anfang zu beginnen, dann mit anderen Stellen von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“...Ich habe es nicht geschafft. Es ist erstaunlich, denn wenn ich Ausschnitte von Proust höre, finde ich ihn fulminant; aber die Kontinuität langweilt mich. Und es gibt auch Bücher – ich wage es kaum zu sagen –, die mein Gehirn nicht versteht, wie wenn es sich einer Algebra-Aufgabe verweigerte. Zum Beispiel Virginia Woolf. Ich verstehe nicht, wovon sie spricht: Ich lese ein paar Seiten, ich weiß nicht, wer wer ist, wo ich bin, um welche Welt es sich handelt...Es bleibt für mich unentzifferbar.

Erinnern Sie sich an die ersten Bücher, die Sie tief beeindruckt haben?

Als ich klein war, las ich, wie damals alle Kinder, Abenteuererzählungen, „Le Club des cinq“, „Le Clan des sept“. Ich las, um mich zu unterhalten. Bei uns wurde sehr spät ein Fernseher angeschafft, und als wir dann einen hatten, stand er im Zimmer der Eltern, die Kinder sahen nicht fern. Ich erinnere mich an das erste Buch „für Große“, das ich gelesen habe, das war „Der große Meaulnes“ von Alain-Fournier, eine Tante hatte es mir zu Weihnachten geschenkt. Ich muss elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein. Und damals hatte ich zum ersten Mal wirklich das Gefühl, zu begreifen, was Literatur sein kann. Das Buch berührte Fundamente, die untergründig und intim waren. Seit dieser Lektüre von „Der große Meaulnes“ gehörte die Literatur zu meinem Leben.

Hatten Sie das Gefühl, von der Literatur etwas lernen zu können?

Sie hat mir nichts beigebracht, oder: sie hat mir alles beigebracht. Ich habe nichts von ihr gelernt in dem Sinne, wie man eine Sprache lernt oder wie ein Geschichtsbuch einen etwas lehren kann: keine Offenbarung, die auf Tatsachen beruht. Aber sie hat mir alles andere bestätigt: die intuitive und vorhersehende Kenntnis des Lebens. Ich bin schneller erwachsen geworden. Durch die Bücher konnte ich die Dinge des Lebens schon früh erproben, große Gefühle, hysterische oder wilde Leidenschaften; ich konnte die menschliche Natur kennenlernen – eine menschliche Natur, die ich nur vage kannte. Meine ersten literarischen Begleiter waren die Russen, und man lernt bei den Russen alles sehr schnell: den Verfall, die Kriminalität, aber auch die Macht, die Böswilligkeit, alle Arten des Exzesses, Gott und den Teufel...Bei Dostojewskij besonders, aber auch bei Tolstoi, Gogol, Turgenjew und ein bisschen später bei Tschechow: die russische Literatur war die Nahrung meiner Jugend.

In welchen Momenten lesen Sie am liebsten?

Ich kann nicht einschlafen, wenn ich nicht vorher gelesen habe. Ich habe das immer so gemacht, mein ganzes Leben lang: egal unter welchen Umständen, und sogar in den außergewöhnlichsten Situationen, ich habe immer im Bett gelesen, wenn ich schlafen gegangen bin. Das unterbricht für mich die Wirklichkeit. Ich lese, wenn ich reise: im Zug, im Flugzeug, ich halte mich glücklicherweise in Transitzonen auf, in denen Lesen möglich ist. Tagsüber, wenn ich andere Dinge zu tun habe, fällt es mir schwer zu sagen: „Komm, nimm dir eine Stunde Zeit zum Lesen.“

Was für ein Typ Leserin sind Sie?

Ich lese alles. Das geht von der Autobiographie von Anjelica Huston bis hin zu Cioran. Und auch Krimis. Ich lese sehr langsam. Man sagt mir, dass ich einen lebhaften Geist habe, und ich habe stets ein hohes Sprechtempo; aber ich lese sehr langsam und nicht, weil ich es so will: Mein Gehirn liest langsam. Das war schon immer der Fall. Und bis vor kurzem konnte ich nicht zwei Bücher auf einmal lesen, und es war mir auch beinahe unmöglich, ein Buch vorzeitig zu beenden, selbst wenn ich es nicht mochte – oder vielmehr: besonders wenn ich es nicht mochte. Ich befürchtete, etwas zu verpassen, hatte aber auch das Gefühl, es zu verraten, nicht genug Respekt für den Autor zu empfinden, ob er nun tot oder lebendig war.

Und diese Angst haben Sie jetzt nicht mehr?

Eines schönen Tages wurde mir klar, dass es völlig blödsinnig und einfach Zeitverschwendung ist. Meine Erfahrung hatte bewiesen, dass es zu keiner Epiphanie kam, weil ich mich gezwungen hatte, ein Buch bis zum Ende zu lesen. Ich sehe das übrigens nicht unbedingt als Fortschritt, sondern vielleicht eher als moralischen Rückschritt: wie einen kategorischen Imperativ, den ich aufgestellt und, als ich größer wurde, fallengelassen habe.

In allem, was Sie sagen, lässt sich eine persönliche und sehr direkte Beziehung zu den Autoren der Bücher erkennen, die Sie lesen.

Ja. Wenn ich ein Buch lese, interessiert mich daran nicht so sehr die Literatur selbst, sondern der Autor dahinter. Wer konnte so etwas schreiben? Welche Seele konnte es hervorbringen? Ein Buch, das diese Art von Fragen bei mir nicht auslöst, ist für mich wertlos.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Lesen Sie viele zeitgenössische Schriftsteller?

Natürlich. Und wenn mir ein Buch unterkommt, das mir wirklich gefällt, bereitet mir das eine sehr große Freude. Es sagt einem ja, dass noch nichts zu Ende ist; dass es noch immer die Möglichkeit gibt, etwas zu entdecken; dass man zu den Ersten gehören kann, die bestimmte Bereiche entschlüsseln.

Bei welchen Büchern war das so?

Spontan würde ich sagen, wenn ich ans Theater denke, bei Botho Strauss’ „Trilogie des Wiedersehens“. Wenn es um Romane geht, würde ich „Ausweitung der Kampfzone“ von Michel Houellebecq sagen oder „Rosie Carpe“ von Marie NDiaye. Es gibt sicher noch andere, die mir jetzt nicht sofort einfallen. Diese Werke waren für mich Entdeckungen. Marie NDiaye hat etwas vollkommen Mysteriöses für mich. Sie schreibt in einer Art, die ich für mein eigenes Schreiben ablehne. Ich misstraue zum Beispiel Adjektiven; wo ich auf eins verzichten kann, tue ich es. Sie dagegen häuft sie an, geht, in ihrer betörenden, süchtig machenden Musik, bis zum Kanon.

In Ihrem Buch „Nirgendwo“ beschreiben Sie anstelle eines Ortes der Herkunft eine Leere. Würden Sie sagen, dass Bücher diese Leere für Sie gefüllt haben?

Es gibt tatsächlich eine literarische Heimat, aber eine sehr großräumige: eher ein Kontinent als ein Land, da ich immer gleich sehr viele verschiedene Dinge unterschiedlicher Herkunft auf einmal geliebt habe: die Russen, die Amerikaner und die Autoren aus Mitteleuropa. Aber abgesehen von den Autoren gibt es auch Konstellationen von Figuren, die mir eine Orientierung gegeben haben, ein menschliches Koordinatensystem. Die Verdichtung der literarischen Figur, ihre bestimmte Zeitlichkeit, gibt ihr, wenn sie überzeugend ist, eine Wirkungsmacht, die die eines realen Menschen weit übersteigt. So wird man geprägt durch das Nebeneinander verschiedener Wesen: Heathcliff, Eugénie Grandet, Ouroz in „Die Steppenreiter“ von Joseph Kessel, Marie in „Marie vom Hafen“ von Simenon, aber auch wirkliche Personen, die Schriftsteller zu ihren Figuren gemacht haben, wie Paul Wittgenstein bei Thomas Bernhard oder Roy Cohn in Tony Kushners „Angels in America“... Ich zitiere jetzt nur einige, weil sie mir gerade einfallen, aber die Liste ist lang; und später wird es mir leidtun, diese genannt zu haben und nicht andere. Mit den Autoren und Büchern ist es genauso: Jedes Zitat ist zum Nachteil eines anderen. Das sind die Umstände, sie sind ungerecht. Und das ist auch der Grund, warum ich mich nicht wohl fühle, wenn ich über die Lektüren meines Lebens spreche.

Aus dem Französischen von Julia Encke.

Von Yasmina Reza ist gerade der Roman „Babylon“ erschienen (Hanser, 224 Seiten, 22 Euro). Sie liest am Freitag, den 13.Oktober um 19.30 Uhr im Schauspiel Frankfurt.

Agathe Novak-Lechevalier ist Professorin für Literaturwissenschaft an der Université Paris X Nanterre. Sie trat auf der Buchmesse am Mittwoch zusammen mit Michel Houellebecq im Schauspiel Frankfurt auf.

Quelle: F.A.S.
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