Der Duft der Bücher: Die Wahrheit im Morgenlicht
Seine Augen waren geschlossen, die Kamera zeigte ihn in Großaufnahme.
Er nahm einen tiefen Zug. Seine Nase rieb über die leicht raue Struktur. Papier und Druckfarbe rochen einzigartig. Dazu das Aroma des Leims, der die Seiten zusammenhielt. Rochen die beiden Seiten unterschiedlich? Ja, links etwas mehr nach langfaserigem Nadelholz… Fichte vielleicht, ja, ganz sicher… und eine Ahnung von Tanne. Rechts hingegen war mehr Tiefe. Hinzu kam ein Hauch von Harz… Pflanzenöl, kaum wahrnehmbar… das war die Druckfarbe… hier mussten mehr Buchstaben sein.
Aus den Augenwinkeln heraus sah er, dass er recht hatte: die linke Seite war fast leer. Rechts oben begann der Text.
Es gruben sich Lachfältchen ein. Seine Mundwinkel gingen nach oben. Natürlich hatte er recht. Wie immer.
Er nahm einen weiteren, noch tieferen Zug. Es war wieder soweit.
PENG!
Mit einer einzigen Handbewegung knallte er das Buch zu. Seine stahlblauen Augen blickten in die Kamera. Überall wurde der Atem angehalten. Dann kam das Urteil:
„Talent riecht anders.“
* * *
Soltau, Lüneburger Heide, Hauptbahnhof, Freitag, 13. Oktober, ganz früh morgens
Dieser Gernegroß!
Dieser Giftzwerg!
So ein unwürdiger kleiner Wurm!
Merde!!!
Gérard de Boucher zerknüllte das Zeitungsblatt wie im Blutrausch, drückte es so fest zusammen, dass nur noch eine winzige Kugel übrigblieb. Er funkelte sie eine Weile gefährlich an und riss sie wieder auseinander. Fixierte das zerknitterte Stück Papier, als wolle er es Kraft seiner Pupillen in Brand setzen.
Die Menschen drehten sich zu ihm um und musterten ihn irritiert. Gérard de Boucher merkte es nicht. Er warf das Stück Papier zu Boden und trampelte darauf herum. Als hätte er vor, es in den Asphalt zu stampfen.
Was bildete sich dieser Wicht von einem Kritiker ein, ein derart dreistes Urteil über seinen Roman zu fällen? Ach was, Roman, es handelte sich um ein Meisterwerk!
So lautete nicht nur seine eigene Einschätzung, sondern auch die seines Verlegers, der das Debutwerk nach der Zahlung einer unbedeutenden fünfstelligen Summe veröffentlicht hatte.
Auch wenn die Verkaufszahlen noch sehr zu wünschen übrigließen: Dieser Mann verstand wenigstens was vom Buchgeschäft!
Im Gegensatz zu diesem Kretin Gregor Ludwig, der garantiert nichts anderes als erotische Schundheftchen auf der Toilette las, damit seine Frau – bestimmt eine Furie mit rotgefärbten Haaren und fünf Katzen – nichts davon mitbekam!
Gérard de Boucher schnaubte. Ein verletzter Stier in der spanischen Arena war die Ruhe selbst im Vergleich zu ihm in seinem momentanen Zustand.
Muse, Gefühle, Herzblut, alles gut und schön. Aber wer sich zu einer echten Schriftstellergröße aufschwingen wollte, bei dem musste alles andere auch stimmen. Reiseschreibmaschine, grauer Vollbart, Safarihemd, alter Whisky und Zigarren als Grundnahrungsmittel. Und auch mal einen Gin, wenn man sich genötigt sah, in der Tat mal einen ganzen Satz aus seinem wundervollen Werk zu streichen. Aber das passierte zum Glück höchst selten.
Die Flasche Gin setzte dennoch nie Staub an.
Der Zug rollte ein. Mit Verspätung. Natürlich. Gérard de Boucher schnappte sich seine lederne Reisetasche mit den eingestickten goldfarbenen Initialen GdB, marschierte in sein Abteil wie ein zorniger General und ließ sich schwer auf den Sitz fallen. Seine große Tasche knallte er neben sich. Er trommelte auf der Tischplatte. Raufte sich die eisgrauen Locken. Seine fleischigen Hände sausten im Stakkato herab. Es knackte verräterisch, doch die Platte hielt.
Natürlich hatte er beim Lesen des unverschämten Artikels zur Sendung gleich erkannt, dass dieser Möchtegern-Kritiker ein Problem mit seinem Verlag hatte. Also bitte, wo blieb denn da die viel gepriesene Objektivität? Mochte sein, dass dort auch schon weniger bedeutende Werke herausgebracht worden waren. Aber schließlich fiel ja nicht jeden Tag ein de Boucher vom Literatenhimmel.
„Der ganz alte Mann und die Mär“ – der erste, zutiefst beleidigende Schuss vor den Autorenbug gleich in der Überschrift. Denn niemals könne ein solcher oder ähnlicher Verlag wie der vorliegende, auch nur in die Nähe dessen kommen, was man ansatzweise als Literatur bezeichnen könne. Weiter ging es mit widerlichen Vokabeln wie „selbstverliebtes Geschreibsel eines liebestollen Zausels“, „dilettantische Diarrhöe“ oder „fehlertriefendes Fastdeutsch“. Dann kamen Sprüche wie „nur ein kleiner Sprung vom Pathos zur Pathologie“, „aber auch bei der Erotik entwickelt de Boucher seinen ganz eigenen Stil: erinnert sehr an die Klappentexte von Porno-Videos…“ und „leidenschaftlichere Momente und noch größere Gefühle habe ich nur beim Anfertigen meiner letzten Steuererklärung erlebt“.
Eine Unverschämtheit!
Gab es denn niemanden mehr bei diesen Medien, denen eine ehrliche Besprechung am Herzen lag? In was für einer traurigen Welt lebte er bloß?
„Eine Eloge auf die Liebe, nobelpreisverdächtig erzählt“ – DAS wäre die seinem Roman angemessene Überschrift gewesen.
Es war ja nicht nur so, dass er das schriftstellerische Einmaleins im Schlaf beherrschte. Spiel mit der Sprache, bildhaftes Erzählen, alles Quatsch, die Leser wollten Subjekt, Prädikat, Objekt und klare Worte. Gerne hier und da mit einer schnörkelhaften Formulierung versehen, solange die nicht vom Inhalt ablenkte.
Eine wundervolle Frau behängte man ja auch nicht über und über mit teuren Fetzen und Klunkern, nein, man ließ ihre natürliche Schönheit strahlen, half bestenfalls an einigen, nicht ganz perfekten Stellen dezent nach. Eine Schreckschraube hingegen blieb eine Schreckschraube. Ganz gleich, in was man sie hüllte.
Gérard de Boucher blickte zu der Frau im unscheinbaren Kleid und mit einem billigen Koffer, die sich anschickte, sein Abteil zu betreten. Er starrte sie böse an. Die Frau zog die Tür zum Abteil schnell wieder zu. Er nickte. Entschlossen.
Diese Schmach würde er nicht ungesühnt lassen. Die Tage des Herrn Möchtegern-Kritikers, an denen er seine Gülle über kostbare Bücherschätze wie den seinen ausschüttete, waren gezählt.
Allein um Amélies Willen. Seine große Liebe und die Hauptfigur in seinem zukünftigen Bestseller. Bevor er ihr begegnete, hatte er nicht an die Existenz von Engeln geglaubt. Nun wusste er, wie falsch dies gewesen war.
De Boucher schloss die Augen, er atmete genüsslich ein, sein Herz wummerte und in seinen Lenden machte sich ein Frühlingsgefühl breit. Exakt so hatte er es in seinem Weltklasseroman ausgedrückt.
Amélie, das zarteste Wesen, zarter als die Cremefüllung seiner Nachtschokolade.
Amélie, die Frau mit einem Teint, so weiß wie die frisch geschlagene Sahne auf seinen Erdbeertörtchen.
Konnte man es lyrischer sagen?
Gérard de Boucher schüttelte seinen massigen Schädel. Er hatte die richtigen Worte gefunden, weil er wusste, dass Liebe durch den Magen ging. Nicht seine Schuld, wenn die rothaarige Furie des Möchtegern-Kritikers lieber Dinkelkekse buk, statt ihrem Mann ein richtiges Steak in Pfanne zu hauen und so dessen Sinne für das Wahre und Schöne im Leben verkümmern ließ.
Solche Leute gehörten nicht an die Tastatur. Oh nein! Und dieses Getue mit dem Nase-im-Buch, bevor es losging. Was für eine abgeschmackte Masche. Aber auch perfekt für seine Idee…
De Boucher grinste vielsagend, nahm seine Reisetasche auf den Schoß und tätschelte sie. Solche Leute gehörten aus der Literaturwelt getilgt, wie wucherndes Unkraut aus dem Blumenbeet.
Und er, Gérard de Boucher, würde das Vernichtungsmittel sprühen.