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15.10.2011
Zum Abschluss der Buchmesse

Hossai! Hossai!

Von Volker Weidermann
Kritiker-Empfang des Suhrkamp Verlages - Auch im zweiten Jahr nach dem Umzug des Verlages nach Berlin feiert man zur Buchmesse im gewohnten Ambiente der Unseld-Villa in Frankfurt
Foto: Röth, Frank

Wir waren eine Gruppe von fünfundzwanzig internationalen Tolstoi-Forschern. Wenn wir nicht gerade Vorträge über ihn hörten, liefen wir durch Tolstois Haus und Garten, saßen auf Tolstois Lieblingsbank, bewunderten Tolstois Bienenstöcke, bestaunten Tolstois Lieblingshütte und mieden die verkommenen Nachfahren von Tolstois Lieblingsgänsen: Eins dieser verwilderten Biester hatte einen Kultursemiotiker gebissen.“

So heißt es in dem sehr bewundernswerten Buch der Amerikanerin Elif Batuman über russische Literatur. Es heißt „Die Besessenen“ und ist die Lebens-, Liebes- und literaturwissenschaftliche Forschungsgeschichte einer besessenen Leserin und ihrer Freunde. Wie sie mit Büchern lebt, wie sie die liest, welche neuen Erkenntnisse sie daraus gewinnt, was das mit ihr zu tun hat und mit uns und mit unserer Gegenwart. Das Buch ist genial und klug und gut gelaunt, ein Roman über Romane - klingt wie überflüssiger Unsinn, erschließt aber eine ganze literarische Welt und Epoche.

„Ich hasse es!“

Batumans Buch ist wie eine kleine Buchmesse für unterwegs. Es kommen jede Menge Leute aus aller Welt zusammen, besessen von Büchern, reden darüber, trinken, lachen, forschen, langweilen sich und haben großen Spaß. Die Buchmesse. Jedes Jahr im Herbst in Frankfurt. „Hallo Elif Batuman“, sage ich, wir schütteln uns die Hände, sie trägt jede Menge silberne Ketten um den Hals. Ihr Schweizer Verlag Kein und Aber, bei dem ihr Buch gerade auf Deutsch erschienen ist, hat am Rande seines Buchmessestandes zwei weiße Sessel aufgestellt, zwischen uns eine Zimmerpalme. Ein kleines Wartezimmer neben vorbeirauschender Menschenmenge. Wie sie die Messe findet, so bislang? Mit all den Lesern, den Besessenen? Sie schaut zur Seite, schweigt kurz und sagt dann leise: „Ich hasse es!“ Es sei alles so grauenvoll, all die Interviews, die Leute, das Fotografiert-Werden. Das Grauen, das Grauen. Gerade war sie mit einem italienischen Fotografen unterwegs, der sie zwanzig Minuten lang begeistert fotografierte und dann feststellte, dass er die ganze Zeit eine Schutzkappe vor der Linse hatte. Ihr reicht es. Mit den sogenannten Buchmessepartys der Verlage am Abend könne man sie jagen. Buchmesse und Batuman - das ist eher so eine theoretische Freundschaft.

Schade - denn sie, die in Flipflops bei der Tolstoi-Tagung auf seinem Landgut Jasnaja Poljana, Tolstois Mörder suchend, durch die Gänge geschlappt war, hätte auch hier in Frankfurt ihre Freunde haben können. Wie sie da alle standen, die ewigen Kritiker beim ewigen Suhrkamp-Empfang in der Klettenbergstraße am Mittwoch und der schwer verständlichen, auf Englisch vorgetragenen Rede des chinesischen Schriftstellers Bei Ling lauschten, der immer wieder emphatisch den Dichternamen „Hossai! Hossai!“ ins Mikrofon rief, welcher der Grund gewesen sei, wieso er unbedingt bei Suhrkamp veröffentlichen wollte. Und als er nach einer ganzen Weile endlich den Titel des von ihm begeistert gelesenen Werkes dieses Hossai, nämlich „Unterm Rad“, erwähnte, ging ein verständnisvolles Aufatmen durch die alte Unseld-Villa: Aaah - Hermann Hossai aus Calw war gemeint. Ja, dessen Werke stehen hier allerdings immer noch in den Regalen.

Begeisterte Feier der totalen Kommunikation

Das alte Haus wirkt jedes Jahr mehr so, als ob hier am Ende der Empfänge die Rollläden heruntergelassen werden und die Kritiker und Schriftsteller daraufhin in Dunkelheit in einen einjährigen Dämmerschlaf verfallen, um ein Jahr später an derselben Stelle dieselben Gespräche wiederaufzunehmen. Ist das noch Ritual oder schon Geistertanz? Die Liste der von der Verlegerin weihevoll vorgetragenen anwesenden Suhrkamp-Autoren enthält selbst für die Buchmarktexperten vor Ort zur Hälfte nie gehörte Namen. Nur der Kritiker Tilman Krause und der Dichter Albert Ostermaier machen glücklich leuchtend den Eindruck, als seien sie hier immer noch am herrlichsten Ort der Welt. Ein Schweizer Journalist beschwert sich, dass er Wein trinken muss, weil das Wasser schon ausgegangen sei, draußen wird ein Baum mit einer Motorsäge gefällt, und das Mikrofon funktioniert auch nach hundertjähriger Probephase noch nicht richtig. Suhrkamp gibt Halt in einer schwankenden Welt.

Tagsüber auf dem sonnig erleuchteten Messegelände ist es in diesem Jahr sonderbar leer. Wo sind all die Besucher hin? Hat sich Elif Batumans schlechte Laue auf die ganze Messe gelegt? Und wieso hat Audi hier ein weißes Raumschiff im Zentrum der Messe abgeworfen, wo einst das hölzerne Zirkuslesezelt stand? In diesem weißen Zukunftshaus hat man ausgerechnet die Antiquariatsstände untergebracht, was einen eigentlich ganz schönen irritierenden Vergangenheitsschrecken auslöst. Bei den Antiquaren steht die Zeit wundersam still. Zwischen ihren Ständen leuchtet ein weißer Audi Front 225 Roadster. Und im Zentrum der Audi-Halle ist eine Installation aufgebaut, die sich „Murmur-Study“ nennt: Von der Decke gleiten hier Hunderte kleiner weißer Zettel langsam auf den Boden, und auf jedem Zettel reihen sich kurze Twitter-Kommentare angemeldeter Kunstteilnehmer aneinander. Eine Installation des unendlichen Geredes im Netz. Vermutlich ist es als begeisterte Feier der totalen Kommunikation gedacht, es wirkt wie die Demonstration eines unendlichen Aneinandervorbeiredens in der Ewigkeit.

Eine traumhafte lebendige Bücheratmosphäre

Draußen möchten zwei Kollegen von der „Welt“ wissen, wo man hier die beste Wurst essen könne. Und der bärtige „Dummy“-Herausgeber Oliver Gehrs hat zu Hause eine Liste mit Druckfehlern in Neuerscheinungen aus deutschen Verlagen vorbereitet und geht von Stand zu Stand, um die Verlagsvertreter in den ausliegenden Werken auf die entsprechenden Stellen aufmerksam zu machen. Auf die Frage, ob das jetzt seine lustige Zeitschriftenidee für diese Messe sei, gibt er erbost zurück, die Sache sei ernst und skandalös und überhaupt keine Idee, sondern eine Schweinerei, und er gehe jetzt sofort zu DuMont, denn der erste Fehler im neuen Buch von Jan Brandt sei schon auf Seite 30, und „schon“ schreibe man eben mit „sch“ und nicht mit „sh“, das werde er den Anwesenden jetzt mitteilen und mal sehen, was die dazu sagen.

Jan Brandt selbst steht am Abend im leuchtend roten Hemd im Haus Joachim Unselds, des Verlegers der Frankfurter Verlagsanstalt, und wird von diesem für den knapp entgangenen Buchpreis per Mikrofon getröstet. Es sei ja sein erstes Buch gewesen, der Buchpreis komme mit Sicherheit noch zu ihm. Dann liest die junge, aus Georgien stammende Schriftstellerin Nino Haratischwili aus ihrem schönen neuen Buch „Mein sanfter Zwilling“, Hannelore Elsner sitzt in der ersten Reihe und lauscht andächtig. Es ist eine traumhafte lebendige Bücheratmosphäre. Sascha Lobo und der dtv-Verleger Wolfgang Balk streiten sich stundenlang über die Zukunft des Buches und die Gegenwart. Balk versucht Lobo beharrlich davon zu überzeugen, dass ein Buch eben ein gebundenes Ding mit Seiten aus Papier sei und ein E-Book kein Buch, sondern ein Text in einem iPhone oder irgendeinem Lesegerät. Lobo lässt sich nicht überzeugen: Er glaube, mit Platon, an „die Idee Buch“ unabhängig von seiner Gestalt. Die Gestalt verändere sich, müsse sich auch verändern, aber die Idee des Buches bleibe bestehen. Da sei er Romantiker.

Die beiden verstricken sich immer tiefer in ihren Widersprüchen, Hannelore Elsner ist längst auf die Terrasse gegangen und raucht und raucht, man sieht sie wie durch ein Aquariumsfenster glücklich rauchen und reden. Balk hat inzwischen zwei schwere Holzstühle aufeinandergestapelt, und eine Kerze, die aus dem Wort „love“ geformt ist, hat er obendrauf gestellt. Die beiden streiten inzwischen über die Frage, was ein Kunstwerk ist und woran man es erkennt. Ich habe da kurz den Faden verloren und irgendwie verpasst, wer jetzt wem mit diesen Liebesstapelstühlen was beweisen wollte. Aber da kommt auch schon neuer Rotwein, ein sehr bunt gekleideter Kritiker erklärt, er werde sich ab sofort intensiv mit dem Thema Uhren beschäftigen, Bodo Kirchhoff erzählt von seinen Schreibkursen am Gardasee, der Kritiker in den bunten Kleidern sagt, dass man sich modisch einfach immer weiter entwickeln müsse, und als ich Wolfgang Herles frage, wann seine nächste Büchersendung komme, sagt er: „In einer halben Stunde, aber Sie brauchen deswegen nicht gleich nach Hause gehen.“ Ich weiß nicht, wenn man diesen ganzen Buchmessebetrieb auf eine Tolstoi-Tagung nach Jasnaja Poljana schickte, könnte das auch sehr lustig werden. Und vielleicht wäre Elif Batuman dann auch wieder dabei.

Elif Batuman, kurz bevor die schlechte Laune kamElif Batuman, kurz bevor die schlechte Laune kam
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: Röth, Frank