1959 in der Literatur

Das wunderbare Jahr

Von Volker Weidermann
 - 17:09

Es war das Jahr, in dem die Bundesrepublik Deutschland ästhetisch „das Klassenziel der Weltkultur erreichte“, so hat es Hans Magnus Enzensberger zehn Jahre später beschrieben, das Jahr, in dem dieses Land „wenigstens ästhetisch auf der Höhe der Zeit“ angekommen war. Vierzehn Jahre waren nach dem Ende des Krieges vergangen. Vierzehn Jahre lag die Niederlage jenes Deutschlands zurück, das die Bücher seiner besten Autoren verbrannt hatte, die Bücher aus den Bibliotheken warf und die Autoren mit KZ, Folter und dem Tod bedrohte. Nur wenige hatten die zwölf Jahre Nazi-Herrschaft überlebt. Die Wenigen, die zurückkehren wollten, waren auch im neuen Deutschland (West) nicht willkommen.

Wie lange dauert es, bis ein Land, bis die Literatur eines Landes, sich von einem solchen totalen Schnitt erholt und wieder anzuknüpfen vermag an frühere Zeiten, an Zeiten, in denen die Schriftsteller eines Landes ganz selbstverständlich an die Traditionen, die Erfahrungen, das literarische Selbstverständnis der vorherigen Generationen anknüpfen, sei es in Abgrenzung oder Nachfolge?

Herausragender Romanjahrgang

Nur vierzehn Jahre? Was war das für ein Jahr, in dem das neue Selbstbewusstsein der neuen Republik sich ästhetisch so selbstbewusst präsentierte? Denn es war nicht nur Enzensberger, der mit einigem Abstand dieses Jahr als einen ersten literarischen Höhepunkt bezeichnete, auch in der Germanistik gilt dieses Jahr inzwischen als ein herausragender Romanjahrgang, Hauptseminare tragen heute den klassischen Titel „Das Jahr 1959“.

Es ist auf den ersten Blick natürlich vor allem das Jahr der „Blechtrommel“, das Jahr, in dem der Romanautor Günter Grass die Weltbühne betrat. Was für ein Buch! Man vergisst das ja leicht nach all den Jahren, nach fünfzig Jahren mit Günter Grass, nach all den Romanen, die der „Blechtrommel“ folgten und die von Buch zu Buch an Kraft verlieren wie ein immer wieder neu aufgebrühter Kaffee, während wir alle seine neuen Bücher verfolgen wie andere eine neue Folge der „Lindenstraße“, einfach weil er dem deutschen Buchbetrieb als Präsident vorsteht. Da muss man eben wissen, was es so Neues gibt, aus seiner Welt.

Trauer der Überlebenden

Aber damals: Lesen Sie mal wieder die „Blechtrommel“! Ja, es schreckt auch heute noch die ganze Miefigkeit des Milieus, das Grass beschreibt, ein wenig ab. Das kann man ihm natürlich nicht vorwerfen, weil es ja der Mief ist, den er beschreiben will, der Mief, aus dem die Nazis kamen. Aber die erzählerische Kraft dieses Buchs, das Selbstbewusstsein des Erzählers, der gleich zu Beginn alle modernen Einwände gegen die Form des Romans entschlossen verwirft und seine Geschichte des Protesttrommlers Oskar gegen alle denkbaren Einwände erzählt, liest sich heute noch: modern. Grass knüpfte zugleich an längst vergangene Traditionen des Barocks an und berief sich zugleich auch auf den modernen, jüdischen Erzähler Alfred Döblin. Auch dieser war ja nach zwölf Jahren Exil voller Hoffnung zurückgekehrt und hatte in größter Verzweiflung kurz darauf sein Heimatland ein zweites Mal verlassen.

Es gab nicht viele, die sich seine Schüler nannten. Viele jüdische Dichter, die die Erfahrungen des Exils und des Holocausts teilten, suchten nicht die Nähe zur Gruppe 47, und die Gruppe bemühte sich nicht um sie. Nelly Sachs, Hilde Domin, Paul Celan und andere. Wenn man heute ihre Gedichte aus dem Jahr 1959 liest, ist die Ferne zu jeder Gruppe-47-haftigkeit auch überdeutlich. Celan, der für seinen Vortrag der „Todesfuge“ bei der Gruppe 47 ausgelacht worden war und nie wieder kam, schrieb sein Gedicht „Sprachgitter“ mit den Zeilen „Iris, Schwimmerin, traumlos und trüb : / der Himmel, herzgrau, muß nah sein“. Günter Grass spricht auch heute noch, wenn er zu Celan und der Gruppe 47 befragt wird, gern von der „Dichterpriesterhaftigkeit“ Celans, die eben nicht dazu gepasst hätte. Das stimmt wohl. Man kann das „Priesterliche“ aber auch einfach die untröstliche Traurigkeit eines Überlebenden nennen. Wie Nelly Sachs, 1959: „Wer zuletzt / hier stirbt / wird das Samenkorn der Sonne / zwischen seinen Lippen tragen / wird die Nacht gewittern / in der Verwesung Todeskampf.“

Einsamkeit des Exils

Und Hilde Domin, die Dichterin der Rückkehr, schrieb im selben Jahr in ihrer neuen Heimat Heidelberg: „Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt. / Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein. / Meine Hand / greift nach einem Halt und findet / nur eine Rose als Stütze.“

Es ist eine sonderbare Zeit, eine Zwischenzeit, dieses Jahr 1959. Der alte Dichter und Dichterfreund Hermann Kesten lebt noch und schreibt. Wenige Jahre zuvor hatte er sich mit Heinrich Böll, ausgerechnet mit Böll, einen Disput über die jüngste deutsche Literatur geliefert, dessen Generation Kesten vorwarf, erlebnisarme Bürschchenliteratur zu schreiben und sich nicht für die großen Exilautoren zu interessieren. Böll hatte das scharf zurückgewiesen (und sich am Lebensende sehr für diese „Jugendsünde“ geschämt). Kesten veröffentlichte 1959 sein Freundeserinnerungsbuch „Dichter im Café“. Es ist wie ein Buch aus einem anderen Zeitalter. „Das Exil macht einsam und tötet“, schreibt er.

Drei auf Weltniveau

Von Böll erscheint in diesem Jahr sein Roman „Billard um halb zehn“. Es ist ein Generationenbuch über deutsche Schuld und deutsche Geschichte. Die Konstruktion des Ganzen knarrt und ächzt allerdings sehr, wenn man das heute wiederliest. Eine Abtei wird gebaut, in der Nazi-Zeit zerstört und nach dem Krieg wieder aufgebaut. Erbauer, Zerstörer und Wiedererrichter sind Großvater, Vater und Enkel einer Architektenfamilie. Die Geschichte kulminiert an einem einzigen Tag, dem 6. September 1958, der Enkel entdeckt die Kreidestriche des Vaters an der Abtei, wo dieser die Sprengung ansetzen ließ.

Ein Freund des Enkels kehrt am selben Tag aus dem Exil zurück und muss feststellen, dass er immer noch als Verbrecher gesucht wird, während die alten Nazis wieder in Amt und Würden sind, und die Mutter, die einzig Entschlossene in dieser schuldverstrickten Familie, greift zur Waffe, um einen Altfaschisten zu erschießen, erschießt allerdings den Falschen. In seinen kurzen Erzählungen ist Böll wesentlich stärker als in diesem Strickmuster-Roman der Schuld. Aber wann immer vom deutschen Romanjahrgang 1959 gesprochen wird, ist „Billard um halb zehn“ einer der drei, die das neue Weltniveau belegen sollen.

Dichter der beiden Deutschland

Der dritte Roman ist Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“. Dieses Buch zu drucken, war eine der ersten Amtshandlungen eines Verlegers, der die nächsten Jahrzehnte des bundesrepublikanischen Geisteslebens prägen sollte wie kein zweiter und in diesem Jahr 1959 sein neues Amt antrat: Siegfried Unseld. Peter Suhrkamp war am 31. März gestorben, und Johnson war gleich eine unglaubliche Entdeckung in Unselds Programm. Den Dichter der beiden Deutschland hat man ihn sofort genannt. Johnson hat das immer gehasst. Der Mecklenburger pendelte eine Weile zwischen den Welten, doch sein Buch konnte nur im Westen erscheinen.

Die „Mutmaßungen“ sind ein Kriminalroman, eine Suche nach der Todesursache des Streckendispatchers Jakob Abs. War es ein Unfall? Mord? Selbstmord? Der Zweifel an einer natürlichen Todesursache steht am Anfang des Romans: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ Ein Roman der Mutmaßungen über den Tod eines Mannes, der im Westen fremd und im Osten nicht mehr heimisch war. Ja, ein Roman über die zweigeteilte deutsche Wirklichkeit. Aber vor allem über eine Suche nach der Wahrheit. Aus den unterschiedlichsten Wahrheitsperspektiven erzählt. Johnson hasste Festlegungen, vor allem politische. An meine „Freunde und Feinde auf der linken Seite“ hat er einmal geschrieben: „Ein Roman ist keine revolutionäre Waffe.“

Jüngers Geistesgegenwart

Das sahen 1959 nicht alle so. Enzensberger trug auf dem Treffen der Gruppe 47 im Schloss Elmau mit „Schaum“ eines seiner kämpferischsten (und besten) Gedichte vor: „ich bin geblendet geboren, schaum in den augen / brüllend vor wehmut, ohne den himmel zu sehen, / am schwarzen freitag, heute vor dreißig jahren“. Und Ingeborg Bachmann hielt ihre berühmte Rede „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.

Und dann war da noch dieser andere, der Mann aus dem Krieg, der andere Außenseiter, Ernst Jünger. Er veröffentlichte 1959 ein ganz und gar anderes Buch, den Essay „An der Zeitmauer“, ein Buch der fröhlichen Apokalypse. Hermann Hesse schrieb eine begeisterte Besprechung. Auch der alte Steppenwolf sah die Welt damals am Abgrund. Doch er übersah dabei das optimistische Ende des Buchs. Und man muss schon sagen, was Jünger vor fünfzig Jahren über Umweltzerstörung, Gentechnik und Genmanipulation, Bevölkerungsexplosion, Ressourcenverschwendung und Atomtechnik schreibt, liest sich zum Teil wie aus unserer Gegenwart.

Und obgleich Jünger überall Zeichen des Untergangs erkennt, endet das Buch doch pathetisch hoffnungsvoll: „Wenn wir uns selbst nicht aufgeben, so wird auch unsere Mutter, die Erde, uns nicht im Stich lassen.“ Ein Jahr zuvor war der Autor der „Stahlgewitter“ noch ganz entsetzt von einer Amerikareise zurückgekehrt. Er hatte dort die Zukunft gesehen, die Neue Welt, „eine Welt, die den Tod und die Liebe nicht kennt“. Aus dieser Bestürzung kämpfte er sich in der „Zeitmauer“ heraus, zu einem entschlossenen Optimismus.

Die Bücher, die damals aus Amerika kamen, waren dafür gänzlich unoptimistisch. Im Jahr 1959 erschien auf Deutsch zunächst fast unbemerkt Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“, und auch Jack Kerouacs „On the Road“ kam unter dem Titel „Unterwegs“ in deutsche Buchläden. In Paris setzte William S. Burroughs die letzten Schnipsel seines gewaltvollen Drogenbuchs „Naked Lunch“ zusammen. Und in New York erschienen die ersten Erzählbände zweier junger, unbekannter Neulinge: John Updike und Philip Roth.

Ein Literaturjahr wie 1959 kann es wohl nicht allzu oft geben. So langsam wären wir aber wieder so weit.

Quelle: F.A.S.
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