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Anne Frank

Sieh mich nicht als Vierzehnjährige

Von Alexander Jürgs
 - 14:41
Briefeschreiberin Anne Frank, 1941 Bild: AP, F.A.Z., 03.08.2006, Nr. 178 / Seite 33

„Laß mich einfach in Ruhe, wenn du nicht willst, daß ich für immer das Vertrauen in dich verliere", schreibt eine erboste Tochter an den Vater, der sich in ihr Liebesleben eingemischt hat. „Ich will meinen eigenen Weg gehen, dem Weg folgen, der mir richtig erscheint. Sieh mich nicht als 14jährige, denn all die Sorgen haben mich älter gemacht. Ich werde mein Verhalten nicht bereuen." Die wütende Tochter, die diese Zeilen im Mai 1944 verfaßt, ist Anne Frank. Seit beinahe zwei Jahren lebt sie mit ihrer Familie in dem Versteck im Hinterhaus der Firma Opekta in der Prinsengracht 163 in Amsterdam.

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Diesen Brief, in dem sie ihrem Vater die Liebe zu dem ebenfalls im Versteck lebenden Peter van Pels gesteht und erklärt, zitiert Anne Frank auch in ihrem berühmten Tagebuch. Dort allerdings fällt ihre Wortwahl weniger drastisch aus als im Original. Und dort, im Eintrag vom 7. Mai 1944, steht auch, daß Otto Frank beschlossen hat, den Brief im Ofen zu verbrennen. Doch das hat er nie getan - und darum können die empörten Zeilen der Anne Frank, die Kurator Wouter van der Sluis „eine Unabhängigkeitserklärung" nennt, heute im Zentrum einer bemerkenswerten Ausstellung stehen, die zwanzig bislang unpublizierte und größtenteils noch nie öffentlich gezeigte Postkarten und Briefe aus der Feder des jüdischen Mädchens zeigt.

Erinnerungen an eine unbekümmerte Kindheit

Wer den Ausstellungsraum im Amsterdams Historisch Museum betritt, erblickt, aufgezogen auf die Rückseiten der Vitrinen, eine großformatige fotografische Ansicht des Wohnblocks im Merweideplein. Dieser Wohnblock steht für das andere Amsterdam der Franks. Hier lebte die Familie nach der Flucht aus Frankfurt gemeinsam mit vielen anderen jüdischen Emigranten von Februar 1934 bis zum Juli 1942, als sie ihr Versteck in der Prinsengracht bezog. „Anne Frank - haar leven in brieven" erzählt von diesen ersten Jahren der Anne Frank in den Niederlanden und zeichnet das Bild einer trotz allen Umständen weitgehend unbekümmerten Kindheit. Den Eltern Frank ist es lange gelungen, ihre Töchter Margot und Anne von den Nachrichten aus Deutschland abzuschirmen.

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Auf Fotos sieht man Anne und ihre Freundinnen: lachend, Arm in Arm, eine vergnügte Mädchenbande. Alltagsgegenstände machen die Kindheit des Mädchens lebendig. Mit Perlenketten hat sie in der Montessorischule rechnen gelernt, in die Poesiealben ihrer Schulkameradinnen schrieb sie Gedichte und klebte Rosenbilder. Anne schreibt von Familienausflügen, von der Freude am Eislaufen und sendet „Küsschen" an die Großmutter und Cousins, die in die Schweiz emigriert waren.

Schweres Leben unter der Besatzung

Ihrem Cousin Buddy Elias und dem Anne Frank-Fonds in Basel ist es zu verdanken, daß diese Briefe, die in das fragile Glück der Franks Einblick geben, jetzt öffentlich gezeigt werden. Ausgestellt sind auch Bücher aus der Reihe „Joop ter Heul" der Jugendbuchautorin Cissy van Marxveldt, die Anne Frank gemeinsam mit ihrer Freundin Jacqueline van Maarsen verschlungen hat. An Kitty, eine Figur aus diesen damals ausgesprochen populären Geschichten, soll sie später die Briefe in ihrem Tagebuch richten.

Mit der Invasion der deutschen Armee im Jahr 1940 kehrt der eliminatorische Antisemitismus in das Leben der Franks zurück. Die judenfeindlichen Bestimmungen der Besatzer machen das Leben von Tag zu Tag schwerer. Anne schreibt im Juni 1941 an die Verwandten in der Schweiz: „Ich habe keine große Chance, einen Sonnenbrand zu bekommen, weil wir nicht ins Schwimmbad dürfen. Es ist eine Schande, aber ich kann nichts daran ändern." Wenig mehr als ein Jahr später erhält die Familie die Mitteilung, daß sich Margot der Deportation stellen soll - und flüchtet ins Versteck. Über das grauenhafte Dasein im Hinterhausversteck hat die Welt aus dem Tagebuch des Mädchens, das im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus starb, erfahren. In der Ausstellung in Amsterdam läßt sich nun das Leben entdecken, das Anne Frank schon vor ihrem Tod verloren hat.

Bis zum 3. September, Der Katalog in englischer oder niederländischer Sprache kostet 7,95 Euro.

Quelle: F.A.Z., 03.08.2006, Nr. 178 / Seite 33
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