Anzeige

Anne Franks Tagebücher

Hat der Vater Rechte als Koautor?

Von Melissa Müller
 - 20:51
Das Tagebuch Anne Franks verkaufte sich bisher über dreißig Millionen mal. Bild: dpa, F.A.Z.

„Anne Franks Tagebuch ist eine Fälschung. Den Betrug hat Otto Frank begangen.“ Das hat Robert Faurisson verbreitet. Der Franzose ist Literaturwissenschaftler und einer der bekanntesten Holocaustleugner. Gaskammern habe es nie gegeben. „Otto Frank ist Koautor von Anne Franks Tagebuch.“ Das verbreitet neuerdings der Anne Frank Fonds. Die Baseler Stiftung ist, 1963 von Anne Franks Vater Otto als Non-profit-Organisation gegründet, dessen Universalerbe.

Anzeige

Otto Frank überlebte Auschwitz, seine Frau Edith und seine Töchter Margot und Anne starben in Konzentrationslagern. Die Familie war im Juli 1942 im Hinterhaus von Otto Franks Firma in Amsterdam untergetaucht und hatte sich dort zwei Jahre lang versteckt gehalten, bis sie verraten und deportiert wurde. Annes im Versteck verfasste Tagebücher, die Otto Frank 1945 bei seiner Rückkehr nach Amsterdam vorfand, gaben seinem Leben wieder Sinn. Die jüngere seiner beiden Töchter hatte eine erste, spontane Tagebuchfassung (A) und - offenbar mit Blick auf eine spätere Veröffentlichung - eine unvollendet überarbeitete Fassung (B) hinterlassen. Unter dem von Anne selbst geprägten Titel „Das Hinterhaus“ stellte Otto Frank nach seinem Gutdünken und mit Hilfe des befreundeten Journalisten Ab Cauvern eine Buchhandelsausgabe zusammen, die erstmals 1947 in den Niederlanden erschien (Fassung C).

Die Welterfolgsgeschichte des „Hinterhauses“ als Buch, Theaterstück und Film ist hinreichend bekannt. Von Anfang an war sie jedoch überschattet von Angriffen auf die Authentizität des Werks. Schon in den fünfziger Jahren wurde Otto Frank öffentlich beschuldigt, es handele sich um eine Fiktion, womöglich aus seiner Hand, 1975 bezeichnete David Irving das Tagebuch als Fälschung. Faurisson ist nur einer von vielen; auch heute, siebzig Jahre nach Anne Franks Tod, hetzen Neonazis.

Eigentlich ein alter Hut

Otto Frank wehrte sich stets gegen solche Verleumdungen, immer wieder auch vor Gericht. Tatbestand: Volksverhetzung. „Das Tagebuch meiner Tochter ist von ihr selbst geschrieben“, stellte er in Interviews klar. Im Frühjahr 1980, wenige Monate vor seinem Tod, beauftragte das Landgericht Hamburg im Zuge einer weiteren Verhandlung das Bundeskriminalamt, die Echtheit der Tagebücher zu prüfen. Die Bestätigung kam prompt.

Anzeige

Otto Frank war kein Editionswissenschaftler. Wie er als Herausgeber in das Werk seiner Tochter eingegriffen hat, kann man seit nunmehr dreißig Jahren in einer Studie nachlesen. Sie vergleicht die Tagebuchversionen A und B mit der ursprünglich publizierten Version C und liegt als „vollständige, textkritische, kommentierte Ausgabe“ der Tagebücher vor. Die jüngste Diskussion um Otto Franks Rolle ist also ein alter Hut, wäre da nicht eine Komplikation: Vom 1. Januar 2016 an sind alle Texte von Anne Frank gemeinfrei - nach geltendem Urheberrecht in Deutschland, Frankreich und zahlreichen anderen Ländern jedenfalls.

Selbst Experten bewegen sich nur tastend

Das will der Anne Frank Fonds so nicht akzeptieren. Vor einigen Monaten argumentierte man dort noch, Otto Frank habe das Copyright an der Arbeit seiner Tochter als Herausgeber erworben. Inzwischen sieht man offenbar auch in Basel ein, dass die Edition eines Werkes in aller Regel nur fünfzehn Jahre zu schützen ist und die Schutzfrist für den Urtext selbstverständlich nicht beeinflusst. „Der Urheberrechtsschutz (zugunsten des Herausgebers) bezieht sich nur auf genau den Wortlaut und das Verfahren, das bei der Edition angewandt wurde. Würde nun jemand beispielsweise eine Faksimileedition vorlegen, könnte er das ohne weiteres tun“, erläutert der Heidelberger Editionsphilologe Roland Reuß.

Nun setzte der Fonds also in die Welt, dass Otto Frank am Tagebuch seiner Tochter mitgeschrieben und damit ein Urheberrecht als Koautor erworben habe. Ob seine Vorstandmitglieder das selbst glauben? Solange niemand sie gerichtlich in Frage stellt, etwa in Form einer Feststellungsklage, kann der Fonds auf Basis dieser Behauptung weiter agieren, weiter Rechte vergeben, weiter Tantiemen verdienen. Das Urheberrecht ist ein weltweit unterschiedlich geregeltes Paragraphendickicht, in dem sich selbst Experten nur tastend fortbewegen.

Auch die Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam, die das Anne-Frank-Haus betreibt und zusammen mit dem niederländischen Forschungsinstitut Huygens seit fünf Jahren an einer textkritischen Analyse arbeitet, gibt sich zurückhaltend. Direktor Ronald Leopold: „Wir wissen noch nicht, wann unsere Arbeit erscheinen wird.“ So viel weiß er allerdings: „Otto Frank ist nicht Koautor der Tagebücher seiner Tochter.“

 

Melissa Müllers in mehr als zwanzig Sprachen übersetzte Biographie „Das Mädchen Anne Frank“ erschien 2013 in einer vollständig überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe bei Fischer.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAnne FrankAmsterdam

Anzeige