Anna Katharina Hahn

Wie ein Kaiser

Von Anna Katharina Hahn
 - 17:23

Im Treppenhaus war es am Morgen des 24. Dezember noch dunkel, aber der Geruch von frisch geschnittenen Zwiebeln war schon bis in mein Dachzimmer gezogen. Hastig hatte ich Jeans und Pullover vom Vortag übergestreift, die Sachen stanken nach Raucherabteil. In der violetten Nylontasche vor meinem Bett stapelten sich unter einer dünnen Schicht Kleidung Bücher aus der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek; über die Feiertage war eine Hausarbeit zu schreiben.

Ich hastete hinunter in den ersten Stock, der Schlüssel steckte außen, wie immer.

Sie hatte bereits begonnen, ganz gegen unsere gestrige Abmachung. Im gelben Licht der Deckenlampe – nichts konnte karger sein als die in einen gemauerten Sockel geschraubte Kugel – saß sie am Küchentisch und würfelte Zwiebeln. Sie trug noch ihren Morgenrock, der hellblaue Frotteestoff war an Ärmelaufschlägen und Revers voller Kaffeeflecken, die Füße steckten in lammfellgefütterten Filzschuhen. Plattgedrückt lag das weiße Haar unter dem Netz, festgehalten von einem Dutzend metallener Spangen. Die Brille, die Gläser wie immer verschmiert, war auf dem schmalen Nasenrücken nach vorne gerutscht. Unter dem schwarzen Emailletopf rauschte die Gasflamme, das kochende Wasser braun schäumend von der Kartoffelerde, die wild darin herumbollerten. Ganz oben tanzten drei Eier und ein paar große Mohrrüben. Der Topf fasste acht Liter.

„Du hattest mir versprochen, dass wir zusammen anfangen.“ Auf der Spüle stand der angeschlagene Becher mit dem orangebraunen Blumendekor und einer Kaffeepfütze auf dem Grund, daneben ein Teller voller verbrannter Krümel und Fettränder vom Kochschinken. Meine Großmutter pflegte „wie ein Kaiser“ zu frühstücken. In blaugrundiger Bratpfanne buk sie sich jeden Morgen zwei steinhart gefrorene Semmeln aus dem Tiefkühlfach auf. Die Unterseiten schwärzten sich regelmäßig ein, Kohledunst hing in der morgenkalten Küche, vermischte sich mit dem Kartoffeldampf und dem stechenden Saft der Zwiebeln. Mir war flau im Magen, ich hatte noch nichts gegessen und dazu am Vorabend mit meinen Eltern und meinem Bruder in der oberen Wohnung zuviel Weihnachtsbier getrunken, Stuttgarter Hofbräu. Jetzt durfte ich Äpfel schälen und schneiden, drei Boskops mit braungrüner Lederschale. „Gestiftelt, nicht so grob!“ Der Horngriff des Messers klebte, auf dem Holzbrettchen waren braungrüne Spuren von Wochen zuvor geschnittenen Kräutern und Gemüsen. Ich drehte das heiße Wasser auf, um mir die Hände zu waschen, es blieb eisig. Mit dem Messerrücken fegte die Großmutter die letzten Zwiebelwürfel in eine Glasschüssel. Ein paar fielen auf das stumpfe Linoleum. Sie stemmte die Hände auf die Sitzfläche des Küchenhockers, von dem die blaue Farbe abblätterte, und drückte sich hoch, erstarrte einen Augenblick im Schmerz und machte, nach vorne gekrümmt, ein paar Schritte zum Kühlschrank. Der Geruch, der aus der geöffneten Tür strömte, ließ mich schlucken. Die weißgrauen Kabeljaufilets stapelten sich auf einer Kuchenplatte, zwei Kilo Fisch, den meine Mutter Wochen vorher bei einem Obertürkheimer Händler vorbestellen musste. Während der Adventszeit wurde sie mehrmals täglich verhört, ob sie diesen Auftrag auch wirklich ausgeführt hatte.

Sie angelte am Fisch vorbei nach einer Metzgertüte. Fleischwurst, sie darf im böhmischen Kartoffelsalat neben sauren Gurken und Mayonnaise nicht fehlen. Die Großmutter schnaufte, an der Nase hing ein Tropfen. Im Esszimmer schlug die Uhr halb sieben.

Ich suchte in der Küchenschublade nach einer Gabel, der ehemals weiße Besteckeinsatz war gelblich verfärbt und voller Krümel. Ich wählte die Gabel mit dem geschweiften Griff. Davon gab es nur diese eine, die „Herrengabel“, die mittags für den Großvater gedeckt wurde. Sie nahm sie mir aus der Hand und beugte sich über den Herd, piekte in die Kartoffeln. „Noch fünf Minuten.“ Dann schickte sie mich ins Esszimmer: „Die große Porzellanschüssel!“

Ich sah vorbei an Tellerstapeln, Kompottschälchen, staubigen Mokkatassen, dem Glas Konfitüre, das eine Dame aus der Gemeinde im letzten Advent vorbeigebracht hatte („Die hat mich über eine Stunde aufgehalten, wollte gar nicht mehr gehen. Ich weiß nicht, was die Leute zu tun haben!“), meinen eigenen Bonbonnieren aus Hamburg, der großen Dose Julius-Meinl-Kaffee vom Bruder, alles ungeöffnet. So stapelten sich im Wäscheschrank die Geschenke meiner Mutter, der Tochter, liebevoll ausgesuchte Nachthemden und Wäsche.

In ihrem Gesicht stand schlecht verhehlter Triumph, der schwarze Topf war über der Spüle ausgegossen, Kartoffeln und Eier lagen im Durchschlag, die Möhren waren durchgebrochen.

Wir pellten schweigend die Kartoffeln, schnitten sie in Scheiben und salzten jede Lage. Gurken, Möhren, Eier, Fleischwurst, Zwiebeln, Äpfel, Petersilie wurden mit Mayonnaise vermischt. Die buntgewürfelte Masse vermischte sich mit den Kartoffeln. Ich durfte nichts mehr tun, sie fuhrwerkte mit dem Salatbesteck, das Schmatzen der zerkratzten roten Plastiklöffel, die die fettschweren Kartoffelscheiben umwendeten, das leise Stöhnen der Großmutter, die sich an der Tischkante festhielt.

Das Haus der Kindheit am Fuß eines Weinbergs, durch eine stark befahrene Straße mit der Daimler-Niederlassung Untertürkheim verbunden, ist längst von Fremden bezogen. Vielleicht zeigt sich ihnen mein Geist der vergangenen Weihnacht, jene böhmische Großmutter, die, mit zwei Pfannen hantierend, schwer atmend am Herd steht und Kabeljau abbäckt, die jeden, der ihr helfen will, wütend ins Esszimmer zurückkläfft und bei aufgerissenen Fensterflügeln weiter im Dunst steht, während Panade in heißem Palmin verkohlt, Kälte und Schwärze der Heiligen Nacht in die heiße Küche hineindrücken, wo sie steht, schnaufend, vor sich hin schimpfend in ihrer blauen Schürze, vollständig allein.

Anna Katharina Hahn, geboren 1970 in Ruit, veröffentlichte zuletzt den Roman „Kürzere Tage“.

Quelle: F.A.Z.
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