Goscinny-Ausstellung in Paris

Implizit ist in seinen Geschichten viel davon zu lesen

Von Andreas Platthaus, Paris
 - 16:35
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Es gibt Ausstellungen, bei denen es sich verbietet, als Kritiker originell sein zu wollen. Manchmal, weil der Gegenstand schon so originell ist, dass jeder Versuch, es ihm gleichzutun, zum Scheitern verurteilt ist. Oder weil der Gegenstand zu ernsthaft ist. Im Falle der neuen Ausstellung im Pariser Museum für Kunst und Geschichte des Judentums kommt beides zusammen. Deshalb hier ganz schlicht ihr Ablauf von Anfang bis Ende.

Es beginnt mit einer alten Schreibmaschine. Das ist die Keystone, auf der René Goscinny seine Texte geschrieben hat. Wir reden von einem der witzigsten und erfolgreichsten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, die Gesamtauflage seines in 150 Sprachen übersetzten Werks liegt bei einer halben Milliarde. Und das sind nur die Bücher. Goscinny war aber auch noch Gründer und bis 1974 fünfzehn Jahre lang Chefredakteur von „Pilote“, einer der damals meistverkauften französischen Wochenzeitschriften. Ein paar Dutzend Milliönchen Hefte dürften auch das gewesen sein. Hauptverantwortlich für diesen reißenden Absatz am Kiosk und in den Buchläden war jeweils Goscinnys bekannteste Schöpfung: Asterix.

Wenn wir bei Goscinny nicht nur vom erfolgreichsten, sondern auch vom witzigsten Comicautor sprechen, dann genügt die Nennung dieser Figur. Aber wir könnten noch ergänzen: Lucky Luke, der kleine Nick, Isnogud – alles internationale Renner und besonders populär in Deutschland. Die Ausstellung in Paris widmet jeder dieser Serien und den daran beteiligten Zeichnern (Goscinny hatte sich zwar auch selbst als Zeichner versucht, war aber gescheitert) eigene Abschnitte, und da reihen sich die Originalseiten an den Wänden aneinander, allein dreißig mit Asterix, darunter 25 aus jenem Konvolut von drei kompletten Geschichten, die der Zeichner Albert Uderzo 2011 der Bibliothèque Nationale geschenkt hat. Er und Goscinny waren ein unschlagbares Duo und die dicksten Freunde bis zum frühen Tod des Autors am 5. November 1977.

Eine neue Generation kommender Comicgrößen

Dessen vierzigste Wiederkehr ist der Anlass für die Pariser Ausstellung und eine ergänzende Schau in der Cinémathèque française, die sich nur den Verfilmungen von Goscinny-Stoffen widmet – auch hier gehört die Asterix-Serie zum Erfolgreichsten, was das französische Kino in Trick- und Realfilm hervorgebracht hat. Aber das ist ein Seitenaspekt; die eigentliche Gedächtnisausstellung habt jedoch nicht das Centre Pompidou bekommen oder eben die Bibliothèque Nationale – beides berühmte Häuser mit großem Comicinteresse –, sondern das Museum für Kunst und Geschichte des Judentums. Denn Goscinny war Jude. Einer, in dessen umfangreichem Werk kein einziges Mal das Judentum erwähnt wird.

Wie ist das zu erklären bei dem 1926 geborenen Sohn eines Mannes, der 1927 aus Paris nach Argentinien ging, um dort für die Jewish Colonization Association zu arbeiten, die landwirtschaftliche Kolonien in Palästina und Südamerika gründete, welche osteuropäischen Juden eine neue Heimat boten? Goscinnys Vorfahren kamen selbst aus Polen und der Ukraine, er gehörte der ersten Generation seiner Familie an, die in Frankreich geboren wurde. Aufgewachsen aber ist er in Argentinien – zum Glück, denn dort entging er der Schoa, der die meisten seiner in Europa lebenden Angehörigen zum Opfer fielen. Die Ausstellung zeigt im biographischen Teil verzweifelte Briefe der Verwandten aus dem besetzten Frankreich, und sie dokumentiert das Engagement von Goscinnys Vater für die von de Gaulle geführte Exilregierung. Aus der Kriegszeit haben sich Notizblöcke erhalten, in denen René Goscinny das Leben einer Nazi-Familie karikierte.

Sein Vater starb schon 1943 und sollte somit weder den Sieg über Hitler erleben noch vom Tod vieler Verwandter in den Lagern erfahren. Der Sohn musste nach dem Abitur (auf einer französischen Schule in Buenos Aires) arbeiten gehen, 1945 zog er mit der Mutter in die Vereinigten Staaten, wo ein Onkel überlebt hatte. Dort wollte er aus seinem humoristischen Talent einen Beruf machen, doch der „New Yorker“ lehnte seine Cartoons ab. Goscinny lernte aber in New York kongeniale Kollegen kennen: Harvey Kurtzman, der später „Mad Magazine“ gründen sollte, den Belgier Joseph Gillain, der unter dem Namen Jijé einige der wichtigsten europäischen Comiczeichner ausgebildet hat, und Maurice de Bevere alias Morris, einen Jijé-Schüler, der eine Serie zeichnete, die „Lucky Luke“ hieß.

Aber mit Morris arbeitete Goscinny erst Jahre später zusammen. 1951 war er in sein Geburtsland zurückgekehrt, weil der Erfolg in Amerika ausgeblieben war; er traf in Paris Uderzo und beschränkte sich fortan aufs Schreiben; das meiste zeichnete der neue Freund. Mit Sempé fand Goscinny ein junges Genie für den „kleinen Nick“, der als Comic begann und dann erst zur illustrierten Kurzgeschichtenserie wurde. Der 1959 für die Debütausgabe von „Pilote“ erfundene Asterix machte Goscinny zum Star, als Chefredakteur zog nun er eine neue Generation kommender Comicgrößen heran: Moebius, Gotlib, Claire Bretécher, Jean-Claude Mézières, Jean Tabary, Philippe Druillet. All das erzählt und vor allem zeigt die Schau. Die Zeichner, die Familie und das neugegründete Institut René Goscinny haben großzügig entliehen.

Und dann kommt der Schluss: ein Setzkasten, um ihn herum verstreute Lettern und noch einmal drei alte Schreibmaschinen, mit jiddischer, hebräischer und kyrillischer Tastatur. Nichts davon hat René Goscinny je gesehen, keine dieser Sprachen beherrschte er. Aber die Ausstellung verleiht ihm die jiddische Berufsbezeichnung „zetser“ – Setzer. Weil seine Kunst das Arrangement von Texten war, sein Humor aus Verzweiflung und Freude gleichermaßen geboren. Nie behelligte er seine Leser mit der eigenen Geschichte, aber die Ausstellung zeigt, wie viel davon implizit in seinen Geschichten zu lesen ist.

René Goscinny – Au-delà du rire. Im Musée d’art et d’histoire du Judaisme, Paris; bis zum 4. März 2018. Der schöne Katalog kostet 35 Euro.

Goscinny et le Cinéma – Astérix, Lucky Luke & Cie. In der Cinémathèque française, Paris; bis zum 7. März 2018. Der weniger schöne Katalog kostet 39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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