DDR-Autor und Kulturfunktionär

Der Schriftsteller Hermann Kant ist gestorben

 - 12:34

Der Schriftsteller Hermann Kant ist tot. Das bestätigte die Verlegerin Simone Barrientos vom Verlag Kulturmaschinen, bei der sein letztes Buch „Ein strenges Spiel“ erschienen ist. Populär wurde Kant unter anderem mit seinen Romanen „Die Aula“, „Das Impressum“ und „Der Aufenthalt“. Sie erzielten in der DDR eine Millionenauflage.

Am 14. Juni 1926 in Hamburg als Sohn eines Gärtners und einer Fabrikarbeiterin geboren, hatte Kant zunächst eine Elektrikerlehre gemacht, ab Dezember 1944 Kriegsdienst geleistet und war bis 1949 in polnischer Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr wurde er Bürger der DDR, trat der SED bei und begann einen Kurs an der Greifswalder Arbeiter- und Bauernfakultät, der ihn in zwei Jahren zum Abitur führte. Kant studierte Germanistik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin, arbeitete danach als wissenschaftlicher Assistent und bis 1962 als Redakteur der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“. Seitdem war er freier Schriftsteller. In der DDR erreichten seine Romane Millionenauflagen. In die Kritik geriet er nach der Wende, als ihm der Ausschluss kritischer Schriftsteller zu seiner Zeit als Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes und seine Tätigkeit als inoffizieller Mitarbeiter beim Staatssicherheitsdienst – seine IM-Tätigkeit ist für die Zeit von 1963 bis 1976 nachgewiesen – zum Vorwurf gemacht wurden.

Als Nachfolger von Anna Seghers

1962 debütierte Kant mit dem Erzählband „Ein bisschen Südsee“. Sein erster Roman, „Die Aula“, erschien 1965 und machte Kant in der DDR rasch populär. In einigen Ländern der Bundesrepublik wurde das Buch, in dem Kant die Aufbauphase der DDR am Beispiel des Journalisten und früheren Elektrikers Robert Iswall und seiner Jugendfreunde umkreist, später Schullektüre. Die Leser in der DDR waren vor allem von seiner heiter fabulierender, dabei Ironie und Satire nicht scheuender Erzählweise begeistert. Auch westliche Kritiker lobten den Erstling als „runden und lesenswerten Roman“. Stilistisch dem in zwanzig Sprachen übersetzten Bestseller verwandt war Kants Roman „Das Impressum“ aus dem Jahre 1972, bei dem DDR-Kritiker bemängelten, gesellschaftliche Konflikte würden durch artistische Brillanz und Witzelei verharmlost. Nach einem Teilabdruck 1969 war der Roman drei Jahre lang von der Zensur am Erscheinen gehindert worden – wegen Antisemitismus und Pornografie.

In seinem dritten Roman „Der Aufenthalt“ (1977), den Frank Beyer 1983 nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase verfilmte, reflektiert Kant die Erfahrungen eines deutschen Soldaten, der – wie der Autor – mit 18 Jahren in polnische Kriegsgefangenschaft geriet. Zehn Jahre lang war Kant Vizepräsident des DDR-Schriftstellerverbands und übernahm dann 1978 als Nachfolger von Anna Seghers die Verantwortung für dieses Gremium. Während seiner Präsidentschaft verließen zahlreiche prominente Autoren und Künstler den SED-Staat. Der Ausschluss von neun Schriftstellern aus dem Verband 1979 erfolgte nicht zuletzt auf sein Betreiben. Kant hatte gefordert, unter anderen Jurek Becker, Erich Loest, Stefan Heym, Klaus Poche und Rolf Schneider auszuschließen, weil sie in einem offenen Brief an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker die DDR-Kulturpolitik kritisiert hatten. Andererseits bemühte sich Kant auch, kritische Autoren zu integrieren und ihre Publikationen durchzusetzen.

Eine Schuld, von der er nichts wissen wollte

Ab 1981 hatte Kant auch einen Sitz in der DDR-Volkskammer inne und gehörte ab 1986 dem Zentralkomitee (ZK) der SED an. Nach dem politischen Zusammenbruch der DDR wurden massive Vorwürfe gegen den langjährigen Verbandspräsidenten erhoben. Obwohl Anfang Dezember 1989 vom Vorstand mit großer Mehrheit bestätigt, trat Kant Ende des Monats von der Führung des Schriftstellerverbands zurück und begründete diese Entscheidung mit unerträglichem „psychischen und physischen Druck“.

Erfolgreich strengte Kant 1990/1991 Unterlassungsklagen gegen Autoren und Zeitungen an, die den Verdacht äußerten, er sei unter dem Decknamen „Martin“ ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) gewesen. Kant blieb bei seinem „Nicht schuldig“ auch nach Erscheinen des fünfhundert Seiten umfassenden Buchs „Die Akte Kant“ (1995), in dem der Literaturwissenschaftler und Journalist Karl Corino aus rund zweitausend Stasi-Akten eindeutig die IM-Tätigkeit des Schriftstellers dokumentierte.

Lehrreiches aus heute seltener Perspektive

Nach dem Zusammenbruch der DDR legte Kant 1991 seine kontrovers diskutierte Autobiographie „Abspann“ vor und rechtfertigte seine Politik im Schriftstellerverband: Er sei weder „Hofnarr“ noch „Großinquisitor“ gewesen. Überwiegend verrissen wurde im Feuilleton Kants 1994 erschienener Roman „Kormoran“, seinen nächsten Roman „Escape. Ein WORD-Spiel“ stuften Kritiker ein Jahr später als belanglos ein. In „Okarina“ (2002) erzählte Kant im Stil eines Schelmenromans die Lebensgeschichte seines Protagonisten aus dem Roman „Der Aufenthalt“ weiter, dem von Stalin persönlich die Mission aufgetragen wird, im Fall seiner Niederlage seine Ideen zu bewahren. In der Frankfurter Allgemeinen wurde das Buch als „hochinteressantes, lehrreiches und amüsantes Panorama der Nachkriegsgeschichte aus der heute seltenen Perspektive eines überzeugten kommunistischen Kaders“ gewürdigt. In „Kino“ (2005) kommentiert ein Ich-Erzähler vom Schlafsack in der Fußgängerzone Hamburgs aus sarkastisch den Kapitalismus, „Kennung“ (2010) ist eine Groteske um einen Literaturkritiker, bei dem eines Tages im Jahr 1961 die Stasi klingelt.

Seine Erzählung „Ein strenges Spiel“ hatte der Autor sein letztes Buch genannt. „Wir hoffen, er irrt sich“, kommentierte der Verlag die Vorstellung des 64 Seiten starken Buchs auf seiner Website. Der Schriftsteller sollte recht behalten. Er starb an diesem Sonntag im Alter von 90 Jahren in einem Krankenhaus in Mecklenburg-Vorpommern.

Quelle: kue/FAZ.NET
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