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Wenn Kinder Eltern verlassen

Mutters Untat mit der Zickzackschere vergisst sich nicht so leicht

Von Anke Richter
© dpa, F.A.Z.

Herr Osterberg, mit Ihrem schonungslosen Bericht aus der stinknormalen deutschen Familienhölle scheinen Sie einen Nerv getroffen zu haben?

Offensichtlich habe ich da was losgetreten: Leute schütten mir ihr Herz aus, zum Teil in langen Briefen. Ich werde gerade zum Briefkastenonkel. Es wurde halt bisher zu wenig darüber gesprochen, dass man mit seinen Eltern unglücklich sein kann, dass man an ihnen leiden kann. Das ist fast ein Tabu. Zuletzt wurde das in den siebziger Jahren thematisiert von der Studentenbewegung. Aber das war aggressiver und richtete sich gegen die verbliebenen Repräsentanten der Nazizeit.

Die „heile Familie“ im Buchtitel – gibt es die überhaupt?

Vermutlich nicht. Aber ich dachte ja immer, ich hatte eine glückliche Kindheit gehabt, ich wusste es halt nicht besser. Ich glaube, eine heile Familie ist eine, die die Menschen in ihr unbeschädigt lässt oder sogar heilt. So gesehen, hab ich jetzt eine heile Familie, die mich heilt – meine Frau und meine Kinder. Meine alte Familie war nur nach außen hin heil: genug Geld, Kinder gut in der Schule, keine Scheidung, alles in Ordnung. Wir waren gut erzogen, wir sind nie wirklich geschlagen worden. Bei uns war es sauber und aufgeräumt. Aber die Menschen in dieser Familie hat diese Familie nicht glücklich gemacht.

Ihre Kindheitserlebnisse sind traurig, aber niemand wird gefoltert oder missbraucht. Eine der schlimmsten Taten Ihrer Mutter ist, dass sie Ihre ausgefransten Jeans mit der Zickzackschere begradigt. Warum dann ein Pseudonym?

Ich stelle meine Eltern in ihrer Beschränktheit vollkommen bloß. Es stand von vornherein fest, dass ich das alles nur anonym schreiben kann, schon um sie vor dem Gerede der Nachbarn zu schützen. Obwohl sie mir ziemlich egal sind, muss ich ihnen das ja nicht antun.

Also keine Rache an Ihren Erzeugern?

Nein, keine Rache. Und auch keine Botschaft, die ich ihnen durch das Buch schicken will. Tatsächlich, das glaube ich heute, können sie ja auch gar nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Meine Eltern sind auch nur das Produkt ihrer Generation – Kriegskinder, die ihre emotionalen Schäden an uns weitergegeben haben. Meine Mutter saß in Bombennächten im Schutzkeller, mein Vater wurde allein aufs Land geschickt. Mir war lange nicht klar, wie deformiert diese Jahrgänge sind. Heute würde ich sagen: Meine Eltern interessieren sich nicht wirklich für ihren Nachwuchs, weil niemand sich für sie interessiert hat.

Wie haben Sie sich von Ihren Eltern getrennt?

Emotional habe ich mit ihnen gebrochen. Sie bedeuten mir eigentlich nichts mehr, ich empfinde nicht einmal mehr Hass, mittlerweile vielleicht wieder Mitleid. Aber dennoch wird man sie dadurch nicht los. Ich rufe einmal die Woche an, und ich höre mir die Belanglosigkeiten meiner Mutter an. Sie dagegen rufen mich nie an, wahrscheinlich wollen sie mir so zeigen, dass sie beleidigt sind.

Wenn sie Ihnen komplett egal wären, hätten Sie doch kaum über sie geschrieben?

Ich hatte eigentlich gedacht, ich hätte das Verhältnis zu meinen Eltern schon vor Jahrzehnten endgültig geklärt – mit allen Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. Ich dachte, ich hätte das alles überwunden und völlig im Griff. Aber ich habe gemerkt: Wenn ich wissen will, wer ich bin, muss ich mich mit ihnen beschäftigen. Und da habe ich gemerkt, wie sehr mich das Elternhaus geprägt hat.

Inwieweit?

Erinnern Sie sich an das berühmte Bild des toten, an den Strand gespülten Flüchtlingskindes? So ein Bild berührt mich nicht. Ich sage mir: Das ist schrecklich, man muss helfen, man sollte spenden und sich engagieren, aber das ist ein rein intellektueller Akt. Mir fehlt die Empathie, und das erschreckt mich. Bin ich gefühlskalt wie mein Vater? Wahrscheinlich.

War das Schreiben dann auch Therapie?

Das hat meine Frau auch gehofft, aber eigentlich wurden nur immer mehr Geschichten aus der Tiefe geholt und haben mich aufgewühlt. Der Wust wurde immer größer. Am Ende hatte ich ein fertiges Puzzle, aber das Problem nicht gelöst. Der kathartische Effekt blieb aus. Eigentlich sollte ich eine Psychotherapie machen. Es macht mich fertig, dass mein Vater immer da ist – in meinem Kopf. Ich führe ich jeden Tag innere Dialoge mit meinem Vater.

Der Vater, der Machtmensch, der dem Sohn keine Liebe zeigt außer durch Geld. Und die Mutter?

Ich habe sie lange als Opfer meines Vaters gesehen. Heute ist sie mir fast noch unsympathischer, weil sie so verlogen ist. Eine fürchterliche Opportunistin, schaut auf Leute herab, weil sie sich als etwas Besseres fühlt. Die Affenliebe zu uns Kindern, als wir noch klein waren, war doch immer nur Selbstliebe. Ich habe mich als Kind nie heimisch in meiner Familie gefühlt und hatte noch ein schlechtes Gewissen deswegen.

Warum haben Sie sich alles in Neuseeland von der Seele geschrieben?

Das Schreib-Sabbatical am anderen Ende der Welt war auch eine Versuchsanordnung: Weiter weg kann man nicht flüchten. Aber ich musste feststellen: Man nimmt sich selbst und die eigene Geschichte trotzdem mit. Zum Ende hin, mitten in der schönsten Natur, kam dann alles mit Macht hoch: die Verzweiflung über die eigenen Defizite, die Angst vor dem Versagen, die Furcht, nicht lieben zu können.

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Ihr Buch ist auch eine Zeitreise nach Westberlin vor dem Mauerfall, wohin Sie aus der Provinz zum Studium flüchten. Parallelen zu Sven Regeners „Herr Lehmann“?

Ja, wir bewegten uns in der gleichen Szene, und sie wird bei mir ebenso wenig heroisiert wie bei Sven Regener. Was wir damals alles cool fanden, war doch oft belangloser Mist. Trostloses Neonlicht, alle waren depressiv und schlecht gelaunt, alle haben gesoffen oder, falls sie Geld hatten, gekokst. Und vor lauter Snobismus hab ich dann die Techno-Welle und den ganzen Spaß verpasst (lacht).

Familie – ein gestörtes Modell? Denn Kinder wollten Sie ja keine.

Kinder gab’s in meiner Berliner Szene-Welt nicht, das war Normalität. Es war nicht mal so, dass man in den Achtzigerjahren im Westen keine Kinder wollte, man hat nicht mal drüber nachgedacht. Meine ältere Tochter ist die Antwort, warum ich doch Kinder habe. Sie existierte ja schon, als ich mich in meine Frau verliebte. Sie war eine bezaubernde Anderthalbjährige und wahnsinnig pflegeleicht. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich dachte: „Kinder, das ist doch alles einfach!“ Da hat sie mich fast ein wenig verarscht (lacht). Hätte ich gewusst, dass es nicht immer so einfach ist, hätte ich vielleicht kein zweites Kind gekriegt.

Gibt es auch in Ihrer Kleinfamilie Probleme?

Wir sind die erste Generation, die Kinder gekriegt hat und sich fragte: „Wie gehen wir damit um?“ In vielem waren meine Eltern auch ein gutes Negativbeispiel. Ich habe Fehler zuzugeben, weil meine Eltern immer fehlerlos schienen. Ich habe meine Kinder gelobt, weil ich nie gelobt worden bin. Und ich habe meinen Kindern gesagt, dass ich sie liebe. Aber auch wir hatten eine Krise, in der die eine Tochter ein halbes Jahr lang nicht mit uns sprach. Die Ablösung kam sehr heftig. Ich war mir aber immer relativ sicher, dass unser Verhältnis auf einer Liebe gründet, die uns immer wieder zueinander führt.

Lässt sich das schwierige Thema mit Ihren Eltern noch klären, bevor sie sterben?

Nein, da bin ich mir ganz sicher. Ich habe oft genug versucht, vor allem mit meinem Vater über Gefühle zu sprechen. Aber er versteht das nicht. Er will nicht, und er kann wohl auch nicht. Ich habe mich damit abgefunden, dass wir Fremde bleiben werden. Das hat geschmerzt. Aber inzwischen wäre es bloß noch eine Erleichterung, wenn sie sterben würden. Aber eine Befreiung wäre das immer noch nicht. Ich hab mich damit abgefunden, dass ich sie nie loswerden werde.

Über das Buch

Martin Osterbergs Buch „Das kalte Haus – Meine unglückliche Kindheit in einer heilen Familie“ ist bei Piper erschienen.

Quelle: F.A.Z.
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